Aus Gerüchten Gewißheiten machen: Laut FAZ besitzt der Iran nukleare Gefechtsköpfe für diese Mittelstreckenraketen vom Typ Shahab-3 (Aufnahme vom September 2004)
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Wenn Hans Rühle in die Tasten haut, bleibt die Wahrheit auf
der Strecke. Vor einem Jahr erschreckte der ehemalige
Ministerialdirektor im Bundesverteidigungsministerium die
Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung mit der frei
erfundenen Behauptung, Iran könne noch vor Weihnachten eine
Atombombe besitzen. (SZ, 23. Oktober 2008) Um dieser Exklusivente,
die allen Einschätzungen der US-amerikanischen und
israelischen Geheimdienste weit vorauseilte, Glaubwürdigkeit
zu verleihen, berief Rühle sich auf den Generaldirektor der
Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed ElBaradei.
Der hatte eine so unsinnige These allerdings niemals
aufgestellt.
Und wieder steht Weihnachten vor der Tür. Höchste Zeit
für Rühle, die nächste Ente auf Feindflug zu
schicken. Diesmal sind es die Leserinnen und Leser der Frankfurter
Allgemeinen, denen der phantasievolle Autor enthüllt,
daß es »nur noch eine Frage von Tagen« ist, bis
Iran nicht nur über Atombomben, sondern auch über
nukleare Gefechtsköpfe für die Mittelstreckenrakete
Shahab-3 verfügen könnte. (FAZ, 20. November 2009)
IAEA-Aufsicht
Eine kleine Einschränkung macht Rühle, nimmt diese aber
gleich wieder zurück: »...vorausgesetzt, das dafür
nötige spaltbare Material, also hochangereichertes Uran oder
waffenfähiges Plutonium, ist in ausreichender Menge vorhanden.
Das dürfte in Iran der Fall sein.« Schon wieder eine
Unwahrheit: Iran besitzt nach den Erkenntnissen der IAEA und selbst
der US-Geheimdienste weder hochangereichertes Uran noch
waffenfähiges Plutonium, nicht einmal in kleinen Mengen.
»Wir gehen jetzt davon aus, daß der Iran nicht
über hochangereichertes Uran verfügt«, sagte der
Chef aller US-Geheimdienste, Dennis Blair, im März vor dem
Streitkräfteausschuß des Senats aus. (Reuters, 10.
März 2009)
Rühle weiß auch das natürlich besser:
»Fachleute sind sich weitgehend einig, daß im Iran
tatsächlich hochangereichertes Uran in geheimen Anlagen
hergestellt wurde und wird.« – Als Autor jenseits
journalistischer Standards unterläßt er es, auch nur
einen einzigen Experten als Zeugen für diese kühne
Behauptung zu nennen.
Iran produziert lediglich schwachangereichertes Uran (3,5
Prozent). Um waffenfähiges Uran zu erhalten, müßte
es auf über 90Prozent angereichert werden. Ob das Land dazu
überhaupt technisch in der Lage wäre, ist eine
hypothetische Frage: Die gesamten iranischen Vorräte an
schwachangereichertem Uran befinden sich unter Aufsicht der IAEA.
Überdies haben alle maßgeblichen iranischen Politiker
wiederholt versichert, daß ihr Land an der Herstellung von
Atomwaffen völlig uninteressiert ist, da sie im Widerspruch
zum Islam stünden und verteidigungspolitisch kontraproduktiv
seien.
Worauf stützt sich Rühles Behauptung, Iran brauche nur
noch wenige Tage, um eine einsatzfähige Atombombe zu besitzen?
»Nach Erkenntnissen der Geheimdienste ist sogar ein atomarer
Gefechtskopf getestet worden«, schreibt er gleich zu Beginn
seines FAZ-Artikels. Das werden höchstwahrscheinlich die
meisten mißverstehen, und das ist wohl auch bezweckt. Erst
später rückt der Verfasser damit heraus, es habe sich um
einen »kalten Test« gehandelt, also um eine Erprobung
des Zündvorgangs ohne spaltbares Material. Auch das
relativiert Rühle jedoch wieder, indem er plötzlich
behauptet: »Es kann nicht einmal ausgeschlossen werden,
daß schon einige Nuklearwaffen produziert worden sind.«
– Eine Quelle für diese Vermutung gibt er nicht an. Das
dürfte ihm auch schwer fallen, da so einen blühenden
Unsinn nicht einmal israelische Stellen von sich geben.
Gerüchtequelle
Und der »kalte Test«, woher weiß Rühle
davon? Die Leserinnen und Leser des FAZ erfahren es nicht. Es sei
denn, sie haben es im Spiegel gelesen, wo die Geschichte
nämlich schon am 7.November stand: »Iran soll
fortschrittliche Sprengkopf-Technik erforscht haben.« Das
Nachrichtenmagazin nannte damals auch korrekt die Quelle des
Gerüchts, die britische Tageszeitung Guardian. Die hatte es
schon am 5.November im Blatt gehabt und auch seine Herkunft
erläutert: Die Behauptung, Iran habe Versuche zur Herstellung
eines nuklearen Gefechtskopfs angestellt, stamme aus einem internen
Dossier der IAEA, dessen Grundlage »zum Teil« Berichte
westlicher Nachrichtenagenturen seien. Die Behörde hat diese
Informationen bisher nicht veröffentlicht, weil sie sie nicht
für seriös genug hält. (siehe Keller)
Der Guardian unterließ es zwar, aus diesem angeblichen
Geheimdossier auch nur einen einzigen Satz zu zitieren. Aber die
Zusammenfassung der britischen Zeitung las sich sehr viel
vorsichtiger als die Gewißheit vorgaukelnde Darstellung
Rühles: Es könne sein, daß der Iran
»vielleicht« mit »Bestandteilen« einer
Sprengkopf-Zündung experimentiert habe, steht laut Guardian im
Dossier. An anderer Stelle zitierte die britische Zeitung einen
anonymen Diplomaten, der mit dem IAEA-Papier vertraut sei, mit der
Aussage, es gebe »Hinweise«, daß solche
Experimente stattgefunden hätten.– Die FAZ-Redaktion
sollte ihren Autor mit der Frage konfrontieren, woher seine
definitive Behauptung stammt, im Iran sei »ein atomarer
Gefechtskopf getestet worden«.