21.12.2009 / Ausland / Seite 8Inhalt

»Die Hände waren so stark gebunden, daß sie bluteten«

Polizeigewalt gegen Klimaschützer in Kopenhagen: Sammelklage in Vorbereitung. Ein Gespräch mit Viviana Uriona

Interview: Claudia Wangerin
Bild 1
Viviana Uriona ist Radioreporterin und Mitglied im Vorstand des Bundesverbands freier Radios. Während der Klimakonferenz in Kopenhagen wurde sie von der dänischen Polizei festgenommen

Wie kam es zu Ihrer Festnahme durch die dänische Polizei während der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen?

Am Mittwoch wollte ich von einer gewaltfreien Massenaktion berichten, zu der mit den Worten »Reclaim the Power« aufgerufen wurde. Durch mein Aufnahmegerät war ich als Medienvertreterin zu erkennen. Als ich aufzeichnete, wie jemand festgenommen wurde, stürzten sich zwei Polizeibeamte auf mich. Mehrmals wurde ich zu Boden gestoßen. Als ich nach dem Grund fragte, sagten sie mir, ich solle die Klappe halten, ich sei ja gar nicht verhaftet, sondern nur vorläufig festgenommen. Mit Kabelbindern wurden meine Hände so stark zusammengebunden, daß sie bluteten. Als ich mich beschwerte, kam eine Polizistin, zog sie noch fester und meinte: »So ist das Leben!« Als ich später das Legal Team anrufen wollte, sagten sie mir grinsend, das sei nicht nötig, weil ich ja nicht verhaftet sei. Zehn Stunden habe ich in der Gefangenensammelstelle zugebracht. Als ich einen Arzt sprechen wollte, weil ich seit der Festnahme Rückenschmerzen hatte und meine Handgelenke angeschwollen waren, war angeblich kein Mediziner erreichbar.

Wie sah es in der Sammelstelle aus?

Das war eine große Lagerhalle mit mehreren Menschenkäfigen, wie man sie bereits vom G-8-Gipfel in Rostock-Heiligendamm kennt. Die Grundfläche ist etwa zwei mal 4,5 Meter. Zum Teil befanden sich zwölf bis 20 Personen darin. Bevor wir nach Geschlechtern getrennt in die Käfige kamen, mußten wir Jacken und Schuhe ausziehen. Als einige von uns nach Stunden Wasser haben wollten, setzte die Polizei Pfefferspray ein. Weil daraufhin die Dämpfe durch die Halle zogen, wurden die großen Tore bis zu 40 Minuten geöffnet, um zu lüften. Und das, nachdem wir unsere Jacken abgeben mußten!

Ich war eine der wenigen, die wenigstens einen Pullover behalten konnten – und selbst ich bin immer noch erkältet. Die meisten der Jungen durften nur ein T-Shirt anbehalten. Einschüchternd wirkt das auf mich allerdings nicht – und auf andere, mit denen ich gesprochen habe, auch nicht. In Kopenhagen hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Abkehr vom kapitalistischen System ist, das den effektiven Schutz von Mensch und Umwelt behindert.

Einige Teilnehmer der Protest­aktionen während der Klimakonferenz waren längere Zeit in Gewahrsam oder befinden sich immer noch in U-Haft. Hatten Sie in den letzten Tagen Kontakt zu ihnen?

Am Samstag nachmittag wurde Tadzio Müller freigelassen, einer der Sprecher des Netzwerks Climate Justice Action, der am Dienstag direkt nach einer Pressekonferenz festgenommen worden war. Zwei Radioreporterinnen aus Rostock sitzen immer noch in Untersuchungshaft. Dort bleiben sie voraussichtlich bis zum 23. Dezember. Sie haben anscheinend bei einer Aktion fotografiert, bei der die Polizei sehr brutal vorgegangen ist.

Einer der beiden Frauen wird vorgeworfen, sie habe einen Polizisten geschubst.

Das ist schwer nachvollziehbar. Es steht wohl Aussage gegen Aussage, das scheint der Grund für die U-Haft zu sein. Die Polizisten, die bei dieser Aktion im Einsatz waren, dürften aber mit ihren Kampfmonturen mindestens doppelt so schwer sein wie diese Mädchen. Es gibt Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie die Polizei eine Gruppe von Menschen herumstößt, in der sich auch Medienvertreter befinden.

Ich sehe keinen Grund, warum jemand Polizisten schubsen sollte, der für einen alternativen Radiosender unterwegs ist, um von einer Protestaktion zu berichten.

Am Tag Ihrer Festnahme wurden rund 300 Klimaschützer in den Menschenkäfigen untergebracht. »Climate Justice Action« zählte während des Klimagipfels innerhalb von sechs Tagen 1800 bis 2000 Ingewahrsamnahmen. Was folgt daraus für die Betroffenen?

Es muß eine öffentliche Diskussion über die Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit und der Pressefreiheit in Dänemark geben. Die Europäische Union muß offen sagen, ob sie sich in diese Richtung weiterentwickeln will. Das dänische Legal-Support-Team bietet eine Klage im Namen aller Betroffenen an, die es dazu bevollmächtigen. Ich überlege, mich dieser Sammelklage anzuschließen oder zusätzlich als Einzelperson Rechtsmittel einzulegen.
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