Juden, die die Politik der israelischen Regierung gegenüber
den Palästinensern als reaktionär kritisieren, werden
verstärkt von den Antideutschen als
»Kronzeugenjuden« beschimpft, die mit
»jüdischem Selbsthaß« beladen seien. Es gibt
aber immer mehr davon, nur fehlte ihnen bislang hierzulande eine
Stimme. Semit heißt eine junge Zeitschrift, die
»für einen gerechten Frieden im Nahen Osten«
eintritt. Semit richtet sich an Juden in Deutschland, die sich
weder von Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden, noch von
Henryk Broders »Achse des Guten« vertreten
fühlen.
Semit wird herausgegeben von Abraham Melzer, für literarisch
Interessierte ein alter Bekannter. Er taucht zum Beispiel in
Jörg Schröders Erzählband »Siegfried«
als Sohn von Joseph Melzer auf, für dessen Verlag
Schröder arbeitete, bevor er den März Verlag
gründete. Dieses Buch wird übrigens nach meinem
Dafürhalten als einziges Werk von der ganzen lahmen
westdeutschen Literatur der siebziger Jahre übrigbleiben,
abgesehen vielleicht von ein paar Gedichten von Rolf Brinkmann und
Uli Becker und den Brauchitschpapers (»wg.Kohl«). In
»Siegfried« taucht der junge Verlegersohn Abraham
Melzer ab und auf, schließlich entschwindet er nach Israel,
um sein Judentum bei der dortigen Armee unter Beweis zu stellen.
Aus dem etwas dicklichen, nervtötenden Knaben Abi ist nun der
soignierte silberhaarige Verleger Melzer geworden, ein mutiger
Löwenbändiger, der gegen Dummschwätzer und
Kriegsverbrecher zu Felde zieht. Semit ist eine
Wiederneugründung. Die Zeitschrift erschien von 1988 bis 1992.
Damals wurde sie eingestellt, wie Melzer mir in einem Brief
schrieb, »weil ich damals so ziemlich allein war,
überhaupt keine Anzeigen erhielt und die Zeitschrift ein wenig
zu aufwendig gemacht habe, sodaß ich nach vier Jahren mit
100000 DM Schulden dastand und die Druckerei nicht weiter mitmachen
wollte. Prügel habe ich damals von vielen Seiten bekommen, von
Galinski, von Bubis etc. Heute bin ich nicht mehr so ganz allein.
Es stehen einige Freunde hinter mir, die die politische Richtung
der Zeitschrift begrüßen und auch ein wenig Geld
für die Finanzierung der ersten Ausgaben gespendet haben.
Danach hoffe ich, auf eigenen Füßen zu stehen
…«
Vom neuen Semit sind bislang fünf Ausgaben erschienen, so
daß sich ein positives Urteil über ihre gleichbleibende
Qualität abgeben läßt. In jedem Heft gibt es ein
aktuelles Thema, das von mehreren Seiten her diskutiert wird: Das
Bundesverdienstkreuz für Felicia Langer, Arabische Juden und
deren Probleme mit Rassismus in Israel. Die politische Wandlung des
Zionisten Avram Burg. Henry M. Broders provokatorische
Ankündigung, für das Amt des Präsidenten des
Zentralrats der Juden in Deutschland kandidieren zu wollen
etc.
In Semit schreiben interessante Autoren wie Moshe Zuckermann, Uri
Avnery, Gideon Levy, Reuven Snir, Rolf Verleger oder Evelin
Hecht-Galinski. Am Kiosk hörte ich folgendes: »Es gibt
Hörzu oder Siehfern, aber Sehmit hab ick nich.«
Möge sich das bald ändern – fragen Sie doch mal in
Ihrem Laden nach. Semit hat auch eine Buch-edition, in der nun der
UNO-Bericht der Goldstone-Kommission über den Gaza-Krieg der
Israelis auf deutsch erscheint. Abraham Melzer stellt ihn am
heutigen Samstag in Berlin im Haus der Bundespressekonferenz vor.
Und am Sonntag ist er zusammen mit dem Jerusalemer
Friedensaktivisten Jeff Halper, Direktor des Komitees gegen
Häuserzerstörung, zu Gast bei mir in der
Leselounge.
Semit kann man bestellen bei Abraham Melzer, Bermondstr.9, 63263
Neu Isenburg, info@dersemit.de
Samstag, 10 Uhr Vorstellung des Goldstone-Reports, Haus der
Bundespressekonferenz, Schiffbauerdamm, Berlin-Mitte
Sonntag 17 Uhr, Abraham Melzer und Jeff Halper bei Dr. Seltsam,
Leselounge Brezelbar, Friesenstraße 2, Berlin Kreuzberg.