Leben jenseits von kapitalistischem Zwang und Konkurrenz: Pfingsttreffen der FDJ in Karl-Marx-Stadt 1985
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Veranstaltet von ARAB (Antifaschistische Revolutionäre
Aktion Berlin), fand am 17.Januar in Berlin-Kreuzberg eine
Diskussion zum Thema »DDR – Die radikale Linke und der
realsozialistische Versuch« statt (jW berichtete). Auf dem
Podium saß neben dem ehemaligen NVA-Offizier Ingo
Höhmann (Kommunistische Initiative) und Herbert Mißlitz,
Ende der 1980er Jahre im linken Flügel der
DDR-Oppositionsbewegung aktiv, die ehemalige Angehörige der
Bewegung 2. Juni Inge Viett; sie hatte Anfang der 1980er Jahre in
der DDR politisches Exil gefunden. Wir dokumentieren nachstehend
eine leicht überarbeitete Fassung ihres Beitrags.
Ich bin 1982 in die DDR emigriert und habe also die letzten acht
Jahre da gelebt. In der BRD wurde ich als Mitglied der bewaffneten
Organisationen Bewegung 2.Juni und RAF seit Jahren gesucht.
Durch meine Sozialisierung und meine politische Praxis im Westen
hatte ich natürlich einen anderen Blick auf die beiden Systeme
als die Mehrheit der DDR-Bürgerinnen und -Bürger.
Darüber hinaus haben die besonderen Umstände meiner
Übersiedlung als illegale Westdeutsche und international
gesuchte Person mich von vornherein mit dem staatlichen
Sicherheitsapparat in Beziehung gesetzt.
Meine Haltung zu den staatlichen Diensten der jeweiligen
Gesellschaftssysteme ist keine moralische, sondern eine von
Gegnerschaft oder Nichtgegnerschaft. Die DDR-Staatssicherheit hat
nach meinem Verständnis von gesellschaftlichen
Entwicklungsprozessen eine grundsätzlich legitime und
notwendige Rolle gehabt. Nur aus dieser Haltung heraus kann ich sie
kritisieren, da, wo ihre Arbeit kritikwürdig war. Diese Kritik
ist nicht bedeutsamer oder, wie man will, genauso bedeutsam, wie
meine Kritik an den Schwächen und Fehlern aller linken
Kräfte, einschließlich meiner eigenen. Die Rolle der
Staatssicherheit in der DDR ist heute vollkommen überhöht
und diabolisiert. Ihre Arbeit gegen den sogenannten inneren Feind
war weit von flächendeckender Überwachung entfernt. Nicht
zu vergleichen mit den subtilen und umfassenden Überwachungs-,
Kontroll- und Foltersystemen kapitalistischer Demokratien und
Diktaturen.
Ihre Methoden waren sehr herkömmlich und altbacken. In den
Kollektiven der Betriebe hat es keine Atmosphäre von Angst,
Einschüchterung oder Kontrolle durch die Staatssicherheit
gegeben. Sie war an der gesellschaftlichen Basis im Alltag nicht
präsent. Höchstens als Objekt von Witzen. Jedenfalls hab
ich es in den acht Jahren nicht anders erlebt.
Kommunistische Perspektive
Die vorherrschende – vom Klassengegner vorgegebene –
moralische Beurteilung der DDR, egal ob positiv (was ja kaum
vorkommt) oder negativ, ist völlig untauglich für eine
kritische Analyse. Sie unterliegt der Manipulation durch
bürgerliche Klasseninteressen, individuellen Befindlichkeiten
und ist größtenteils antikommunistisch konnotiert. All
ihre juristischen, denunziatorischen und moralischen Implikationen
dienen der eigenen ideologischen Hegemonie.
Ich betrachte die DDR aus kommunistischer und in eindeutiger
Abgrenzung zur bürgerlichen Perspektive. Mit kommunistischer
Perspektive meine ich nicht nur das theoretische marxistische
Verständnis von der Entwicklung der Gesellschaften, sondern
ein Verständnis, das jederzeit ausgeht von der
Illegitimität der bürgerlichen Herrschaft und ihrer in
Recht gegossenen kapitalistischen Ausbeutung, und ein
Verständnis, das jederzeit die Legitimität und
Notwendigkeit des Kampfes für eine kommunistische Gesellschaft
im Auge hat.
