31.12.2009 / Thema / Seite 10Inhalt

Das deutsche Drum und Dran

Kultur. Ludwig van Beethovens IX. Symphonie. Teil 1: Wege eines Werks

Von Peter Michel
Gegen die Liebedienerei der Dirigenten Richard Strauss und
Wilhe
Gegen die Liebedienerei der Dirigenten Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler: Otto Klemperer (hier in der Kroll-Oper 1931) beugte sich nicht den Nazis und emigrierte in die USA
Wem sich meine Musik auftut,
der muß frei werden von all dem Elend,
womit sich die anderen Menschen schleppen.

Ludwig van Beethoven

Alljährlich werben zum Jahresende Plakate für die großen Silversterkonzerte. Ein Musikstück nimmt darin eine besondere Rolle ein: Beethovens Neunte Symphonie. Zwischen 1822 und 1824 komponiert, wird es bald zum Ausdruck der revolutionären Bestrebungen des Bürgertums. Ende 1918 eignet sich in Deutschland auch die Arbeiterbewegung das Werk an: Von nun an erklingt zu Silvester im Leipziger Gewandhaus das Meisterwerk. Die Nazis mißbrauchen es zur eigenen kulturellen Zurschaustellung.

Der folgende Text entstand als letztes Kapitel eines Buches, das 2010 unter dem Arbeitstitel »Ankunft in der Freiheit. Essays gegen den Werteverlust der Zeit« im Berliner Verlag edition ost erscheinen wird. jW dankt Verleger und Autor für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung aus dem Manuskript.

Hanns Eisler leugnete das historisch konkrete Umfeld der Musik Beethovens nicht; er leitete vielmehr aus ihm ihr übergreifend Humanes, um Menschlichkeit, Güte, Glück Ringendes, ihre Universalität, das gemeinsam Erhebende ab, ihren Anspruch, menschliche Verhältnisse mitzugestalten. Am 3. Dezember 1939 notierte Thomas Mann in Princeton in sein Tagebuch: »IX. Symphonie per Radio, rührendes Menschheitswerk, stark franz. Revolution.« Wie kaum ein anderer Komponist war Beethoven von den Ideen der europäischen Aufklärung, der klassischen deutschen Philosophie und der französischen Revolution beeinflußt. Seine Musik richtet sich mit hohem Ethos an die Welt, um sie zu bessern und zu veredeln. In seinen Tondichtungen kommen der Freiheitswille, die demokratische Sehnsucht der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft überwältigend zum Ausdruck. Es ist nicht übertrieben zu sagen, Beethovens Kunst sei die Fortsetzung der französischen Revolution mit den Mitteln der Musik. In völliger Kongruenz von Form und Gehalt verherrlicht er im Chorfinale seiner Symphonie Nr. 9 d-Moll opus 125 (1822–1824) nach Schillers »Ode an die Freude« persönliche und politische Freiheit. Kraft und Würde des Schlußsatzes strahlen Trost, Ruhe und Erhabenheit aus. Diese Symphonie ist wegweisend für ihre Gattung; sie regte z.B. 65 Jahre später Gustav Mahler an, am Ende seiner 1. Symphonie ebenfalls Gesangsstimmen einzusetzen. Für mich ist die »Neunte« eine völkervereinende Hymne, die der humanistischen Utopie von der Gleichheit aller Menschen eine musikalische Form gibt.

Was uns hier interessiert, ist nicht eine musiktheoretische Analyse der einzelnen Teile des Werks und ihrer Verflechtungen, sondern eine kurze Darstellung bestimmter Stationen seiner Rezeptionsgeschichte, um würdigen Gebrauch und unwürdigen Mißbrauch zu demonstrieren.

