Die DDR als 40 Jahre währender Versuch, selbstbestimmt zu leben (Plansilvester der Frauenbrigade »Walentina Tereschkowa« im Gerätewerk Karl-Marx-Stadt)
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Seit Wochen vergeht kein Tag, da uns nicht auf diesem oder jenem
Wege Nachricht von einer weiteren Tat zukommt, dem 20. Jahrestag
des »Mauerfalls« geltend, dem Datum, an dem die
Regimespitze der DDR die Kontrolle über den Personen- und
Warenverkehr an den Grenzen der DDR aufgab. Hier fand ein Vortrag
oder eine Kundgebung statt, dort wurde eine Konferenz veranstaltet
und andernorts eine Ausstellung eröffnet. Die einen haben
einen Wettbewerb ausgeschrieben, sich in Wort und Bild an eigenes
Erleben zu erinnern, das sich mit dem Tag verbindet. Andere
forderten Nachgeborene auf, Oma und Opa auszuforschen, wie sie sich
gefreut haben. Damals.
Ein wahres Fest des Volkes, auch »Geschichtsfest zum
Themenjahr« genannt, wurde zur Erinnerung an eine kurze
Zeitspanne vorbereitet, in der die Bevölkerung der DDR
glaubte, von nun an werde sie Herr seiner Geschicke werden, sein
und bleiben. Die politische Propagandazentrale der Bundesrepublik
veranstaltete in Berlin ein mehrtägiges internationales
Geschichtsforum, zu dessen Eröffnung sich Joachim Gauck, der
erste »Bundesbeauftragte für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR«, für die
Objektivität der auch »Volksuniversität«
genannten 150 Veranstaltungen verbürgte. Am Ende der Feiertage
bestritten Theaterensemble ein Festival unter dem originellen Motto
»After the Fall«. Das Ausmaß der Betriebsamkeit
mochte ehemalige DDR-Bürger an Zeiten erinnern, in denen im
untergegangenen Staat Jubiläen vorbereitet wurden. Und auch
daran, daß der Übereifer der Organisatoren solcher
Feiern unweigerlich an einen Punkt führte, an dem das Thema
bis zum Überdruß strapaziert worden war und der
Staatsrummel auch bei dem eher naiven Teil der Bevölkerung
Verdacht erregte.
Probleme mit dem DDR-Bild
Im Zentrum allen Treibens stand und steht der Versuch zu erreichen,
was bisher nur partiell gelang und die Machthaber deshalb
unbefriedigt ließ: die Akzeptanz eines Geschichtsbildes der
DDR durch die ostdeutsche Bevölkerung, das überschrieben
sein könnte mit »Blick zurück in Verachtung und
Abscheu«. Über die Bedeutung solch einer Perspektive
wird zwar gestritten, vom »Unrechtsstaat« bis zur
»zweiten deutschen Diktatur«. Doch gibt es keinen
Bereich, auf den der Versuch, sich zum Hegemon über die
Perspektive zu machen, nicht ausgedehnt worden wäre.
Die Universitätsforschung leistet bis heute dazu
Beiträge. Zum Beispiel an der Universität
Halle-Wittenberg. Dort wurde kürzlich eine
Habilitationsschrift angenommen, deren Autorin vor der Frage stand,
wie sich bei Erörterung ihres Themas ein Begriff vermeiden
ließe, der in Erinnerung und Wissen von Hunderttausenden
positiv besetzt ist. Er lautet »Brechung des
Bildungsprivilegs« und meint die breite Öffnung von zum
Abitur führenden Schulen und von Hochschulen für jene,
denen und deren Vorfahren sie bis dahin verschlossen gewesen waren.
Die Historikerin fand eine Lösung und schrieb, in
Ostdeutschland sei eine »gegenprivilegierende
Bildungspolitik« betrieben worden. Würden jene, die
permanent nach dem Unwort des Jahres forschen, nicht in den
Verdacht von Sympathien geraten, deren sie nicht geziehen werden
wollen, hier hätten sie einen Kandidaten entdecken
können.
