Von Ratingagenturen in die Zange genommen: Griechenlands Finanzminister George Papaconstantinou auf einer Konferenz über das Bankwesen (Athen, 21.1.2010)
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Wer Schulden macht, kann pleite gehen. Dieser Grundsatz des
Kapitalismus, besser gesagt der Geldwirtschaft, gilt
grundsätzlich und ohne Ausnahme. Er gilt deshalb auch für
Staaten. Je länger die große Weltwirtschafts- und
Finanzkrise andauert, desto mehr werden Regierungen Staatsschulden
aufnehmen (müssen) und desto wahrscheinlicher werden
Staatskonkurse oder Staatspleiten. Sie werden nachgerade
unvermeidlich.
Doch besteht immerhin ein grundsätzlicher Unterschied zwischen
der Pleite eines Unternehmens und der eines Staates. Ersteres
verschwindet nach einer Pleite meist aus der realen
Marktwirtschaft. Es ist an seinem Daseinszweck schließlich
gescheitert, nämlich Gewinn für die Eigentümer
anzuhäufen. Staaten gehen im allgemeinen durch eine Pleite
nicht zugrunde. Die von ihnen emittierte Währung verschwindet
zuweilen, oft auch die Regierung, die Armee und/oder ein Teil der
Rechtsordnung. Der Staat selbst bleibt dagegen meist bestehen,
nicht selten sogar gestärkt. Was in der Pleite und nach der
Pleite eines Staates geschieht, hängt von den
Machtverhältnissen ab.
Es hängt auch von den Machtverhältnissen ab, ob und in
welcher Form Staaten pleite gehen. Machtvolle Staaten gehen
seltener pleite als machtlose. Wichtiger noch, auch die Form, die
eine Staatspleite annimmt, hängt von den
Machtverhältnissen ab. Die Pleite eines mächtigen Staates
nimmt häufiger eine harmlos wirkende Form an, und es werden
häufiger harmlose Worte für den Vorgang gefunden. Im Kern
besteht die Pleite eines Staates darin, daß er alle oder
Teile seiner Schulden nicht bezahlt. Es geht also nicht darum,
daß er die Schulden nicht bezahlen kann. Es kommt darauf an,
daß er es nicht tut. In diesem Sinne war es eine (milde Form
der) Staatspleite, als die US-Regierung 1971 entschied, anders als
nach internationalen Verträgen festgelegt, keine Unze Gold
mehr für 35 Dollar zu bezahlen. Es handelte sich hier um die
einseitige Aufkündigung einer zuvor eingegangenen
Schuldverpflichtung. Man kann viel darüber streiten, wie lange
die Regierung noch gutes Gold für schlechte Dollar hätte
zahlen können. Es war aber der damaligen Regierung unter
Richard Nixon klar, daß die riesigen Schulden an weltweit
umlaufenden Dollars keinesfalls mit dem Gold in Fort Knox beglichen
werden könnten. Die Folge dieser Pleite war für die
Weltwirtschaft erheblich, für die Welt außerhalb
Amerikas mindestens genau so wie für die US-Bürger
selber.
Es gibt also viele Formen der Staatspleite. Eine krasse Form war
die große Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg
mit anschließender Währungsreform. Sie machte alle in
Reichsmark aufgenommenen Schulden, nicht nur die des Staates,
wertlos, nahm den Kleinbürgern also ihre mühsam
angesammelten Sparrücklagen und heizte damit den Haß auf
die Republik an. Die in ausländischer Währung begebenen
Schulden wurden dagegen umgeschuldet.
Der Fall Argentinien
Die spektakulärste Staatspleite in jüngerer Zeit war
diejenige Argentiniens 2001/02. Das Land hatte mit dem Segen
Washingtons und des IWF die eigene Währung, den Peso, an den
Dollar gekettet. Das machte es einfach, Schulden aufzunehmen. Die
Regierung und die Banken mußten für ihre Anleihen nur
wenig mehr Zins bieten als der amerikanische Staat. Die Bindung des
Peso an den Dollar hatte auch realwirtschaftliche Effekte: Die
Inflation ging zwar zurück, dennoch verloren die argentinische
Industrie und Landwirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit.
