28.10.2005 / Thema / Seite 10

Freie Saat statt toter Ernte

Die Agrarindustrie setzt weiterhin auf Verfahren zur gentechnischen Saatgutsterilisierung. Doch erneut formiert sich Widerstand gegen die Terminator-Technologie

Klaus Pedersen

Killergen im Saatgut: Wie Terminator tötet


Das Terminator-Prinzip basiert auf drei in die Pflanze eingebauten Genen. Zwei der drei Gene wirken zusammen, um zunächst beim Saatguthersteller die tödliche Wirkung des dritten Gens zu unterdrücken. Das Killergen schließlich wird bei der Produktion des vom Agrarkonzern zu verkaufenden Saatguts durch einen äußeren Stimulus aktiviert (z.B. durch Besprühen der reifen Saatgutpflanzen mit einer bestimmten Substanz). Es übt seine sterilisierende Wirkung allerdings erst in der nächsten Samengeneration aus, d. h. im Erntegut der Bäuerinnen und Bauern. Die Terminator-Technologie ist in den bisher eingereichten Patenten als theoretisches Konzept beschrieben, und der Einbau der Gene wurde in Reagenzglasversuchen erprobt. Mittlerweile werden in den USA Entwicklungsarbeiten auf dem Niveau von Gewächshausversuchen durchgeführt.


Gentechnik ist angewandte Molekularbiologie, die gezielt entwickelt wurde, nachdem in den USA die »grobe« Eugenik in den 20er/30er Jahren gescheitert war.1 Die »grobe« Eugenik war mit der Vorstellung (und der Praxis) verbunden, durch »gezielte Verpaarung« einerseits und Zwangssterilisierungen andererseits sozialen Frieden, d. h. eine willfährige und arbeitsame Bevölkerung zu schaffen. Die Carnegie- und die Rockefeller-Stiftung, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen umfassenden Einfluß auf den Bereich Bildung und Forschung der US-amerikanischen Gesellschaft gesichert hatten2 spielten bei den Eugenik-Bemühungen der USA als Geldgeber und Denkfabriken eine herausragende Rolle. Im Jahr 1938 schließlich wurde das Programm zur Schaffung einer »Molekularbiologie« – langfristig gedacht als verfeinerte Eugenik – von Warren Weaver, dem damaligen Direktor der Abteilung Naturwissenschaften der Rockefeller-Stiftung, aus der Taufe gehoben. Ihre Herausbildung wurde dann fast zwei Jahrzehnte lang maßgeblich von dieser Stiftung finanziert. Die Abermillionen Dollar, die in ihre Entwicklung flossen, verlangten nach Beweisen ihres Nutzeffekts. So war die grüne Gentechnik zunächst ein Versuch in dieser Richtung, ohne daß die eigentlichen Ziele – die Erfüllung der Eugenik-Träume der Oberschichten und ihrer Vordenker – aus dem Blickfeld gerieten. Aber das ist eine andere Geschichte.

In einer Welt, die unter dem Diktat des »freien« Marktes steht, wird unter Nutzen zwangsläufig Profit verstanden. Firmen des agroindustriellen Komplexes, z.B. Monsanto, Syngenta und Bayer Crop Science, sorgten mit massiven Werbefeldzügen für Wachstumsraten von jährlich 25 Prozent bei der weltweiten Anbaufläche für gentechnisch veränderte (GV-)Pflanzen. Und da diese die Ernährungssicherheit nicht fördern, sondern untergraben, werden die Werbefeldzüge besonders in den Ländern des Südens durch politische Erpressung ergänzt – mit Methoden, die in dem Insider-Buch von John Perkins3 etwas rührselig beschrieben und von der internationalen Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN kürzlich messerscharf analysiert wurden.4 GRAIN, die sich seit den frühen 90er Jahren mit Fragen der Bedrohung der globalen Ernährungssicherheit beschäftigt, schlußfolgert in dem Bericht, daß bei den korrupten Gentechnikgeschäften der Eliten der »ersten« und »dritten Welt« »die Lebensgrundlage von Millionen von Bauern auf dem Spiel (steht)«.

