Nur eine Eskalation des Protests kann das gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zugunsten der Studierende verändern (bundesweiter Bildungsstreik am 17.6.2009 in Berlin)
Foto: Belinda Wolff
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Der Bildungsstreik ist neben den Antiatomprotesten die erste
große soziale Bewegung unter der neuen schwarz-gelben
Bundesregierung. Nachdem Hunderttausende im Juni protestierten,
gingen am 17. November erneut 85000 Menschen auf die Straße.
Während die Proteste im Sommer noch auf eine Woche
beschränkt blieben, besetzen Studierende diesmal –
inspiriert von der österreichischen Unibrenntbewegung –
an insgesamt über 50 Hochschulen einzelne Hörsäle.
Auch einige Schulen schlossen sich den Besetzungen an.
Über Erfolge, Erfahrungen, aber auch über Defizite der
Bildungsstreikbewegung versucht dieser Text Auskunft zu geben. Wir
verstehen dies als einen solidarischen Beitrag zur Strategiedebatte
im bundesweiten Bildungsstreikbündnis.
Zentral und dezentral
Eine Besonderheit des Bildungsstreiks ist den meisten Kommentatoren
entgangen. Während frühere Studierendenstreiks wie der
»Luckystreik 97/98« oder die Streikbewegung 2003
spontan ausbrachen und sich erst im Laufe oder teilweise erst zum
Ende der Streikbewegung mühsam bundesweite
Koordinierungsversuche ergaben, konnte der Bildungsstreik von
Anfang an von einem bundesweiten Austausch und langfristiger
Planung profitieren.
Heute gibt es, anders als früher, keinen konkreten
Anlaß, keinen einheitlichen Generalangriff etwa in Form von
Studiengebühren, sondern einen über Jahre angestauten
Frust über die Zustände in allen Bildungsbereichen.
Die Stärke des bundesweiten Bildungsstreiks besteht darin,
daß über eine zentrale Klammer (gemeinsamer Aufruf,
bundesweite Materialien, Pressearbeit usw.) diese Unzufriedenheit
angesprochen, politisiert und in eine Protestbewegung gewandelt
wurde. Vielleicht hat hier die Bildungsstreikbewegung eine
wesentliche Antwort auf die Fragmentierung vergangener
Schüler- und Studierendenbewegungen wie z.B. auch die
Boykottversuche ertastet.
Durch die Bachelorisierung wurden traditionelle, lokal verankerte
Protestkulturen (selbstorganisierte Studicafés, kritische
Tutorien, Lesekreise und lokale linke Listen) spürbar
geschwächt. All diese Aktivitäten erforden Zeit, die im
Diplom-Studiengang noch verfügbar war. Die hochschulpolitische
Linke ist dadurch in eine Krise geraten. Diese Krise drückt
sich auch in Kommentaren aus, die den Bildungsstreik zynisch zum
braven und angepaßten Event abstempeln und eine nur
antikapitalistische Ausrichtung der Proteste einfordern.
Letztlich laufen die Vorschläge darauf hinaus, die
Bildungsstreikbewegung politisch einzuengen und sich auf bereits
Überzeugte zu beschränken. Anstatt die Bewegung in die
strategische Isolation zu führen, sollten wir uns unsere
Stärke immer wieder bewußt machen: Der Bildungsstreik
kann durch bundesweite Koordination lokale Kreativität und
Aktionspotentiale befördern und breite Spektren der
Studierendenschaft ansprechen und potentiell aktivieren –
eine wichtige Vorbedingung für eine Radikalisiserung der
Proteste.
Für die kommenden Bildungsstreiks stehen wir vor der
Herausforderung, auch Formen der Koordination während des
Streiks zu finden, um auf aktuelle Entwicklungen – auf
Chancen wie auf Fehler – besser reagieren zu können.
Erfolgsmomente
Der Bildungsstreik hat auf bundesweiter und lokaler Ebene erste
Erfolge erzielt und gezeigt: Protest ist auch in Zeiten des
heutigen Bachelor/Master-Systems möglich – wenngleich
Studierende unter massivem Druck stehen und nur noch kurze Zeit in
den Hochschulen bleiben. Dies allein ist schon ein großer
Erfolg der heutigen Bewegung.
Obwohl auf viele Forderungen, ganz besonders die der Schüler
und Auszubildenden (noch) überhaupt nicht eingegangen wird,
ist es wichtig festzuhalten: Dank der Proteste verteidigt niemand
mehr die Bachelor- und Masterstudiengänge, sogar die
CDU-Regierung in Niedersachsen will jetzt Reformen einleiten.
