Jubel der Finanzwelt: Die Börse boomt, seitdem zahlreiche Regierungen die Geldhähne aufgedreht haben (Hongkong, 14.10.2.2008)
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Der Aufschwung ist da! Die größte Weltwirtschaftskrise
der Nachkriegsgeschichte konnte nach Ansicht des
geschäftsführenden Direktors des Internationalen
Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, bereits Anfang
Oktober überwunden werden. »Die Weltwirtschaft hat die
Wende geschafft«, erklärte Strauss-Kahn am 2. Oktober
bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Jahrestagung von IWF und
Weltbank in Istanbul. In diesem Jahr werde nach Einschätzung
des Währungsfonds die Weltwirtschaft noch um 1,1 Prozent
schrumpfen, doch die Wachstumsprognosen für 2010 erhöhte
der IWF bereits von 2,5 Prozent auf 3,1 Prozent.
Dennoch mußte auch der Währungsfond-Chef zugeben,
daß der Kapitalismus sich zusehends zu einer
äußerst exklusiven Angelegenheit entwickelt. Es
bestünden weiterhin »Abwärtsrisiken« für
die weltweite Wirtschaftserholung, insbesondere der Anstieg der
Arbeitslosigkeit sei »besorgniserregend«. Diese werde
nach Einschätzung des IWF-Direktors trotz einsetzenden
»Aufschwungs« noch die nächsten »zehn bis
zwölf Monate« global steigen. Folglich müßten
die »konjunkturstützenden Maßnahmen«
fortgeführt werden, um die Erholung nicht zu gefährden.
Diese sei hauptsächlich auf die staatlichen
Stützungsmaßnahmen zurückzuführen, betonte
Strauss-Kahn. Da die private Nachfrage zu schwach sei, müsse
die öffentliche dies ausgleichen.
Konjunktur auf Pump
In der Tat waren es vor allem die staatlichen Konjunkturpakete, die
einen regelrechten Absturz der Weltwirtschaft in diesem Jahr
verhindern konnten. Laut dem Kieler Institut für
Weltwirtschaft (IfW) beliefen sich die diesbezüglichen
staatlichen Aufwendungen zur Stützung der stotternden
kapitalistischen Verwertungsmaschinerie auf zirka drei Billionen
US-Dollar, was in etwa 4,7 Prozent des Welteinkommens entspricht.
Mit Konjunkturmaßnahmen in Höhe von 972 Milliarden
US-Dollar sind allein die Vereinigten Staaten für 35 Prozent
dieser globalen Gesamtausgaben verantwortlich, die immerhin 7,1
Prozent des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP)
entsprechen. In Relation zur eigenen Wirtschaftsleistung werden
diese Aufwendungen aber von dem chinesischen Konjunkturpaket weit
in den Schatten gestellt. Die 586 Milliarden US-Dollar, die Peking
insgesamt zur Stützung der Wirtschaft aufwendet, entsprechen
sage und schreibe 14 Prozent des chinesischen BIP – und
tragen maßgeblich zu dessen weiterem rasanten Anstieg bei.
China ist somit für 20 Prozent der globalen staatlichen
Konjunkturausgaben verantwortlich. Die wirtschaftlichen
Stimulierungsmaßnahmen der EU und Japans erreichen hingegen
noch einen Anteil von jeweils zirka 15 Prozent an den weltweiten
staatlichen Konjunkturausgaben.
Angesichts dieser teilweise gigantischen Aufwendungen scheint ein
Wirtschaftswachstum, wie es beispielsweise in Japan oder den USA im
vergangenen Quartal realisiert wurde, doch äußerst
bescheiden. Für die Vereinigten Staaten wird ein Wachstum im
dritten Quartal von 3,2 Prozent gegenüber dem
Vorjahreszeitraum prognostiziert, in Japan legte bereits im zweiten
Quartal das BIP um 0,9 Prozent zu. Selbst das rasante Wachstum
Chinas von 8,9 Prozent im dritten Quartal 2009 relativiert sich
unter Berücksichtigung dieser enormen – 14 Prozent des
BIP umfassenden! – Konjunkturspritze.
