Gegen die Liebedienerei der Dirigenten Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler: Otto Klemperer (hier in der Kroll-Oper 1931) beugte sich nicht den Nazis und emigrierte in die USA
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Wem sich meine Musik auftut,
der muß frei werden von all dem Elend,
womit sich die anderen Menschen schleppen.
Ludwig van Beethoven
Alljährlich werben zum Jahresende Plakate für die
großen Silversterkonzerte. Ein Musikstück nimmt darin
eine besondere Rolle ein: Beethovens Neunte Symphonie. Zwischen
1822 und 1824 komponiert, wird es bald zum Ausdruck der
revolutionären Bestrebungen des Bürgertums. Ende 1918
eignet sich in Deutschland auch die Arbeiterbewegung das Werk an:
Von nun an erklingt zu Silvester im Leipziger Gewandhaus das
Meisterwerk. Die Nazis mißbrauchen es zur eigenen kulturellen
Zurschaustellung.
Der folgende Text entstand als letztes Kapitel eines Buches, das
2010 unter dem Arbeitstitel »Ankunft in der Freiheit. Essays
gegen den Werteverlust der Zeit« im Berliner Verlag edition
ost erscheinen wird. jW dankt Verleger und Autor für die
freundliche Genehmigung der Veröffentlichung aus dem
Manuskript.
Hanns Eisler leugnete das historisch konkrete Umfeld der Musik
Beethovens nicht; er leitete vielmehr aus ihm ihr übergreifend
Humanes, um Menschlichkeit, Güte, Glück Ringendes, ihre
Universalität, das gemeinsam Erhebende ab, ihren Anspruch,
menschliche Verhältnisse mitzugestalten. Am 3. Dezember 1939
notierte Thomas Mann in Princeton in sein Tagebuch: »IX.
Symphonie per Radio, rührendes Menschheitswerk, stark franz.
Revolution.« Wie kaum ein anderer Komponist war Beethoven von
den Ideen der europäischen Aufklärung, der klassischen
deutschen Philosophie und der französischen Revolution
beeinflußt. Seine Musik richtet sich mit hohem Ethos an die
Welt, um sie zu bessern und zu veredeln. In seinen Tondichtungen
kommen der Freiheitswille, die demokratische Sehnsucht der
aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft
überwältigend zum Ausdruck. Es ist nicht übertrieben
zu sagen, Beethovens Kunst sei die Fortsetzung der
französischen Revolution mit den Mitteln der Musik. In
völliger Kongruenz von Form und Gehalt verherrlicht er im
Chorfinale seiner Symphonie Nr. 9 d-Moll opus 125 (1822–1824)
nach Schillers »Ode an die Freude« persönliche und
politische Freiheit. Kraft und Würde des Schlußsatzes
strahlen Trost, Ruhe und Erhabenheit aus. Diese Symphonie ist
wegweisend für ihre Gattung; sie regte z.B. 65 Jahre
später Gustav Mahler an, am Ende seiner 1. Symphonie ebenfalls
Gesangsstimmen einzusetzen. Für mich ist die
»Neunte« eine völkervereinende Hymne, die der
humanistischen Utopie von der Gleichheit aller Menschen eine
musikalische Form gibt.
Was uns hier interessiert, ist nicht eine musiktheoretische Analyse
der einzelnen Teile des Werks und ihrer Verflechtungen, sondern
eine kurze Darstellung bestimmter Stationen seiner
Rezeptionsgeschichte, um würdigen Gebrauch und unwürdigen
Mißbrauch zu demonstrieren.
Musik der Arbeiterbewegung
Entstanden ist diese Symphonie im Auftrag der Philharmonic Society
London, wo sie am 21. Mai 1825 ihre britische Premiere hatte. Die
Uraufführung fand jedoch schon ein Jahr zuvor, am 7. Mai 1824,
im Kärtnertortheater in Wien statt. Beethoven war in dieser
Zeit schon völlig taub. Beim Schlußsatz las er,
während er dirigierte, die Worte Schillers von den
Mündern der Sänger ab. Sein erster Biograph Anton
Schindler berichtete, daß der Komponist nach dem Finale den
frenetischen Beifall nicht hörte, bis die Sängerin
Caroline Unger ihn behutsam an der Schulter faßte und zum
Publikum drehte. Zwei Wochen später, am 23. Mai 1824, wurde
dieses Konzert im Großen Redoutensaal der Hofburg wiederholt.