Ausländische Waren drängten auf den argentinischen Markt,
während argentinische in Nachbarländern wie Brasilien und
Uruguay, deren Währungen gegenüber Dollar und Peso
sanken, keine Absatzchancen hatten. Eine tiefe Wirtschaftskrise mit
schnell steigender Arbeitslosigkeit folgte. Die Verschuldung des
Staates gegenüber dem Ausland und Inland vervielfachte sich.
Die Regierung stoppte zunächst den Schuldendienst im Inland,
dann auch im Ausland.
Die danach folgende Krise war für die Argentinier noch
härter. Von einem Tag auf den anderen stoppte der Import von
Waren. Auch die Produktion brach weiter ein, weil die Unternehmen
ohne Kredit keine Roh- und Zwischenprodukte mehr bezogen. Der Peso
wurde drastisch abgewertet. Die alte Regierung wurde hinweggefegt.
Die Gläubiger im Inland gingen leer aus. Ausländische
Käufer argentinischer – in Dollar, D-Mark oder sogar im
jungen, seit 1999 als Anlagewährung real existierenden Euro
begebenen Anleihen – bekamen 2005 etwa 30 Prozent des
Nominalwerts ihrer Titel ausbezahlt. Nach der extrem tiefen
Wirtschaftskrise im ersten Halbjahr 2002 erholte sich Argentinien
erstaunlich schnell – und zwar ganz ohne Kredit. Die
abgewertete Währung machte die Warenproduktion im Inland
wieder konkurrenzfähig. Anders ausgedrückt, die
Reallöhne gingen dramatisch zurück. Als Ersatz für
die Kapitalzufuhr erwiesen sich die kapitalflüchtigen, reichen
Argentinier. Sie waren vor der Krise mit ihrem Geld ins Ausland
ausgewichen und kehrten nun ins Land zurück, wo sie
spottbillige Investitionsmöglichkeiten vorfanden.
Argentinien ist insofern ein Sonderfall, als das Land die Pleite
tatsächlich bis zur Nichtbedienung der Schulden trieb. Viel
häufiger, sozusagen der Regelfall, sind Fast-Pleiten. Ein
Staat droht zahlungsunfähig zu werden, weil er akut kein
frisches Geld zur Bedienung alter Schulden auftreiben kann.
Für diesen Fall ist der Internationale Währungsfonds
(IWF) da. Er gewährt direkt einen Kleinkredit, verhandelt dazu
mit der Regierung ein restriktives Sparprogramm. Als Folge
erhält der Staat dann das nötige Geld vom internationalen
Finanz- und Bankensystem. Die Krise und Pleite ist zunächst
abgewendet.
So etwa verfuhr der IWF mit den südostasiatischen
Tigerstaaten in der Asienkrise, mit Brasilien und der Türkei
um die Jahrtausendwende. Und oh Wunder, das Krisenprogramm wirkte
in diesen Fällen. Im Umfeld einer gut laufenden Weltkonjunktur
gelang es auch diesen Ländern, ähnlich wie Argentinien,
die eigene Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen,
obwohl die Altschulden nach wie vor bedient werden mußten.
Explodierende Staatsschulden
In der aktuellen tiefen Weltwirtschaftskrise haben sich die
Verhältnisse gewandelt. Die kapitalistischen Kernstaaten
– USA, die Europäische Union, Japan – haben ihre
Verschuldung massiv erhöht. Im wesentlichen aus drei
Gründen: Sie haben den von der Pleite bedrohten Finanzsektor
in ihren Ländern gestützt. Sie haben zweitens die
wegbrechende Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern
durch staatliche Konjunkturprogramme auszugleichen versucht. Sie
haben drittens auf die im Zuge der Wirtschaftskrise einbrechenden
Steuern nicht mit Kürzungen der Ausgaben reagiert. Vielmehr
erhöhten sich die Ausgaben automatisch, wo wie in weiten
Teilen Westeuropas soziale Sicherungssysteme bestehen.