Musik der Arbeiterbewegung

Entstanden ist diese Symphonie im Auftrag der Philharmonic Society London, wo sie am 21. Mai 1825 ihre britische Premiere hatte. Die Uraufführung fand jedoch schon ein Jahr zuvor, am 7. Mai 1824, im Kärtnertortheater in Wien statt. Beethoven war in dieser Zeit schon völlig taub. Beim Schlußsatz las er, während er dirigierte, die Worte Schillers von den Mündern der Sänger ab. Sein erster Biograph Anton Schindler berichtete, daß der Komponist nach dem Finale den frenetischen Beifall nicht hörte, bis die Sängerin Caroline Unger ihn behutsam an der Schulter faßte und zum Publikum drehte. Zwei Wochen später, am 23. Mai 1824, wurde dieses Konzert im Großen Redoutensaal der Hofburg wiederholt. Erste Aufführungen folgten 1825 in Frankfurt am Main, 1826 in Berlin, 1831 in Paris, 1836 in Sankt Petersburg, 1846 in New York, 1853 in Boston, 1855 in Budapest, 1897 in Montreal und 1910 in Mexiko-Stadt. Zu den Besonderheiten der Aufführungsgeschichte gehört die japanische Erstaufführung am 1. Juni 1918 durch deutsche Kriegsgefangene im Lager Bando bei Naruto.

Richard Wagner dirigierte 1846, 1847 und 1849 die Neunte Symphonie während seiner Tätigkeit als Dresdner Hofkapellmeister. Er hatte 1849 aktiv als Verfasser von Revolutionstraktaten, als Flugblattverteiler und Bote an den Dresdner Unruhen teilgenommen. So war es für ihn nur natürlich, daß die Aufführung vom 1. April 1849 in das allgemeine revolutionäre Klima hineinwirkte. Danach wurde er verfolgt und fand in der Schweiz Zuflucht.

Die »Neunte« wurde Bestandteil der Musikfeste des 19. Jahrhunderts und von Wohltätigkeitskonzerten. Zwischen 1905 und 1933 gehörte sie zu den Schlüsselwerken der Arbeiterbewegung. »Einen vorläufigen Höhepunkt stellte das Jahr 1927 dar, in dem das Werk unter Beteiligung stark besetzter Arbeiterchöre zahlreiche Aufführungen vor Arbeiterpublikum erlebte.«1 Mit der »Neunten« entstand nach dem Ersten Weltkrieg in der Arbeiterbewegung die bis heute wirkende Tradition der Silvesteraufführungen. Dieser Brauch hat seinen Ursprung in Leipzig. Der Musikwissenschaftler Werner Wolf schrieb dazu: »Von 1862 bis 1914 erklang die Symphonie alljährlich am Ende einer Gewandhaus-Saison für die zum größten Teil dem wohlhabenden Bürgertum angehörenden Anrechtsinhaber. Nach dem Ende des verlorenen Ersten Weltkrieges herrschte trotz aller materiellen und auch seelischen Not eine Aufbruchstimmung in der Arbeiterbewegung. (…) Der Kunst wurde große Bedeutung zugemessen. Rudolf Franz, Feuilletonredakteur und Autor der Leipziger Volkszeitung, hatte den Gedanken, für die Arbeiter eine würdige (nicht mit Alkohol endende) Silvesterfeier mit Beethovens ›Neunter‹ zu gestalten. Selbst im Leipziger Arbeiter-Bildungs-Institut aktiv, gewann er dessen Leiter Barnet Licht für diese Idee. Und beide fanden im Gewandhaus-Kapellmeister Arthur Nikisch den entscheidenden Partner für die Gestaltung einer ›Friedens- und Freiheits-Feier in der Silvesternacht 1918‹. (…) Der Beginn des Konzertes wurde so angesetzt, daß zum Jahreswechsel Schlag 12 der Finalsatz mit Friedrich Schillers ›Ode an die Freude‹ begann. (…) Fortan veranstaltete das Arbeiter-Bildungs-Institut mit dem Gewandhaus-Orchester bis 1932 alljährliche Silvesterkonzerte mit unterschiedlichen Programmen, zu denen meist eine Beethoven-Symphonie gehörte. Arbeiter hatten die Möglichkeit erhalten, Konzerte mit dem Gewandhaus-Orchester zu erleben, denn die üblichen Gewandhaus-Konzerte blieben weiterhin eine Sache der Anrechtsinhaber aus dem Bürgertum. Auch Arthur Nikischs Nachfolger Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter waren ohne Zögern bereit, diese dann 1933 von den braunen Machthabern abgeschafften Konzerte zu dirigieren. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges besannen sich die neuen, für die Kultur Verantwortlichen der Stadt Leipzig dieser Silvestertradition«, 2 die sich über das Ende der DDR hinaus erhielt, nicht nur in Leipzig.