Erste Aufführungen folgten 1825 in Frankfurt am Main, 1826 in
Berlin, 1831 in Paris, 1836 in Sankt Petersburg, 1846 in New York,
1853 in Boston, 1855 in Budapest, 1897 in Montreal und 1910 in
Mexiko-Stadt. Zu den Besonderheiten der Aufführungsgeschichte
gehört die japanische Erstaufführung am 1. Juni 1918
durch deutsche Kriegsgefangene im Lager Bando bei Naruto.
Richard Wagner dirigierte 1846, 1847 und 1849 die Neunte Symphonie
während seiner Tätigkeit als Dresdner Hofkapellmeister.
Er hatte 1849 aktiv als Verfasser von Revolutionstraktaten, als
Flugblattverteiler und Bote an den Dresdner Unruhen teilgenommen.
So war es für ihn nur natürlich, daß die
Aufführung vom 1. April 1849 in das allgemeine
revolutionäre Klima hineinwirkte. Danach wurde er verfolgt und
fand in der Schweiz Zuflucht.
Die »Neunte« wurde Bestandteil der Musikfeste des 19.
Jahrhunderts und von Wohltätigkeitskonzerten. Zwischen 1905
und 1933 gehörte sie zu den Schlüsselwerken der
Arbeiterbewegung. »Einen vorläufigen Höhepunkt
stellte das Jahr 1927 dar, in dem das Werk unter Beteiligung stark
besetzter Arbeiterchöre zahlreiche Aufführungen vor
Arbeiterpublikum erlebte.«1 Mit der »Neunten«
entstand nach dem Ersten Weltkrieg in der Arbeiterbewegung die bis
heute wirkende Tradition der Silvesteraufführungen. Dieser
Brauch hat seinen Ursprung in Leipzig. Der Musikwissenschaftler
Werner Wolf schrieb dazu: »Von 1862 bis 1914 erklang die
Symphonie alljährlich am Ende einer Gewandhaus-Saison für
die zum größten Teil dem wohlhabenden Bürgertum
angehörenden Anrechtsinhaber. Nach dem Ende des verlorenen
Ersten Weltkrieges herrschte trotz aller materiellen und auch
seelischen Not eine Aufbruchstimmung in der Arbeiterbewegung.
(…) Der Kunst wurde große Bedeutung zugemessen. Rudolf
Franz, Feuilletonredakteur und Autor der Leipziger Volkszeitung,
hatte den Gedanken, für die Arbeiter eine würdige (nicht
mit Alkohol endende) Silvesterfeier mit Beethovens
›Neunter‹ zu gestalten. Selbst im Leipziger
Arbeiter-Bildungs-Institut aktiv, gewann er dessen Leiter Barnet
Licht für diese Idee. Und beide fanden im
Gewandhaus-Kapellmeister Arthur Nikisch den entscheidenden Partner
für die Gestaltung einer ›Friedens- und Freiheits-Feier
in der Silvesternacht 1918‹. (…) Der Beginn des
Konzertes wurde so angesetzt, daß zum Jahreswechsel Schlag 12
der Finalsatz mit Friedrich Schillers ›Ode an die
Freude‹ begann. (…) Fortan veranstaltete das
Arbeiter-Bildungs-Institut mit dem Gewandhaus-Orchester bis 1932
alljährliche Silvesterkonzerte mit unterschiedlichen
Programmen, zu denen meist eine Beethoven-Symphonie gehörte.
Arbeiter hatten die Möglichkeit erhalten, Konzerte mit dem
Gewandhaus-Orchester zu erleben, denn die üblichen
Gewandhaus-Konzerte blieben weiterhin eine Sache der
Anrechtsinhaber aus dem Bürgertum. Auch Arthur Nikischs
Nachfolger Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter waren ohne
Zögern bereit, diese dann 1933 von den braunen Machthabern
abgeschafften Konzerte zu dirigieren. Nach Ende des Zweiten
Weltkrieges besannen sich die neuen, für die Kultur
Verantwortlichen der Stadt Leipzig dieser
Silvestertradition«, 2 die sich über das Ende der DDR
hinaus erhielt, nicht nur in Leipzig.
