Mit massiven Angriffen auf Polizeistationen begann Israels »Operation Gegossenes Blei« – Gaza am 28. Dezember 2008
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* Anläßlich der Israel-Reise von
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP)
veröffentlicht junge Welt ein Schreiben arabischer und
palästinensischer Vereine in Berlin an den
südafrikanischen Juristen Professor Richard Goldstone, Chef
der UN-Untersuchungskommission über den Gaza-Konflikt:
Sehr geehrter Mr. Goldstone, wir sind Palästinenser und
Araber, die in Berlin leben. Mit diesem Brief wollen wir Ihnen
unseren tief empfundenen Dank für die große Arbeit
aussprechen, die Sie und Ihr Team in den vergangenen Monaten in
Gaza geleistet haben. (...)
Wir Palästinenser müssen Ihnen nicht die Kriege und
Anlässe aufzählen, bei denen uns seit 1947 Unrecht
geschah. (...)
Wir zählten unsere Toten, pflegten unsere Verletzten, unsere
Schreie hörten die Verantwortlichen nicht –
Straflosigkeit war bisher die Reaktion der Herrschenden auf Israels
kriegerische Aggressionen, oft unterstützt von einem
amerikanischen Veto bei Abstimmungen in der UNO.
Aber seitdem Sie die schwere Aufgabe übernommen haben, mit
einem Team die Untersuchung der Kriegsverbrechen in Gaza
durchzuführen, wo Sie die minutiöse Vorarbeit der
palästinensischen, israelischen und internationalen
Menschenrechtsgruppen und der Ärzte als Basis für Ihre
Untersuchung vorfanden, ist unsere Hoffnung gestiegen, daß es
für die Täter keine Straffreiheit mehr geben wird. (...)
Überfall rekonstruiert
Sie und Ihr Team haben nicht nur die drei Wochen des Überfalls
auf Gaza vom 27. Dezember 2008 bis zum 18. Januar 2009
rekonstruiert, sondern Sie haben auch die vorausgehenden sechs
Monate des Waffenstillstands seit Juni 2008 beschrieben. Sie haben
die israelische Besatzung in all ihren Auswirkungen für die
Palästinenser in Gaza und der Westbank untersucht, Sie haben
Menschenrechtsverletzungen in Israel während des Massakers
beschrieben, darunter die Verhaftung von Demonstranten, die sich
gegen die Offensive in Gaza wandten, sowie die Verhöre und
Erpressungen bekannter Politiker oder Studenten. All dies wurde in
unseren Medien verschwiegen. Sie haben minutiös die einzelnen
Ereignisse und Verfehlungen festgehalten, und zwar immer von beiden
Seiten, d.h. auch manche Menschenrechtsverstöße der
Palästinenser in Gaza und der palästinensischen
Autonomiebehörde in der Westbank. So ist Ihnen und Ihrem Team
eine genaue Darstellung der Lebenssituation eines unter Besatzung
und in Entrechtung lebenden und leidenden Volkes gelungen. Die
Menschen in Gaza sind seit drei Jahren zusätzlich unter
Belagerung, manche nennen Gaza ein großes
Freiluftgefängnis. (...)
Sie halten fest, wer den Waffenstillstand nicht einhielt: Israel,
als es die Belagerung nicht wie vereinbart beendete. Wer den
Waffenstillstand brach: Israel in der Nacht vom 4. auf den
5.November 2008, als sechs Palästinenser von der Armee
getötet wurden. Es war der Beginn einer Eskalation. Fünf
Monate lang hatte es keine selbstgefertigten Raketen der Hamas auf
die Israelis gegeben. Schließlich der Beginn des
Überfalls an einem hohen jüdischen Feiertag zur
Mittagszeit mit der Bombardierung von 24 palästinensischen
Polizeistationen (9 am nächsten Tag), wobei 248 Polizisten
getötet wurden, und der Bombardierung des Gefängnisses,
wodurch auch Kriminelle freikamen. Die Ordnungshüter wurden
getötet und die Rechtsbrecher befreit, um gleich zu Beginn des
Überfalls ein zusätzliches Chaos zu schaffen.
Hier ein Beispiel: Sie zeigen auf, daß Polizisten keine
Kombattanten, sondern Zivilpersonen sind, weil sie als
Ordnungshüter des zivilen Lebens der Bevölkerung
tätig sind. (...) Sie gehen jeder israelischen
Kriegsbehauptung nach und widerlegen sie: Es ist nicht wahr,
daß von einer UN-Schule aus Raketen abgeschossen wurden, es
stimmte nicht, daß es Waffen in einer Moschee gab, es war
eine Lüge, daß Hausbewohner ihre Angehörigen
absichtlich auf die Hausdächer schickten, damit nicht
bombardiert wurde. Es war eine Lüge, daß sich
Hamas-Leute in Krankenhäusern versteckten – alle diese
Gebäude wurden bombardiert, es gab viele Tote und Verletzte.
(...) Israel hat immer wieder behauptet, die Hamas würde
Zivilisten als menschliche Schutzschilde mißbrauchen.
Dafür fanden Sie keine Beweise, wohl aber beschreiben Sie
mehrere sehr grausame Behandlungen von Palästinensern, die als
menschliche Schutzschilde der israelischen Armee benutzt und
gequält wurden. (...)