»Aufnordung« durch Nazis

1952 verwendete man zu offiziellen Anlässen vielfach Schillers »Ode an die Freude« in der Vertonung Beethovens als westdeutsche Ersatzhymne, bis das von den Nazis genußvoll und willkommen als Nationalhymne genutzte und dadurch furchtbar belastete Deutschlandlied nach der Melodie vom Beginn des zweiten Satzes des sogenannten »Kaiserquartetts« Joseph Haydns und dem Text Hoffmann von Fallerslebens in gekappter Form wieder die offizielle Hymne der BRD wurde. Bereits Pierre Coubertin empfahl das Hauptmotiv des Schlußchors als offizielle olympische Hymne; bei den Olympischen Spielen 1956, 1960 und 1964 trat jeweils eine gesamtdeutsche Mannschaft unter den Klängen der »Ode an die Freude« an, da eine gesamtdeutsche Hymne fehlte.

1967 erklärte die NATO die »Freude-Melodie« zur offiziellen Gesamthymne. »Alle Menschen werden Brüder« als Motto eines aggressiven Militärpaktes? Vielleicht mit klingendem Spiel intoniert zu Ehren der Kampfpiloten, die 1999 mit elektronisch gesteuerter Präzision ihre Bomben auf Belgrad, die Brücke von Varvarin und andere zivile Ziele warfen? Seit 1972 war diese Melodie Hymne des Europa­rates, und die Instrumentalversion Herbert von Karajans ist seit 1985 Hymne der Europäischen Union.

Daniel Barenboim dirigierte die »Neunte« bei einem Open-Air-Konzert auf dem August-Bebel-Platz neben der Berliner Staatsoper. Mit seinem »West Eastern Divan Orchestra« mit jungen Musikern aus Israel und arabischen Ländern erwarb er sich ganz im Sinne Beethovens große Verdienste um die Verständigung der Völker. Am 4.September 2001 wurde die Originalpartitur der »Neunten«, die in der Autographensammlung der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt wird, in das Weltdokumentenerbe (Memory of the World) der UNESCO aufgenommen; aus diesem Anlaß dirigierte Justus Frantz das Werk mit der Philharmonie der Nationen im Konzerthaus Berlin. Der Erlös eines Benefizkonzerts mit der Neunten Symphonie kam 2008 dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses zugute. Wozu muß ein kriegszerstörtes Hohenzollernschloß als herrschaftsgewünschtes Prestigeobjekt wiedererstehen, wenn zuvor ein Haus des Volkes in einem Racheakt bis auf die Grundmauern vernichtet wurde? Weshalb braucht man dafür ausgerechnet Beethoven? Ist er lediglich ein willkommener Weihrauchlieferant?

Und was ist mit den Silvesterkonzerten in Leipzig? Jährlich am 31. Dezember wird die Symphonie vom Gewandhaus-Orchester, dem Gewandhaus-Chor sowie dem Kinderchor des MDR aufgeführt und live im Fernsehen übertragen. Aber: »Die ›Neunte‹ wird jetzt wieder zu einer Angelegenheit für gut Betuchte mit stolzen Preisen von 76,63 Euro und 51 Euro am Silvestertag, 64,51 Euro und 39 Euro am 30. und auch nicht gerade geringen 51,41 und 32 Euro am 29. Dezember. Für jene, die sich das leisten können, gehört es wieder zum guten Ton, sich in Sektlaune und neuer Robe gezeigt zu haben. Von der Idee des Jahres 1918 ist nichts mehr übriggeblieben.«3 In seinem »Heiligenstädter Testament« hatte Beethoven geschrieben: »Empfehlt euren Kindern Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld.«

