Der Schüler- und Studierendenstreik hat Raum für anspruchsvolle bildungspolitische Ziele geschaffen (vor der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen, 19.6.2009)
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Die dezentrale Bildungsstreikbewegung im Juni 2009 hat die
Bildungsfrage auf die innenpolitische Tagesordnung gesetzt. Die
Initiatorinnen und Initiatoren waren selbst von der Dynamik
überrascht, und die Politik reagierte bisher wenig
souverän. 270000 Protestierende auf den Straßen –
die größte unabhängige Bildungsbewegung seit
Jahrzehnten. Sie war demokratisch, dezentral angelegt und durch
eine zarte Klammer gemeinsamer Forderungen für
überregionale Botschaften zusammengehalten. Es war ein Streik
der vielen tausend Gesichter. Die lokalen Bündnisse
prägten das Bild und nicht bundesweit hervorstechende
Wortführer. Die Presse hatte zurecht Schwierigkeiten,
Sprecherinnen und Sprecher bzw. Organisatorinnen und Organisatoren
für den Mediengebrauch auszumachen. Basisdemokratie war ein
flächendeckendes Konzept, das bewußt auf die
Großdemonstration verzichtete. Eine Balance von gängigen
Protestformen (Demos, Versammlungen, Debatten) und Aktionen des
zivilen Ungehorsams (Instituts- und Rektoratsbesetzungen,
Straßenblockaden, Belagerungen, symbolische
Banküberfälle) hat den streikenden Studierenden sowie
Schülerinnen und Schülern überwiegend Sympathie und
Unterstützung durch Öffentlichkeit und Medien
eingebracht. Der Bildungsstreik hat den schon länger
gährenden Unmut – auch bei den Lehrenden –
über die miserablen Zustände an den Schulen und
Hochschulen – die Kitas nicht zu vergessen – zum
Vorschein gebracht.
An und in den Bildungseinrichtungen wurden kontroverse, aber
fruchtbare Debatten über grundlegende Fragen und Perspektiven
des Bildungssystems geführt. Eine neue politische Welle hat
das Land erstmals seit Jahren erfaßt. Die oft als unpolitisch
gescholtene Jugend setzte ein sichtbares Zeichen für
Veränderung. Vielerorts wurde nun eine Diskussion über
konkrete Veränderungen angestoßen. Dieser erste Erfolg
wäre nicht ohne ein breites Bündnis möglich
geworden: Gewerkschaften, soziale Gruppen, einige Rektoren und
Präsidenten, Hochschullehrerinnen und -lehrer, der akademische
Mittelbau sowie Lehrerinnen und Lehrer unterstützten den
Streik und ließen eine kritische Sympathie erkennen oder
freuten sich – zumindest wenn sie mit Studierenden und
Schülern allein waren. Kurz: Der Bildungsstreik war die
überraschendste soziale Bewegung des Jahres 2009 und konnte
erstaunlich breit mobilisieren.
Klägliche Verteidigung
Die einzige Gruppe, die sich zunächst bedeckt hielt, waren die
Politiker. Neben Respektsbekundungen seitens Bündnis90/Die
Grünen und Die Linke, fiel die Bundes-SPD durch nahezu
komplette Abwesenheit auf. Frank-Walter Steinmeier, zu der Zeit
Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten, konnte mit dem Streik einfach
nichts anfangen, er war ihm von der Protestform her fremd.
Daß die CDU den Bildungsstreik gar als linke,
instrumentalisierte Wahlkampagne denunzierte, zeigte –
jenseits des lächerlichen Bildungsgipfels im Oktober 2008
– einmal mehr, daß die Kanzlerin Angela Merkel und ihre
CDU/CSU wenig von den Problemen an Schulen und Hochschulen
verstanden haben. Auch die herablassende Art der alten wie neuen
Bundesbildungsministerin, Annette Schavan, den Bildungsstreik zum
Teil als »gestrig« zu bezeichnen, weist darauf hin,
daß diese Ministerin eher in Forschungsküchen und
Elitekreisen zu Hause ist als bei den konkreten Problemen von
Schülerinnen, Schülern und Studierenden. Die FDP war
einstmals auch eine Bildungspartei. Ihr Bildungspolitiker, der
Soziologe Ralf Dahrendorf, würde sich im Grabe umdrehen,
hätte er seine FDP vernommen: Sie sah im Bildungsstreik
»anarchistische Gewalt«.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) reagierte zunächst kopflos
auf den Bildungsstreik. Ein Diskussionsgesuch der Studierenden, der
Schülerinnen und Schüler anläßlich ihrer
Konferenz im Juni 2009 in Berlin lehnte sie zunächst ab. Als
der öffentliche Druck größer wurde, bot sie ein
knappes Gespräch mit lediglich vier ihrer 29 Bildungs- und
Kultusminister an. Das Gespräch war sachlich, zwar sehr kurz,
aber man verständigte sich auf eine im weiteren noch zu
vereinbarende Kommunikation. Die fehlende Resonanz der Regierenden
läßt auf Sprachlosigkeit und Unfähigkeit
schließen, sich mit den streikenden Bürgerinnen und
Bürgern auseinanderzusetzen.