»Aufnordung« durch Nazis
1952 verwendete man zu offiziellen Anlässen vielfach Schillers
»Ode an die Freude« in der Vertonung Beethovens als
westdeutsche Ersatzhymne, bis das von den Nazis genußvoll und
willkommen als Nationalhymne genutzte und dadurch furchtbar
belastete Deutschlandlied nach der Melodie vom Beginn des zweiten
Satzes des sogenannten »Kaiserquartetts« Joseph Haydns
und dem Text Hoffmann von Fallerslebens in gekappter Form wieder
die offizielle Hymne der BRD wurde. Bereits Pierre Coubertin
empfahl das Hauptmotiv des Schlußchors als offizielle
olympische Hymne; bei den Olympischen Spielen 1956, 1960 und 1964
trat jeweils eine gesamtdeutsche Mannschaft unter den Klängen
der »Ode an die Freude« an, da eine gesamtdeutsche
Hymne fehlte.
1967 erklärte die NATO die »Freude-Melodie« zur
offiziellen Gesamthymne. »Alle Menschen werden
Brüder« als Motto eines aggressiven Militärpaktes?
Vielleicht mit klingendem Spiel intoniert zu Ehren der
Kampfpiloten, die 1999 mit elektronisch gesteuerter Präzision
ihre Bomben auf Belgrad, die Brücke von Varvarin und andere
zivile Ziele warfen? Seit 1972 war diese Melodie Hymne des
Europarates, und die Instrumentalversion Herbert von Karajans
ist seit 1985 Hymne der Europäischen Union.
Daniel Barenboim dirigierte die »Neunte« bei einem
Open-Air-Konzert auf dem August-Bebel-Platz neben der Berliner
Staatsoper. Mit seinem »West Eastern Divan Orchestra«
mit jungen Musikern aus Israel und arabischen Ländern erwarb
er sich ganz im Sinne Beethovens große Verdienste um die
Verständigung der Völker. Am 4.September 2001 wurde die
Originalpartitur der »Neunten«, die in der
Autographensammlung der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wird,
in das Weltdokumentenerbe (Memory of the World) der UNESCO
aufgenommen; aus diesem Anlaß dirigierte Justus Frantz das
Werk mit der Philharmonie der Nationen im Konzerthaus Berlin. Der
Erlös eines Benefizkonzerts mit der Neunten Symphonie kam 2008
dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses zugute. Wozu muß ein
kriegszerstörtes Hohenzollernschloß als
herrschaftsgewünschtes Prestigeobjekt wiedererstehen, wenn
zuvor ein Haus des Volkes in einem Racheakt bis auf die Grundmauern
vernichtet wurde? Weshalb braucht man dafür ausgerechnet
Beethoven? Ist er lediglich ein willkommener
Weihrauchlieferant?
Und was ist mit den Silvesterkonzerten in Leipzig? Jährlich am
31. Dezember wird die Symphonie vom Gewandhaus-Orchester, dem
Gewandhaus-Chor sowie dem Kinderchor des MDR aufgeführt und
live im Fernsehen übertragen. Aber: »Die
›Neunte‹ wird jetzt wieder zu einer Angelegenheit
für gut Betuchte mit stolzen Preisen von 76,63 Euro und 51
Euro am Silvestertag, 64,51 Euro und 39 Euro am 30. und auch nicht
gerade geringen 51,41 und 32 Euro am 29. Dezember. Für jene,
die sich das leisten können, gehört es wieder zum guten
Ton, sich in Sektlaune und neuer Robe gezeigt zu haben. Von der
Idee des Jahres 1918 ist nichts mehr übriggeblieben.«3
In seinem »Heiligenstädter Testament« hatte
Beethoven geschrieben: »Empfehlt euren Kindern Tugend, sie
nur allein kann glücklich machen, nicht Geld.«
Der polnische Fernsehkanal TVP KULTURA zeigt einen alten
Dokumentarfilm. Goebbels sitzt in der ersten Reihe als
Uniformierter unter Uniformierten; hinter ihm Hunderte ebenfalls
soldatisch Gekleidete; vor ihm ein Dirigent, ein Orchester und ein
großer Chor. Der Dirigent ist nicht zu erkennen, weil er der
Kamera den Rücken zeigt. Die Chordamen tragen schwarze
Röcke, weiße Blusen und zopfgewickelte Maidenfrisuren.
