Ungeduldig: Bildungsstreiker am Dienstag in Leipzig
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Mehr als 10000 Studierende sind am Dienstag in Leipzig gegen die
Bildungsmisere auf die Straße gegangen. Anläßlich
der dort tagenden Mitgliederversammlung der
Hochschulrektorenkonferenz (HRK) forderten sie eine grundlegende
Überarbeitung der Bologna-Reform, die Abschaffung von
Studiengebühren sowie die Demokratisierung der Hochschulen.
Die Demonstration war nur eine Etappe einer ganzen Reihe von
Aktionen im Rahmen des zweiten bundesweiten Bildungsstreiks, dessen
offizieller Startschuß am 17. November mit bundesweiten
Protesten unter Beteiligung von rund 85000 Schülern,
Studierenden, Auszubildenden, Lehrern und Hochschullehrern gefallen
war. Die seit gut zwei Wochen laufende Besetzungswelle an deutschen
Hochschulen hielt auch gestern mit rund 40 okkupierten
Hörsälen an.
Nach Angaben der Veranstalter zogen die Demonstranten am Nachmittag
laut und friedlich durch Leipzig. Vor dem Tagungsort der
Hochschulrektoren im Neuen Rathaus erschallte ein
ohrenbetäubendes Pfeifkonzert, dazu gab es eine Sitzblockade.
Versuche, in das Gebäude vorzudringen, wurden von
Polizeikräften unterbunden. Dagegen war es bereits am Vortag
etwa 100 Aktivisten gelungen, das Foyer des Rektorats der Leipziger
Universität in Beschlag zu nehmen. Eine am selben Tag im
Rektorat anberaumte Sitzung des HRK-Präsidiums hätte
deshalb nicht geregelt stattfinden können, berichtete ein
Beteiligter gegenüber junge Welt.
Ob der Vorkommnisse war die HRK-Vorsitzende Margret Wintermantel
ziemlich genervt. Im Deutschlandfunk monierte sie mangelnde
Umgangsformen der Besetzer, beim gemeinsamen Gespräch sei sie
sogar angeschrieen worden. Zudem bezeichnete die HRK-Chefin die
Studierenden als »furchtbar ungeduldig« und die
beklagte Entdemokratisierung an den Hochschulen als »baren
Unfug«.
Damit setzte sie den ersten hörbaren Kontrapunkt gegen die
jüngsten Kuschelattacken der hochschulpolitisch
Verantwortlichen, die mit ihrem Friede-Freude-Eierkuchen-Gerede der
Protestbewegung den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Sie
könne zwar verstehen, wenn Studierende sich um ihre
Studienbedingungen kümmerten, meinte Wintermantel. Ihr
Eindruck sei aber, daß es wenig konkrete Forderungen gibt,
sondern lediglich eine allgemeine Unzufriedenheit mit der
Studiensituation. Zugleich stellte sie aber den Vorwurf einer
fortschreitenden Ökonomisierung der Wissenschaft sowie
mangelnder Mitbestimmung der Studierenden in Abrede. Auch das ein
Novum: Die etablierte Politik ist auf entsprechende Forderungen
bislang mit keinem Wort eingegangen und tut statt dessen so, als
erschöpfte sich der Protest im verbreiteten Unmut gegen die
Umstellung auf die Bachelor- und Master-Studiengänge.
Für die Bildungsstreikenden stellt die HRK keine
Interessenvertretung der Hochschulen, sondern eine »nicht
legitimierte Lobbyorganisation« dar. So trete das Gremium
für Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen ein
und sei maßgeblich an der Umsetzung des Bologna-Prozesses
beteiligt, erklärten die Initiatoren der Leipziger Demo in
einer Stellungnahme. Diese Sicht vertrat am Dienstag auch das
Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS): »Ohne
den Rückhalt der Hochschulmitglieder unterstützt und
fördert die HRK ein selektives, wirtschaftsorientiertes
Bildungssystem«, betonte ABS-Sprecher Alexander Lang in einer
gemeinsamen Pressekonferenz mit dem StudentInnenrat der Uni
Leipzig. So werde Bildung faktisch verhindert statt gefördert.