16.11.2009 / Ausland / Seite 7Inhalt

77facher Tod auf See

Flüchtlingen aus Afrika wochenlang Hilfe versagt

Von Judith Gleitze, Palermo
Im August 2009 trieben 82 Flüchtlinge drei Wochen lang hilflos zwischen Libyen, Malta und Sizilien. 77 fanden den Tod. Freunde und Verwandte der Überlebenden fordern nun Aufklärung, warum Malta und Italien die Menschen nicht gerettet haben. Derzeit prüft die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Agrigento, ob die Fakten zur Eröffnung eines Verfahrens wegen unterlassener Hilfe ausreichen.

Am 28. Juli verließen 82 Flüchtlinge aus Eritrea, Äthiopien und Nigeria per Schlauchboot Libyen, darunter 25 Frauen, zwei von ihnen schwanger. Zwei Tage später wurde ihnen bewußt, daß sie sich verfahren hatten. Essen und Trinken ging ihnen aus. Sie versuchten, über ein mitgeführtes Satellitentelefon Kontakt aufzunehmen zu dem Mann, der ihnen diese Fahrt für viel Geld vermittelt hatte. Dieser riet ihnen, Kurs auf Malta zu nehmen. Doch dort kamen sie nie an.

Mitte August bat eine deutsche Flüchtlingsorganisation Maltas Innenministerium, eine Suche nach den Vermißten zu veranlassen. Doch nichts geschah. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst am 20. August bekannt, nachdem ein italienisches Schiff fünf Überlebende an Bord nahm und nach Sizilien brachte: 77 Menschen waren gestorben.

Die fünf geretteten Flüchtlinge berichteten davon, daß sie während ihrer drei Leidenswochen jeden Tag mindestens zehn Schiffe und Boote gesichtet haben. Doch niemand half ihnen. Ein deutscher Hubschrauber der Frontex, die die Außengrenzen der EU überwacht, hatte sie gesichtet – ohne Folgen. Schließlich kam, so die Überlebenden, ein Schiff mit »Männern in weißen Schutzanzügen«. Dabei handelte es sich, wie sich später herausstellte, um maltesische Marine. Doch wurden die Flüchtlinge nicht an Bord genommen, sondern lediglich versorgt: mit Treibstoff, Brot und Wasser.

Nunmehr klagte die Interessengemeinschaft »Boatpeople Malta-Italy« in einem offenen Brief an den Europäischen Kommissar für Menschenrechte in Strasbourg die Grausamkeit auf See an. Die Gruppe besteht aus Verwandten und Freunden der eritreischen Opfer und war von der Schwester eines der Flüchtlinge initiiert worden. Sie hatte nach wochenlanger Ungewißheit von den Überlebenden erfahren, daß ihr Bruder an Bord war. »Boatpeople« fordert nun Aufklärung über die unbeschreibliche Grausamkeit auf See.
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