Ulrich Janßen ist Vorsitzender der Deutschen
Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und
freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei der Nordwest-Zeitung in
Oldenburg
Beim 23. Journalistentag will die Deutsche
Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) am Samstag in Berlin
diskutieren, wie unter schwierigen Arbeitsbedingungen
journalistische Qualität noch zu erbringen ist. Was sind das
für Schwierigkeiten?
Voraussetzung für Qualität im Journalismus ist eine
ausreichende Personalausstattung. Daran krankt es in vielen
Redaktionen. Journalisten und Journalistinnen muß die
Möglichkeit gegeben werden, Nachrichten ausreichend zu
recherchieren – nur so sind Leser ans Blatt zu binden. Weil
das immer weniger gegeben ist, haben viele Zeitungen
rückläufige Auflagen. Diese Tendenz muß gestoppt
und Personal aufgestockt werden: Das ist einerseits unternehmerisch
und verlegerisch begründet, andererseits ist es wichtig, um
die Informations- und Meinungsvielfalt aufrechtzuerhalten. Ver.di
fordert zudem in Tarifauseinandersetzungen, in die Aus- und
Weiterbildung der Journalisten zu investieren.
Beim Mainzer Mediendisput war Thema, daß freie
Journalisten beispielsweise bei der Neuen Westfälischen der
WAZ-Gruppe eine halbe Seite Text mit drei Fotos für 24 Euro
liefern müssen. Bekannt ist, daß immer mehr Journalisten
»freigesetzt« werden oder erst gar keinen festen Job
bekommen. Was setzt ver.di entgegen?
In der dju sind bundesweit rund 22000 festangestellte und freie
Journalisten organisiert – wobei letztere mit ungefähr
14000 mittlerweile die Mehrheit sind. Wir beraten Freie bei
Rechtsfragen und Vertragsstreitigkeiten. Außerdem verhandeln
dju und Deutscher Journalistenverband (DJV) gemeinsam über
allgemeine Geschäftsbedingungen beim Bauer-Verlag, bei
Springer und WAZ, damit die Kollegen keine Dumpinghonorare
einstecken müssen. Bauer wollte beispielsweise Fotografen mit
Pauschalhonoraren abspeisen, womit sämtliche Rechte und
Leistungen abgegolten sein sollten. Dagegen haben wir erfolgreich
geklagt. Das Landgericht Hamburg hat entschieden, daß das
unzulässig ist. Bauer darf jetzt keine Fotos mehr im Internet
verbreiten, ohne daß sie honoriert werden.
Es gab Aktionen, bei denen Freiberufler Äppel und
Eier auf Redaktionstischen verteilt haben, um zu signalisieren,
daß sie zu diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten
…
Derzeit verhandeln wir mit dem Bundesverband Deutscher
Zeitungsverleger (BDZV) über eine angemessene Vergütung
für freie Journalisten. Letzter Verhandlungsstand, nah am
Ergebnis, sind differenzierte Vergütungsregelungen. Zum
Beispiel soll eine Zeitung ab einer Größenordnung von
100000 Auflage Berichte oder Nachrichten mit einem Zeilengeld von
70 bis 76 Cent honorieren – anspruchsvollere Textformate wie
Kommentar oder Interview mit 1,07 bis 1,16 Euro pro Zeile. Das ist
dann zumindest ein einklagbarer Anspruch – wichtig ist, diese
Standards zu setzen. Auch wenn sie nicht immer durchsetzbar sind,
weil einzelne Journalisten Angst haben, Aufträge zu verlieren,
und deshalb eine gerichtliche Auseinandersetzung scheuen.
Ziehen freie Journalisten und angestellte Redakteure
eigentlich an einem Strang, oder haben letztere noch immer den
Mythos vom »freien« Künstler im Kopf, der abends
sumpft und morgens lang schläft?
Die Zeiten sind vorbei – zumindest in dieser
Verallgemeinerung, das muß ich zur Ehrenrettung der festen
Kollegen sagen. Außerdem sind nicht nur die freien
Journalisten von den Redakteuren abhängig – umgekehrt
ist es auch so.
Die Sparwut der Verleger führt zur Bedrohung der
Meinungsvielfalt, die für eine funktionierende Demokratie
Voraussetzung ist. Der Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr z.B. legt in
Hamburg mehrere Wirtschaftstitel zusammen und schließt
Standorte in Köln und München: Aus drei Redaktionen wird
eine, 60 Stellen fallen weg. In Nordrhein-Westfalen will die
WAZ-Gruppe bei vier regionalen Blättern – Westdeutsche
Allgemeine Zeitung (WAZ), Neue Rhein/Ruhrzeitung, Westfälische
Rundschau und Westfalenpost – fast jeden dritten Mitarbeiter
einsparen: 275 von 900 Schreibern und Bürokräften sollen
gehen. Da werden wir als Gewerkschaft politisch aktiv und stellen
Öffentlichkeit her.