Meine Solidarität mit der DDR bricht nicht an ihrer
historischen »Erfolglosigkeit«, auch nicht an den
fehlgelaufenen Prozessen, sie sind heute – da wir wieder am
Anfang stehen – nicht mehr das Wesentliche, nur das
Zweitrangige. Wesentlich für eine kommunistische Perspektive
sind die materialisierten sozialistischen Inhalte der DDR und wie
sie zustande kamen. Ich werde weiter unten darauf
zurückkommen.
Wenn wir uns für eine kommunistische Perspektive ins Zeug
legen, geht es nicht darum die DDR zu wiederholen, sie ist nun mal
historisch. Aber wir brauchen ihre bedeutenden Erfahrungen. Eine
kommunistische Gesellschaft wird ganz bestimmt unter sehr anderen
Bedingungen realisiert werden, aber ganz bestimmt nicht unter
leichteren. Wir wissen heute noch nicht, welche Mauern, Dämme
oder Abwehrschirme wir werden bauen müssen, um die
nächsten Anläufe zu verteidigen. Was wir aber sicher
wissen, ist, daß die nahezu weltweit herrschenden
kapitalistischen Mächte auch den nächsten Anfängen
keinen freien Aufbau gönnen werden.
Ökonomische Grundlagen
Ich würde gern auf zwei Ebenen von der DDR sprechen, die eine
wäre meine persönliche somit subjektive Wahrnehmung der
gesellschaftlichen Abläufe, also die Verhältnisse der
Leute zum Staat, zur Arbeit, die Beziehungen der Leute
untereinander etc.
Die andere wäre die eher objektivere aus marxistischer Sicht:
Was war an der DDR sozialistisch? Da mir nur eine halbe Stunde zur
Verfügung steht, ist es mir wichtiger, über die zweite
Ebene zu reden, weil auch von links immer wieder zu hören ist:
»Die DDR war alles andere als sozialistisch, unser
zukünftiger Sozialismus wird eine freie Assoziation, eine
Gesellschaft von freien Assoziierten sein«.
Ja, wunderbar! Das ist unsere schöne Utopie, ich teile sie
uneingeschränkt, der Weg dahin aber ist die zu
bewältigende Realität. Oder wie Marx sinngemäß
sagte: Vor dem Reich der Freiheit, liegt das Reich der
Notwendigkeit.
Unsere Wünsche sind nicht maßgebend, solange sie
Luftschlösser sind, auch wenn sie ideologisch noch so fein
gesponnen werden. Erst wenn sie sich durch eine bessere Praxis mit
einem besseren Ergebnis materialisieren, haben sie Anspruch, ernst
genommen zu werden.
Unser Maßstab zur Hinterfragung, was die DDR war, kann nur
der historische Materialismus sein, also die marxistische
Wissenschaft vom Werden, Wachsen und Vergehen der Gesellschaften,
von den Gesetzmäßigkeiten der Widersprüche.
Die Etappe des Sozialismus ist geschichtlich gesehen die Baustelle
für den Kommunismus. Eine Aufbauphase, die den Grundstein legt
und das Fundament errichtet, auf dem der gesellschaftliche
Entwicklungs- und Emanzipationsprozeß hin zum Kommunismus
überhaupt erst ermöglicht wird. Dieser Prozeß
verläuft suchend, aber nicht planlos, seine Entwicklung
hängt ab von den vorhandenen materiellen Bedingungen, den
politischen Kräfteverhältnissen, der moralischen Ausdauer
und Stärke der subjektiven Kräfte, die diesen
Prozeß vorwärts treiben. Welchen historischen Zeitraum
dieser Prozeß einnimmt, ist, wenn wir die bisherigen
Erfahrungen in Betracht ziehen, nicht bestimmbar.