Der polnische Fernsehkanal TVP KULTURA zeigt einen alten Dokumentarfilm. Goebbels sitzt in der ersten Reihe als Uniformierter unter Uniformierten; hinter ihm Hunderte ebenfalls soldatisch Gekleidete; vor ihm ein Dirigent, ein Orchester und ein großer Chor. Der Dirigent ist nicht zu erkennen, weil er der Kamera den Rücken zeigt. Die Chordamen tragen schwarze Röcke, weiße Blusen und zopfgewickelte Maidenfrisuren. Der Konzertsaal sieht aus wie die alte, kurz vor Kriegsende noch nicht zerstörte Berliner Philharmonie. Der Chor jubelt: »Laufet, Brüder, eure Bahn, / Freudig, wie ein Held zum Siegen«. Triumphierend und Beifall heischend wendet sich Goebbels mit Blicken und Gesten zu den maßgeschneiderten Zuhörern um: Hört, welche Herrlichkeit! Seht, was wir können! Begeistert euch! Das war 1944, als er die suggestive Frage »Wollt ihr den totalen Krieg?!« schon fanatisch herausgebrüllt und die ausgeblutete deutsche Wehrmacht aufgerufen hatte, in den Kampf zu ziehen »wie in einen Gottesdienst«. Beethovens »Neunte« im zwölfjährigen Tausendjährigen Reich. Das Erhabene einer revolutionären Idee in katastrophaler, perverser Aneignung. Das Ideal der Autonomie des Subjekts in menschenwürdigen Verhältnissen, eine heroische Vision wird schamlos entehrt. »Denn auch die Rüstung eines Volkes ist nur dann moralisch berechtigt, wenn sie Schild und Schwert einer höheren Mission ist«, so hatte Hitler auf dem Reichsparteitag der NSDAP 1937 pseudosakral die »Vorsehung« beschworen.

Auch in den Jahren 1933 bis 1944 wurde die »Neunte« oft aufgeführt. Sie war u.a. von Al­fred Rosenberg in die völkische Ideologie eingeordnet worden, als er 1927 in einer Gedenkrede zum 100. Todestag Beethovens Persönlichkeit auf die »willensheroischen« Charakterzüge reduzierte, die für das deutsche Volk vorbildlich seien, und den Verbrüderungsgedanken ausklammerte. »Wie ein Titan aus Urweltszeiten«, dozierte er, »bändigt und entfesselt Beethoven noch heute die Menschenherzen; gerade heute mehr denn je. Heute gärt die ganze Welt und will keinen Klassizismus, kein harmonisch Formales, sondern Willenhaftes, Romantisches, Gotisches.« Auch Schiller wurde »aufgenordet« und im faschistischen Sinne rezipiert. 1932 gab z.B. der Jurist und Geschäftsführer der Reichstagsfraktion der NSDAP Hans Fabricius das Buch »Schiller als Kampfgenosse Hitlers. Nationalsozialismus in Schillers Dramen« heraus. Das hatte seine Wurzeln schon im 19. Jahrhundert, als man kulturelle Gedenktage nationalpolitisch mißbrauchte und in Dürer, Luther, Goethe, Schiller oder Beethoven vordergründig die großen Deutschen, die Deutschesten der Deutschen sah. Seinen grotesken, widerwärtigen Höhepunkt fand das im »Dritten Reich« als menschenverachtende, voller Rassenhaß vollzogene Selbstüberhebung deutscher Größe und deutschen Wesens. Am Ende stand das Chaos.

Thomas Mann läßt im »Doktor Faustus« den Erzähler Serenus Zeitblom die letzten Zeilen seiner Erinnerungen an den Komponisten Adrian Leverkühn 1944/45 im zerstörten München schreiben. Das »Staatsungeheuer« hat »seine Orgien ausgefeiert«. Was in den Konzentra­tionslagern geschah, »übertrifft an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen kann«. Leverkühn war 1940 nach längerer geistiger Umnachtung gestorben. Er hinterließ eine Symphonische Kantate »Dr. Fausti Weheklag«: »Ein ungeheures Variationenwerk der Klage – negativ verwandt als solches dem Finale der Neunten Symphonie mit seinen Variationen des Jubels«. »Kein Zweifel, mit dem Blick auf Beethovens ›Neunte‹, als ihr Gegenstück in des Wortes schwermütigster Bedeutung ist es geschrieben, (…) eine herbe, stolze Sinnverkehrung (…) und es bleibt das Menschliche doch.«