Es dürfte klar sein, daß langfristig solch eine
staatlich betriebene Defizitkonjunktur nicht aufrecht erhalten
werden kann, da sie die betreffenden Staaten unweigerlich in den
Bankrott treiben würde. Der IWF warnte beispielsweise bereits,
daß Japans Staatsverschuldung im kommenden Jahr
schwindelerregende 227 Prozent des BIP dieser
zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt umfassen wird.
Noch in diesem Jahr soll die Staatsverschuldung der Vereinigten
Staaten Prognosen zufolge auf beinahe 13 Billionen US-Dollar
ansteigen und somit nahezu 90 Prozent des BIP betragen. Allein im
vergangenen Haushaltsjahr 2008/2009 konnte Washington ein
Haushaltsdefizit von rund 1,4 Billionen US-Dollar anhäufen.
Dieser US-Schuldenrekord bedrohe die Weltwirtschaft, titelte die
Financial Times Deutschland Anfang Oktober. »Die
Schuldenkrise«, zitierte das Blatt den Wirtschaftsprofessor
John Taylor, »stellt ein größeres Risiko für
das Wirtschaftssystem dar als die Finanzkrise«. Dem
Stanford-Ökonomen entgeht offensichtlich die simple Tatsache,
daß die sich zuspitzende Schuldenkrise nichts weiter als eine
Folge der als »Finanzkrise« mißverstandenen
Weltwirtschaftskrise ist.
Die große Geldflut
Ben Bernanke, derzeitiger Chef der US-Notenbank Fed, erhielt seinen
Spitznamen »Helikopter-Ben« nach einer Vorlesung im
Jahr 2002, während der er scherzhaft erklärte, notfalls
Geld auch aus Hubschraubern abzuwerfen und so unter das Volk zu
bringen, um einer drohenden Rezession und Deflation
entgegenzuwirken. Die derzeitige expansive Geldpolitik der USA ist
tatsächlich von diesem Szenario nicht weit entfernt. Neben den
umfangreichen Konjunkturhilfen bildet eine regelrechte Geldflut,
die sich vor allem aus den US-amerikanischen und chinesischen
Notenbanken ergießt, eine weitere wichtige Triebkraft des
derzeitigen Pseudoaufschwungs.
Insbesondere die US-Notenbank hat eine gewaltige Geldmenge in die
Wirtschaft gepumpt. Die monetäre Basis – also das auch
als Geldmenge »M 0« bezeichnete, von der Zentralbank in
Umlauf gebrachte Geld – ist in den USA im Jahr 2008 um 75
Prozent gestiegen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, daß
2008 der US-Leitzins noch zwischen vier und zwei Prozent lag. Erst
im Dezember 2008 schaffte die Fed den Leitzins de facto ab, indem
sie ihn auf 0,13 Prozent senkte. Das
Wirtschaftsforschungsunternehmen Laffer Associates geht davon aus,
daß die Geldmenge »M 0« folglich in diesem Jahr
sogar um über 100 Prozent wachsen könne (siehe jW vom
24.11.2009, S. 9). Dies stellt historisch einen einmaligen Vorgang
dar, weil selbst während der Inflationsperiode in den 70er
Jahren die monetäre Basis der Vereinigten Staaten nie um mehr
als 18 Prozent gestiegen war. Dieser Liquiditätsschub spiegelt
sich auch im realen Bargeldumlauf (der Geldmenge »M 1«)
wider, die – wohlgemerkt in der schwersten Rezession der
Nachkriegsgeschichte – um 16 bis 18 Prozent innerhalb des
letzten Jahres anschwellte. Wiederum sei hier darauf hingewiesen,
daß selbst in 70er Jahren die Geldmenge »M 1«
niemals um mehr als zehn Prozent binnen eines Jahres anwuchs.