Die beiden letzten Punkte, die aktiven Konjunkturprogramme zur
Stützung der Nachfrage sowie die von Ökonomen als
»automatische Stabilisatoren« bezeichneten relativ und
absolut steigenden Staatsausgaben im sozialen Bereich haben den
Verlauf der Weltwirtschaftskrise milder ausfallen lassen, als vor
einem Jahr befürchtet worden war. Es kam nicht zur
Abwärtsspirale, wonach dem Rückgang der Konsumnachfrage
in den Defizitländern USA, Großbritannien, Spanien
etc., dem Einbruch der Investitionen und dem daraus resultierenden
Einbruch des Welthandels massive Entlassungen, nach oben
schnellende Arbeitslosigkeit und eine entsprechende neue Runde des
Nachfragerückgangs nach Konsumgütern, diesmal in aller
Welt erfolgt wären. In den USA standen bei der Stabilisierung
der Endnachfrage die Konjunkturprogramme im Vordergrund. Sie machen
in den zwei Jahren 2009/10 etwa 800 Milliarden Dollar aus. Hier
wurde auf direktem und indirektem Weg Geld ins Portemonnaie der
Bürger und Unternehmen geleitet, die so in ihrer Gesamtheit
trotz massiv steigender Arbeitslosigkeit etwa soviel Waren wie im
Vorjahr kaufen konnten und damit die Konjunktur stabilisierten. In
Deutschland waren die Konjunkturprogramme einschließlich der
Abwrackprämie absolut, aber auch relativ zur Größe
der Volkswirtschaft weniger umfangreich. Die massive Bezuschussung
der Kurzarbeit hat aber den Anstieg der Arbeitslosigkeit gebremst
und damit ebenfalls die Abwärtsspirale – bisher –
verhindert.
Die Schwächsten zuerst
Proteste vor dem argentinischen Parlamentsgebäude in Buenos Aires während der tiefen ökonomischen Krise 2002
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Die Staatsverschuldung ist 2009 in allen kapitalistischen
Kernstaaten massiv gestiegen und wird 2010 weiter massiv steigen.
Mißt man die kumulierten Staatsschulden an der laufenden
jährlichen Wirtschaftsleistung des entsprechenden Landes,
ergab sich für die USA ebenso wie für Deutschland 2007
ein Schuldenstand von etwas über 60 Prozent. Im laufenden Jahr
dürfte die Maßzahl in Deutschland über 80 Prozent
und in den USA bei über 95 Prozent liegen. Unter allen
großen kapitalistischen Ländern ist die Verschuldung des
japanischen Staates die höchste. Sie übertrifft in diesem
Jahr das Doppelte der Wirtschaftsleistung. Japan ist deshalb
interessant, weil sich das Land seit dem Platzen der Finanzblase
1990 in einer wirtschaftlichen Depression befand, die dem Rest der
Welt nun mit allen Konsequenzen auch blühen dürfte.
Die erhöhten Ausgaben der Staaten und ihre steigende
Verschuldung haben zwar die Abwärtsspirale in einen Zustand
der Weltwirtschaft wie in den 1930er Jahren bisher verhindert. Es
ist aber leider keineswegs sicher, daß die außerdem von
den Regierungen angestrebte Wirkung, ein Anspringen der
Weltkonjunktur, damit gelingt. Die erhöhten Ausgaben der
Staaten in der Krise können den Nachfrageausfall nicht auf
Dauer ersetzen, schon deshalb nicht, weil sie schuldenfinanziert
sind. Sie müssen später wieder refinanziert werden, und
zwar dann, wenn die Volkswirtschaft wieder wächst und die
Steuern munter fließen und notfalls auch einmal erhöht
werden können. Wie das Beispiel Japan zeigt, ist es keineswegs
ausgemacht, daß die Konjunkturprogramme einen »sich
selbst tragenden Aufschwung« hervorrufen und daß die
Volkswirtschaft wieder angemessen wächst. Das spärliche
Wachstum in der zweiten Jahreshälfte 2009 war in den
Kernländern des Kapitalismus völlig abhängig von
staatlicher Alimentierung. Würden die staatlichen Ausgaben
wieder vermindert, so würde auch das Wachstum komplett
ausbleiben.