Indessen ist seit längerem unter DDR-Forschern ein Streit
entbrannt, dessen Fronten sich auch auf dem Feld der Politik
verfolgen lassen. Die Frage, an der sich die Geister scheiden,
heißt »Wie sichere ich meinem DDR-Bild
Glaubwürdigkeit«. Denn es ist mehrfach durch Befragungen
erwiesen, daß das für den Massenkonsum angebotene
DDR-Bild gerade die bevorzugten »Zielpersonen« nicht
erreicht. Die einstigen Bürger des sozialistischen Staates
wenden ein, daß es von ihren eigenen Erfahrungen weit
abweicht und sind verärgert, daß ihnen wieder und wieder
erklärt wird, wie sie gelebt haben sollen. Die Jüngeren,
nicht allein auf ihre Großeltern und deren Zeitzeugenschaft
angewiesen, haben sich zum Teil ein Minimum an Kenntnissen aus der
Geschichte von Staaten und Gesellschaften erworben, das sie durch
aktuelle Beobachtungen des Weltgeschehens ergänzen und sie
schlicht zu dem Resultat führt: So, wie es uns nahegebracht
wird, kann es nicht gewesen sein. Denn wie sollte ein Gemeinwesen
dieses Typs vier Jahrzehnte ohne die jedenfalls zeitweilige
Akzeptanz seiner Bürger existiert haben können?
Nicht gänzlich Herr der Lage
Wenn Waren Ladenhüter zu werden drohen, haben ihre Besitzer
zwei Möglichkeiten: Sie können Käufer durch einen
Preisnachlaß anlocken oder – schweren Herzens –
das Unverkäufliche aus dem Angebot nehmen, es abschreiben und
ihre Regale für besser nachgefragte Erzeugnisse freimachen.
Was das DDR-Bild anlangt, streiten die Anbieter noch darüber,
ob ein Preisnachlaß wirklich notwendig ist. Mehr noch: Von
Staats wegen wird einem solchen Ansinnen Widerstand
entgegengesetzt. Am heftigsten leisten ihn die lose verbundenen
Häuser von Birthler und Knabe – die
Bundesoberbehörde für Stasi-Unterlagen und die
Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen – für die
das Festhalten an ihren Offerten eine Überlebensfrage ist. In
Kreisen, die um ihre wissenschaftliche Reputation besorgt sein
müssen, wird erwogen, das alte Horrorbild mit wenigen
punktuellen Aufhellungen doch unter die Leute zu bringen.
Trotz aller Gegenwehr der Hardliner sind dieselben nicht
gänzlich Herr der Lage. Vereinzelt ist die Preisgabe der
groteskesten Verzerrungen der ostdeutschen Geschichte erfolgt.
Bilder mit den ärgsten Verzeichnungen, soweit sie
überprüfbare Details des Lebens in der DDR-Gesellschaft
betreffen, wurden mancherorts stillschweigend aus dem Verkehr
gezogen. Dazu gehören frühere Abbildungen der
Kindergärten. Herumgesprochen hat sich, daß das Land mit
Kinderkrippen und -horten, sobald seine materiellen
Möglichkeiten anwuchsen, hinreichend versorgt war. Auch das
Innenleben dieser Einrichtungen wird inzwischen so dargestellt,
daß sie nicht mehr als Folterkammern erscheinen. Denn
medizinische Untersuchungen haben nicht nachweisen können,
daß durch das geschmähte Topfen (für Uninformierte:
das gleichzeitige Verrichten der Notdurft der Kleinen in dafür
aufgereihte Behältnisse) dauerhafte psychische Schäden
oder andere Leiden entstanden wären. Statt dessen sollen unter
den dereinst Getopften sogar aktuelle Wähler der CDU ermittelt
worden sein.