Hanns Eisler hatte die unheilvolle kulturpolitische Entwicklung in Nazideutschland aus dem Exil verfolgt. 1938 stellte er die Frage, ob die Faschisten die »Neunte« übernehmen können, und verneinte sie kategorisch: »Bei ihnen müßten doch die Worte ganz anders lauten, nämlich so: ›Alle Menschen werden Brüder, mit Ausnahme sämtlicher Völker, deren Land wir annektieren wollen, mit Ausnahme der Juden, der Neger und vieler anderer.‹ Dieser Beethoven ist kein Zeuge für die faschistische Diktatur … .«4

Dem Schwindel kein Ohr leihen

Auch Thomas Mann war – wie man in seinen Tagebüchern nachlesen kann – ein aufmerksamer Beobachter. Am 21. März 1933 schrieb er in der Schweiz zornig nieder, daß Richard Strauss ein Konzert übernahm, das man dem Dirigenten Bruno Walter entzogen hatte, und daß Wilhelm Furtwängler eine von der Reichsregierung angeordnete Aufführung der »Meistersinger« dirigierte. Beide bezeichnete er verächtlich als Lakaien. Oder er kommentierte am 27. Januar 1934 einen »idiotischen Angriff« auf seine Person im Nürnberger Stürmer: »Die Fortdauer der Wut im vollen Siege ist das Merkwürdige. Warum hassen und schimpfen diese Leute noch immer weiter? Fühlen sie sich unsicher? Glauben sie nicht an ihren Sieg?« (Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind nicht ganz zufällig.) Er hörte über sein Radio Konzerte und Opernaufführungen aus Deutschland, oft mit innerem Widerstreben: »Allem, was von dort kommt, fehlt die Unschuld.«

Nachdem Furtwängler sich öffentlich für den befeindeten Kollegen Paul Hindemith eingesetzt hatte und aus allen Ämtern entlassen worden war, nachdem auch Richard Strauss Solidarität mit Furtwängler demonstriert hatte, kam doch am Ende für Thomas Mann die Enttäuschung: Furtwängler unterschrieb eine Loyalitätserklärung für die Naziregierung, und Strauss schickte Goebbels ein begeistertes Glückwunschtelegramm, unterzeichnet mit »Heil Hitler«, zu einer »Kulturrede«. »Wie sieht es in diesen Köpfen aus?«, überlegte Thomas Mann. Und später fragte er weiter, ob die Unterwerfung Furtwänglers, die von den Oberen mit Gnaden aufgenommen worden war, auch vom Publikum begrüßt werde. Eine persönliche Begegnung Thomas Manns mit Furtwängler, die auf Betreiben des Dirigenten am 22. Mai 1936 in Küsnacht zustande gekommen war, verlief enttäuschend; Thomas Mann beschrieb das Auftreten Furtwänglers als »schwimmend, ausweichend«.

Wenig später artikulierte er wieder sein Unbehagen über eine von Furtwängler dirigierte Aufführung des »Lohengrin« in Bayreuth: »Das deutsche Drum und Dran, die Ansagen von der Gegenwart des Führers und der Parteigrößen (…) – grauenhaft. Die Vorstellung, daß dieser idiotische Schurke von Hitler da süß-heldische Romantik ›genießt‹, während sozialistische Arbeiter gefoltert werden und ein hündisches Gericht den André5, nachdem es alle Entlastungsaussagen unterdrückt, zum Tode verurteilt – über alle Maßen ekelhaft. Man hätte nicht zuhören sollen, dem Schwindel nicht sein Ohr leihen, da man im Grunde doch alle, die dabei mittun, verachtet.«