Bachelor alten Typs abgeräumt
Insgesamt fällt bei der Reaktion der Politik auf, wie
kläglich die Verteidigung der bisherigen Bildungspolitik ist.
Kein Politiker, keine Rektorin, kein Professor hat den
Schmalspur-Bachelor nach sechs Semestern wirklich noch verteidigt.
Die glühendsten Verfechter von Bachelor- und
Masterstudiengängen sind ganz leise geworden – weil sie
sehen und zum Teil auch einsehen, was da angerichtet worden ist.
Kurz: Der Bachelor in seiner bisherigen Form hat keinen
öffentlichen Rückhalt mehr. Kaum eine Professorin wird
noch mit Überzeugung die Hand für einen sechssemestrigen,
verschulten Bachelor heben, wenn eine Prüfungsordnung
verabschiedet wird. Die Hochschulen stehen nach dem Bildungsstreik
vor einer Revision.
Ob die Landesregierungen die dafür erforderlichen Mittel zur
Verfügung stellen werden, steht allerdings in den Sternen und
könnte im Endeffekt dazu führen, daß der bisherige
Weg der Sachzwanglogik und Unzuständigkeitserklärung
für das Desaster zwischen Hochschulleitungen, Ministerien und
angeblich verpflichtenden »Bologna-Beschlüssen«
fortgesetzt wird. 28 Milliarden Euro durch das Konjunkturpaket und
den Bund-Länder-Pakt für Baumaßnahmen investieren
– für Kita-Anstriche, Austausch von Kloschüsseln
und Turnhallenbau –, aber für die Lehr- und
Lernbedingungen von Schülerinnen, Schülern und
Studierenden nichts konkret tun, das geht jetzt nicht mehr, ging
aber noch ohne öffentlichen Aufschrei vor dem Streik.
Doch die grundsätzliche Kritik am System Bologna wurde von der
Öffentlichkeit kaum aufgegriffen. Im Rahmen der
Lissabon-Strategie soll Europa zum »wettbewerbsfähigsten
und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der
Welt« werden. Bildung wird so zuvorderst auf ihre
wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert und schließlich im
Rahmen des »Allgemeinen Abkommens über den Handel mit
Dienstleistungen« (General Agreement on Trade in Services,
GATS) nur noch als Dienstleistung aufgefaßt. Echte
Mitbestimmung der Betroffenen ist da ein Fremdkörper, denn sie
sollen als Kunden nur noch über das Ob, nicht aber über
das Wie des Lernens entscheiden. Beim Bologna-Prozeß stehen
»arbeitsmarktrelevante Qualifikationen« im Vordergrund,
während die Studierenden, Schülerinnen und Schüler
eine den Menschen zu kritischem Urteilen befähigende,
demokratisch organisierte Bildung einfordern. Dieser
grundsätzliche Konflikt über das Verständnis von
Bildung bleibt trotz der massenhaften Mobilisierung zwischen den
Verantwortlichen in der Politik und den Streikenden unausgefochten.
Vielfach wurde er totgeschwiegen. Der Bildungsstreik hat
Aufmerksamkeit erregt, doch die weltweite Ökonomisierung von
Bildung schreitet weiter voran.
Reförmchen statt Verbesserungen
Da kommt nur bei der Elite Freude auf: Die Bachelor-Absolventen der renommierten Hamburg School of Business Administration feiern ihren Abschluß (Hamburg, 20.9.2008)
Foto: AP
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Was aber folgt aus dem Bildungsstreik? Nach diesem ersten Erfolg
haben sich die Schülerinnen, Schüler und Studierenden
für November/Dezember 2009 auf weitere gemeinsame Proteste
verständigt. In diesen Tagen sind – ermuntert durch die
Proteste in Österreich – über 20 Hochschulen
besetzt und der Bildungsstreik damit ein wenig vorgezogen worden.
Erneut sind Massenproteste, Aktionen des zivilen Ungehorsams, wie
z.B. eine Blockade der KMK-Sitzung in Bonn, im Dezember geplant.