Entgegen den im Koalitionsvertrag formulierten Plänen
kündigt Bildungsministerin Annette Schavan an, noch 2010 das
BAföG erhöhen zu wollen. Im Zuge des Streiks wurden an
einigen Hochschulen Räume erkämpft, von wo aus neue
Proteste vorbereitet werden können – besonders wichtig
für Hochschulen, an denen es bisher keine verfaßte
Studierendenschaft gab.
In Dresden und Oldenburg sind Anwesenheitslisten zur Gänze
abgeschafft worden, für die FU und HU in Berlin gilt dies
für das jetzige Semester.
Sprach die Kultusministerkonferenz im Vorfeld der Besetzungen noch
von zarter Kritik am Bachelor in der »akademischen
Öffentlichkeit«, so kündigten die Minister nach dem
erneuten Druck der Straße am 10. Dezember erste
Überarbeitungen von Bologna an: Reduzierung der
Arbeitsbelastung, flexiblere Studiendauer im Bachelor, nur noch
eine Prüfung pro Modul. Was davon wirklich umgesetzt wird,
bleibt abzuwarten. Reale Verbesserungen werden vor allem von der
zukünftigen Stärke der Bewegung abhängen.
Keine Vereinnahmung
Wurde Bildungspolitik lange komplett ohne Befragung, Beratung und
Mitbestimmung der Studierenden gemacht, so gibt es nun – als
ein Resultat des Bildungsstreiks – Gesprächsangebote auf
lokaler und bundesweiter Ebene. Konkret wird den Studierenden von
der Hochschulrektorenkonferenz und der Bundesregierung angeboten,
den Bologna-Gipfel im nächsten Jahr gemeinsam vorzubereiten
und auszurichten.
In diesen Initiativen stecken Gefahren! Denn die professionellen
Verwaltungs- und Expertenapparate der Bildungsminister und
Hochschulrektoren sind uns strukturell überlegen. Nur zu
leicht kann es passieren, daß eine kleine engagierte
Minderheit von Studierenden sich vollkommen in Arbeitsgruppen und
Kommissionen aufsaugen läßt. Das Resultat wäre,
daß wir in einen asymmetrischen Prozeß hineingeraten
und gleichzeitig die Mehrheit der Studierenden davon nichts mehr
mitbekommt und passiv bleibt. Parallel dazu würden die
Aktivistinnen und Aktivisten in den Gremien
»totgearbeitet«.
Trotzdem kann die Teilnahme an diesen Initiativen sinnvoll
sein. Die Studierenden würden nur Kopfschütteln
auslösen, wenn sie die Beteiligung ablehnen würden. Viel
wichtiger ist aber, daß ein gemeinsamer Gipfel auch eine
Gelegenheit darstellt, Kritik und Forderungen des Bildungsstreiks
in der Öffentlichkeit zu präsentieren – auch
gegenüber den Studierenden selbst. Wenn die Forderungen dann
vor aller Augen von den Politikern zurückgewiesen werden,
könnte dies wenigstens einen gemeinsamen Lernprozeß und
eine Radikalisierung mit sich bringen.
Wichtigster Gradmesser für den Umgang mit den
Gesprächsangeboten ist also die Frage nach der Partizipation
aller Studierenden. Wenn jetzt konkrete Mitwirkung gefragt ist,
dann sollten wir einfordern, daß alle Studierenden aktiv
teilnehmen können.
Wenn eine Hochschulleitung mit den Studierenden am runden Tisch
diskutieren will, dann sollten wir einen Diskussionstag in der
Vorlesungszeit bei gleichzeitigem Ausfall aller Lehrveranstaltungen
fordern. Und wenn wir bundesweit den Bologna-Gipfel mitgestalten
sollen, dann nur, wenn die Verhandlungen transparent sind und die
Teilnahme der Studierenden gesichert ist – was natürlich
den Ausfall der Lehrveranstaltungen voraussetzt.
Mindestens 40 Milliarden Euro
Durch den Druck des Bildungsstreiks ist die Regierung bereit zu
Zugeständnissen – allerdings nur, wenn diese nichts
kosten. Alle Novellierungen betreffen die Organisation des
Studiums, die materielle Ausstattung der Hochschulen bleibt
katastrophal.