Außerdem lasen Sie medizinische Berichte über die
Verletzungen von Opfern, Sie machten forensische Analysen von
Waffen und Munition, sprachen mit den vielen mutigen Journalisten,
die aus Gaza unter Lebensgefahr berichteten, allerdings nicht
für Deutschland. In Deutschland wurden keine Nachrichten des
arabischen Fernsehens übernommen, und der in Israel
akkreditierte Journalist der ARD z.B. blieb in Sderot im Süden
Israels und ließ sich »briefen«, selten benutzte
er das Bildmaterial eines palästinensischen Kameramannes aus
Gaza, aber dann textete er es selbst. (...)
Solidaritätsarbeit leisten
Wir Araber in den Ländern außerhalb unserer Heimat
möchten zum Frieden in Palästina beitragen. Unsere
Hauptaufgabe in unserer zweiten Heimat besteht darin,
Solidaritätsarbeit zu leisten, Spenden und Medikamente zu
sammeln und über die Situation im besetzten Palästina zu
berichten.
Die Menschen dort sind in unseren Herzen, an erster Stelle die
Leidenden in Gaza und die über 11000 Gefangenen in
israelischen Gefängnissen, darunter Frauen, Kinder und
Jugendliche. 335 Gefangene sind ohne jede Anklage inhaftiert und
damit auch ohne rechtliche Verteidigung, manche von ihnen bereits
seit Jahren. Auch darüber und über die
menschenunwürdigen Haftbedingungen haben Sie berichtet. Nun
endlich wird auch hier in den Zeitungen darüber geschrieben.
(...)
Gleichzeitig werden reaktionäre Kräfte in Israel durch
die neue rechte Regierung bestärkt, die Siedler treten in
Jerusalem dreister auf, besetzen Häuser, bedrohen Betende in
der Al-Aqsa-Moschee und Felsendom-Moschee auf dem Al-Haram
Al-Scharif. Jeden Tag werden Menschen in der Westbank verhaftet,
jeden Tag werden Olivenbäume zerstört, wird
palästinensisches Land für weitere illegale Siedlungen
enteignet. Die Regierung enteignet und vertreibt
palästinensische Hausbesitzer in Jerusalem, und trotz
internationaler Proteste bemüht sie sich nicht um die
Beendigung des Siedlungsausbaus.
Israelische Politiker und Militärs leugnen den Wahrheitsgehalt
Ihres Berichtes und begehen weiterhin völkerrechtswidrige
Taten. Und das Allerschlimmste ist für uns, daß die
Belagerung von Gaza immer noch andauert. Nach all den
Grausamkeiten, die Sie beschrieben haben, nach dem Massaker, bei
dem über 1400 Menschen starben (darunter 410 Kinder) und bei
dem fast 6000 Menschen verletzt wurden. Viele von ihnen können
bis heute nicht adäquat behandelt werden, da es an
medizinischen Geräten, Rollstühlen und Medikamenten
fehlt. Zu wenige Patienten können in den umliegenden
Ländern behandelt werden. Medizinische Hilfslieferungen aus
aller Welt läßt Israel oft nicht zu den
Hilfsbedürftigen.
Israelische Politiker behaupteten zu Beginn des Überfalls auf
Gaza, sie müßten ihre Bevölkerung vor dem
»Raketenbeschuß der Hamas« schützen. Wir
hörten aus Gaza das Argument: »Wir sind belagert. Wir
werden nicht schweigend verhungern.« Der Kampf gegen die
Besatzungsmacht ist völkerrechtlich erlaubt. (...) Die Hamas
hatte eine Verlängerung der Waffenruhe vorgeschlagen. Israel
ging nicht darauf ein. Heute gibt es keine Raketen mehr, aber die
Belagerung bleibt bestehen. Auch Sie setzen die Gewalt der
hochgerüsteten israelischen Armee, der Sie vorwerfen, eine
ganze Bevölkerung kollektiv bestraft zu haben, nicht mit den
selbstgefertigten Raketen der palästinensischen Kämpfer
gleich: Sie beschreiben die Auswirkungen von Raketen auf die
israelische Zivilbevölkerung im Süden des Landes zwar
auch als ein mögliches Kriegsverbrechen, aber Sie benennen
jede Menschenrechtsverletzung für sich. (...) Jede beteiligte
Seite ist aufgefordert, eine unabhängige Kommission zu
gründen, um die Vorwürfe zu prüfen und die
Täter zu bestrafen.
Die palästinensische Seite hat eine solche Untersuchung
zugesichert. Die Hamas in Gaza hat mit Ihnen zusammengearbeitet,
Ihre Arbeit unterstützt und nicht kontrolliert. Israelische
Verantwortliche verweigerten Ihnen jegliche Unterstützung.
(...) Nun behaupten israelische Politiker und Militärs, der
Bericht sei einseitig, fehlerhaft und ungerecht. (...) Bis heute
wurden Ihnen und Ihrem Team nicht eine Ungenauigkeit, nicht ein
einziger wirklicher Fehler nachgewiesen. Ihr Report steht im
Internet. Jeder, der Englisch lesen kann, könnte wissen, was
Sie wirklich geschrieben haben. (...)
Vollständiger Wortlaut im Internet: www.jungewelt.de.
Deutsche Übersetzung des sogenannten Goldstone-Berichts zum
Gaza-Konflikt: dersemit.de/Bilder/buecher/un_bericht.html