In China scheint die expansive Geldpolitik auf den ersten Blick
regelrecht exzessive Ausmaße erreicht zu haben, doch gilt es
zu bedenken, daß die Volksrepublik immerhin noch ein
stattliches Wachstum von nahezu neun Prozent im zweiten Quartal
dieses Jahres verbuchen konnte. Dennoch steht ein Anschwellen der
Geldmenge »M 1« um zeitweise bis zu 30 Prozent in
diesem Jahr in keinerlei Verhältnis zu diesem
Wirtschaftswachstum. In den vier Boomjahren bis Ende 2008, als
China zumeist zweistellige Zuwachsraten beim Wirtschaftswachstum
verzeichnen konnte, pendelte das Geldmengenwachstum nur zwischen 14
und 18 Prozent. Anders aber als in den USA legt im Reich der Mitte
mit der Geldmenge auch die Kreditvergabe rasant zu. Allein im
ersten Halbjahr 2009 vergaben die chinesischen Banken Kredite in
Höhe von umgerechnet 736 Milliarden Euro – dies ist eine
Verdreifachung des Kreditvolumens im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum! Da der chinesische Staat immer noch großen
Einfluß auf die Kreditpolitik der Finanzinstitute hat, kann
er die Kreditvergabe lenken und muß nicht unbedingt die
Leitzinsen radikal senken. In China bildet sich somit eine
klassische Defizitkonjunktur aus, bei der ausartende Verschuldung
die Nachfrage stimuliert und die Konjunktur belebt. Genau dies
Phänomen charakterisierte die Volkswirtschaft der Vereinigten
Staaten vor dem Platzen der Immobilienblase.
Diese expansive Geldpolitik mitsamt enormen Konjunkturprogrammen
wirken nicht nur in China als die wichtigsten Triebkräfte des
derzeitigen Aufschwungs. Auch die europäische Zentralbank hat
den Leitzins von mehr als vier Prozent auf nur noch ein Prozent im
Rahmen der Krisenbekämpfung gesenkt. In Großbritannien
beträgt der Leitzins inzwischen sogar lediglich 0,5 Prozent.
Neben der rasant ansteigenden Staatsverschuldung, die inzwischen
eine kaum noch aufrechtzuerhaltende Dynamik erreicht hat, wirkt
mittelfristig auch diese expansive Geldpolitik destabilisierend auf
das gesamte kapitalistische Weltsystem – bis hin zu einer
durchaus möglichen Hyperinflation.
Staat verhindert Platzen …
Blick auf die Realität: Für die Bevölkerung bleibt nichts als Schulden (Bonn, 14.1.2009)
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Doch vorerst wirkt diese Geldflut wie eine Droge, die eine letzte,
rauschende Spekulationsparty auf den Weltfinanzmärkten
befördert. Das Grundprinzip hierbei ist relativ einfach:
Sobald die Notenbanken nur genügend Geld ins System
hineinpumpen, steigt irgendwo eine Spekulationsblase auf. Das
Geldmengenwachstum »zwinge Investoren geradezu in den
Aktienmarkt«, da sicheren Geldanlagen eine Entwertung
drohe, kommentierte der Gründer des
Marktforschungsunternehmens Sentix gegenüber dem
ARD-Börsenmagazin die weltweit steigenden Aktienkurse. Dies
ist auch ein Grund, weshalb es derzeit keine überhandnehmenden
inflationären Tendenzen in der Realwirtschaft gibt – es
findet schlicht eine Inflation der Wertpapierpreise auf den
Börsen statt.
Die staatlichen Konjunkturprogramme mitsamt der expansiven
Geldpolitik dienen vor allem dazu, die bereits seit Dekaden sich
immer stärker ausprägende Defizit- und
Spekulationskonjunktur in Staatsregie fortzuführen. Man
könnte von einer Verstaatlichung der vormals durch private
Verschuldung angefeuerten Defizitkonjunktur sprechen. Mit der seit
der Jahrhundertwende etablierten globalen
»Blasenökonomie« wird nach der Asienkrise
(1997/98), der Dot-Com-Blase (2001) und der Immobilienbonanza
(2007) mit der jüngsten Aktienrallye ein weiteres Kapitel
aufgeschlagen. Doch es kann bereits jetzt als gesichert
festgestellt werden, daß die »positiven«,
konjunkturbelebenden Momente der derzeitigen Blasenbildung bei
weitem nicht so ausgeprägt sein werden wie bei der zuletzt
geplatzten Immobilienblase in den USA.
