28.11.2009 / Inland / Seite 2Inhalt

»Sparwut der Verleger bedroht Meinungsvielfalt«

Journalistentag der dju befaßt sich in Berlin mit Dumpinghonoraren und Ausdünnung der Redaktionen. Ein Gespräch mit Ulrich Janßen

Interview: Gitta Düperthal
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Ulrich Janßen ist Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg

Beim 23. Journalistentag will die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) am Samstag in Berlin diskutieren, wie unter schwierigen Arbeitsbedingungen journalistische Qualität noch zu erbringen ist. Was sind das für Schwierigkeiten?

Voraussetzung für Qualität im Journalismus ist eine ausreichende Personalausstattung. Daran krankt es in vielen Redaktionen. Journalisten und Journalistinnen muß die Möglichkeit gegeben werden, Nachrichten ausreichend zu recherchieren – nur so sind Leser ans Blatt zu binden. Weil das immer weniger gegeben ist, haben viele Zeitungen rückläufige Auflagen. Diese Tendenz muß gestoppt und Personal aufgestockt werden: Das ist einerseits unternehmerisch und verlegerisch begründet, andererseits ist es wichtig, um die Informations- und Meinungsvielfalt aufrechtzuerhalten. Ver.di fordert zudem in Tarifauseinandersetzungen, in die Aus- und Weiterbildung der Journalisten zu investieren.

Beim Mainzer Mediendisput war Thema, daß freie Journalisten beispielsweise bei der Neuen Westfälischen der WAZ-Gruppe eine halbe Seite Text mit drei Fotos für 24 Euro liefern müssen. Bekannt ist, daß immer mehr Journalisten »freigesetzt« werden oder erst gar keinen festen Job bekommen. Was setzt ver.di entgegen?

In der dju sind bundesweit rund 22000 festangestellte und freie Journalisten organisiert – wobei letztere mit ungefähr 14000 mittlerweile die Mehrheit sind. Wir beraten Freie bei Rechtsfragen und Vertragsstreitigkeiten. Außerdem verhandeln dju und Deutscher Journalistenverband (DJV) gemeinsam über allgemeine Geschäftsbedingungen beim Bauer-Verlag, bei Springer und WAZ, damit die Kollegen keine Dumpinghonorare einstecken müssen. Bauer wollte beispielsweise Fotografen mit Pauschalhonoraren abspeisen, womit sämtliche Rechte und Leistungen abgegolten sein sollten. Dagegen haben wir erfolgreich geklagt. Das Landgericht Hamburg hat entschieden, daß das unzulässig ist. Bauer darf jetzt keine Fotos mehr im Internet verbreiten, ohne daß sie honoriert werden.

Es gab Aktionen, bei denen Freiberufler Äppel und Eier auf Redaktionstischen verteilt haben, um zu signalisieren, daß sie zu diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten …

Derzeit verhandeln wir mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) über eine angemessene Vergütung für freie Journalisten. Letzter Verhandlungsstand, nah am Ergebnis, sind differenzierte Vergütungsregelungen. Zum Beispiel soll eine Zeitung ab einer Größenordnung von 100000 Auflage Berichte oder Nachrichten mit einem Zeilengeld von 70 bis 76 Cent honorieren – anspruchsvollere Textformate wie Kommentar oder Interview mit 1,07 bis 1,16 Euro pro Zeile. Das ist dann zumindest ein einklagbarer Anspruch – wichtig ist, diese Standards zu setzen. Auch wenn sie nicht immer durchsetzbar sind, weil einzelne Journalisten Angst haben, Aufträge zu verlieren, und deshalb eine gerichtliche Auseinandersetzung scheuen.

Ziehen freie Journalisten und angestellte Redakteure eigentlich an einem Strang, oder haben letztere noch immer den Mythos vom »freien« Künstler im Kopf, der abends sumpft und morgens lang schläft?

Die Zeiten sind vorbei – zumindest in dieser Verallgemeinerung, das muß ich zur Ehrenrettung der festen Kollegen sagen. Außerdem sind nicht nur die freien Journalisten von den Redakteuren abhängig – umgekehrt ist es auch so.

Die Sparwut der Verleger führt zur Bedrohung der Meinungsvielfalt, die für eine funktionierende Demokratie Voraussetzung ist. Der Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr z.B. legt in Hamburg mehrere Wirtschaftstitel zusammen und schließt Standorte in Köln und München: Aus drei Redaktionen wird eine, 60 Stellen fallen weg. In Nordrhein-Westfalen will die WAZ-Gruppe bei vier regionalen Blättern – Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Neue Rhein/Ruhrzeitung, Westfälische Rundschau und Westfalenpost – fast jeden dritten Mitarbeiter einsparen: 275 von 900 Schreibern und Bürokräften sollen gehen. Da werden wir als Gewerkschaft politisch aktiv und stellen Öffentlichkeit her.
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