Viviana Uriona ist Radioreporterin und Mitglied im Vorstand des
Bundesverbands freier Radios. Während der Klimakonferenz in
Kopenhagen wurde sie von der dänischen Polizei
festgenommen
Wie kam es zu Ihrer Festnahme durch die dänische
Polizei während der UN-Klimakonferenz in
Kopenhagen?
Am Mittwoch wollte ich von einer gewaltfreien Massenaktion
berichten, zu der mit den Worten »Reclaim the Power«
aufgerufen wurde. Durch mein Aufnahmegerät war ich als
Medienvertreterin zu erkennen. Als ich aufzeichnete, wie jemand
festgenommen wurde, stürzten sich zwei Polizeibeamte auf mich.
Mehrmals wurde ich zu Boden gestoßen. Als ich nach dem Grund
fragte, sagten sie mir, ich solle die Klappe halten, ich sei ja gar
nicht verhaftet, sondern nur vorläufig festgenommen. Mit
Kabelbindern wurden meine Hände so stark zusammengebunden,
daß sie bluteten. Als ich mich beschwerte, kam eine
Polizistin, zog sie noch fester und meinte: »So ist das
Leben!« Als ich später das Legal Team anrufen wollte,
sagten sie mir grinsend, das sei nicht nötig, weil ich ja
nicht verhaftet sei. Zehn Stunden habe ich in der
Gefangenensammelstelle zugebracht. Als ich einen Arzt sprechen
wollte, weil ich seit der Festnahme Rückenschmerzen hatte und
meine Handgelenke angeschwollen waren, war angeblich kein Mediziner
erreichbar.
Wie sah es in der Sammelstelle aus?
Das war eine große Lagerhalle mit mehreren
Menschenkäfigen, wie man sie bereits vom G-8-Gipfel in
Rostock-Heiligendamm kennt. Die Grundfläche ist etwa zwei mal
4,5 Meter. Zum Teil befanden sich zwölf bis 20 Personen darin.
Bevor wir nach Geschlechtern getrennt in die Käfige kamen,
mußten wir Jacken und Schuhe ausziehen. Als einige von uns
nach Stunden Wasser haben wollten, setzte die Polizei Pfefferspray
ein. Weil daraufhin die Dämpfe durch die Halle zogen, wurden
die großen Tore bis zu 40 Minuten geöffnet, um zu
lüften. Und das, nachdem wir unsere Jacken abgeben
mußten!
Ich war eine der wenigen, die wenigstens einen Pullover behalten
konnten – und selbst ich bin immer noch erkältet. Die
meisten der Jungen durften nur ein T-Shirt anbehalten.
Einschüchternd wirkt das auf mich allerdings nicht – und
auf andere, mit denen ich gesprochen habe, auch nicht. In
Kopenhagen hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Abkehr vom
kapitalistischen System ist, das den effektiven Schutz von Mensch
und Umwelt behindert.
Einige Teilnehmer der Protestaktionen während
der Klimakonferenz waren längere Zeit in Gewahrsam oder
befinden sich immer noch in U-Haft. Hatten Sie in den letzten Tagen
Kontakt zu ihnen?
Am Samstag nachmittag wurde Tadzio Müller freigelassen, einer
der Sprecher des Netzwerks Climate Justice Action, der am Dienstag
direkt nach einer Pressekonferenz festgenommen worden war. Zwei
Radioreporterinnen aus Rostock sitzen immer noch in
Untersuchungshaft. Dort bleiben sie voraussichtlich bis zum 23.
Dezember. Sie haben anscheinend bei einer Aktion fotografiert, bei
der die Polizei sehr brutal vorgegangen ist.
Einer der beiden Frauen wird vorgeworfen, sie habe einen
Polizisten geschubst.
Das ist schwer nachvollziehbar. Es steht wohl Aussage gegen
Aussage, das scheint der Grund für die U-Haft zu sein. Die
Polizisten, die bei dieser Aktion im Einsatz waren, dürften
aber mit ihren Kampfmonturen mindestens doppelt so schwer sein wie
diese Mädchen. Es gibt Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist,
wie die Polizei eine Gruppe von Menschen herumstößt, in
der sich auch Medienvertreter befinden.
Ich sehe keinen Grund, warum jemand Polizisten schubsen sollte, der
für einen alternativen Radiosender unterwegs ist, um von einer
Protestaktion zu berichten.
Am Tag Ihrer Festnahme wurden rund 300 Klimaschützer
in den Menschenkäfigen untergebracht. »Climate Justice
Action« zählte während des Klimagipfels innerhalb
von sechs Tagen 1800 bis 2000 Ingewahrsamnahmen. Was folgt daraus
für die Betroffenen?
Es muß eine öffentliche Diskussion über die
Einschränkungen der Demonstrationsfreiheit und der
Pressefreiheit in Dänemark geben. Die Europäische Union
muß offen sagen, ob sie sich in diese Richtung
weiterentwickeln will. Das dänische Legal-Support-Team bietet
eine Klage im Namen aller Betroffenen an, die es dazu
bevollmächtigen. Ich überlege, mich dieser Sammelklage
anzuschließen oder zusätzlich als Einzelperson
Rechtsmittel einzulegen.