Mehr Lehrerinnen und Lehrer, kleinere Klassen, neue
Studienplätze und die Abschaffung von
Zugangsbeschränkungen – substantielle Veränderungen
kosten Geld.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beziffert den
dringendsten Bedarf auf mindestens 40 Milliarden Euro. Der
Hochschulpakt der Regierung ist demgegenüber unzureichend, die
Statistik außerdem frisiert. Der Anteil der
Bildungsinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt ist in den letzten
Jahren immer weiter gesunken, obwohl der gesellschaftliche Reichtum
kontinuierlich zugenommen hat. Der derzeitige
Betreuungsschlüssel zeigt, was dies bedeutet:
überfüllte Hörsäle und Seminare, hohe
Durchfallquoten und Knock-out-Prüfungen. Der Status quo wird
zukünftig eher schlechter als besser: Die staatlichen
Rettungsmaßnahmen und Konjunkturpakete haben die Folgen der
Wirtschaftskrise bisher bloß abgefedert, die eigentliche
Abwälzung der Krisenkosten auf die Bevölkerung steht noch
bevor. Die Regierung hat sich durch die Steuerreform und die
Verankerung der Schuldenbremse auf einen strikten Sparkurs
festgelegt, der die öffentlichen Haushalte austrocknen
wird.
Wenn wir uns nicht nur mit kosmetischen Veränderungen
zufriedengeben, sondern auch unter den Bedingungen der Krise
finanzielle Verbesserungen erreichen wollen, müssen wir uns
auf einen gesellschaftlichen Machtkampf vorbereiten. Nur eine
Eskalation des Protestes unsererseits wird die gesellschaftlichen
Kräfteverhältnisse zu unseren Gunsten verschieben.
Mittelfristig Besetzungsstreik
Keine radikale Praxis ohne radikale Theorie (Hochschulkongreß des SDS 2008 in Berlin)
Foto: Jakob Huber
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Die Besetzungswelle an über 50 Hochschulen im Winter war ein
Fortschritt gegenüber den Protesten im Juni. Im besetzten
Hörsaal bestand die Möglichkeit, über alternative
Bildungsformen zu diskutieren, Veranstaltungen anzubieten und den
Protest und seine Ausweitung vorzubereiten.
Da der normale Hochschulbetrieb nebenher weiterging, blieb es
allerdings eine exklusive und individuelle Entscheidung, an den
Protesten teilzunehmen. Die aktivistische Minderheit schaffte es
dadurch nicht, die Proteste auszuweiten. Der Protest wurde von
vielen zwar als wichtig anerkannt, aber auch als zusätzliche
Belastung neben Studium und Job wahrgenommen. Eine gute
Illustration hierfür sind die wöchentlichen
Vollversammlungen: Diese waren gut besucht, eine Mehrheit stimmte
für die Besetzungen, jedoch kehrten die meisten danach in den
Unialltag zurück.
Ein richtiger Besetzungsstreik kann hierfür eine Lösung
sein. Im Unterschied zur Hörsaalbesetzung werden bei einem
Besetzungsstreik alle Gebäude bestreikt, bis der komplette
Lehrbetrieb mit Blockaden an den Eingängen bzw. mit fliegenden
Streikposten lahmgelegt ist. Erst ein solcher Widerstand
ermöglicht es, Arbeits- und Prüfungsstreß
auszuschalten, damit alle Studierenden aktiv an der Bewegung
teilnehmen können.
Wir schlagen vor, mittelfristig auf einen Besetzungsstreik
hinzuarbeiten. Dieser wäre als nächste Stufe des Protests
durchaus vermittelbar. Man hätte die Möglichkeit, mehr
Menschen zu integrieren und den Druck auf Unileitung und Politik
deutlich zu erhöhen.
Der Beschluß eines Besetzungsstreiks muß gut
vorbereitet sein, weil er nur funktionieren kann, wenn die Mehrheit
der Studierenden hinter ihm steht. Dafür ist auch wichtig,
daß allen klar ist, wo und wie die Entscheidung zum
Vollstreik bestätigt oder auch revidiert werden kann: auf den
Vollversammlungen. Von der heutigen Studigeneration gibt es kaum
noch Leute, die Besetzungsstreiks miterlebt haben. Wir sollten uns
mit »alten« Aktiven auseinandersetzen und mit ihnen in
einen Erfahrungsaustausch treten.
