13.11.2009 / Thema / Seite 10Inhalt

Streitobjekt DDR

Essay. Die Debatte über den sozialistischen Staat lädt zum Nachdenken über geschichtliche Alternativen ein. Sie wird aber als Sieg der Marktwirtschaft geführt

Von Kurt Pätzold
Die DDR als 40 Jahre währender Versuch, selbstbestimmt zu
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Die DDR als 40 Jahre währender Versuch, selbstbestimmt zu leben (Plansilvester der Frauenbrigade »Walentina Tereschkowa« im Gerätewerk Karl-Marx-Stadt)
Seit Wochen vergeht kein Tag, da uns nicht auf diesem oder jenem Wege Nachricht von einer weiteren Tat zukommt, dem 20. Jahrestag des »Mauerfalls« geltend, dem Datum, an dem die Regimespitze der DDR die Kontrolle über den Personen- und Warenverkehr an den Grenzen der DDR aufgab. Hier fand ein Vortrag oder eine Kundgebung statt, dort wurde eine Konferenz veranstaltet und andernorts eine Ausstellung eröffnet. Die einen haben einen Wettbewerb ausgeschrieben, sich in Wort und Bild an eigenes Erleben zu erinnern, das sich mit dem Tag verbindet. Andere forderten Nachgeborene auf, Oma und Opa auszuforschen, wie sie sich gefreut haben. Damals.

Ein wahres Fest des Volkes, auch »Geschichtsfest zum Themenjahr« genannt, wurde zur Erinnerung an eine kurze Zeitspanne vorbereitet, in der die Bevölkerung der DDR glaubte, von nun an werde sie Herr seiner Geschicke werden, sein und bleiben. Die politische Propagandazentrale der Bundesrepublik veranstaltete in Berlin ein mehrtägiges internationales Geschichtsforum, zu dessen Eröffnung sich Joachim Gauck, der erste »Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR«, für die Objektivität der auch »Volksuniversität« genannten 150 Veranstaltungen verbürgte. Am Ende der Feiertage bestritten Theaterensemble ein Festival unter dem originellen Motto »After the Fall«. Das Ausmaß der Betriebsamkeit mochte ehemalige DDR-Bürger an Zeiten erinnern, in denen im untergegangenen Staat Jubiläen vorbereitet wurden. Und auch daran, daß der Übereifer der Organisatoren solcher Feiern unweigerlich an einen Punkt führte, an dem das Thema bis zum Überdruß strapaziert worden war und der Staatsrummel auch bei dem eher naiven Teil der Bevölkerung Verdacht erregte.

Probleme mit dem DDR-Bild

Im Zentrum allen Treibens stand und steht der Versuch zu erreichen, was bisher nur partiell gelang und die Machthaber deshalb unbefriedigt ließ: die Akzeptanz eines Geschichtsbildes der DDR durch die ostdeutsche Bevölkerung, das überschrieben sein könnte mit »Blick zurück in Verachtung und Abscheu«. Über die Bedeutung solch einer Perspektive wird zwar gestritten, vom »Unrechtsstaat« bis zur »zweiten deutschen Diktatur«. Doch gibt es keinen Bereich, auf den der Versuch, sich zum Hegemon über die Perspektive zu machen, nicht ausgedehnt worden wäre.

Die Universitätsforschung leistet bis heute dazu Beiträge. Zum Beispiel an der Universität Halle-Wittenberg. Dort wurde kürzlich eine Habilitationsschrift angenommen, deren Autorin vor der Frage stand, wie sich bei Erörterung ihres Themas ein Begriff vermeiden ließe, der in Erinnerung und Wissen von Hunderttausenden positiv besetzt ist. Er lautet »Brechung des Bildungsprivilegs« und meint die breite Öffnung von zum Abitur führenden Schulen und von Hochschulen für jene, denen und deren Vorfahren sie bis dahin verschlossen gewesen waren. Die Historikerin fand eine Lösung und schrieb, in Ostdeutschland sei eine »gegenprivilegierende Bildungspolitik« betrieben worden. Würden jene, die permanent nach dem Unwort des Jahres forschen, nicht in den Verdacht von Sympathien geraten, deren sie nicht geziehen werden wollen, hier hätten sie einen Kandidaten entdecken können.