Immer wieder stellt Thomas Mann die unbeugsame Haltung der Dirigenten Otto Klemperer und Bruno Walter gegen die Liebedienerei von Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler. Die Berliner Philharmoniker, das »Reichsorchester«, spielten unter der Schirmherrschaft von Joseph Goebbels und unter dem Dirigat Furtwänglers als einziges deutsches Orchester überhaupt bis zum furchtbaren Ende weiter. Ein Foto zeigt Furtwängler beim Dirigieren eines »Werkpausenkonzerts«; vor der Bühne ein Spruchband: »Wir kapitulieren nie!«; hinter dem Orchester ein riesiges, umkränztes, grell beleuchtetes Foto Adolf Hitlers. Das letzte Konzert vor Kriegsende fand am 16. April 1945 statt. »Kann«, so Mathias Runitz im Neuen Deutschland, »die Liebe zur Musik taub machen? Haben die Orchestermitglieder, geschützt unter ihrer ›musikalischen Glasglocke‹, wirklich nicht wahrgenommen, was außerhalb von Proben und Konzerten geschieht? War es Angst um die eigene Existenz oder war es Ignoranz, die diese Musiker selbst im Bombenhagel noch Beethoven spielen ließ? (…) Im Mai 1945 trafen sich die Musiker bereits zur Besprechung des Neubeginns. Bis heute sind die Berliner Philharmoniker ein Orchester von Weltrang geblieben. Für die Zeit von 1933 bis 1945 scheint sich heute niemand sonderlich zu interessieren.«6 In einer Rezension des Buches »Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus« schreibt Katharina Schulze: »Während der Ära Herbert von Karajan (1954–1989) waren Diskussionen über das Naziregime (…) ›wegen Karajans eng an die Geheimnisse der NS-Zeit gebundener persönlicher Geschichte‹ tabuisiert. Wie Wilhelm Furtwängler gehörte das NSDAP-Mitglied Karajan 1945 zu denen, die die US-amerikanische Information Control Division ›aus dem Musikleben entfernt‹ wissen wollte. Beide erfuhren erst im Ergebnis amerikanisch-sowjetischer Spannungen eine mildere Behandlung.«7

Wenn man von Furtwängler oder Karajan dirigierte Aufführungen der Neunten Symphonie vor oder nach Kriegsende erlebte, mußte man das mitdenken. Schon 1941 verbot Hitler Schillers »Wilhelm Tell« auf deutschen Bühnen und in deutschen Schulen. Nachdem bei »Don Carlos«-Aufführungen der Satz »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« immer wieder Szenenapplaus erhielt, verschwand auch dieses Schauspiel von deutschen Bühnen (siehe jW-Thema vom 6. und 11.11.2009). Ebenso ließen sich in bezug auf Beethovens »Neunte« – je mehr das Ende der faschistischen Herrschaft heranrückte – die Widersprüche nicht mehr vernebeln. »Bezeichnend für die Unvereinbarkeit mit der NS-Ideologie«, schreibt Andreas Eichhorn, »ist der Umstand, daß im Frühjahr 1944 eine deutsch-polnische Gemeinschaftsaufführung der Neunten Symphonie im besetzten Krakau mit der Begründung abgesagt wird, die Neunte sei im Reich nicht mehr erwünscht.«8 Die Unausweichlichkeit der finalen Katastrophe machte dem lügenhaften Gebrauch ein vorläufiges Ende.

1 Andreas Eichhorn: Beethovens Neunte Symphonie. Die Geschichte ihrer Aufführung und Rezeption, Kasseler Schriften zur Musik, Bd. 3, Kassel 1993, S. 321 f.

2 Werner Wolf: Beethovens »Neunte« bald unbezahlbar?, in: Unsere Zeit – Zeitung der DKP vom 4.1.2008, S. 6

3 Ebd.

4 Hanns Eisler: Mit Musik kämpfen, in: ders., Musik und Politik. Schriften Addenda, Leipzig 1983, S. 45 f.

5 Etkar André war Mitglied der KPD und Mitbegründer des Rotfrontkämpfer-Bundes an der Wasserkante. André wurde im März 1933 von den Nazis verhaftet und im November 1936 hingerichtet

6 Mathias Runitz: Goebbels’ schützende Hand. Als die Berliner Philharmoniker »Das Reichsorchester« waren, in: Neues Deutschland vom 2.11.2007, S. 11

7 Katharina Schulze: Die letzten Ahnungslosen. Begleitmusik zum Hitlerfaschismus. Buch und Film zur Geschichte der Berliner Philharmoniker, in: junge Welt vom 19.11.2007, S. 13

8 Andreas Eichhorn: Beethovens Neunte Symphonie, a. a. O., S. 338

Peter Michel ist Kunstwissenschaftler und Publizist, er arbeitet im Bundesvorstand der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) und ist Sprecher des Arbeitskreises Kultur der GBM. Zu DDR-Zeiten war er Chefredakteur der Zeitschrift Bildende Kunst

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