Hunger als permanentes Lebensrisiko: Kinder erhalten in Manila eine kostenlose Mahlzeit
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Rohstoffe werden wieder teurer, und das im Rekordtempo. Öl
kostet inzwischen mehr als 80 US-Dollar je Barrel (159 Liter),
nachdem es sich in Folge der Weltwirtschaftskrise Anfang 2009
innerhalb weniger Monate von fast 150 auf gut 30 Dollar verbilligt
hatte. Einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF)
zufolge legten zwischen Februar und November 2009 die Preise
für Rohstoffe um 40 Prozent zu. Der IWF spricht im
Zusammenhang mit diesem Index von einem sehr ungewöhnlichen
Anstieg, da in vergleichbaren Phasen früherer Krisen die
Preiserholung im Schnitt nur bei fünf Prozent lag. Auch
für das kommende Jahr werde der ungewöhnliche Trend
anhalten so die globale Finanzorganisation, wenngleich sich das
Tempo der Teuerungsauftriebs verlangsamen werde.
Preisexplosion
Das war bislang extrem hoch. In zahlreichen Indizes und bei
einzelnen Rohstoffen wurden in den zurückliegenden Monaten
sogar historisch einmalige Preisexplosionen festgestellt. Der
bekannte Standard-&-Poors-GSCI-Rohstoffindex, der 20 sehr
veschiedene Güter wie Getreide, Gold, Öl oder Kakao und
Aluminium bewertet, legte 2009 beispielsweise um mehr als 50
Prozent zu – der stärkste Kursanstieg seit dessen
Einführung 1970. Rekorde können inzwischen auch die
Notierungen für Zucker und Kakao verbuchen, die sich auf dem
höchsten Niveau seit gut drei Jahrzehnten bewegen. Allein
Zucker verteuerte sich im vergangenen Jahr um 170 Prozent. Ein
ähnlicher Trend ist auch bei Industriemetallen wie Zink (plus
102 Prozent), Blei (plus 141 Prozent) oder Nickel (plus 58 Prozent)
zu verzeichnen.
Dennoch sind die Höchstnotierungen bei vielen Rohstoffen noch
nicht erreicht. Die spekulationsgetriebene Konjunkturrallye hatte
bis 2008 die Preise für viele Ressourcen in schwindelerregende
Regionen steigen lassen. Der IWF geht immerhin davon aus, daß
sich in diesem Jahr die meisten davon »etwas unterhalb der
2008er-Marken festsetzen« werden. Auch längerfristig
bleibe der Preisauftrieb erhalten, da die »zunehmende
Industrialisierung der Schwellenländer« zu einer
steigenden Nachfrage führe. Demnach sei z. B. der Anteil
dieser Länder am weltweiten Verbrauch von Kupfer und Aluminium
von 33 Prozent 1993 auf nahezu 60 Prozent 2009 angestiegen.
Jüngsten Prognosen zufolge wird allein Chinas Wirtschaft im
Jahr 2020 etwa 43 Prozent der globalen Kupferfördermenge
verschlingen. Der dortige Bedarf an Rohöl dürfte von
derzeit neun auf dann 20 Prozent der internationalen
Produktionskapazitäten wachsen.
Die erneute Preisrallye könnte aber auch die konjunkturelle
Erholung »abwürgen«, lamentierte kürzlich das
Wall Street Journal (WSJ). Der private Verbrauch dürfte
weiterhin schwach bleiben, da die »Konsumenten mehr für
essentielle Güter wie Nahrung und Treibstoff« ausgeben
müßten. Auch manche Industriezweige sind durch die
solcherart steigenden Preise bedroht. Eine globale konjunkturelle
Erholung scheint demnach an zusehends knapper werdenden
natürlichen Ressourcen zu scheitern, obwohl die erneute
spekulative Blasenbildung an den Finanzmärkten diese
eigentlich befördern müßte. Ein durch vermehrte
Warenproduktion ausgelöster Nachfrageschub nach Rohstoffen
wird durch deren extreme Verteuerung abgewürgt – dieser
globale Teufelskreis zeichnet sich immer deutlicher ab.
In den Zentren des Kapitalismus führt eine solche Entwicklung
zu höheren Lebenshaltungskosten, bewirkt dadurch eine sinkende
Massenkaufkraft und verursacht fallende Profitraten. Aber für
Milliarden Menschen an der Peripherie des spätkapitalistischen
Weltsystems – in Afrika, Lateinamerika oder Asien –
können um ein paar Prozentpunkte gestiegene Lebensmittelpreise
den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Im vergangenen
Dezember warnte die Food and Agriculture Organization (FAO) der
Vereinten Nationen vor einer erneuten Teuerungswelle bei
Lebensmitteln. So befindet sich der FAO-Food-Price-Index, in dem 55
Lebensmittel erfaßt werden, nur noch 21 Prozent unter dessen
historischem Höchststand vom Juni 2008. Allein im vergangenen
November stieg er um 6,9 Prozent. Die 2007 und 2008 beklagte
globale Nahrungskrise – als zunehmende Nachfrage und
Mißernten die Preise hatten explodieren lassen – sei
keineswegs überwunden, sagte nun auch Hugh Grant, der Chef des
Gentechmultis Monsanto, dem WSJ. Die derzeitige Rezession habe sie
nur »maskiert«.
Mehr Hungernde
Die rasche Wechselwirkung zweier ökonomischer Schocks –
der Preisexplosion bei Lebensmitteln mit anschließender
Weltwirtschaftskrise – ließ auch die Anzahl der
Hungernden weltweit auf einen neuen Höchststand steigen. 1,02
Milliarden Menschen sind von chronischer Unterernährung
betroffen, 2008 zählte man bei den UN noch 960 Millionen, 2007
waren es laut FAO 850 Millionen.
Obwohl nach UN-Angaben die Reserven bei Grundnahrungsmitteln
inzwischen größer sind als 2008, drohen
Ernteausfälle in Indien und auf den Philippinen vor allem den
Reispreis in die Höhe zu treiben. Indien mußte wegen
einer Dürre Ertragseinbußen von 15 Prozent hinnehmen,
auf dem Inselstaat im Pazifik zerstörten Unwetter sieben
Prozent der Reisernte. Insbesondere die 800 Millionen Inder, die
ihren Unterhalt mit weniger als umgerechnet zwei US-Dollar am Tag
bestreiten müssen, leiden bereits unter der Inflation in dem
Schwellenland. So stiegen die Lebensmittelpreise dort Anfang
Dezember im Jahresvergleich um nahezu 20 Prozent – die
größte Verteuerung der Nahrungspreise auf dem
Subkontinent seit gut elf Jahren. Wegen der Ausfälle wird
Indien 2010 von einem Nettoexporteur zu einem Importeur von Reis
werden, während der weltweit größte Reisimporteur
– Manila – der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge 3,5
Millionen Tonnen einführen müsse. Die Philippinen
verbrauchen auf diese Weise 11,48 Prozent des gesamten
jährlichen Reisexportvolumens der Welt. Nach einer
Rekordernte 2008/09 sollen in diesem Jahr die globalen Erträge
um 2,7 Prozent auf 433,8 Millionen Tonnen fallen und somit den
Gesamtverbrauch von 433,5 Millionen Tonnen nur noch knapp decken
können.