Indessen ist seit längerem unter DDR-Forschern ein Streit entbrannt, dessen Fronten sich auch auf dem Feld der Politik verfolgen lassen. Die Frage, an der sich die Geister scheiden, heißt »Wie sichere ich meinem DDR-Bild Glaubwürdigkeit«. Denn es ist mehrfach durch Befragungen erwiesen, daß das für den Massenkonsum angebotene DDR-Bild gerade die bevorzugten »Zielpersonen« nicht erreicht. Die einstigen Bürger des sozialistischen Staates wenden ein, daß es von ihren eigenen Erfahrungen weit abweicht und sind verärgert, daß ihnen wieder und wieder erklärt wird, wie sie gelebt haben sollen. Die Jüngeren, nicht allein auf ihre Großeltern und deren Zeitzeugenschaft angewiesen, haben sich zum Teil ein Minimum an Kenntnissen aus der Geschichte von Staaten und Gesellschaften erworben, das sie durch aktuelle Beobachtungen des Weltgeschehens ergänzen und sie schlicht zu dem Resultat führt: So, wie es uns nahegebracht wird, kann es nicht gewesen sein. Denn wie sollte ein Gemeinwesen dieses Typs vier Jahrzehnte ohne die jedenfalls zeitweilige Akzeptanz seiner Bürger existiert haben können?

Nicht gänzlich Herr der Lage

Wenn Waren Ladenhüter zu werden drohen, haben ihre Besitzer zwei Möglichkeiten: Sie können Käufer durch einen Preisnachlaß anlocken oder – schweren Herzens – das Unverkäufliche aus dem Angebot nehmen, es abschreiben und ihre Regale für besser nachgefragte Erzeugnisse freimachen. Was das DDR-Bild anlangt, streiten die Anbieter noch darüber, ob ein Preisnachlaß wirklich notwendig ist. Mehr noch: Von Staats wegen wird einem solchen Ansinnen Widerstand entgegengesetzt. Am heftigsten leisten ihn die lose verbundenen Häuser von Birthler und Knabe – die Bundesoberbehörde für Stasi-Unterlagen und die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen – für die das Festhalten an ihren Offerten eine Überlebensfrage ist. In Kreisen, die um ihre wissenschaftliche Reputation besorgt sein müssen, wird erwogen, das alte Horrorbild mit wenigen punktuellen Aufhellungen doch unter die Leute zu bringen.

Trotz aller Gegenwehr der Hardliner sind dieselben nicht gänzlich Herr der Lage. Vereinzelt ist die Preisgabe der groteskesten Verzerrungen der ostdeutschen Geschichte erfolgt. Bilder mit den ärgsten Verzeichnungen, soweit sie überprüfbare Details des Lebens in der DDR-Gesellschaft betreffen, wurden mancherorts stillschweigend aus dem Verkehr gezogen. Dazu gehören frühere Abbildungen der Kindergärten. Herumgesprochen hat sich, daß das Land mit Kinderkrippen und -horten, sobald seine materiellen Möglichkeiten anwuchsen, hinreichend versorgt war. Auch das Innenleben dieser Einrichtungen wird inzwischen so dargestellt, daß sie nicht mehr als Folterkammern erscheinen. Denn medizinische Untersuchungen haben nicht nachweisen können, daß durch das geschmähte Topfen (für Uninformierte: das gleichzeitige Verrichten der Notdurft der Kleinen in dafür aufgereihte Behältnisse) dauerhafte psychische Schäden oder andere Leiden entstanden wären. Statt dessen sollen unter den dereinst Getopften sogar aktuelle Wähler der CDU ermittelt worden sein.