Der ehemals bei der US-Investmentbank Morgan Stanley als
Ökonom tätige Analyst Andy Xie spricht in diesem
Zusammenhang von einer globalen
»Liquiditätsblase«, die ja aufgrund der expansiven
Geldpolitik der Notenbanken im Steigen begriffen ist. Eine solche
auf exzessiver Liquidität basierende Blase kann aber laut Xie
nicht lange aufrechterhalten werden, da ihre
»Multiplikatoreffekte auf die Gesamtökonomie
begrenzt« seien. Die Wachstumsphase einer spekulativen Blase
hängt demnach von ihrer Fähigkeit ab, die breite
Nachfrage zu stimulieren. Am längsten könnten Xie zufolge
Spekulationen mit neuen Technologien und im Immobiliensektor
aufrechterhalten werden.
Insbesondere die gesamtökonomischen Auswirkungen der 2007
geplatzten Immobilienblase waren »vielfältig«, da
sie Investitionen und Konsum in der realen Wirtschaft stimuliert.
Auch die 2000 geplatzte »Technologieblase«, bei der die
»Investoren die Auswirkungen einer neuen Technologie auf
Unternehmensgewinne überschätzten«, führe
vermittels übermäßiger Investitionen in den neuen,
betroffenen Industriesektor zu einer ökonomischen Belebung.
Bei der sich nun entfaltenden Liquiditätsblase bleibt die
stimulierende Wirkung auf die reale Wirtschaft auf den
»Wealth Effekt« (Reichtumseffekt) begrenzt, bei dem
erfolgreiche Spekulationsteilnehmer während der Boomphase
einer Blasenbildung einen Teil ihrer Spekulationsgewinne für
Konsumausgaben aufwenden. Solche Blasen platzen sehr schnell, so
Xie: »Zudem kann eine pure Liquiditätsblase ohne
Unterstützung von seiten der Produktivität sehr schnell
zur Inflation führen.«
Es ist somit klar, daß letztlich die expansive Geldpolitik
der Notenbanken ein vollkommenes Platzen der jüngsten
Immobilienblase verhindert und die gesamte spekulative Dynamik
einfach in ein neues Spekulationsfeld überführt hat. Der
Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein faßte diesen
Prozeß in einem Interview mit dem russischen Fernsehsender RT
genial zusammen: »Wir befinden uns immer noch in der
Immobilienblase, sie ist noch nicht am Ende.« Die
Stimulierungsmaßnahmen der US-Regierung, wie die enorme
Kreditaufnahme und das »Drucken« von Geld, hätten
einen Zusammenbruch der spekulativen Dynamik verhindert, der noch
ausstehe: »Dann wird es einen richtigen Crash geben, wir
sahen jetzt nur einen kleineren Einbruch, es wird eine
Superdepression geben.« Diese Erschütterung werde mit
einem Zusammenbruch des US-Dollar und einer »enormen Zunahme
der Arbeitslosigkeit« einhergehen.
Ähnlich wie Georg Fülberth in jW vom 14. April 2009 sieht
auch Wallerstein die Ursachen der derzeitigen Krise in der Ära
der Stagflation in den 70ern, als eine hohe Inflation mit
wirtschaftlicher Stagnation und Massenarbeitslosigkeit einhergingen
(vgl. jW-Thema vom 20.1.2009). Das Wachstum des Finanzsektors
führte scheinbar aus diesem Dilemma: »Wir haben eine
Finanzkrise seit 30 Jahren. Etwa seit den 70ern machen die Leute
hauptsächlich ihr Geld im Finanzsektor. (...) Das bedeutet,
daß dies durch Spekulation geschieht. Und das wiederum
bedeutet, daß die Menschen dazu gebracht werden, sich zu
verschulden.« Die derzeitige Blase sei bereits die sechste
oder siebte, so Wallerstein.