Einige alternative landespolitische Bildungsgipfel werden
stattfinden, um die politischen Landesverantwortlichen
herauszufordern.
Am 7. Juli 2009 trafen sich in Berlin im Hause Schavan die
Bildungsstreikenden, Wissenschaftsorganisationen und
Hochschulrektoren. Das Gespräch war eine Politshow –
aber immerhin sagte die Bildungsministerin zu, daß jeder und
jede einen Zugang zum Master haben sollte. Damit hatte sie ihre
eigenen Exzellenzvorstellungen relativiert. Die Kultusminister
haben sich angsthäsig hinter ihren Finanzministern versteckt.
Bisher ist noch keine Bereitschaft erkennbar, sich mit den
Streikzielen der Protestierenden auseinanderzusetzen. Vor allem die
Forderungen von Schülerinnen und Schülern nach
Abschaffung von »G8«, dem achtstufigen Gymnasium, nach
Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und weniger
wirtschaftlichem Einfluß verhallten unbeachtet. Die KMK hat
nun im Oktober 2009 mit eher windelweichen Absichtserklärungen
etwas grundsätzlicher auf den Bildungsstreik reagiert.
Man merkt dem Dokument die Zerrissenheit der Bundesländer und
ihr noch immer krampfhaftes Festhalten an einer selbstproduzierten
Orgie des Bürokratieprozesses an. Nachjustieren ist das
Zauberwort, um nicht die eigenen Fehler wirklich eingestehen zu
müssen.
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist da schon mutiger und
fordert eine generelle Überarbeitung der bisherigen
Studienkonzeptionen und Mittel dafür, einen offeneren und
differenzierteren Bildungsprozeß auch mit mehr qualifiziertem
Personal bewältigen zu können.
Auch die neue Bundesregierung hat nicht nur Bildungsanstrengungen
in die Überschrift ihres Koalitionsvertrags gesetzt, sondern
ebenso eine jährliche Aufstockung um drei Milliarden Euro
für Bildung zugesagt. Noch sind die Konturen sehr unscharf
– aber das geplante Stipendienprogramm ist ein typisches
FDP-Leistungsträgerprojekt und in der Finanzierung so
voraussetzungsvoll, daß die geplanten Mitfinanzierer, die
Unternehmen und Dienstleister, eine beredte, schweigsame Position
einnehmen: Sie wollen offenkundig keine Mittel bereitstellen.
Gemeinsam ist allen Reaktionen von HRK, KMK und Bundesregierung,
daß sich fast nichts an der gegenwärtigen
Lehr-Lern-Situation an Schulen und Hochschulen ändern wird.
Strukturelle Veränderungen sind nicht angesagt, sondern nur
»reformieren« an der bestehenden schlechten
Zweiklassenbildung. Es regiert der Verschiebebahnhof politischer
Verantwortlichkeit und nicht ein wirklicher/effizienter
Arbeitsprozeß, der auf massive Korrekturen setzt. Die
Studierenden haben inzwischen die KMK-Beschlüsse scharf
zurückgewiesen.
Defizite der Bewegung
Trotz allem unverhofften Erfolg sind Strukturdefizite nicht zu
übersehen: Erstens gab es eine thematische Schieflage zwischen
Schul- und Hochschulproblemen zugunsten der letzteren. Nur die
Kritik am »Turboabitur« drang durch, ansonsten wurden
eher die Probleme der Hochschulen öffentliches Streitthema. Es
gab erhebliche Abstimmungsprobleme zwischen Schülerinnen,
Schülern und Studierenden in der Öffentlichkeitsarbeit.
Die thematische Schieflage war so schon in den Bündnissen
zwischen beiden Gruppierungen erkennbar.
Zweitens: Der Bildungsstreik hat bewiesen, daß
Zentralität und strikte Dezentralität, sinnvoll
aufeinander bezogen, eine gesellschaftspolitische
Auseinandersetzung erzeugen können. Ohne die strikte
Dezentralität wäre die basisdemokratische Mobilisierung
von 270000 Protestierenden nicht möglich gewesen. Eine
zentrale Demonstration, die sehr bewußt nie ins Auge
gefaßt worden ist, hätte gerade den massenhaften
Aufbruch von unten unterhöhlt. Andererseits: Ohne die zentrale
Pressekonferenz in Berlin und ohne die mühsam erhobenen Zahlen
und Fakten über die Gesamtmobilisierung wäre der
öffentliche Durchbruch schwerlich möglich gewesen.
Liveticker, Pressemitteilungen, ständig ansprechbare
Pressekontakte und eine detaillierte Liste von Ansprechpartnern aus
den lokalen Bündnissen machten es möglich, das Interesse
der Medien an die dezentralen Strukturen weiterzuleiten.