Wie schwer die Korrekturen fallen, läßt sich u.a. an
einem »Brandbrief« ermessen, den Anfang des
Jubiläumsjahres Leiterinnen von Berliner
Kindertagesstätten an den zuständigen Senator richteten,
in dem sie auf den Mangel an Personal und die katastrophale
bauliche Substanz mancher Einrichtungen hinweisen (siehe jW vom
26.2.2009). Freilich bis zur Frage oder gar Prüfung, ob dieses
untergegangene Land nicht als kinderfreundlich bezeichnet werden
müßte, ist es noch weit, ganz zu schweigen von der sich
im Fall der Bejahung anschließenden Frage »Wie und
warum war die DDR kinderfreundlich geworden?«.
Korrigiert, wenn auch nicht wirklich gebessert, wurde auch ein
anderes Bild, das der allgemeinbildenden Schulen im ostdeutschen
Staat. Gegen Verzeichnungen dringt die Wahrheit durch, daß
Generationen von Lehrern, beginnend mit den in Kurzlehrgängen
ausgebildeten Neulehrern der ersten Nachkriegsjahre, dort –
gemessen an den preußisch-deutschen Traditionen und der
unmittelbar vorangegangenen faschistischen Praxis – eine neue
Schule schufen. In ihr arbeiteten Lehrerinnen und Lehrer
hingebungsvoll und aufopfernd, und das nicht in der Rolle von
Schülerdompteuren, die in Klassenzimmern erst um die inneren
Minimalbedingungen geistiger Arbeit kämpfen müssen. Sie
hatten tätliche Angriffe von Schülern nicht zu
fürchten. Dies und manches mehr beginnt aus Verkrustungen
hervorzusickern. Das Bild des Schulalltags hat sich auf Dauer nicht
auf Klischees reduzieren lassen, nach denen sich auf
Schulhöfen nur im Blauhemd angetretene Schülerschaften
und uniformierte Knaben und Mädchen während ihrer
Ausbildung für die Zivilverteidigung erkennen lassen –
oder Lehrer, die vor der Klasse den jüngsten SED-Parteitag
auswerten. Freilich gilt auch hier: Bis zur Erörterung der
Frage, welchen Platz die Schule in der DDR-Gesellschaft einnahm,
ist es noch weit. Zu schweigen von der Erkenntnis, daß in
diesen pädagogischen Anstalten sich jene in der deutschen
Arbeiterbewegung entwickelte und von der Mehrheit der Eltern
akzeptierte Auffassung geltend machte, daß Bildung ein hohes
gesellschaftliches sowie individuelles Gut ist, und die Schule
nicht nur den Zweck erfüllt, ihren Besuchern Zugang zu gut
bezahlten und vermeintlich krisensicheren Jobs zu verschaffen.
Korrekturen mit Nachtritt
Die Mitwirkung der Massen am krisengeschüttelten Kapitalismus (Berlin-Alexanderplatz am 25.3.2009, wenige Minuten vor der Eröffnung der neuen Filiale einer Elektronikkette um 0.01 Uhr)
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Jedoch der Weg zu einem der Kritik der Tatsachen standhaltenden
Geschichtsbild der DDR ist schon im Hinblick auf Details kaum
betreten. Das gilt beispielsweise für Fragen des Arbeitsrechts
oder die Praktiken zur Wiedereingliederung von Straffälligen
in die Gesellschaft, also für Themen, mit denen ureigene
Gebiete von Staat und Recht durch andere gedankliche Zugänge
betreten werden als durch den mit der Überschrift
»Stasi«. Dabei geht es nicht darum, das eine gegen das
andere aufzuwiegen, ein Faktum zu benutzen, um ein anderes aus dem
Blick zu nehmen oder zu beschönigen. Es geht um die Beachtung
jener Kritik, die mit Recht gegen Historiker der DDR, Spezialisten
des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts, gerichtet worden ist
und sie des Respekts vor verordneten »weißen
Flecken« beschuldigte. Das betraf das Auslassen von Fragen
und Forschungen, deren absehbare Resultate, kämen sie unter
die Leute – nach Ansicht von Politikern oder auch nach
eigener Überzeugung –, irgendwelche Schäden stiften
oder dem Klassengegner Stoff liefern könnten. Exemplarisch sei
hier eine an die Wurzel greifende Kritik der antifaschistischen
Politik der KPD in der Endkrise der Weimarer Republik genannt, die
über die bloße Erwähnung falscher taktischer
Schritte hinausging. Eine Kritik also, die das
Epochenverständnis einbezog und fragte, was damals schon so
falsch gedacht worden ist, weshalb das Ziel verfehlt werden
mußte.