Das Fundament einer jeden Gesellschaft ist die ökonomische
Produktionsweise, mit der sie sich reproduziert. Im Kapitalismus
ist es die kapitalistische Produktionsweise, also Privateigentum an
den Produktionsmitteln durch die besitzende Klasse, Ausbeutung,
Mehrwertdiebstahl, Klassengesellschaft, Profit als Antrieb,
Akkumulation, Überakkumulation, Krise, Krieg und
Vernichtung… und ein gesellschaftlicher Überbau, in dem
all das verrechtlicht und abgesichert wird. Also all das, womit wir
uns rumschlagen müssen und worin wir seit einigen
Jahrhunderten gefangen sind.
Der erste Schritt zum Sozialismus ist somit die grundlegende
Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise.
Es muß also das Privateigentum an den Produktionsmitteln
abgeschafft werden. Sie müssen sozialisiert werden. Das
bedeutet die Enteignung der besitzenden Klasse, das bedeutet, aus
der Produktion für den Profit muß eine planbare
Produktion für den Bedarf der Gesellschaft werden und ein
solidarischer Austausch mit anderen Gesellschaften hergestellt
werden.
Im September 1945 wurden in der DDR (zu der Zeit noch SBZ) die
agrarischen Großeigentümer – die Junker –
enteignet. Im Juni 1946 begann die Enteignung von
Monopolunternehmen und Betrieben der Nazis und Kriegsverbrecher.
1948 wurde die Planwirtschaft für die staatliche Industrie
eingeführt. 1950 begann die Kollektivierung des Bodens und des
Handwerks. Das genossenschaftliche Eigentum wurde gegründet,
es entstanden die LPG und PGH. Das war 1960 nahezu abgeschlossen.
Gigantischer Kraftakt
Die DDR hatte also unzweifelhaft eine sozialistische
ökonomische Basis. Ihr Grundcharakter also war zweifelsfrei
sozialistisch. Die Planung und Verteilung des gesellschaftlichen
Gesamtprodukts wurde nach den gesellschaftlichen Erfordernissen und
nicht nach den Profitinteressen einer besitzenden Klasse
durchgeführt. Wie gut oder schlecht das funktionierte, ist
keine Aussage über den sozialistischen Charakter. Im
übrigen hat die Planwirtschaft in der DDR im Prinzip ganz gut
funktioniert, trotz ihrer Disparitäten. Die Planwirtschaft
kann mit den heutigen Erfahrungen und der heutigen Informations-
und Rechentechnik natürlich noch viel besser funktionieren.
Wer aber von einer Mangelwirtschaft in der DDR spricht, hat sich in
der Welt nicht umgesehen und mißt mit der kapitalistischen
Elle des Überflusses und der Verschwendung bei gleichzeitiger
Ignoranz des weltweiten Mangels, und der unübersehbaren
Schäden als Folge dieser Verschwendung.
Der Grundstein für die Entwicklung hin zu einer
kommunistischen Gesellschaft war in der DDR also gelegt. Wie
schön, wenn wir da erst mal wieder wären.
Die Beseitigung des Kapitalismus nach Kriegsende im Osten
Deutschlands war leider nicht das Resultat einer
revolutionären Arbeiterklasse oder Massenbewegung. Eine
kommunistische Minderheit hat den sozialistischen Aufbau unter der
Abhängigkeit und dem Schutz der Roten Armee
durchgesetzt.
In der DDR ist die Abschaffung des Kapitalismus und der neue
gesellschaftliche Aufbau ohne blutigen Clash der Klassen verlaufen,
aber mit einem steten Druck auf eine starke unwillige vom
Faschismus verblendete Mehrheit, und je nach politischer
Sicherheitslage war dieser Druck mal stärker mal
schwächer.
Die kommunistische Führung agierte in äußerst
schwierigen Verhältnissen:
– der Abhängigkeit von den Prämissen der
UdSSR
– dem fehlenden revolutionären Willen der Mehrheit der
sozialistischen Basisklasse (des Proletariats)
– dem Widerstand der enteigneten Klasse und deren
Kollaboration mit dem kapitalistischen Westen
– der geheimdienstlichen, ideologischen und ökonomischen
Bekämpfung aus dem Westen, einem gespaltenen Land an der
Nahtstelle zweier Systeme im Kalten Krieg.
