17.03.2016 / Inland / Seite 8

»Der Begriff von Flucht muss erweitert werden«

Die Marxistische Studienwoche beschäftigt sich mit Migration und Kapitalismus. Ein Gespräch mit Patrick Ölkrug

Jakob Roth

Kapitalismus herrscht. Die Menschen fliehen. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt wird derzeit auf der Marxistischen Studienwoche in Frankfurt am Main diskutiert. Herr Ölkrug, was wollen Sie mit Ihrer Tagung erreichen?


Dem medialen Mainstream zum Thema Migration wollen wir mit Fakten und Analysen entgegentreten. Da wäre etwa die gängige Meinung, die meisten Flüchtlinge und Migranten kämen nach Europa. Tatsächlich findet ein Großteil der Fluchtbewegungen zu den Nachbarländern statt. So etwa in Afghanistan. Viele fliehen von dort etwa nach Pakistan und Iran. Auch Syrien sollte man sich genauer anschauen. Hier findet eine enorm starke Binnenwanderung statt. Das heißt, viele Menschen fliehen zwar vor dem Konflikt dort, versuchen aber, innerhalb des Landes einen sicheren Standort zu finden. Oder betrachten Sie einmal Afrika: Auf dem Kontinent machen sich viele Menschen auf den Weg nach Südafrika. Mit der Hysterie vor Migration hierzulande, wo teilweise schon von einer »Invasion« gesprochen wird, passt das nicht zusammen. Auf der Marxistischen Studienwoche versuchen wir davon wegzukommen, Migration nur in Europa oder Deutschland zu betrachten. Auch sind die Wanderbewegungen kein neues Phänomen. Vielmehr ist die Migrationsgeschichte die Geschichte der Menschheit.

Dann ließe sich ja einwenden, dass die Migration nichts mit dem Kapitalismus zu tun hat. Ist Ihr Konferenzthema also verfehlt?

Diese Frage muss man differenziert betrachten. Ein zentraler Begriff dabei ist die Globalisierung. Sie bedeutet ja zunächst die ökonomische, aber auch soziale und kulturelle Vernetzung. Doch gerade ökonomisch kommt es hierbei zu einer ungleichen Entwicklung der einzelnen Länder. Dabei entstehen dann Faktoren, die die Menschen aus einer Region heraustreiben, sogenannte Push-Faktoren. Durch die Entwicklung in anderen Ländern werden sie hingegen angezogen, man spricht von Pull-Faktoren. Insgesamt geraten die Menschen in bestimmten Regionen durch diese ungleichmäßige Entwicklung unter großen Druck. Diese Entwicklun...

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