Doch ob gentechnisch verändert oder konventionell, Saatgut hat – aus Sicht des Agrobusiness – eine äußerst unangenehme Eigenschaft: es reproduziert sich selbst. Das stört den Verkauf, hilft aber zirka 1,4 Milliarden Bäuerinnen und Bauern der »dritten Welt« beim Überleben. Zur Beseitigung dieses Ärgernisses ersannen die Forscher der Agrarkonzerne ein perverses Verfahren zur gentechnischen Saatgutsterilisierung, das unter dem Begriff Terminator-Technologie bekannt wurde (siehe Kasten). Die Horrorperspektive, daß Hungersnöte in der »dritten Welt« zur Profitsteigerung billigend in Kauf genommen werden, führte zu einem Sturm der Entrüstung, so daß sich die Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Konvention über Biologische Vielfalt im Jahr 2000 auf ein De-facto-Moratorium für die Terminator-Technologie einigte. Bislang haben zwei Länder – Indien und Brasilien – dieses nicht bindende Moratorium in ein gesetzliches Verbot überführt.


Saatgut kaufen oder verhungern


Unter dem Druck, der von der öffentlichen Meinung und der Rockefeller-Stiftung ausging (die es aus taktischen Gründen für klüger hielt, bei dieser von ihr mitfinanzierten Entwicklung den Rückzug anzutreten), beteuerten die Firmen Monsanto und Syngenta einen »freiwilligen« Verzicht auf den Einsatz dieser Technologie. Dessen ungeachtet setzten sie ihre Forschungsarbeiten und Patentanmeldungen auf dem Gebiet der Terminator-Technologie fort, woraus sich die Frage ergibt, warum Unternehmen Geld für die Entwicklung eines Verfahrens ausgeben, das sie angeblich nicht einsetzen wollen. Inzwischen sind weltweit mindestens 60 Patente angemeldet. Alles spricht dafür, daß zu keinem Zeitpunkt eine ernsthafte Absicht bestand, auf die Terminator-Technologie und somit auf die Perspektive eines genetischen Patentschutzes zu verzichten, der unbegrenzt und nicht nur für die üblichen 20 Jahre Laufzeit wirkt und obendrein keine Anwälte braucht, um ihn durchzusetzen.

Die Terminator-Technologie wurde also erfunden, um Bauern daran zu hindern, Saatgut aus der eigenen Ernte zur Wiederaussaat zu verwenden. Dies ist nicht der einzige Versuch, das Profitproblem beim Saatgut in den Griff zu bekommen. Die EU hat sich mittels der sogenannten Nachbaugebühren (Lizenzgebühren, die zu zahlen sind, wenn der Landwirt einen Teil der eigenen Ernte zur Aussaat im Folgejahr verwendet) für ein bürokratisches Verfahren entschieden. Das europäische Sortenschutzrecht wurde 1994 entsprechend verändert und 1997 in BRD-Recht übernommen. Eine weitere, frühe Form, die Wiederverwendung von Saatgut genetisch zu behindern, war die Etablierung und Durchsetzung von Maishybridsorten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei ihnen beträgt der Ertragsverlust im ersten Jahr der Wiederverwendung des Saatguts aus eigener Ernte etwa 25 bis 30 Prozent – ein Einschnitt, aber noch kein absoluter Zwang zum Kauf von Saatgut. Die Terminator-Technologie hingegen hat zum Ziel, einen nahezu totalen Ernteverlust zu bewirken – wodurch sich bei den Bauern der »dritten Welt« die »Wahl« vereinfachen würde: Saatgut kaufen oder verhungern. Hinzu kommt, daß bei sich selbst befruchtenden Nutzpflanzenarten wie Reis und Weizen eine Hybridzucht wie bei Mais nicht möglich ist. Terminator-Technologie würde endlich auch bei diesen Pflanzen den von den Saatgutkonzernen ersehnten »Schutz« bieten, denn vom Konzept her ist diese Technologie bei jeder samentragenden Pflanzenart, selbst bei Bäumen, anwendbar. Einer weiteren Monopolisierung der ohnehin stark konzentrierten Saatgutwirtschaft wären Tür und Tor geöffnet.