Anders gesagt, der weitere Verlauf der Krise wird davon bestimmt,
wann und wie schnell die Staatsverschuldung an ihre Grenze
stößt. Das ist eine unbestimmte Grenze. Wie das Beispiel
Japans zeigt, kann sie weit nach oben geschoben werden. Allerdings:
Es gibt diese Grenze. Denn was nicht immer so weitergehen kann,
geht irgendwann einmal nicht mehr weiter. Wichtig ist, wo diese
Grenze von Politik, öffentlicher Meinung und vor allem den
Finanzgewaltigen wahrgenommen wird. Es sieht so aus, als sei die
Regierung Obama dabei, einen weniger expansiven Kurs einzuschlagen.
Ein Indiz dafür sind die Regulierungsdrohungen des
Präsidenten gegenüber den Banken. Auch in den Vereinigten
Staaten gilt: Wenn das Volk geschröpft werden soll,
müssen im Finanzsektor wenigstens symbolische Opfer dargeboten
werden.
Jedenfalls ist es aus jetziger Sicht unwahrscheinlich, daß es
zu einer Staatspleite eines der kapitalistischen Kernländer
kommt. Wahrscheinlich sind dagegen Konkursverfahren gegen
Randländer. Lettland, Island, Ungarn haben bereits
Umschuldungsverfahren mit dem IWF hinter sich. Die Regierungen
aller drei Länder sind bereits gekippt. Die Krise der
Weltwirtschaft äußert sich in den Finanzierungsproblemen
von immer mehr Staaten. Die Schwächsten erwischt es zuerst.
Die Finanzprobleme dieser Staaten wirken ihrerseits
krisenverschärfend. Lettland, Ungarn und Island werden als
Absatzmarkt schrumpfen. Es sind kleine Länder, sie fallen
nicht sehr ins Gewicht. Jedoch, je mehr solcher Länder es
gibt, desto schwächer die effektive Gesamtnachfrage der
Weltwirtschaft.
Die Lage in Griechenland
Aktuell regt sich die Finanzwelt über Griechenland auf.
Griechenland ist ein kleines Land mit ähnlich viel Einwohnern
wie Ungarn oder Baden-Württemberg. Aber anders als Ungarn ist
Griechenland Mitglied des Euro-Währungsgebietes. Griechenland
hat keine eigene Währung mehr, die es abwerten könnte, um
damit auf Kosten der eigenen Bevölkerung, wie es üblich
ist, der griechischen Landwirtschaft und Industrie höhere
Wettbewerbsfähigkeit zu verleihen. Die Preise in Griechenland
hergestellter Waren können durch eine Abwertung nicht billiger
gemacht werden. Das Land ist in einer Währungsunion mit
Ländern wie Deutschland und den Niederlanden verbunden oder
gefangen, die in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich die
einheimische, für Lohn arbeitende Bevölkerung
kurzgehalten haben. Der Skandal, daß in Deutschland die
Reallöhne seit zehn Jahren nicht mehr gestiegen sind, obwohl
das gesellschaftliche Gesamtprodukt real erheblich gestiegen ist,
dieser Skandal weitet sich nun über die gemeinsame
Währung auf andere Länder aus und kommt dort als
Staatskrise an.
An sich ist die Lage des griechischen Staates schwierig, aber nicht
katastrophal. Die laufende Netto-Schuldenaufnahme liegt mit 13
Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) etwa so hoch wie in der
Euro-Zone Irland (zwölf Prozent), Spanien (zehn Prozent) oder
– außerhalb der Euro-Zone – den USA (13 Prozent).
Die Verschuldung des griechischen Staates hatte Ende 2009 immerhin
86 Prozent des BIP erreicht. Das war aber immer noch geringer als
etwa in Italien (97 Prozent) oder gar Japan (über 200
Prozent).