Wo inzwischen, beispielsweise in Schulbüchern, die in den
neuen Bundesländern benutzt werden, der DDR eine Tatsache
zugebilligt oder eine Eigenheit zugestanden wird, die nicht ins
Negative weist, folgt wie das Amen in der Kirche ein
abschließender Zusatz, der das Positive sogleich relativiert,
es mindestens fragwürdig macht und insgesamt wieder in Zweifel
setzt. Der Erwähnung der nicht anzutreffenden Arbeitslosigkeit
ist der Hinweis auf die »marode Wirtschaft«
hinzugesetzt, den Angaben über den Beschäftigungsgrad von
Frauen und deren Stellung in der Gesellschaft der Hinweis auf ihre
Überlastung und so fort.
Mitunter stoßen aber die inzwischen in die Jahre gekommenen
Zeitgenossen der DDR in Druckschriften auf irgendein
Eingeständnis dieses oder jenes Faktums aus
»ihrer« Geschichte, das nicht sogleich mit pejorativem
Beiklang versehen ist. Das wird dann mit Genugtuung oder auch mit
Häme vermerkt. Von solcher Aufnahme zeugen privat
Gespräche und öffentlich Leserbriefe, die an
Zeitungsredaktionen gerichtet werden. Die Kommentare lauten:
»Es muß zugegeben werden, daß in der DDR doch
nicht alles schlecht war« oder »Die Wahrheit
läßt sich eben nicht auf Dauer verbiegen oder
leugnen« und ähnlich. Die so sprechen oder schreiben,
möchte ich immer fragen »Habt ihr das
nötig?«. Denn derlei Reaktionen belegen mir eine gewisse
schon nicht mehr bemerkte Anspruchslosigkeit oder eine reduzierte
Erwartung. Ja, vor dem Hintergrund der inzwischen vergessenen
Anschuldigungen beispielsweise gegen DDR-Ärzte, die bezichtigt
wurden, lebensfähige Frühgeborene dem Tod überlassen
zu haben, scheint ein Wandel angebahnt. Doch inwiefern bezeugt ein
Abschied von Horrorbildern schon den Schritt in Richtung auf die
Wahrheit, zum vorurteilslosen Umgang mit der Geschichte der DDR?
Ein Abschied eben, der sich an allgemein eingesetzten Methoden
geschichtlichen Forschens orientieren will, also sich zunächst
einmal an Tatsachen hält und keine erfundenen dazudichtet. Ist
das schon eine Absage an jede politisch diktierte
»Sonderbehandlung« des Themas DDR?
Sicht auf DDR und BRD
In Wahrheit wird der Weg dahin von Historikern und Politikern mit
Barrikaden versperrt. Und das geschieht, weil allein schon die
Kenntnis von Tatsachen aus der DDR Fragen hervorrufen kann. Zu
ihnen gehört, wie bereits für Schulen oder Kinderkrippen
gezeigt, auch diese: Welche Idee lag dem Bau der DDR zugrunde, der,
1945 begonnen, seit 1990 zwar als einzige Ruine dargestellt wird,
eine Ruine aber doch selbst im Moment seines Abrisses so wenig war
wie der Berliner Palast der Republik? Hat die Idee oder haben die
Baumeister sich blamiert? Haben die Planenden wie die
Ausführenden sich übernommen? Handelte es sich um eine
Fehlkonstruktion von Anbeginn? Und: Von wem stammte die Idee
eigentlich? Von Karl Marx? Wie war der auf sie gekommen? So
fragend, würde ein anderes Niveau der Beschäftigung mit
deutscher Geschichte erreicht als mit der Neugier, ob in
Kindergärten im DDR-Staat die Kleinen Papier und Buntstifte
nur erhielten, um schwerbewaffnete NVA-Soldaten und ihre Fahnen
schwenkenden älteren FDJ-Geschwister zu malen, oder ob es
ungescholten auch Osterhasen und Weihnachtsmänner, das
Sandmännchen und Pittiplatsch sein durften.