Der Konzertsaal sieht aus wie die alte, kurz vor Kriegsende noch
nicht zerstörte Berliner Philharmonie. Der Chor jubelt:
»Laufet, Brüder, eure Bahn, / Freudig, wie ein Held zum
Siegen«. Triumphierend und Beifall heischend wendet sich
Goebbels mit Blicken und Gesten zu den maßgeschneiderten
Zuhörern um: Hört, welche Herrlichkeit! Seht, was wir
können! Begeistert euch! Das war 1944, als er die suggestive
Frage »Wollt ihr den totalen Krieg?!« schon fanatisch
herausgebrüllt und die ausgeblutete deutsche Wehrmacht
aufgerufen hatte, in den Kampf zu ziehen »wie in einen
Gottesdienst«. Beethovens »Neunte« im
zwölfjährigen Tausendjährigen Reich. Das Erhabene
einer revolutionären Idee in katastrophaler, perverser
Aneignung. Das Ideal der Autonomie des Subjekts in
menschenwürdigen Verhältnissen, eine heroische Vision
wird schamlos entehrt. »Denn auch die Rüstung eines
Volkes ist nur dann moralisch berechtigt, wenn sie Schild und
Schwert einer höheren Mission ist«, so hatte Hitler auf
dem Reichsparteitag der NSDAP 1937 pseudosakral die
»Vorsehung« beschworen.
Auch in den Jahren 1933 bis 1944 wurde die »Neunte« oft
aufgeführt. Sie war u.a. von Alfred Rosenberg in die
völkische Ideologie eingeordnet worden, als er 1927 in einer
Gedenkrede zum 100. Todestag Beethovens Persönlichkeit auf die
»willensheroischen« Charakterzüge reduzierte, die
für das deutsche Volk vorbildlich seien, und den
Verbrüderungsgedanken ausklammerte. »Wie ein Titan aus
Urweltszeiten«, dozierte er, »bändigt und
entfesselt Beethoven noch heute die Menschenherzen; gerade heute
mehr denn je. Heute gärt die ganze Welt und will keinen
Klassizismus, kein harmonisch Formales, sondern Willenhaftes,
Romantisches, Gotisches.« Auch Schiller wurde
»aufgenordet« und im faschistischen Sinne rezipiert.
1932 gab z.B. der Jurist und Geschäftsführer der
Reichstagsfraktion der NSDAP Hans Fabricius das Buch
»Schiller als Kampfgenosse Hitlers. Nationalsozialismus in
Schillers Dramen« heraus. Das hatte seine Wurzeln schon im
19. Jahrhundert, als man kulturelle Gedenktage nationalpolitisch
mißbrauchte und in Dürer, Luther, Goethe, Schiller oder
Beethoven vordergründig die großen Deutschen, die
Deutschesten der Deutschen sah. Seinen grotesken,
widerwärtigen Höhepunkt fand das im »Dritten
Reich« als menschenverachtende, voller Rassenhaß
vollzogene Selbstüberhebung deutscher Größe und
deutschen Wesens. Am Ende stand das Chaos.
Thomas Mann läßt im »Doktor Faustus« den
Erzähler Serenus Zeitblom die letzten Zeilen seiner
Erinnerungen an den Komponisten Adrian Leverkühn 1944/45 im
zerstörten München schreiben. Das
»Staatsungeheuer« hat »seine Orgien
ausgefeiert«. Was in den Konzentrationslagern geschah,
»übertrifft an Scheußlichkeit alles, was
menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen kann«.
Leverkühn war 1940 nach längerer geistiger Umnachtung
gestorben. Er hinterließ eine Symphonische Kantate »Dr.
Fausti Weheklag«: »Ein ungeheures Variationenwerk der
Klage – negativ verwandt als solches dem Finale der Neunten
Symphonie mit seinen Variationen des Jubels«. »Kein
Zweifel, mit dem Blick auf Beethovens ›Neunte‹, als
ihr Gegenstück in des Wortes schwermütigster Bedeutung
ist es geschrieben, (…) eine herbe, stolze Sinnverkehrung
(…) und es bleibt das Menschliche doch.«
Hanns Eisler hatte die unheilvolle kulturpolitische Entwicklung in
Nazideutschland aus dem Exil verfolgt. 1938 stellte er die Frage,
ob die Faschisten die »Neunte« übernehmen
können, und verneinte sie kategorisch: »Bei ihnen
müßten doch die Worte ganz anders lauten, nämlich
so: ›Alle Menschen werden Brüder, mit Ausnahme
sämtlicher Völker, deren Land wir annektieren wollen, mit
Ausnahme der Juden, der Neger und vieler anderer.‹ Dieser
Beethoven ist kein Zeuge für die faschistische Diktatur
… .«4
Dem Schwindel kein Ohr leihen
Auch Thomas Mann war – wie man in seinen Tagebüchern
nachlesen kann – ein aufmerksamer Beobachter. Am 21.