Wenn wir uns heute die damaligen materiellen Bedingungen
vergegenwärtigen: ein vom Krieg zerstörtes, geteiltes und
besetztes Land, Hunger, Hoffnungslosigkeit,
Rückständigkeit, eine zerschlagene Arbeiterbewegung, eine
traumatisierte kommunistische Partei, eine demoralisierte teils
feindliche Bevölkerung, eine geschlossene imperialistische
Front vor der Haustür, und ein internationaler Klassenkampf
mit der Drohung eines Atomkrieges, dann scheint mir der Aufbau
einer sozialistischen Gesellschaft ein gigantischer Kraftakt gegen
die objektiven Bedingungen gewesen zu sein. In diesem Kraftakt war
auch der politische Zwang ein unbedingt notwendiges Instrument.
Übergangsgesellschaft
Die herrschende Propapanda braucht das Monstrum »Unrechtsstaat DDR«, um vom eigenen System abzulenken (Protestaktion zum 48. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin, 13.8.2009)
Foto: AP
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Die Genese der DDR ist eine problematische politische Besonderheit,
aber sie stellt deshalb den allgemeinen sozialistischen Charakter
der neuen Produktionsverhältnisse keineswegs in Frage. Die
sozialistischen Produktionsverhältnisse haben natürlich
ein neues gesellschaftliches System hervorgebracht. Ein anderes
Staatsgefüge, ein anderes Rechtswesen, ein anderes Kultur- und
Bildungswesen, eine andere Demokratie. Aber eine Gesellschaft wie
die DDR, die sich im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus
befindet, trägt Formen und Inhalte beider grundverschiedener
Gesellschaftssysteme in sich.
Die DDR war eine Übergangsgesellschaft, ein Hybridgebilde,
nicht mehr kapitalistisch und noch nicht wirklich
sozialistisch.
Die Widersprüchlichkeiten wirkten auf allen Ebenen und in
allen Bereichen:
– Einerseits war die DDR der bürgerlichen Demokratie mit
Parteien, Wahlen usw. nachgebaut (Volkskammer). Andererseits lag
die Führung in Händen der Partei, die sich als
Interessenvertreterin und als Avantgarde der Arbeiterklasse
verstand.
– Die Lohnarbeit blieb bestehen, aber der Mehrwert wurde
gesamtgesellschaftlich verteilt. Damit war die entfremdete Arbeit
nicht aufgehoben, aber entschärft.
– Das Arbeitsfeld war wesentlich konkurrenzfrei, aber
für die notwendige Produktivitätssteigerung gab es noch
keine adäquate Lösung.
– Die Bourgeoisie war entmachtet, aber ihre Werte, ihre
Ideologie, ihre Beziehungen waren noch aktiv.
– Die neue Stellung der Arbeiterklasse nivellierte die
sozialen Hierarchien, aber die noch nicht aufgehobene
Arbeitsteilung brachte neue Privilegien hervor.
– Es gab gesellschaftliches Eigentum, aber kein ausreichendes
gesamtgesellschaftliches Bewußtsein für die
Verantwortlichkeit dieses Eigentums.
Eine Übergangsgesellschaft hin zum Sozialismus ist auch noch
keine klassenlose Gesellschaft. Der antagonistische
Klassenwiderspruch des Kapitalismus ist zwar aufgehoben, aber die
noch nicht aufgehobene Arbeitsteilung bringt andere
Klassen/Schichten hervor. Die Intelligenz, die Ökonomen und
Techniker, die Funktionäre. Sie alle haben widerstreitende
Interessen. Wenn der gesellschaftliche Entwicklungsprozeß
stagniert, wie in der DDR geschehen, dann können die
Widersprüche zwischen diesen Klassen sich ebenfalls
antagonistisch zuspitzen.