Wenn Staaten mit eigener Währung das Mißtrauen des
Finanzmarktes zu spüren beginnen, drückt sich das im
Kursrutsch dieser Währung aus. Danach melden sich auch die
Ratingagenturen und senken die Bonitätsnoten. In
Griechenland, das keine eigene Währung hat, übernahmen
Ende vorigen Jahres die Ratingagenturen die Führung im
Alarm. Nachdem die seit Sommer amtierende, eher sozialdemokratische
PASOK-Regierung gestanden hatte, daß die Neuverschuldung des
Staates nicht bei drei, sondern eher bei dreizehn Prozent des BIP
liegt, senkten zwei der drei relevanten Ratingagenturen ihre
Bonitätsnoten. Die Kurse umlaufender griechischer
Staatsanleihen fielen. Ihre Rendite stieg steil an. Die sogenannte
Risikoprämie über Bundesanleihen erweiterte sich auf 2,5
Prozentpunkte und damit auf ein Niveau wie zum Jahreswechsel
2008/09.
Damals, als die Finanzkrise ihren ersten Höhepunkt hatte,
waren Ratingagenturen auch bei Politikern unten durch. Sie sollten
reguliert, beaufsichtigt und in ihrem Handeln stark
eingeschränkt werden. Das ist vergessen. Ganz wie vor der
Krise entscheiden Ratingagenturen, wer am Kapitalmarkt
günstige Konditionen bekommt. Zu Beginn nächsten Jahres,
wenn die Europäische Zentralbank (EZB) ihre in der Finanzkrise
eingerichteten Sonderkonditionen wieder aufgibt, könnte sie
mit unter »A« bewertete griechische Staatsanleihen
nicht mehr als Sicherheit bei der Kreditgewährung an die
Banken akzeptieren. Dann bekommt der griechische Staat
zusätzliche Probleme damit, neue Schulden aufzunehmen. Die
EZB, die Regierungen der EU-Länder und die EU-Kommission
jedenfalls finden es weiter ganz normal, Ratingagenturen über
das Wohl und Wehe von Mitgliedsstaaten der Eurozone bestimmen zu
lassen.
Euro sackt ab
An Griechenland soll ein Exempel statuiert werden. Erstens geht es
darum, die neue, von der sozialdemokratischen PASOK gestellte
Regierung zur Aufgabe ihrer sozialen Wahlversprechen zu zwingen.
Die bisherigen drastischen Kürzungsmaßnahmen sind da
noch nicht genug. Bei den Löhnen, die in den Jahren zuvor
stärker gestiegen waren, sollen deutsche Verhältnisse
eingeführt werden. Zweitens soll die Währungsunion
getestet werden. Gespannt warten die Banker und Investoren der Welt
darauf, wie Deutschland, Frankreich und die anderen Euro-Staaten
die Situation bereinigen. Ein Effekt ist bereits eingetreten. Der
Euro ist von 1,50 Dollar dank der Aufregung über Griechenland
und die Zukunft der Währungsunion auf 1,40 Dollar
zurückgefallen, was weder für Griechenland noch für
die anderen Euro-Staaten von Nachteil ist.
Der Test der Währungsunion ist ein für die
Finanzinvestoren der Welt interessantes Spiel. Wie die EU selbst
hat sie einen entscheidenden Konstruktionsfehler. Der Euro wurde
als staatliche Institution geschaffen, ohne die für eine
aktive Währungspolitik notwendigen Mittel staatlichen Handelns
bereitzustellen. Lediglich eine von der Politik unabhängige
Zentralbank, die EZB, wurde kreiert, um Inflation zu verhindern.
Dazu kam der absurderweise als »Stabilitäts- und
Wachstumspakt« bezeichnete Vertrag, der die Staaten
verpflichtet, ihre Staatsschulden unter der berühmten
Dreiprozentmarke des jeweiligen BIP zu halten. Dieser Vertrag ist,
wie die letzte Rezession 2001 bis 2005 gezeigt hat, auch bei
rigidem Sparwillen nicht durchzuhalten. Die Euro-Staaten
begaben sich damit auf Betreiben der deutschen Regierung und der
Deutschen Bundesbank jeglicher wirtschaftspolitischer
Handlungsmöglichkeiten. Der Euro wurde den Finanzmärkten
ausgeliefert. Geraten Mitgliedsstaaten in eine Krise, darf nicht
gehandelt werden. Während EU-Staaten außerhalb des Euro
wie z.B. Lettland oder Ungarn durch Finanzmittel der EU
gestützt werden können, ist dies im Fall Griechenland
nicht erlaubt.