Die enorm zunehmende private Verschuldung in den letzten Dekaden
– hauptsächlich in den USA, aber auch in
Großbritannien, Spanien oder Osteuropa – wird also nun
durch staatliche Verschuldung und expansive Geldpolitik ersetzt,
die als Treibsätze zur Zündung der neuesten Spekulation
und Defizitkonjunktur fungieren. Man kann hierbei von einem in
Staatsregie durchgeführten »Blasentransfer«
sprechen, wie er von der US-Geldpolitik in Reaktion auf das Ende
der Spekulation mit Hightech-Aktien 2001 (Dot-Com-Blase)
durchgeführt wurde. Damals senkte die Fed massiv die Zinsen
– mit dem Resultat, daß durch die so geschaffene
Liquidität die Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt
erzeugt wurde.
… und initiert eine neue Blase
Die enorme Verstrickung des Staates bei der neuerlichen
Blasenbildung, die von den in Agonie übergehenden
Finanzmärkten aus eigener Kraft nicht mehr geleistet werden
konnte, ist der Grund dafür, daß es sich um die letzte
aller Spekulationsblasen handelt, wie Gerald Celente, Direktor des
US-amerikanischen Trends Research Institute, im Gespräch mit
dem Fernsehsender CNBC erläuterte: »Wir sehen gerade
eine Bailout-Blase1, die viel größer als die
Dot-Com-Blase und auch die Immobilienblase ist, aus der wir
rauszukommen versuchen.« Die Politik habe »12,8
Billionen US-Dollar in der Pipeline, um ein scheiterndes System
aufrechtzuerhalten«. Wenn diese Blase platze, »wird man
sie nicht erneut inflationieren können, weil die
Regierungsintervention so tief reicht«.
Dabei könnte sogar die von Celente genannte Summe nach einer
von Neil Barofsky, dem Generalinspekteur des »Troubled Asset
Relief Program« (Hilfsprogramm für angeschlagene
Vermögenswerte), erstellten Studie sogar noch übertroffen
werden. Die theoretische, maximal mögliche staatliche
Bruttoexposition der USA, also der höchstmögliche
Ausfall, der im Zuge der diversen
Krisenbekämpfungsmaßnahmen und Stabilisierungsprogramme
erreicht werden kann, beträgt demnach schwindelerregende 23,7
Billionen US-Dollar. So könnte das auf 700 Milliarden
US-Dollar veranschlagte Hilfsprogramm zum Aufkauf fauler
Kreditverbriefungen sogar auf bis zu drei Billionen Dollar
anwachsen. Der US-amerikanische Einlagensicherungsfonds könnte
dem Bericht zufolge schlimmstenfalls 2,3 Billionen US-Dollar zum
Schutz der Kundeneinlagen insolventer Banken aufwenden. Rund um den
zusammengebrochenen Hypotheken- und Immobilienmarkt könnten
sogar 7,2 Billionen US-Dollar fällig werden.
Beim Platzen der derzeitigen Liquiditätsblase dürften
etliche dieser astronomisch hohen Verpflichtungen, die der
US-amerikanische Staat eingegangen ist, tatsächlich
fällig werden. Ein in den Staatsbankrott taumelnder Staat wird
schlicht nicht mehr in der Lage sein, erneut Unsummen zur
Initiierung einer weiteren Spekulationsblase zur Verfügung zu
stellen. Spätestens dann wird die derzeit latente Systemkrise
des Spätkapitalismus sich mit voller Wucht entfalten. Eine
Ahnung davon haben selbst die Finanzakteure, wie Forbes am 23.
Oktober berichtete: Die US-amerikanischen Finanzinstitute
würden demnach Geld in schwindelerregendem Ausmaß
horten, obwohl die Politik diese ausdrücklich ermuntere, die
Kreditvergabe zu intensivieren. Diese Rücklagen belaufen sich
demnach bereits auf mehr als eine Billion US-Dollar.
Die Banken handeln einfach im Rahmen der
kapitalistisch-betriebswirtschaftlichen Binnenlogik, da sie –
ungleich ihren chinesischen Konkurrenten – nicht von der
Politik zur Kreditvergabe verpflichtet werden können. Kein
Kreditinstitut wird einer von massiven Nachfrageeinbrüchen und
chronischen Überkapazitäten geplagten Wirtschaft nach dem
Gießkannenprinzip Kredite vergeben, solange es hierzu nicht
genötigt wird.