Timing für den Bildungsstreik
In jeder Streikbewegung haben bis jetzt die Erst- und Zweitsemester
eine herausragende Rolle gespielt. Die Umstellung des Gymnasiums
auf acht statt neun Jahren Schule verursacht vielleicht die
entscheidende politische Gelegenheit. Denn: 2011 wird in die
Geschichte eingehen als das Jahr mit den meisten Abiturienten. Dann
werden Bayern und Niedersachsen doppelte Abiturjahrgänge
(die letzten Klassen mit neunjährigem, und die ersten mit
achtjährigem Abschluß – d.Red.) an die Hochschulen
schicken. Ein Jahr später rücken Baden-Württemberg,
Bremen, Brandenburg und Berlin nach. Der Höhepunkt wird 2013
erreicht (zehn Prozent mehr Studis als 2008, Quelle:
Kultusministerkonferenz), wenn aus NRW die doppelten Jahrgänge
an die Hochschulen drängen.
Bereits im nächsten Wintersemester werden die ersten
G-8-Jahrgänge (acht statt neunjähriges Gymnasium –
d.Red.) an die Hochschulen strömen. Das schafft in zweierlei
Hinsicht gute Gelegenheiten für Protest. Hunderttausende
zusätzliche Studierende verschärfen die Zustände an
den Hochschulen. Gleichzeitig erhöht sich die Anzahl der Erst-
und Zweitsemester – und damit die Anzahl potentieller
Streikaktivisten.
Mindestens ebenso wichtig ist aber, daß auch die Herrschenden
sich darüber uneinig sein werden, ob die zusätzliche
plötzliche Belastung auch zusätzlicher Maßnahmen
bedarf. Eine solche mögliche »Spaltung der Eliten«
ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg einer
sozialen Bewegung: Sie kann die Uneinigkeit ausnutzen und
Zugeständnisse für die Studierenden erreichen. Diese
Gelegenheit sollten wir nicht verpassen und uns mittelfristig und
sorgfältig darauf vorbereiten.
Bündnisse im Betrieb Hochschule
Die Einführung des Bologna-Systems ist Teil der
fortschreitenden Ökonomisierung der Hochschule. Verwertbarkeit
und Kostenersparnis zählen mehr als gute Lehre und fairer
Lohn. Für Exzellenzcluster gibt es Geld, für
Beschäftigte an den Hochschulen dagegen nicht.
Die Umstände an den Hochschulen, die in manchen Städten
inzwischen die größten Arbeitgeber sind, beschreibt die
GEW: »Befristete Arbeitsverträge sind mittlerweile
für fast alle nichtprofessoralen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler die Regel geworden, die tatsächlich vier
Fünftel der Forschungsarbeit und zwei Drittel der Lehre an
Hochschulen leisten. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
werden auf Basis von Zwangsteilzeitverträgen – auf
halben, Drittel- oder gar Viertelstellen – beschäftigt;
unbezahlte Mehrarbeit wird gleichwohl stillschweigend
erwartet.« Selbst für die Professorinnen und Professoren
bedeutet der Bologna-Prozeß, daß Forschungsvorhaben dem
Zwang zur Drittmitteleinwerbung unterworfen werden.
Die allseitige Betroffenheit von Studierenden,
nichtwissenschaftlichem Personal, dem wissenschaftlichen Mittelbau
und den Lehrenden kann neue Bündnisse möglich
machen.
Wir sollten das Jahr 2010 nutzen, um sowohl auf lokaler wie auf
überregionaler Ebene zu diesem Zweck eine Vernetzung
anzugehen. Vorstellbar wäre, noch Ende dieses Semesters eine
Einladung an Dozenten und Professoren auszusprechen mit dem Ziel,
im nächsten Semester zu einer gemeinsamen Protestperspektive
– an Stelle von bloßer Solidarisierung – zu
kommen. Konkret könnte dies dahin führen, daß diese
bei bundesweiten Aktionstagen zu Semesterbeginn Streikaktivisten in
ihr Seminar oder ihre Vorlesung einladen.
Erste konkrete Beispiele, von der mündlichen Solidarisierung
zu gemeinsamer Protestarbeit überzugehen, gibt es schon. In
Berlin organisierte ver.di im November 2009 den ersten Warnstreik
des Berliner Studentenwerks. Die studentische Vollversammlung wurde
in die Mensa verlegt; über 600 Studis setzten sich mit den
Forderungen der Beschäftigten auseinander und trugen dazu bei,
die Mensa an diesem Tag zu blockieren und Umsatzeinbußen von
20000 Euro zu bewirken.
Gegen Studiengebühren
Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 wird
Hochschulpolitik ein entscheidendes Thema sein. Ein Viertel aller
in der Bundesrepublik immatrikulierten Studierenden lebt in NRW.
Schon jetzt gibt es eine parlamentarische Opposition, die sich
für die Abschaffung von Studiengebühren ausspricht.