Wäre dieses Terrain des Fragens und Forschens einmal betreten,
ließe sich geschultes Denken nicht anhalten und auf die
Betrachtung des untergegangenen Staates begrenzen. Es würde
dann auch die Sicht auf die Gegenwart der Bundesrepublik
geschärft. Was an ihr zu verändern wäre,
erschöpfte sich dann nicht in Erörterungen darüber,
ob die Bankenaufsicht verbessert und Managern einen Obergrenze
ihrer Bezüge diktiert werden soll bzw. ob Politiker sich als
Bändiger des Raubtierkapitalismus qualifizieren können
und der gefesselte Kapitalismus fähig sein wird, sich wieder
zu entfesseln. Die DDR-Geschichte lädt zur Debatte über
Alternativen menschlichen Handelns ein. Ist das gewollt?
Offenkundig nicht. Der für die Herrschenden gut handhabbare
Bürger zeichnet sich dadurch aus, daß er bestimmte
Fragen nicht stellt. (In der DDR hieß der Slogan »So,
Genosse, kannst du die Frage nicht stellen.«) Damit er das
nicht tut, wird sein Denken rechtzeitig ausgerichtet. Das machen
anfangs Lehrer, später Politiker und alltäglich die
Moderatoren der verschiedensten Fernsehsendungen. Nicht, daß
den Krauses das Fragen abgewöhnt werden könnte –
sie dürfen in einem wohlpräparierten Fragedschungel
herumirren, in dem ihnen die Illusion bleibt, mündige
Bürger zu sein.
Reparaturkolonne des Kapitals
Die Gründe dafür, daß ein Geschichtsbild der DDR,
das sich an wissenschaftlichen Maßstäben orientiert,
blockiert wird, sind damit nicht erschöpft. An das
Schreckensbild, das vom ostdeutschen sozialistischen Staat gegeben
wird, schließt sich – mit dem Brückenschlag zum
Nazifaschismus, hergestellt durch die in diffamierender Absicht
vorgenommene Kennzeichnung als »zweite deutsche
Diktatur« – die Doktrin an: Wer eine soziale Utopie zum
gedanklichen Ausgangspunkt für die Ordnung des
gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen macht, landet
entweder bei Hitler oder bei Stalin. Dies sei die größte
aller Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Eine solche »Geschichtslehre« wird bei niemandem
fruchten, der auch nur ein Minimum logischer Operationen
beherrscht. Doch jene, die sie der deutschen Bevölkerung in
die Köpfe hämmern, vertrauen auf Unkenntnis und schaffen
so Raum für ihre Doktrin: Diese meist als unvollkommen
bezeichnete Gesellschaft verlangt zwar immer wieder gewisse
Ausbesserungen und braucht dafür Reparaturkolonnen aus
Politikern. Solche Truppen kann sie formieren. Davon wird der mehr
staunende als verstehende Bürger gegenwärtig
überzeugt: Das Land hat Staatsmänner und Staatsfrauen,
die – samt ihren Vorgängern schuldlos an allem
Geschehen, das eingetreten oder noch zu erwarten ist –
fähig sind, Rettungspakete zu schnüren oder
Rettungsschirme aufzuspannen. Es besitzt Bankiers und Banker, die
– unschuldig wie die Politiker und durch die jüngste
Kriesenerfahrung belehrt wie diese – es an ihren Plätzen
wieder richten werden. Es hat an der Spitze industrieller
Unternehmen Vorstände, die Auswege kalkulieren und realisieren
können. Es verfügt über einsichtige und
kooperationsbereite Gewerkschaftsführer, die sich der
Mitarbeit an der Seite der politischen und Wirtschaftsbosse nicht
verweigern.