Dies führt letztlich zu der Frage, warum diese doch stark von
keynesianischen Politikvorstellungen geprägte Krisenreaktion
nicht die gewünschten Ergebnisse zeitigt. Befürworter
massiver Konjunkturprogramme gehen ja immer noch davon aus,
daß die reale, warenproduzierende Industrie im Kern
»gesund«, also widerspruchsfrei sei und daß im
produzierenden Gewerbe keinerlei größere Probleme zu
verorten sind. Bis weit in die Linke hinein ist immer noch der
Glaube verbreitet, daß es der in spekulativen Exzessen
verfangene Finanzsektor war, der die warenproduzierende Wirtschaft
in den Abgrund gerissen hat. Die staatlichen Konjunkturspritzen
werden als eine Art »Starthilfe« für den Motor der
Warenproduktion angesehen, der hiernach wieder von allein
ordentlich brummen werde.
Die Macht der Produktivkräfte
Dabei wird in der öffentlichen Diskussion ignoriert, daß
dieser nun schlappmachende Motor der Industrie einen Kolbenfresser
in Gestalt der Krise der Arbeitsgesellschaft hat. Je
offensichtlicher die ihre Produktionspotentiale beständig
steigernde Wirtschaft nicht mehr in der Lage ist, auch nur
annähernd Vollbeschäftigung herzustellen, desto
verbissener hält die öffentliche Debatte am Ziel der
Vollbeschäftigung fest – und sei es durch Billiglohn und
Zwangsarbeit.
Um sich diesen Komplex zu verdeutlichen, lohnt ein näherer
Blick auf die vom sowjetischen Ökonomen Nikolai Dmitrijewitsch
Kondratjew begründete Theorie der »langen
Konjunkturwellen«, für die der österreichische
Ökonom Joseph Schumpeter 1938 den Begriff der
»Kondratjew-Zyklen« formte. Hierbei handelt es sich um
einen dekadenlangen konjunkturellen Metazyklus, der von neu
entstandenen Schlüsselindustrien getragen wird, die neue
Felder der Kapitalverwertung und Massenbeschäftigung kreieren.
Einer Periode des Aufschwungs (Phase A) folgt eine Zeit des
Abschwungs (Phase B), in der Produktivitätssteigerungen die
Profitrate und Massenbeschäftigung in diesen neuen
Schlüsselindustrien wieder sinken lassen. Seit Anbeginn der
Industrialisierung hätten wir es also mit Metazyklen zu tun,
die jeweils auf dem Ausbau der Textilindustrie und später der
Schwerindustrie, der Elektrobranche und Chemieindustrie fußen
– oder eben auf die Massenmotorisierung
zurückzuführen sind. Sobald durch fortschreitende
technische Entwicklung die Massenbeschäftigung in einem
älteren Sektor nachließ, entstanden durch denselben
wissenschaftlich-technischen Fortschritt neue Industriezweige, die
die »überschüssige« Arbeitskraft
aufnahmen.
Immanuel Wallerstein beschrieb kürzlich das Dilemma, in dem
sich die Weltwirtschaft seit 30 Jahren befindet, anhand dieser
Kondratjew-Zyklen: »Die Welt kam 1945 aus der letzten
Kondratjew-B-Phase (also einem Abschwung – T. K.), um dann in
die stärkste A-Phase (einen Aufschwung – T. K.) in der
Geschichte des Weltsystems einzutreten. Diese erreichte ihren
Höhepunkt zwischen 1967 und 1973, dann begann der erneute
Abschwung. Diese B-Phase dauert viel länger als alle
früheren B-Phasen, und wir befinden uns immer noch in
ihr.«
Systemkrisen treten dann ein, wenn die von einem bestimmten
Industriezweig generierte Massenbeschäftigung aufgrund von
Rationalisierungsmaßnahmen abflaut, während sich noch
keine neuen Beschäftigungsfelder in neuartigen Industrien
aufgetan haben – und hier kommt unsere »Krise der
Arbeitsgesellschaft« ins Spiel.