Erst die Wucht der Mobilisierung zerstreute die Zweifel in den
Medien, daß nur ein paar tausend Protestierende (Frankfurter
Allgemeine Zeitung, Der Spiegel, Freitag) unterwegs seien.
Daß die politischen Fronten mit dem Bildungsstreik
durcheinander gerieten, hat der öffentlichen Akzeptanz des
Streiks genutzt. So unterstützte zwar die FAZ nicht den
Bildungsstreik, aber schrieb vernichtende Urteile über den
Bologna-Prozeß und die Lehr-Lern-Situation an den
Hochschulen. Wenigstens vorsichtige Unterstützer des
Bildungsstreiks waren ARD, ZDF, FR, Süddeutsche Zeitung,
Berliner Zeitung – während Focus, Der Spiegel,
Tagesspiegel, Die Welt und Freitag ohne erkennbare Konturen
blieben. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkstationen (HR,
WDR, NDR, RBB, SWR, SR, MDR u.a.) sympathisierten mit dem
Bildungsstreik und spiegelten mit ihren dezentralen Strukturen auch
die Protestbewegung regional wider. Offensiv unterstützten
junge Welt und taz die Streiks. Über die privaten Medien liegt
bisher nach unserer Kenntnis keine genauere Auswertung vor.
Drittens: Die Mobilisierung stand mehr auf der Kippe als sich die
Bewegungsaktivisten eingestehen wollten. In den Seminaren war die
Mobilisierung nach allgemeiner Auffassung unzureichend. Die Dynamik
setzte erst in der buchstäblich letzten Minute auf den gut
besuchten Vollversammlungen der Hochschulen ein. Die echte
Unterstützung der Hochschullehrenden blieb öffentlich
aus, nur wenige von ihnen waren bei den Demonstrationen
präsent. Sie sind in weiten Teilen opportunistisch. Sie
schluckten mit wenig Protest die Bachelor/Master-Logik und
erwarteten von sich und den Studierenden keinen ernsthaften
Protest. Kurz: Das Mobilisierungspotential an Schulen und
Hochschulen blieb in weiten Teilen weit hinter den
Möglichkeiten (Mittelbau, Lehrbeauftragte, sonstige
Mitarbeiter) zurück.
Viertens: Durch die lokale und regionale zentrale Organisation sind
beeindruckende Dynamiken entstanden, die aber nur in
Einzelfällen auch bundespolitisch durchgeschlagen sind
(Heidelberg, Düsseldorf, Hamburg, Göttingen, Leipzig u.
a.). Es gab große weiße Flecken auf der
Streiklandkarte, wo es ganz ruhig blieb und Protestaktionen rar
waren.
Falsche Projektionen
Fünftens: Der Bildungsstreik litt nach den ersten beiden
Bundestreffen an einer Unkultur des politischen Mißtrauens
bis hin zu selbstzerstörerischen Tendenzen. Natürlich
gehört es zu einer basisdemokratischen Bewegung,
möglichst jede Machtkonzentration zu vermeiden. Aber die immer
wieder kursierenden Projektionen (»Der SDS will sich den
Bildungsstreik unter parteipolitischen Gesichtspunkten unter den
Nagel reißen«, »Der Koordinierungskreis
könnte sich verselbständigen«, »Die
Pressegruppe könnte machtvoll eigene Politik betreiben«,
»Einzelpersonen wollen sich selbst inszenieren und für
den Bildungsstreik sprechen«) entbehrten der Realität
und lähmten oft die anstehenden Arbeitsprozesse. Viele
Engagierte waren entnervt und warfen das Handtuch. Alle
Machtspekulationen haben sich als unhaltbar erwiesen – eine
Instrumentalisierung jedweder Art fand nicht statt. Versuche dazu
blieben schon in den Anfängen stecken. Persönliche
Eitelkeiten wurden eingedampft, niemand konnte zur Sprecherin oder
zum Sprecher der Bildungsstreikbewegung avancieren. Keine Chance
für einen neuen Rudi Dutschke.