Man kann allerdings darauf wetten, daß die großen
Euro-Länder und in erster Linie Deutschland der griechischen
Regierung ansehnliche Kredite zur Verfügung stellen werden.
Der Grund ist einfach. Deutschland kann sich ein Auseinanderbrechen
der Währungsunion am allerwenigsten leisten. Sie ist der
stabile Heimatmarkt für deutsche Industriegüter. Zu
diesem Zweck wurde die gemeinsame Währung schließlich
geschaffen. Sie stellt einen von Währungsschwankungen und
Zollrestriktionen freien Raum dar, der auch Wirtschafts- und
Finanzkrisen standhält. Diese Errungenschaft wird sich das
deutsche Kapital von einer kleinen Griechenland-Krise nicht nehmen
lassen.
Der Konflikt treibt schließlich darauf zu, wieviel
Souveränität der griechischen Regierung abgenommen werden
kann. Die EU-Kernstaaten werden versuchen, den Kredit mit eng
konstruierten Auflagen und Sparzwängen zu versehen. Der
Vorteil für die griechische Regierung besteht darin, daß
andere in Schuldenproblemen befindliche EU-Länder wie Spanien,
Italien oder Portugal es nicht gerne sähen, wenn ein
restriktiver, von Berlin und Brüssel gelenkter Sparkommissar
die Souveränität Griechenlands mit Füßen
tritt. Denn diese anderen Länder könnten die
nächsten sein, die Unterstützung brauchen. Die
Verhandlungsposition der griechischen Regierung ist also nicht
schlecht. Es besteht wenig Grund, den Forderungen der
Gläubiger nach Kürzung der Löhne, Renten und Jobs im
Land nachzugeben.
Island zeigt, wie es gemacht wird
Daß sich auch kleine Länder wehren können, zeigte
zu Jahresanfang der isländische Staatspräsident
Ólafur Ragnar Grímsson. Er weigerte sich nach
massiven Protesten der Bevölkerung, ein Gesetz zu
unterzeichnen, wonach der isländische Staat 3,8 Milliarden
Euro in vielen Jahresraten an Großbritannien und die
Niederlande zahlen sollte. Das Geld hatten isländische Banken
vor Ausbruch der Krise von Sparern in diesen Ländern mit hohen
Lockzinsen eingesackt. Als die Finanzkrise kam, gingen die Banken
pleite, Island übernahm deren Restbestände. Nach EU-Recht
hatte Island die Pflicht, die Banken des Landes samt ihrer
internationalen Raubzüge zu überwachen. Nach EU-Recht
durften die isländischen Banken das Geld unbedarfter gieriger
Sparer einsammeln, um es zu verzocken.
Die Regierungen in London und Den Haag wollten zunächst den
Hilfsvertrag des IWF mit Island und den Antrag Islands auf
Mitgliedschaft in der EU torpedieren. Sie werden sich aber
wahrscheinlich nicht trauen. Zu offensichtlich ist es, daß
beide Regierungen im Einklang mit EU-Recht den Schutz der eigenen
Bürger vor Betrügern vernachlässigt haben. Auch in
diesem Punkt hat die Krise aufgedeckt, daß die EU zwar
finanzmarktgerecht, aber eben deshalb falsch konstruiert ist.
Lucas Zeise ist Finanzkolumnist bei der Financial Times
Deutschland. Zuletzt erschien von ihm: Ende der Party. Die
Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft,
PapyRossa, zweite verbesserte und ergänzte Auflage Köln
2009, 196 Seiten, 14,90 Euro (auch im jW-Shop erhältlich)