Wie schwer die Korrekturen fallen, läßt sich u.a. an einem »Brandbrief« ermessen, den Anfang des Jubiläumsjahres Leiterinnen von Berliner Kindertagesstätten an den zuständigen Senator richteten, in dem sie auf den Mangel an Personal und die katastrophale bauliche Substanz mancher Einrichtungen hinweisen (siehe jW vom 26.2.2009). Freilich bis zur Frage oder gar Prüfung, ob dieses untergegangene Land nicht als kinderfreundlich bezeichnet werden müßte, ist es noch weit, ganz zu schweigen von der sich im Fall der Bejahung anschließenden Frage »Wie und warum war die DDR kinderfreundlich geworden?«.

Korrigiert, wenn auch nicht wirklich gebessert, wurde auch ein anderes Bild, das der allgemeinbildenden Schulen im ostdeutschen Staat. Gegen Verzeichnungen dringt die Wahrheit durch, daß Generationen von Lehrern, beginnend mit den in Kurzlehrgängen ausgebildeten Neulehrern der ersten Nachkriegsjahre, dort – gemessen an den preußisch-deutschen Traditionen und der unmittelbar vorangegangenen faschistischen Praxis – eine neue Schule schufen. In ihr arbeiteten Lehrerinnen und Lehrer hingebungsvoll und aufopfernd, und das nicht in der Rolle von Schülerdompteuren, die in Klassenzimmern erst um die inneren Minimalbedingungen geistiger Arbeit kämpfen müssen. Sie hatten tätliche Angriffe von Schülern nicht zu fürchten. Dies und manches mehr beginnt aus Verkrustungen hervorzusickern. Das Bild des Schulalltags hat sich auf Dauer nicht auf Klischees reduzieren lassen, nach denen sich auf Schulhöfen nur im Blauhemd angetretene Schülerschaften und uniformierte Knaben und Mädchen während ihrer Ausbildung für die Zivilverteidigung erkennen lassen – oder Lehrer, die vor der Klasse den jüngsten SED-Parteitag auswerten. Freilich gilt auch hier: Bis zur Erörterung der Frage, welchen Platz die Schule in der DDR-Gesellschaft einnahm, ist es noch weit. Zu schweigen von der Erkenntnis, daß in diesen pädagogischen Anstalten sich jene in der deutschen Arbeiterbewegung entwickelte und von der Mehrheit der Eltern akzeptierte Auffassung geltend machte, daß Bildung ein hohes gesellschaftliches sowie individuelles Gut ist, und die Schule nicht nur den Zweck erfüllt, ihren Besuchern Zugang zu gut bezahlten und vermeintlich krisensicheren Jobs zu verschaffen.

Korrekturen mit Nachtritt

Die Mitwirkung der Massen am krisengeschüttelten
Kapitalism
Die Mitwirkung der Massen am krisengeschüttelten Kapitalismus (Berlin-Alexanderplatz am 25.3.2009, wenige Minuten vor der Eröffnung der neuen Filiale einer Elektronikkette um 0.01 Uhr)
Jedoch der Weg zu einem der Kritik der Tatsachen standhaltenden Geschichtsbild der DDR ist schon im Hinblick auf Details kaum betreten. Das gilt beispielsweise für Fragen des Arbeitsrechts oder die Praktiken zur Wiedereingliederung von Straffälligen in die Gesellschaft, also für Themen, mit denen ureigene Gebiete von Staat und Recht durch andere gedankliche Zugänge betreten werden als durch den mit der Überschrift »Stasi«. Dabei geht es nicht darum, das eine gegen das andere aufzuwiegen, ein Faktum zu benutzen, um ein anderes aus dem Blick zu nehmen oder zu beschönigen. Es geht um die Beachtung jener Kritik, die mit Recht gegen Historiker der DDR, Spezialisten des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts, gerichtet worden ist und sie des Respekts vor verordneten »weißen Flecken« beschuldigte. Das betraf das Auslassen von Fragen und Forschungen, deren absehbare Resultate, kämen sie unter die Leute – nach Ansicht von Politikern oder auch nach eigener Überzeugung –, irgendwelche Schäden stiften oder dem Klassengegner Stoff liefern könnten. Exemplarisch sei hier eine an die Wurzel greifende Kritik der antifaschistischen Politik der KPD in der Endkrise der Weimarer Republik genannt, die über die bloße Erwähnung falscher taktischer Schritte hinausging. Eine Kritik also, die das Epochenverständnis einbezog und fragte, was damals schon so falsch gedacht worden ist, weshalb das Ziel verfehlt werden mußte.

