Arbeitsniederlegungen für Beschäftigungssicherung im Bremer Daimler-Werk. Management macht nur vage Zusagen, Betriebsrat unterschreibt Vereinbarung dennoch
Von Karl Neumann
Mit Arbeitsniederlegungen in allen drei Schichten hat die
Belegschaft des Bremer Daimler-Werks am Montag nach
jW-Informationen Verhandlungen über die Folgen der
beschlossenen Umstrukturierungen begleitet. In der Nacht zum
Dienstag beendete der Betriebsrat die Aktion durch seine
Unterschrift unter einen Interessenausgleich, der nichts als vage
Absichtserklärungen und bereits gemachte Zusagen enthält.
Der geforderte Ausschluß betriebsbedingter Kündigungen
wurde nicht vereinbart.
Hintergrund der Auseinandersetzung ist der Beschluß der
Daimler-Spitze vom Dezember vergangenen Jahres, die nächste
Generation der C-Klasse für den nordamerikanischen Markt nicht
mehr in Bremen, sondern in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama zu
fertigen. Die bisher in Sindelfingen erfolgte Produktion für
den europäischen Markt soll nach Bremen gehen. Im Gegenzug
verliert die norddeutsche Fabrik mit ihren zur Zeit rund 12600
Beschäftigten die Fertigung des Sportwagens SL an
Sindelfingen. Als die Pläne bekannt wurden, legte die
Sindelfinger Belegschaft tagelang die Arbeit nieder, bis die
Konzernspitze einen Ausschluß von Entlassungen bis Ende 2019
akzeptierte (jW berichtete).
Eine solche Vereinbarung forderten auch die Beschäftigten des
Bremer Werks. Der Behauptung, der Standort sei Gewinner der
Umstrukturierung, glauben sie offenbar nicht. Bereits am 22. Januar
verließen deshalb etwa 1500 Produktionsarbeiter die
Bänder und gingen auf die Straße. Organisiert wurde die
Aktion von kritischen IG-Metall-Vertrauensleuten – ohne
offizielle Rückendeckung ihrer Gewerkschaft. Obwohl einzelne
Betriebsräte versuchten, den Protest durch die
Einschüchterung von Kollegen zu sabotieren, war dieser
äußerst erfolgreich – so sehr, daß sich die
Vertrauenskörperleitung gezwungen sah, die Verhandlungen vor
der Einigungsstelle am Montag mit weiteren Arbeitsniederlegungen zu
begleiten. Allein in Früh- und Spätschicht beteiligten
sich rund 7000 Beschäftigte an Protestdemonstrationen vor dem
Werk. Etwa 1000 Fahrzeuge wurden in dieser Zeit nicht
produziert.
In der Nacht zum Dienstag dann die plötzliche Einigung: Der
Betriebsrat unterschrieb eine Vereinbarung, die aus
Beschäftigtensicht wenig Konkretes enthält. In dem jW
vorliegenden Papier ist lediglich der ohnehin bekannte Plan
festgeschrieben, die C-Klasse einschließlich aller Derivate
in Bremen zu fertigen. »Aus Sicht des Unternehmens und nach
der vorliegenden (strategischen Planung) SPP 12/09 hat der Standort
eine gute Beschäftigungsperspektive«, heißt es im
Vertragstext unverbindlich. Sollte es »wider Erwarten dennoch
zu Personalüberhängen« in Zusammenhang mit der
Umstrukturierung kommen, würden Werkleitung und Betriebsrat
»über Maßnahmen beraten und verhandeln, mit dem
Ziel, Personalüberhänge zu vermeiden und
Beschäftigung am Standort Bremen zu sichern«.
»Das ist ein Wischiwaschi-Papier und alles andere als der von
uns geforderte Ausschluß betriebsbedingter
Kündigungen«, kritisierte Betriebsratsmitglied Gerhard
Kupfer den Kompromiß am Dienstag gegenüber junge
Welt. Die im Papier enthaltene Erklärung, in Bremen
würden durch die Restrukturierung 500 zusätzliche
Arbeitsplätze geschaffen, hält der linke Aktivist
für falsch. »Allein durch die Rationalisierung sollen
jedes Jahr drei Prozent, also mehr als 300 Stellen
wegfallen«, rechnete er vor. Und: »Wenn das Unternehmen
tatsächlich vorhat, hier keine Jobs zu vernichten, warum
verweigert es dann konsequent den Ausschluß von
Entlassungen?«
Die Beschäftigten seien nach der überraschenden Einigung
»stinksauer«, berichtete Kupfer. Sie seien bereit
gewesen, weiter für eine Vereinbarung wie im Sindelfinger Werk
zu kämpfen. »Viele Kollegen wollen wissen, wer dem im
Betriebsrat zugestimmt hat. Sie wollen ihnen die Quittung bei der
nächsten Wahl präsentieren«, sagte Kupfer. Anders
als in vielen anderen Konzernstandorten findet in Bremen
üblicherweise eine Personenwahl zum Betriebsrat statt,
voraussichtlich auch bei der kommenden Abstimmung im März.