24.11.2009 / Inland / Seite 2Inhalt

»Der Haß Jugendlicher wird verständlich«

Eine Studie zur Ursache von Gewalt gegen Polizisten stößt nicht auf deren Begeisterung. Ein Gespräch mit Daniela Klimke

Interview: Gitta Düperthal
Daniela Klimke ist Geschäftsführerin des Instituts für Sicherheits- und Präventionsforschung (ISIP) in Hamburg

Die Gewalt gegen Polizisten hat nach einer amtlichen Statistik in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent zugenommen. Die Innenministerkonferenz hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben – die wird jedoch von Polizeibeamten als »tendenziös« verurteilt, weil darin auch nach deren eigenen Gewalterfahrungen gefragt wird. Ist das denn nicht legitim? Warum die Aufregung?

Man muß der These nicht zustimmen, wonach Gewaltereignisse mit frühkindlichen Erfahrungen erklärt werden können. Man kann das ganz anders sehen als Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, der Verfasser dieser Studie ist. Die Beamten und vor allem die Polizeiorganisation selbst müssen aber auf jeden Fall genauer unter die Lupe genommen werden.

Die Aussage eines in Medienberichten immer wieder zitierten Polizisten ist ungerechtfertigt, die Studie stelle den Forschungsauftrag »auf den Kopf«. Es geht ja nicht darum, die Vorgänge so zu deuten, als seien die Polizisten selbst an der zunehmenden Gewalt schuld, deren Opfer sie sind. Diese Wahrnehmung resultiert aus einem juristischen Verständnis, in dem Ereignisse nach Kategorien von Täter, Opfer und Schuld sortiert werden. Gewalt aber ist keine einseitige Aktion, sondern eine Interaktion der Beteiligten. Es ist daher durchaus möglich, daß Polizisten nicht immer deeskalierend wirken, wie es Programm ist, sondern eventuell auch provozieren– auch unbeabsichtigt.

Der Vorwurf der Gesinnungsschnüffelei wurde erhoben – aber erfordert der Polizeiberuf, der viele Machtbefugnisse beinhaltet, nicht besondere Überprüfung?

In der Tat. Seit vielen Jahren fordert u.a. der ehemalige Hamburger Innensenator Hartmuth Wrocklage einen Polizeibeauftragten, um Übergriffe unabhängig untersuchen zu können. In anderen Ländern ist man längst weiter, beispielsweise in den Niederlanden und Großbritannien. Hierzulande wird die Polizei hingegen mit Glacéhandschuhen angefaßt. Dabei würde externe Kontrolle auch der Polizei nützen, um das öffentliche Vertrauen in die Ordnungsmacht zu stärken. Oder auch, um Beamte zu entlasten, die bei Übergriffen von Kollegen intern die Strafverfolgung aufnehmen müssen – was die Gefahr birgt, zum Kameradenschwein erklärt zu werden.

Ruft beispielsweise eine rassistische Haltung von Polizisten nicht möglicherweise Gegenwehr hervor?

Feindliche Einstellungen bei der Polizei gegenüber Migranten sind ein bekanntes Problem. Das liegt hauptsächlich in der Organisationskultur begründet. In einer Studie aus dem Jahre 2003 schätzten rund 45 Prozent der befragten Polizisten, daß ihre Kollegen Migranten diskriminierend behandeln. Institutionellen Rassismus gibt es nicht nur in Deutschland – aber im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten, beispielsweise Großbritannien, wird er hierzulande eher verschwiegen als bekämpft.

Könnte die Ursache zunehmender Gegengewalt sein, daß Einsatzkräfte mehr als früher knüppeln und mißhandeln?

Mir ist keine Studie dazu bekannt. Es ist jedoch schwierig, gerade für eine kritische Polizeiforschung, Zugang in die Organisation zu erlangen und den Beamten auf die Finger zu schauen.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert eine härtere Bestrafung der Täter. Finden Sie das sinnvoll?

Der Ruf danach wird stets dann laut, wenn irgendein gesellschaftlicher Mißstand ausgerufen wird. Aus kriminalsoziologischer Sicht ist es nicht sinnvoll, an der Strafschraube zu drehen. Das dient nur dazu, den Volksgroll gegen Unruhestifter zu besänftigen; die wirklichen Ursachen werden verdeckt.

Manche Jugendliche, die Haß auf den Staat haben, sehen Polizisten als eine Art Feinde, die es zu bekämpfen gilt …

Der Haß dieser Jugendlichen speist sich wesentlich aus existentiellen Nöten. Arbeitsplätze sind in Gefahr, der beschämende Status eines Hartz-IV-Beziehers droht, die Zukunft ist ungewiß usw. Es gibt kaum demokratische Mittel, gegen diese Ungerechtigkeit anzugehen. Wir müssen hilflos zusehen, wie die soziale Schieflage zunimmt und Opfer fordert. Vor diesem Hintergrund wird der Haß der Jugendlichen und insbesondere auch der Migranten verständlich, die an unterster Stufe der sozialen Hierarchie verstärkt einstecken müssen.
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Voraussichtliche Räume von Hochschulkonferenz in Leipzig besetzt. Tausende Bildungsstreiker erwartet
  • Hamburger Mietspiegel vorgestellt. In einigen Vierteln Steigerungen um 28 Prozent
    Mirko Knoche, Hamburg
  • Bislang keine Erkenntnisse über Ursache erneuter S-Bahn-Havarie in Berlin-Grünau. Betriebsrat warnt vor Weichenpannen bei Frost
    Rainer Balcerowiak
  • Polizeizeugen sagen gegen Demonstranten aus und verstricken sich in Widersprüche. Verteidigung stellt Befangenheitsantrag gegen Richter
    Martin Dolzer
  • Weder Geld- noch Postenangebote helfen: BdV-Vorsitzende verlangt Sitz im Rat der Vertriebenenstiftung. Merkel in Erklärungsnot
    Ulla Jelpke

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Aktuelle Titelseite

Aktuelle Titelseite der Tageszeitung junge Welt

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Buchmesse Havanna|

|
11.-21. Februar 2010

Beilage vom 3. Februar|

|

Bewegte Geschichte|

|

Wir sind 1000!|

|

Drei Wochen gratis|

|

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Mittwoch, 10. Februar 2010, Nr. 34

Werbung

junge Welt Online-Shop
Auslands-Abo


Zum Seitenanfang springen.