Wo inzwischen, beispielsweise in Schulbüchern, die in den neuen Bundesländern benutzt werden, der DDR eine Tatsache zugebilligt oder eine Eigenheit zugestanden wird, die nicht ins Negative weist, folgt wie das Amen in der Kirche ein abschließender Zusatz, der das Positive sogleich relativiert, es mindestens fragwürdig macht und insgesamt wieder in Zweifel setzt. Der Erwähnung der nicht anzutreffenden Arbeitslosigkeit ist der Hinweis auf die »marode Wirtschaft« hinzugesetzt, den Angaben über den Beschäftigungsgrad von Frauen und deren Stellung in der Gesellschaft der Hinweis auf ihre Überlastung und so fort.

Mitunter stoßen aber die inzwischen in die Jahre gekommenen Zeitgenossen der DDR in Druckschriften auf irgendein Eingeständnis dieses oder jenes Faktums aus »ihrer« Geschichte, das nicht sogleich mit pejorativem Beiklang versehen ist. Das wird dann mit Genugtuung oder auch mit Häme vermerkt. Von solcher Aufnahme zeugen privat Gespräche und öffentlich Leserbriefe, die an Zeitungsredaktionen gerichtet werden. Die Kommentare lauten: »Es muß zugegeben werden, daß in der DDR doch nicht alles schlecht war« oder »Die Wahrheit läßt sich eben nicht auf Dauer verbiegen oder leugnen« und ähnlich. Die so sprechen oder schreiben, möchte ich immer fragen »Habt ihr das nötig?«. Denn derlei Reaktionen belegen mir eine gewisse schon nicht mehr bemerkte Anspruchslosigkeit oder eine reduzierte Erwartung. Ja, vor dem Hintergrund der inzwischen vergessenen Anschuldigungen beispielsweise gegen DDR-Ärzte, die bezichtigt wurden, lebensfähige Frühgeborene dem Tod überlassen zu haben, scheint ein Wandel angebahnt. Doch inwiefern bezeugt ein Abschied von Horrorbildern schon den Schritt in Richtung auf die Wahrheit, zum vorurteilslosen Umgang mit der Geschichte der DDR? Ein Abschied eben, der sich an allgemein eingesetzten Methoden geschichtlichen Forschens orientieren will, also sich zunächst einmal an Tatsachen hält und keine erfundenen dazudichtet. Ist das schon eine Absage an jede politisch diktierte »Sonderbehandlung« des Themas DDR?