Die maßgeblichen gesellschaftlichen Entscheidungen blieben 40
Jahre lang zentralisiert in den Händen einer kleinen
Führungsriege. Das von der SED festgezurrte System von
Entscheidungshierarchien war den komplexen Widersprüchen nicht
gewachsen. Es hat die Stagnation im gesellschaftlichen
Entfaltungsprozeß zu verantworten. Es hat der Arbeiterklasse
Möglichkeiten zur Entwicklung von Selbstverwaltung und
Eigenverantwortung genommen. Entsprechend hat es auch keine
Verteidigung des Gemeineigentums gegeben.
Die Mobilisierung der Bevölkerung zur Beteiligung an Prozessen
lief in der DDR immer über eine umfassende Kampagnenpolitik.
»Plane mit, arbeite mit, regiere mit …« etc. Das
waren immer auch sozialistische Erziehungskampagnen.
Loyalitätsforderungen, aber keine entscheidende
Partizipation.
Es gab durchaus Ansätze direkter Demokratie z. B. die
Arbeiter- oder Bürgerkomitees, Arbeiter- und
Bauerninspektionen. Das waren Einrichtungen gesellschaftlicher
Kontrolle. Oder die Schieds- bzw. Konfliktkommissionen als
vorjuristische Konfliktbewältigung. Aber sie wurden eben nur
so weit entwickelt, wie sie der Entscheidungshierarchie nicht in
die Quere kamen.
Debatten über strategische, gesellschaftliche Probleme wurden
nicht öffentlich geführt, Entscheidungsprozesse nicht
kollektiv erarbeitet.
Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung, einschließlich der
Mehrheit der führenden Partei, sah sich deshalb nicht in der
Verantwortung für das, was mit dem Sozialismus in ihrem Land
geschah.
Neue soziale Muster
Dennoch entwickelten sich mit dem Aufstieg der Arbeiterklasse neue
Lebens-, Bildungs- und Kulturinhalte, brachten die kollektiven
Strukturen in den Lebensbereichen der Leute neue soziale Muster
hervor, die sich auf Kollektivität und Solidarität
richteten. Ein hervorragendes Arbeitsrecht und eine komplexe
Sozialgesetzgebung, einschließlich Gesundheitsversorgung und
Erholungswesen, sicherten die Grundbedürfnisse der
Bevölkerung auf hohem Niveau. Das sozialistische Bildungs- und
Kulturwesen hat ganz allgemein eine gesamtgesellschaftliche,
humanistische Grundhaltung begünstigt. Das allgemeine Leben in
der DDR war viel partnerschaftlicher, sowohl zwischen den
Geschlechtern als auch zwischen den Leuten insgesamt. Es war viel
sorgen- und streßfreier, obwohl so viele Bedürfnisse
unbefriedigt blieben.
Dieses gesamtgesellschaftlich höhere Niveau von Bildung und
Kultur, Solidarität und Humanität müssen wir als
Essential der DDR unbedingt höher einschätzen, als die
unangenehmen und problematischen Ecken der DDR. Das sind für
eine kommunistische Gesellschaft substantielle Werte, und sie
beweisen, daß die Abwesenheit des Warenverhältnisses und
die Abwesenheit von Konkurrenz als soziale Struktur, die
Grundbedingungen hin zur solidarischen Gesellschaft sind.
Dieser – ich nenne es mal statt Errungenschaften –
sozialistische Bodensatz, hat sich entwickelt trotz einer
autoritären Staats- und Parteiführung und trotz der
gesellschaftlichen Spannungen, die aus dieser autoritären
Führung einerseits, der ökonomischen Einschnürung
und den außenpolitischen Konflikten andererseits
resultierten. Und es ist dieser sozialistische Bodensatz, nach dem
sich viele zurücksehnen und der als Ostalgie belächelt
oder denunziert wird.
Woran scheiterte die DDR?