März 1933 schrieb er in der Schweiz zornig nieder, daß
Richard Strauss ein Konzert übernahm, das man dem Dirigenten
Bruno Walter entzogen hatte, und daß Wilhelm Furtwängler
eine von der Reichsregierung angeordnete Aufführung der
»Meistersinger« dirigierte. Beide bezeichnete er
verächtlich als Lakaien. Oder er kommentierte am 27. Januar
1934 einen »idiotischen Angriff« auf seine Person im
Nürnberger Stürmer: »Die Fortdauer der Wut im
vollen Siege ist das Merkwürdige. Warum hassen und schimpfen
diese Leute noch immer weiter? Fühlen sie sich unsicher?
Glauben sie nicht an ihren Sieg?« (Ähnlichkeiten mit der
Gegenwart sind nicht ganz zufällig.) Er hörte über
sein Radio Konzerte und Opernaufführungen aus Deutschland, oft
mit innerem Widerstreben: »Allem, was von dort kommt, fehlt
die Unschuld.«
Nachdem Furtwängler sich öffentlich für den
befeindeten Kollegen Paul Hindemith eingesetzt hatte und aus allen
Ämtern entlassen worden war, nachdem auch Richard Strauss
Solidarität mit Furtwängler demonstriert hatte, kam doch
am Ende für Thomas Mann die Enttäuschung:
Furtwängler unterschrieb eine Loyalitätserklärung
für die Naziregierung, und Strauss schickte Goebbels ein
begeistertes Glückwunschtelegramm, unterzeichnet mit
»Heil Hitler«, zu einer »Kulturrede«.
»Wie sieht es in diesen Köpfen aus?«,
überlegte Thomas Mann. Und später fragte er weiter, ob
die Unterwerfung Furtwänglers, die von den Oberen mit Gnaden
aufgenommen worden war, auch vom Publikum begrüßt werde.
Eine persönliche Begegnung Thomas Manns mit Furtwängler,
die auf Betreiben des Dirigenten am 22. Mai 1936 in Küsnacht
zustande gekommen war, verlief enttäuschend; Thomas Mann
beschrieb das Auftreten Furtwänglers als »schwimmend,
ausweichend«.
Wenig später artikulierte er wieder sein Unbehagen über
eine von Furtwängler dirigierte Aufführung des
»Lohengrin« in Bayreuth: »Das deutsche Drum und
Dran, die Ansagen von der Gegenwart des Führers und der
Parteigrößen (…) – grauenhaft. Die
Vorstellung, daß dieser idiotische Schurke von Hitler da
süß-heldische Romantik ›genießt‹,
während sozialistische Arbeiter gefoltert werden und ein
hündisches Gericht den André5, nachdem es alle
Entlastungsaussagen unterdrückt, zum Tode verurteilt –
über alle Maßen ekelhaft. Man hätte nicht
zuhören sollen, dem Schwindel nicht sein Ohr leihen, da man im
Grunde doch alle, die dabei mittun, verachtet.«
Immer wieder stellt Thomas Mann die unbeugsame Haltung der
Dirigenten Otto Klemperer und Bruno Walter gegen die Liebedienerei
von Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler. Die Berliner
Philharmoniker, das »Reichsorchester«, spielten unter
der Schirmherrschaft von Joseph Goebbels und unter dem Dirigat
Furtwänglers als einziges deutsches Orchester überhaupt
bis zum furchtbaren Ende weiter. Ein Foto zeigt Furtwängler
beim Dirigieren eines »Werkpausenkonzerts«; vor der
Bühne ein Spruchband: »Wir kapitulieren nie!«;
hinter dem Orchester ein riesiges, umkränztes, grell
beleuchtetes Foto Adolf Hitlers. Das letzte Konzert vor Kriegsende
fand am 16. April 1945 statt. »Kann«, so Mathias Runitz
im Neuen Deutschland, »die Liebe zur Musik taub machen? Haben
die Orchestermitglieder, geschützt unter ihrer
›musikalischen Glasglocke‹, wirklich nicht
wahrgenommen, was außerhalb von Proben und Konzerten
geschieht? War es Angst um die eigene Existenz oder war es
Ignoranz, die diese Musiker selbst im Bombenhagel noch Beethoven
spielen ließ? (…) Im Mai 1945 trafen sich die Musiker
bereits zur Besprechung des Neubeginns. Bis heute sind die Berliner
Philharmoniker ein Orchester von Weltrang geblieben. Für die
Zeit von 1933 bis 1945 scheint sich heute niemand sonderlich zu
interessieren.«6 In einer Rezension des Buches »Das
Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der
Nationalsozialismus« schreibt Katharina Schulze:
»Während der Ära Herbert von Karajan
(1954–1989) waren Diskussionen über das Naziregime
(…) ›wegen Karajans eng an die Geheimnisse der
NS-Zeit gebundener persönlicher Geschichte‹ tabuisiert.