Und weiter. Soll das volksgemeinschaftliche Werk gelingen, braucht
es jetzt jedoch auch die Mitwirkung der Massen. Sie sollen sich als
Käufer vernünftig verhalten, auf ihrem Ersparten nicht
sitzenbleiben, sondern den Konsum fördern. Sie sollen als
Arbeiter und Angestellte Lohn- oder Gehaltseinbußen hinnehmen
und als einen ihrer Beiträge zur Überwindung der
Rezession und zur Abwendung von Insolvenzen ansehen. Sie sollen als
aufgeklärte Mitbürger die Uneinsichtigen und
Unmäßigen zur Vernunft mahnen. Etwa als Gewerkschafter
dem Kollegen einer Nachbarbranche auseinanderzusetzen, der an einem
Streik teilnehmen will, daß er damit nur sich und allen
schadet. Sie sollen als Wähler, wenn es bald wieder an die
Urnen geht, ihren Politikern danken, denn sie haben dafür
gesorgt, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist. Und sie
sollen in ihrer Familie und ihrer Umgebung Optimismus ausstrahlen,
dieses unverzichtbare Pfund für den Wiederaufstieg, und ihn,
einmal gewonnen, eisern gegen Anfechtungen verteidigen, die sich
mit der Frage einstellen könnten, wer das Leben auf Pump wann
wie bezahlen soll und kann. Und er soll als ein Aufgeklärter
wissen, daß alles, was nur einen Gedanken an
ökonomische, politische und juristische Praktiken und
Maßnahmen der DDR aufkommen läßt, bereits das
Betreten eines Holzweges ins Verderben bedeutet.
Es geht ums Vorwärts
Der Streitwert DDR ist hoch. Vierzig Jahre lang hat ein Teil der
deutschen Bevölkerung, eine Minderheit im Osten des geteilten
Landes, auf den Geschichtsweg einen Stein gesetzt, der für die
einen zum bleibenden Stein des Anstoßes geworden ist und
für die anderen ein Denkstein werden könnte. Die DDR
könnten sich alle zu einem Denkstein werden lassen, die nicht
an das Ende der Geschichte der Menschheit in bürgerlichen,
kapitalistisch dominierten Zuständen glauben wollen. Sie alle
sollten sich nicht durch die dümmliche Frage provozieren
lassen, ob sie diesen Staat wiederhaben wollten, auf die in
Beichtstühlen noch immer brav mit der zerknirscht
vorgetragenen Beteuerung geantwortet wird »Nein, ich will
nicht«. Es geht nicht um ein Zurück, sondern um das
Vorwärts in einem Lernprozeß, in dem diesen vier
Jahrzehnten alles an Erkenntnissen abzupressen gesucht werden
sollte, was sie irgend hergeben. Dieser Lernprozeß konnte
nicht auf den Rummelplätzen stattfinden, die für den 20.
Jahrestag des Endes des ostdeutschen Staates präpariert worden
waren. Sie dienten Zwecken der Betäubung. Allein sie zu
meiden, war noch keine Alternative. Denkorte sind einzurichten, an
denen permanent gesucht wird, die Lehren aus einer großen
gemeinsamen, von Millionen aufgebrachten Anstrengung zu gewinnen,
die im Scheitern endete, aber sich in ihm nicht erschöpfte,
einem Scheitern, das wird sich mehr und mehr noch erweisen, nicht
nur – das hat es mit 1918/1919 gemeinsam – eine
Niederlage derer war, die sie unmittelbar erlitten.
Von Kurt Pätzold erschienen im letzten Jahr in der
Edition Ost seine Memoiren »Die Geschichte kennt kein Pardon.
Erinnerungen eines deutschen Historikers (auch im jW-Shop
erhältlich)