Die Versuche, der Niederlage mit der Suche nach revisionistischen
Abweichungen auf die Spur zu kommen, mögen für die
Wissenschaftler unter den Marxisten interessant sein. Ich
persönlich denke, daß es keinen gradlinigen, an das
wissenschaftliche Muster gebundenen Weg durch die Widersprüche
der materiellen Bedingungen geben wird. Der Marxismus kann immer
nur ein Kompaß sein für die allgemeine Richtung. Die
DDR-Regierung hat diesen Kompaß 1987 mit dem sogenannten
gemeinsamen Grundsatzpapier der SED/SPD endgültig
weggeschmissen. Sie hat in diesem Papier dem Kapitalismus die
Friedensfähigkeit bescheinigt, nicht aus freien Stücken,
nicht aus Bosheit, und nicht, weil sie es selber glaubte, aber aus
Müdigkeit angesichts der Schwierigkeiten und in der Illusion,
der Westen könnte ihr aus diesen Schwierigkeiten heraushelfen.
Diese Illusion ergriff letztlich die Mehrheit der
Bevölkerung.
Es gibt bei den meisten seriösen Historikern einen Konsens
darüber, daß die DDR an ihrer geringen
Arbeitsproduktivität eingegangen ist. Das ist nicht ganz
falsch, aber ich gewichte dieses Problem anders und sage, die DDR
ist an der ungeheuren zerstörerischen Produktivität des
Kapitalismus gescheitert. Der Wettbewerb endete tödlich. Erst
wenn der kapitalistische Weltmarkt ausgeschaltet ist, kann sich
eine sozialistische Austauschwirtschaft entwickeln, und die Fehler,
die immer wieder dabei gemacht werden, können mit Vernunft
geregelt und aufgehoben werden. Das Hineingleiten in den
kapitalistischen Weltmarkt unter Honecker endete wie bei jeder
anderen schwächeren Ökonomie in der wirtschaftlichen
Abhängigkeit und politischen Hilflosigkeit. Und
Abhängigkeit, das wissen wir, endet entweder in Unterwerfung
oder im Kampf um Befreiung.
Der fanatische Haß der Sieger
Schauen wir zurück, wie das vor zwanzig Jahren lief: Die
Geldmacher überrannten die DDR als selbstgerechte
Plünderer, Abstauber, Schieber, Scharfrichter. Damals
unterwarf sich eine marodierende Klasse im spontanen Triumph ein
besiegtes Land. Dabei haben nicht nur die DDRler schlecht
ausgesehen. Einen wesentlich übleren Atem hatten die Sieger
und Rüberläufer. Auch das wollen sie vergessen machen und
ihr mieses Antlitz reinigen.
Die jetzigen Propagandaschlachten sind überhaupt nicht mehr
spontan, sondern eine durchorganisierte, staatlich gesteuerte
Manipulation. Eine Offensive gegen eigenes Denken, gegen eigenes
Erinnern, und vor allem auch gegen eigenes Suchen nach
Alternativen. Kein Aufwand ist zu teuer, kein
»Zeitzeuge« zu verkommen oder zu dumm, keine Geschichte
zu plump, kein »Museum« zu lächerlich in seiner
Falschheit, um die Leute nicht von morgens bis abends damit
vollzustopfen.
Das Ziel ist deutlich: In der tiefen Krise organisiert sich die
BRD-Elite auf allen Ebenen eine Geschichtspropaganda, die
ihresgleichen nur im Faschismus kennt. Eine ausgehöhlte
bürgerliche Demokratie baut sich ein Monstrum
»Unrechtsstaat DDR«, damit ihr eigenes im Verfall
begriffenes System dagegen immer noch schick aussieht. Damit sich
Krieg, Repression, Armut, Überwachung, geistiges und
kulturelles Elend und eine diktatorische Profitökonomie hinter
diesem konstruierten Monster verstecken können.
Mir geht es mit diesem Vortrag um die Einforderung einer
solidarischen Grundhaltung mit der kommunistischen Generation, die
nach dem zweiten großen Weltkrieg dem deutschen Imperialismus
durch den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft den Boden
entziehen wollte und dies auch immerhin mehr als 40 Jahre lang
geschafft hat. Das war eine Periode großer geschichtlicher
Entwürfe und erfolgreicher Anstrengungen ebenso wie
großer Irrtümer und Fehler. Als Linke, zumal als
radikale Linke, müssen wir Partei ergreifen für diese
Periode, sie mit Respekt analysieren und sie nicht dem Haß
und der Rache des Klassengegners überlassen.