Sicht auf DDR und BRD

In Wahrheit wird der Weg dahin von Historikern und Politikern mit Barrikaden versperrt. Und das geschieht, weil allein schon die Kenntnis von Tatsachen aus der DDR Fragen hervorrufen kann. Zu ihnen gehört, wie bereits für Schulen oder Kinderkrippen gezeigt, auch diese: Welche Idee lag dem Bau der DDR zugrunde, der, 1945 begonnen, seit 1990 zwar als einzige Ruine dargestellt wird, eine Ruine aber doch selbst im Moment seines Abrisses so wenig war wie der Berliner Palast der Republik? Hat die Idee oder haben die Baumeister sich blamiert? Haben die Planenden wie die Ausführenden sich übernommen? Handelte es sich um eine Fehlkonstruktion von Anbeginn? Und: Von wem stammte die Idee eigentlich? Von Karl Marx? Wie war der auf sie gekommen? So fragend, würde ein anderes Niveau der Beschäftigung mit deutscher Geschichte erreicht als mit der Neugier, ob in Kindergärten im DDR-Staat die Kleinen Papier und Buntstifte nur erhielten, um schwerbewaffnete NVA-Soldaten und ihre Fahnen schwenkenden älteren FDJ-Geschwister zu malen, oder ob es ungescholten auch Osterhasen und Weihnachtsmänner, das Sandmännchen und Pittiplatsch sein durften.

Wäre dieses Terrain des Fragens und Forschens einmal betreten, ließe sich geschultes Denken nicht anhalten und auf die Betrachtung des untergegangenen Staates begrenzen. Es würde dann auch die Sicht auf die Gegenwart der Bundesrepublik geschärft. Was an ihr zu verändern wäre, erschöpfte sich dann nicht in Erörterungen darüber, ob die Bankenaufsicht verbessert und Managern einen Obergrenze ihrer Bezüge diktiert werden soll bzw. ob Politiker sich als Bändiger des Raubtierkapitalismus qualifizieren können und der gefesselte Kapitalismus fähig sein wird, sich wieder zu entfesseln. Die DDR-Geschichte lädt zur Debatte über Alternativen menschlichen Handelns ein. Ist das gewollt? Offenkundig nicht. Der für die Herrschenden gut handhabbare Bürger zeichnet sich dadurch aus, daß er bestimmte Fragen nicht stellt. (In der DDR hieß der Slogan »So, Genosse, kannst du die Frage nicht stellen.«) Damit er das nicht tut, wird sein Denken rechtzeitig ausgerichtet. Das machen anfangs Lehrer, später Politiker und alltäglich die Moderatoren der verschiedensten Fernsehsendungen. Nicht, daß den Krauses das Fragen abgewöhnt werden könnte – sie dürfen in einem wohlpräparierten Fragedschungel herumirren, in dem ihnen die Illusion bleibt, mündige Bürger zu sein.

Reparaturkolonne des Kapitals

Die Gründe dafür, daß ein Geschichtsbild der DDR, das sich an wissenschaftlichen Maßstäben orientiert, blockiert wird, sind damit nicht erschöpft. An das Schreckensbild, das vom ostdeutschen sozialistischen Staat gegeben wird, schließt sich – mit dem Brückenschlag zum Nazifaschismus, hergestellt durch die in diffamierender Absicht vorgenommene Kennzeichnung als »zweite deutsche Diktatur« – die Doktrin an: Wer eine soziale Utopie zum gedanklichen Ausgangspunkt für die Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen macht, landet entweder bei Hitler oder bei Stalin. Dies sei die größte aller Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.

Eine solche »Geschichtslehre« wird bei niemandem fruchten, der auch nur ein Minimum logischer Operationen beherrscht. Doch jene, die sie der deutschen Bevölkerung in die Köpfe hämmern, vertrauen auf Unkenntnis und schaffen so Raum für ihre Doktrin: Diese meist als unvollkommen bezeichnete Gesellschaft verlangt zwar immer wieder gewisse Ausbesserungen und braucht dafür Reparaturkolonnen aus Politikern. Solche Truppen kann sie formieren. Davon wird der mehr staunende als verstehende Bürger gegenwärtig überzeugt: Das Land hat Staatsmänner und Staatsfrauen, die – samt ihren Vorgängern schuldlos an allem Geschehen, das eingetreten oder noch zu erwarten ist – fähig sind, Rettungspakete zu schnüren oder Rettungsschirme aufzuspannen. Es besitzt Bankiers und Banker, die – unschuldig wie die Politiker und durch die jüngste Kriesenerfahrung belehrt wie diese – es an ihren Plätzen wieder richten werden. Es hat an der Spitze industrieller Unternehmen Vorstände, die Auswege kalkulieren und realisieren können. Es verfügt über einsichtige und kooperationsbereite Gewerkschaftsführer, die sich der Mitarbeit an der Seite der politischen und Wirtschaftsbosse nicht verweigern.