Daß die Kultur der falschen Projektionen zuweilen zur
Lähmung von Entscheidungsprozessen führte, ist kein
basisdemokratisches Ruhmesblatt. Es ist wichtig, ein waches Auge
auf Fehlentwicklungen zu haben, offen zu kommunizieren, kritisch zu
hinterfragen und sich ständig zu reflektieren, doch sollte das
durch ein kooperatives Zusammenwirken möglichst
konfliktbeherrschend und ohne zu große Eskalationen
möglich sein. Der Koordinationskreis, man wagt es kaum
auszusprechen, war während der Streikwoche komplett
arbeitsunfähig. Was wäre passiert, wenn drei, vier Demos
oder vier, fünf Bankenbesetzungen zusammengeprügelt
worden wären? Wer hätte jenseits der lokalen
Bündnisse überhaupt reagieren können? Kurz: Ein
bundesweiter Bildungsstreik ohne Legitimation ist ein
basisdemokratisches Unding. Zentralität und Dezentralität
haben sich zu ergänzen – nicht zu blockieren.
Sechstens war der Bildungsstreik trotz einiger anderer
Bemühungen auf Deutschland konzentriert und zunächst
weitgehend ohne internationale oder europäische Bezüge zu
Italien, Frankreich, Griechenland oder Spanien. Ein
europäischer Bildungsstreik für das Jahr 2011 ist zwar in
der Diskussion, aber Schritte zur Verwirklichung sind bisher nicht
gegangen worden. Jedoch gerade die österreichischen
Studierenden drängen auf europaweite Proteste. Die momentanen
Entwicklungen im Alpenland und die damit einhergehende Vernetzung
erwecken Hoffnung für eine Ausweitung der internationalen
Bewegung.
Siebtens: In der Genderfrage ist positiv festzustellen, daß
sich eine Männerdominanz zwar hier und dort etablierte, aber
einzelne Exemplare dieser Spezies an klassischen
Hegemonialstrategien wirksam gehindert wurden. Kein Mann hat
eine dominante Funktion im Streik erreicht. Aber eine alte
Erfahrung aus der Bewegungsforschung bestätigte sich auch:
Frauen sind sensibler für die grundsätzlichen Probleme
des Bildungsstreiks – die Männer halten aber das Heft
ganz fest in der Hand, wenn es um Banküberfälle,
zwölfstündige Pressearbeit oder Polizeieinsätze
geht.
Anspruchsvollere Ziele
Entscheidende Schwächen der Bildungsstreikbewegung sind
aktuell die dünne Personaldecke von Aktivistinnen und
Aktivisten und die vorerst noch fehlenden Alternativen zur
herrschenden Bildungspolitik. Vom Bildungsbegriff über andere
Lehr-Lern-Prozesse bis zum aufrechten Gang durch wirklich
entschlackte Studien- und Prüfungsordnungen sind
phantasievolle und stimulierende Alternativen gefragt. Eine
wirklich kritische Urteilsfähigkeit und eine Rückkopplung
mit der Praxis läßt sich nur in einem
fünfjährigen Studium mit wesentlich mehr Lehrpersonal
erreichen. Der Druck von unten an den Instituten ist noch schwach
oder droht an den bürokratischen, langwierigen, teils
hinausgezögerten Verhandlungsprozessen mit den
Universitätsleitungen zu scheitern. Die Studierenden sollten
jetzt massenhaft Anträge zur Aussetzung der
Prüfungsordnungen stellen und Alternativen aushandeln. Sonst
ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß sich der
Bildungsstreik rasch im rituellen Aktivismus erschöpfen
könnte.
Fünf Konsequenzen sind aus dem Bisherigen zu ziehen: Das
»Turboabitur« und der Sechs-Semester-Bachelor sind
durch zivilen Ungehorsam abzuschaffen. Die Hochschulen sollten sich
rasch auf eine Debatte eines mindestens fünfjährigen
Studiums mit entsprechenden 15prozentigen Zeitressourcen für
alle Studierende (Tutoren, wissenschaftliche Mitarbeiter,
Hochschullehrer) einlassen. Eine neue Debatte über
exemplarisches Lehren und Lernen ist überfällig. Ein
»Notprogramm für Schulen und Hochschulen« ist mit
den Kultus- und Finanzministern auszuhandeln, um die
katastrophalsten Zustände zu mildern. Ein europäischer
Bildungsstreik für 2010/2011 sollte in den Zusammenhängen
von ATTAC, dem Europäischen Sozialforum, dem Europäischen
Gewerkschaftsbund und den europäischen Schüler- und
Studierendennetzwerken konzipiert werden. Der Bildungsstreik war
und ist hoffnungsvoll – die Ziele können jetzt
anspruchsvoller und konfliktverschärfender gesetzt werden. Mut
zur Wut lohnt sich.
Peter Grottian ist Hochschullehrer für
Politikwissenschaft (FU Berlin) und Berater im Bildungsstreik.
Michael Kolain studiert Rechtswissenschaft und Sebastian Zimmermann
Mathematik an der Universität Heidelberg. Beide gehören
zu den Koordinatoren des Bildungsstreiks