02.12.2009 / Titel / Seite 1Inhalt

Daimler auf dem Sprung

Von Karl Neumann, Sindelfingen
Daimler-Vorstand bringt Stuttgarter Automobilarbeiter gegen
sich
Daimler-Vorstand bringt Stuttgarter Automobilarbeiter gegen sich auf: Auch Porsche-Beschäftigte solidarisierten sich
Tausende Beschäftigte des Autobauers Daimler haben am Dienstag mit Arbeitsniederlegungen gegen eine drohende Verlagerung der C-Klasse-Produktion aus dem Werk Sindelfingen protestiert. Allein während der Frühschicht beteiligten sich rund 12000 Arbeiter und Angestellte, unter ihnen zahlreiche Beschäftigte anderer Metallfirmen der Stuttgarter Region, an einer Kundgebung vor dem Werkstor. Betriebsrat und IG Metall erwarteten für den späten Dienstag nachmittag eine Entscheidung des Konzernvorstands. Daimler prüft, ob das bestverkaufte Mercedes-Modell statt in Sindelfingen künftig u.a. in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama gefertigt wird. Im deutschen Südwesten stünden in diesem Fall nicht nur die 4500 Arbeitsplätze in der C-Klasse-Fertigung, sondern darüber hinaus rund 2000 Jobs bei regionalen Zulieferern zur Disposition.

»Die C-Klasse ist eine Erfolgsgeschichte und ein wichtiges Stück Zukunft für Daimler und die Region«, betonte der Zweite Bevollmächtigte der Stuttgarter IG Metall, Uwe Meinhardt, vor den Demonstranten. Er verwies darauf, daß der in der »Zukunftssicherung« festgeschriebene Ausschluß betriebsbedingter Kündi­gungen bei Auslaufen des aktuellen Modells im Jahr 2013 nicht mehr gilt. »Wir brauchen deshalb sofort eine Aussage des Konzernvorstands, daß sich niemand im Unternehmen Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muß«, forderte Meinhardt.

»Entlassungen kommen überhaupt nicht in Frage«, betonte auch Betriebsratschef Erich Klemm, der auch Vorsitzender des Daimler-Gesamtbetriebsrats ist. Einen erneuten Lohnverzicht wie 1996 und 2004 – als die Daimler-Spitze ebenfalls mit der Drohung, die C-Klasse zu verlagern, deutliche Einschnitte bei Einkommen und Arbeitsbedingungen durchsetzte– schloß Klemm auf jW-Nachfrage aus. »Wir haben hier schon sehr viel gemacht. Zudem spricht der Vorstand selbst von strategischen Überlegungen und nicht von Kostensenkung.«

Begründet wird das Vorhaben von der Konzernleitung vor allem mit Wechselkursschwankungen. Durch den niedrig bewerteten Dollar verteuerten sich die Exporte in den wichtigen Absatzmarkt Nordamerika. Während eine Arbeitsstunde in Tuscaloosa 30 Euro koste, seien es in Sindelfingen 50, heißt es. »Das hat nichts mit dem Lohn zu tun, sondern mehr mit dem Dollarkurs«, erläuterte Klemm. Doch wisse niemand, wie die Währungen im Jahr 2014 zueinander stehen werden. »Eine solch schwerwiegende Entscheidung, die Konsequenzen für Tausende Arbeitsplätze hat, auf der Basis von Spekulationen zu treffen, ist falsch«, kritisierte er.

Sollte die Strategie, die Produktion dorthin zu verlagern, wo die Autos verkauft werden, von anderen Unternehmen der exportorientierten Branche nachgeahmt werden, »dann gehen hier bald die Lichter aus«, sagte Klemm voraus.

Der sonst eher diplomatisch auftretende Klemm gab sich auf der Kundgebung kämpferisch. »Wir werden die Arbeitsplätze nicht kampflos ins Nirwana verschwinden lassen«, betonte er und kündigte für Mittwoch außerordentliche Betriebsversammlungen an. Auch weitergehende Aktionen schloß der Betriebsratsvorsitzende nicht aus. Für Samstag seien beispielsweise vier »Flexi-Schichten« geplant. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese stattfinden, wenn eine Entscheidung gegen uns gefällt wird.«
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