In NRW kann die Wahl zu einer Volksabstimmung über
Studiengebühren werden, wenn es gelingt, das Thema
gesellschaftlich in den Vordergrund zu rücken. Daß dies
praktisch funktionieren kann, haben wir in Hessen gesehen. Dort
gelang es der Studierendenbewegung, Studiengebühren zum
zentralen Thema des Wahlkampfs zu machen. Nachdem die CDU um Roland
Koch die Wahlen erneut gewann – er also wieder eine
parlamentarische Mehrheit von Studiengebührenbefürwortern
hinter sich wissen konnte –, blieb es trotzdem bei der
Abschaffung. Denn Koch weiß, daß er keine
gesellschaftliche Mehrheit hinter sich hat – und jeder
Versuch, Studiengebühren einzuführen, brächte eine
erneute Studierendenbewegung hervor.
Ob es in NRW zu einer solchen Entwicklung kommt, hängt
entscheidend von der Bildungsstreikbewegung ab. Die Wahl in NRW ist
von bundesweiter Bedeutung. Nordrhein-Westfalen führt die vier
bevölkerungsreichsten Bundesländer an, in denen noch
immer Studiengebühren existieren. Wenn es uns gelingt, NRW aus
dieser Reihe herauszubrechen, werden auch die anderen
Bundesländer unter Druck geraten.
Gleichzeitig könnten wir nach Hessen und dem Saarland einen
weiteren großen Erfolg erzielen und einen Dominoeffekt zur
Abschaffung von Gebühren auslösen. Mit einer intensiven
bundesweiten Kampagne im Vorfeld der Wahlen und einer
unübersehbaren Großdemonstration gegen
Studiengebühren am 8. Mai, dem Tag vor der Landtagswahl, kann
die Bildungsstreikbewegung die Wahlkampfagenda bestimmen und einen
Beitrag dazu leisten, daß die Wahl in NRW ein
ausstrahlungsstarkes Referendum gegen Studiengebühren
wird.
Das kommende Jahr eröffnet uns viele Möglichkeiten, die
Studierendenbewegung erneut ins Zentrum der gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen zu rücken. Den bevorstehenden Machtkampf
können wir nur gewinnen, wenn wir bereit sind, den Protest zu
eskalieren. Damit sind nicht brennende Barrikaden oder
Straßenschlachten gemeint. Die größte Eskalation
würde darin bestehen, den Protest von dem Projekt einer
engagierten Minderheit zu einer Bewegung aller Studierenden zu
machen. Ein Besetzungsstreik, der den kompletten Lehrbetrieb
lahmlegt, ist hierfür das einzige Mittel. Deswegen ist
für uns ein solcher Streik das Ziel aller mittelfristigen
strategischen Überlegungen.
Organisation in Bewegung
Die in diesem Papier beschriebenen strategischen Ziele sind kein
exklusives Gut unseres Studierendenverbandes. Viele
Bildungsstreikaktivisten teilen einiges davon; die
Perspektiven sind nur im Austausch mit ihnen entstanden.
Gleichzeitig glauben wir, daß die hier präsentierten
Überlegungen auch Ergebnis kollektiver sozialistischer
Organisierung sind. Unsere Hochschulgruppen sind ein ständiger
Ort der Debatte und Weiterentwicklung, die Bundeskongresse
versuchen die Quintessenz der gesammelten Streikerfahrungen zu
destillieren und für kommende Generationen zugänglich zu
machen.
Ein sozialistischer Verband kann versuchen, Lernprozesse
vergangener Streikgenerationen für heute fruchtbar zu machen.
Als Studierendenverband wollen wir einen systematischen Austausch
mit Streikaktivisten von 1968 und 1997/98 organisieren. Aus diesem
Grund haben wir Referentinnen und Referenten aus beiden Bewegungen
zum Bundeskongreß eingeladen.
Steffi Graf und Friederike Benda sind
Geschäftsführerinnen von Die Linke.SDS. Ben Stotz und
Oskar Stolz sind Mitglieder des Bundesvorstandes von Die
Linke.SDS.
Vom 8. bis 10. Januar findet der nächste Bundeskongreß
des Studierendenverbandes Die Linke.SDS in Bochum statt. Dieser
Kongreß wird ganz im Zeichen des Bildungsstreiks stehen. Wir
laden alle Aktivistinnen und Aktivisten des Bildungsstreiks dazu
herzlich ein.
Dieser Artikel ist die gekürzte und um
Zwischenüberschriften ergänzte Version eines Papiers, das
sich unter www.linke-sds.org findet. Dort gibt
es auch alle Informationen zum Bundeskongreß von Die
Linke.SDS.