Und weiter. Soll das volksgemeinschaftliche Werk gelingen, braucht es jetzt jedoch auch die Mitwirkung der Massen. Sie sollen sich als Käufer vernünftig verhalten, auf ihrem Ersparten nicht sitzenbleiben, sondern den Konsum fördern. Sie sollen als Arbeiter und Angestellte Lohn- oder Gehaltseinbußen hinnehmen und als einen ihrer Beiträge zur Überwindung der Rezession und zur Abwendung von Insolvenzen ansehen. Sie sollen als aufgeklärte Mitbürger die Uneinsichtigen und Unmäßigen zur Vernunft mahnen. Etwa als Gewerkschafter dem Kollegen einer Nachbarbranche auseinanderzusetzen, der an einem Streik teilnehmen will, daß er damit nur sich und allen schadet. Sie sollen als Wähler, wenn es bald wieder an die Urnen geht, ihren Politikern danken, denn sie haben dafür gesorgt, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist. Und sie sollen in ihrer Familie und ihrer Umgebung Optimismus ausstrahlen, dieses unverzichtbare Pfund für den Wiederaufstieg, und ihn, einmal gewonnen, eisern gegen Anfechtungen verteidigen, die sich mit der Frage einstellen könnten, wer das Leben auf Pump wann wie bezahlen soll und kann. Und er soll als ein Aufgeklärter wissen, daß alles, was nur einen Gedanken an ökonomische, politische und juristische Praktiken und Maßnahmen der DDR aufkommen läßt, bereits das Betreten eines Holzweges ins Verderben bedeutet.

Es geht ums Vorwärts

Der Streitwert DDR ist hoch. Vierzig Jahre lang hat ein Teil der deutschen Bevölkerung, eine Minderheit im Osten des geteilten Landes, auf den Geschichtsweg einen Stein gesetzt, der für die einen zum bleibenden Stein des Anstoßes geworden ist und für die anderen ein Denkstein werden könnte. Die DDR könnten sich alle zu einem Denkstein werden lassen, die nicht an das Ende der Geschichte der Menschheit in bürgerlichen, kapitalistisch dominierten Zuständen glauben wollen. Sie alle sollten sich nicht durch die dümmliche Frage provozieren lassen, ob sie diesen Staat wiederhaben wollten, auf die in Beichtstühlen noch immer brav mit der zerknirscht vorgetragenen Beteuerung geantwortet wird »Nein, ich will nicht«. Es geht nicht um ein Zurück, sondern um das Vorwärts in einem Lernprozeß, in dem diesen vier Jahrzehnten alles an Erkenntnissen abzupressen gesucht werden sollte, was sie irgend hergeben. Dieser Lernprozeß konnte nicht auf den Rummelplätzen stattfinden, die für den 20. Jahrestag des Endes des ostdeutschen Staates präpariert worden waren. Sie dienten Zwecken der Betäubung. Allein sie zu meiden, war noch keine Alternative. Denkorte sind einzurichten, an denen permanent gesucht wird, die Lehren aus einer großen gemeinsamen, von Millionen aufgebrachten Anstrengung zu gewinnen, die im Scheitern endete, aber sich in ihm nicht erschöpfte, einem Scheitern, das wird sich mehr und mehr noch erweisen, nicht nur – das hat es mit 1918/1919 gemeinsam – eine Niederlage derer war, die sie unmittelbar erlitten.

Von Kurt Pätzold erschienen im letzten Jahr in der Edition Ost seine Memoiren »Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers (auch im jW-Shop erhältlich)

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