14.09.2007 / Inland / Seite 8

»Der Bundeswehreinsatz befördert die Unsicherheit«

Frieden läßt sich nur durch den Dialog zwischen den Konfliktparteien erreichen. Ein Gespräch mit Johan Galtung

Ann Friday
Professor Johan Galtung (76) ist Friedensforscher aus Oslo, Träger des Alternativen Friedensnobelpreises und Gründer des Transcend-Netzwerk


Zur Zeit findet in Basel ein Kongreß der schweizerischen Gesellschaft für Soziologie unter dem Titel »Krieg« statt, an dem Sie teilnehmen. Finden Sie es nicht problematisch, daß das Wort Frieden im Motto der Veranstaltung nicht auftaucht?
Nein, wenn wir den Begriff und die Welt dialektisch betrachten, enthält das Wort Krieg auch sein Gegenteil. Wie können wir den Krieg ohne den Frieden verstehen? Oder Rot ohne die anderen Farben, Männer ohne Frauen? Auch beim Friedenstiften müssen wir die dahinterliegenden Ursachen betrachten, um Methoden zur Konfliktlösung zu finden.
Welche Formen der Konfliktlösung schlagen Sie angesichts der aktuellen Kriege vor?
Es geht immer darum, mit allen Konfliktparteien zu sprechen und sie zu fragen, welche Zielstellung sie haben. Herr Olmert, Herr Abbas, wie stellen Sie sich die Zukunft im Nahen Osten vor? Und wie können wir einen solchen Zustand erreichen? Wie kann eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Zielstellungen gebaut werden? Wenn Kriegsparteien nur an Sieg denken, dann muß gefragt werden, wie geht es weiter, was kommt danach? In welcher Zukunft wollen sie leben? In welchem Nahen Osten wollen die Israelis und die Menschen in Palästina leben? Es geht darum, eine neue Wirklichkeit zu finden und zu verstehen. In dieser müssen die Konfliktparteien mit ihren legitimen Zielsetzungen in Würde leben können.
Am 11. September erschien in der israelischen Tageszeitung Haaretz ein Bericht über meinen Vorschlag, eine Union ähnlich der Europäischen Union zwischen Israel und den Nachbarstaaten Syrien, Libanon, Jordanien, Ägypten und Palästina zu gründen. Nach mehr als 40 Jahren meiner Aufenthalte und Friedensarbeit in Nahost wurde zum ersten Mal ausführlich über diese Friedensvorstellung geschrieben. Ich konnte vor Freude kaum schlafen, als ich von dem Zeitungsartikel erfuhr. Die Haaretz hat immerhin etwa fünf Millionen Leserinnen und Leser.
Eine solche Berichterstattung ist Ihrer Meinung nach aber eine Ausnahme, und Friedensarbeit ist in den Medien kaum präsent. Wie könnte das verändert werden?
Friedensjournalismus müßte für eine ausgewogene Darstellung sorgen und dürfte nicht nur über Kriege berichten. Die meisten Journalisten haben kein Interesse, über Frieden zu schreiben, über die Anstrengungen von Friedens­initiativen und Institute. Sie glauben, Krieg sei spannender, und sie würden damit mehr Leserinnen und Leser erreichen. Das stimmt nicht, insbesondere Frauen und ältere Menschen würden lieber etwas über den Frieden lesen. Sie könnten dann erfahren, daß es möglich ist, etwas gegen Krieg zu tun. Und es gäbe eine positive Rückmeldung für die Menschen, die aktiv sind und sich für Frieden einsetzen.
Am Samstag findet in Berlin eine Demonstration gegen die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan statt. Was halten Sie von dieser Protestform?
Der Bundeswehreinsatz befördert weiter die Unsicherheit. Frieden ist es mehr als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, ein Waffenstillstand ist noch kein Frieden. Es geht um eine egalitäre Beziehung zwischen den Menschen, um die Herstellung von Symmetrie, Austausch, Gleichberechtigung. Frieden ist keine Ingenieursarbeit, es geht um Respekt und Dialog.

Samstag, 12 Uhr, Rotes Rathaus, Berlin-Mitte: Demonstration gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, afghanistandemo.de
Spendenkonto für die Demonstration: Frieden- und Zukunftswerkstatt, Frankfurter Sparkasse 1822, BLZ 500 502 01, Konto-Nr. 200081390, Stichwort »Afghanistan«
Spendenkonto für die Demonstration: Frieden- und Zukunftswerkstatt, Frankfurter Sparkasse 1822, BLZ 500 502 01, Konto-Nr. 200081390, Stichwort »Afghanistan«
Der Bundeswehreinsatz befördert weiter die Unsicherheit. Frieden ist es mehr als die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, ein Waffenstillstand ist noch kein Frieden. Es geht um eine egalitäre Beziehung zwischen den Menschen, um die Herstellung von Symmetrie, Austausch, Gleichberechtigung. Frieden ist keine Ingenieursarbeit, es geht um Respekt und Dialog.

Samstag, 12 Uhr, Rotes Rathaus, Berlin-Mitte: Demonstration gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, afghanistandemo.de
Friedensjournalismus müßte für eine ausgewogene Darstellung sorgen und dürfte nicht nur über Kriege berichten. Die meisten Journalisten haben kein Interesse, über Frieden zu schreiben, über die Anstrengungen von Friedens­initiativen und Institute. Sie glauben, Krieg sei spannender, und sie würden damit mehr Leserinnen und Leser erreichen. Das stimmt nicht, insbesondere Frauen und ältere Menschen würden lieber etwas über den Frieden lesen. Sie könnten dann erfahren, daß es möglich ist, etwas gegen Krieg zu tun. Und es gäbe eine positive Rückmeldung für die Menschen, die aktiv sind und sich für Frieden einsetzen.

Es geht immer darum, mit allen Konfliktparteien zu sprechen und sie zu fragen, welche Zielstellung sie haben. Herr Olmert, Herr Abbas, wie stellen Sie sich die Zukunft im Nahen Osten vor? Und wie können wir einen solchen Zustand erreichen? Wie kann eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Zielstellungen gebaut werden? Wenn Kriegsparteien nur an Sieg denken, dann muß gefragt werden, wie geht es weiter, was kommt danach? In welcher Zukunft wollen sie leben? In welchem Nahen Osten wollen die Israelis und die Menschen in Palästina leben? Es geht darum, eine neue Wirklichkeit zu finden und zu verstehen. In dieser müssen die Konfliktparteien mit ihren legitimen Zielsetzungen in Würde leben können.
Am 11. September erschien in der israelischen Tageszeitung Haaretz ein Bericht über meinen Vorschlag, eine Union ähnlich der Europäischen Union zwischen Israel und den Nachbarstaaten Syrien, Libanon, Jordanien, Ägypten und Palästina zu gründen. Nach mehr als 40 Jahren meiner Aufenthalte und Friedensarbeit in Nahost wurde zum ersten Mal ausführlich über diese Friedensvorstellung geschrieben. Ich konnte vor Freude kaum schlafen, als ich von dem Zeitungsartikel erfuhr. Die Haaretz hat immerhin etwa fünf Millionen Leserinnen und Leser.

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