Wie Wilhelm Furtwängler gehörte das NSDAP-Mitglied
Karajan 1945 zu denen, die die US-amerikanische Information Control
Division ›aus dem Musikleben entfernt‹ wissen wollte.
Beide erfuhren erst im Ergebnis amerikanisch-sowjetischer
Spannungen eine mildere Behandlung.«7
Wenn man von Furtwängler oder Karajan dirigierte
Aufführungen der Neunten Symphonie vor oder nach Kriegsende
erlebte, mußte man das mitdenken. Schon 1941 verbot Hitler
Schillers »Wilhelm Tell« auf deutschen Bühnen und
in deutschen Schulen. Nachdem bei »Don
Carlos«-Aufführungen der Satz »Sire, geben Sie
Gedankenfreiheit!« immer wieder Szenenapplaus erhielt,
verschwand auch dieses Schauspiel von deutschen Bühnen (siehe
jW-Thema vom 6. und 11.11.2009). Ebenso ließen sich in bezug
auf Beethovens »Neunte« – je mehr das Ende der
faschistischen Herrschaft heranrückte – die
Widersprüche nicht mehr vernebeln. »Bezeichnend für
die Unvereinbarkeit mit der NS-Ideologie«, schreibt Andreas
Eichhorn, »ist der Umstand, daß im Frühjahr 1944
eine deutsch-polnische Gemeinschaftsaufführung der Neunten
Symphonie im besetzten Krakau mit der Begründung abgesagt
wird, die Neunte sei im Reich nicht mehr erwünscht.«8
Die Unausweichlichkeit der finalen Katastrophe machte dem
lügenhaften Gebrauch ein vorläufiges Ende.
1 Andreas Eichhorn: Beethovens Neunte Symphonie. Die Geschichte
ihrer Aufführung und Rezeption, Kasseler Schriften zur Musik,
Bd. 3, Kassel 1993, S. 321 f.
2 Werner Wolf: Beethovens »Neunte« bald unbezahlbar?,
in: Unsere Zeit – Zeitung der DKP vom 4.1.2008, S. 6
3 Ebd.
4 Hanns Eisler: Mit Musik kämpfen, in: ders., Musik und
Politik. Schriften Addenda, Leipzig 1983, S. 45 f.
5 Etkar André war Mitglied der KPD und Mitbegründer des
Rotfrontkämpfer-Bundes an der Wasserkante. André wurde
im März 1933 von den Nazis verhaftet und im November 1936
hingerichtet
6 Mathias Runitz: Goebbels’ schützende Hand. Als die
Berliner Philharmoniker »Das Reichsorchester« waren,
in: Neues Deutschland vom 2.11.2007, S. 11
7 Katharina Schulze: Die letzten Ahnungslosen. Begleitmusik zum
Hitlerfaschismus. Buch und Film zur Geschichte der Berliner
Philharmoniker, in:
junge Welt vom 19.11.2007, S. 13
8 Andreas Eichhorn: Beethovens Neunte Symphonie, a. a. O., S.
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Peter Michel ist Kunstwissenschaftler und Publizist, er arbeitet im
Bundesvorstand der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und
Menschenwürde e.V. (GBM) und ist Sprecher des Arbeitskreises
Kultur der GBM. Zu DDR-Zeiten war er Chefredakteur der Zeitschrift
Bildende Kunst
Lesen Sie Teil 2 (und Schluß) in der Wochenendausgabe