Spätestens ab Mitte der 80er Jahre setzt ein weiterer
Innovationsschub innerhalb der kapitalistischen Ökonomie ein.
Diese industrielle Revolution in der Mikroelektronik und
Informationstechnologie steigert die Produktivität ganzer
Industriezweige in vorher ungeahnten Dimensionen. Natürlich
entstehen auch Arbeitsplätze in der Computer- und
Telekommunikationsbranche. Demnach fungieren diese Sektoren gerade
nicht als »Schlüsselindustrien« im Sinne
Kondratjews. Diese schaffen ja vor allem dadurch Investitions- und
massenhafte Beschäftigungsmöglichkeiten, daß sie in
Wechselwirkung mit anderen Industriezweigen treten und dort
ebenfalls stimulierend und belebend werden. Sehr gut kann man das
am Aufbau des Eisenbahnnetzes im späten 19. Jahrhundert oder
an der Massenmotorisierung erkennen, die ja vielfältigste
ökonomische Impulse zeitigten. Auch die mikroelektronische
Revolution der 80er Jahre wirkte sich auf die gesamte Ökonomie
aus, doch dies vor allem mittels massenhaften Abbaus von
Arbeitsplätzen: durch Rationalisierungs- und
Automatisierungsmaßnahmen werden große Teile der
klassischen Industriearbeiterschaft schlicht überflüssig.
Die Rechnung ging nicht auf. In den neuen Hightechbranchen
entstehen weit weniger Arbeitsplätze, als in den
»alten« Industrien obsolet werden. Dem Massenheer der
Industriearbeiterschaft folgt keines aus Programmierern,
Informatikern oder Webdesignern.
Diesen kapitalistischen Selbstwiderspruch lösten bis vor
kurzem – scheinbar – die Finanzmärkte. Doch sobald
die seit ungefähr 30 Jahren beständig weiter ausartende
Spekulations- und Verschuldungsdynamik erlahmt, droht die reale
Wirtschaft, das von reaktionären Kapitalismuskritikern
fetischisierte »schaffende Kapital«, an seinen eigenen
Widersprüchen zu kollabieren. Die kreditgenerierte Nachfrage
bricht dann zusammen, und die ungeheuren
Produktionskapazitäten der Industrie führen dann in einer
verhängnisvollen Abwärtsspirale zu immer neuen
Massenentlassungen, welche die Massennachfrage immer weiter
reduzieren. Gerade das exzessive Wuchern der Finanzmärkte hat
die unter einer latenten Überproduktion leidende reale
Wirtschaft durch schuldengenerierte Nachfrage am Leben
gehalten.
Es ist somit der stürmisch vom Kapitalismus vorangetriebene
Fortschritt der Produktivkräfte, der die Grundlagen der
kapitalistischen Produktionsweise unterminiert. Dies ist die
klassische revolutionäre Situation, wie sie Marx im Vorwort
»Zur Kritik der politischen Ökonomie« vor 150
Jahren dargelegt hat: »Auf einer gewissen Stufe ihrer
Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der
Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen
Produktionsverhältnissen. (...) Aus Entwicklungsformen der
Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln
derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein.
Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt
sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher
um« (MEW 13/S. 9).
Anstatt sich manisch in einem ideologischen Dickicht von
Verschwörungstheorien zu verlieren, sollte die
antikapitalistische Linke diese – aus der Widerspruchsdynamik
der kapitalistischen Produktionsweise resultierende, und nicht etwa
durch eine »Verschwörung angelsächsischen
Finanzkapitals« herbeigeführte – Perspektive eines
drohenden Zusammenbruchs des kapitalistischen Weltsystems ins Auge
fassen und endlich die berühmte Leninsche Frage auf der
Höhe des 21. Jahrhunderts stellen: Was tun?
1 Es handelt sich hier um eine Blase, die durch die US-staatlichen
Rettungsaktionen für das Finanzkapital entsteht