»Stumme Verbreitung«


Neben dem Risiko des wirtschaftlichen Ruins für die Bäuerinnen und Bauern, wenn sie nach Einführung der Terminator-Technologie kommerzielles Saatgut alljährlich kaufen müßten, während sie dies sonst vielleicht nur alle paar Jahre täten, lauern weitere Gefahren. Es wäre durchaus vorstellbar, daß die Kleinbauern der »dritten Welt« versehentlich oder schlimmstenfalls sogar absichtlich nicht erfahren, daß in ihrem Saatgut ein Killergen schlummert. Sie würden dies erst merken, wenn das aus der eigenen Ernte gewonnene Saatgut im Folgejahr nicht aufgeht, mit der möglichen Folge von Hungerkatastrophen in ganzen Regionen.

Die Furcht vor einer absichtlichen (»stummen«) Verbreitung von Terminator-Saatgut ist nicht aus der Luft gegriffen. Henry Kissinger, der von 1969–1975 Sicherheitsberater zweier US-amerikanischer Präsidenten war, verabschiedete im April 1974 das »National Security Study Memorandum 200«, NSSM 200.5 Inoffiziell gilt dieses Dokument nach wie vor als Politikrichtlinie der US-Regierung, auch wenn es ironischerweise durch die beharrliche Einflußnahme einer nicht gerade progressiven Kraft, des Vatikans, zu Fall gebracht wurde. In diesem bis 1989 als streng geheim eingestuften Dokument wird das Bevölkerungswachstum in rohstoffreichen Ländern des Südens explizit als »Bedrohung der nationalen Sicherheit Amerikas« bezeichnet. Im NSSM 200 werden Vorgaben gemacht, Nahrungsmittelhilfen an die Bereitschaft der Länder zur Durchsetzung von Familienplanungsprogrammen zu koppeln. »Bei dieser sensitiven Beziehung ist es jedoch wichtig, sowohl im Stil als auch im Inhalt, den Eindruck des Zwanges zu vermeiden«, setzt das Dokument fort. Indirekt wird angedeutet, daß Hunger wirkungsvoll sein könnte, um die Bevölkerung zu reduzieren, wenn » ... die Wetterbedingungen zu einer ausgedehnten Hungersnot führen würden, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt und von der die Welt geglaubt hatte, sie sei dauerhaft ausgerottet«. Denn es sei fraglich, ob Geberländer bereit wären, dann mit massiver Nahrungsmittelhilfe einzugreifen. Schließlich wird explizit die Frage gestellt: »Sind die USA (gemeint ist die Bevölkerung, K.P.) bereit, Nahrungsmittelrationierung zu akzeptieren, um Menschen zu helfen, die ihr Bevölkerungswachstum nicht kontrollieren können oder wollen?«

Im Jahr 2002 hat die US-Regierung unter dem irreführenden Titel »Program for Biosafety Systems« ein mit 15 Millionen US-Dollar ausgestattetes Fünfjahresprogramm begonnen, das laut GRAIN in sieben Schwerpunktländern der Akzeptanz von GV-Pflanzen zum Durchbruch verhelfen soll: Philippinen, Bangladesh, Indien, Kenia, Uganda, Mali und Nigeria. Vier dieser sieben Länder, – die Philippinen, Bangladesh, Indien und Nigeria – sind auch Schwerpunktländer im NSSM 200.


Flucht nach vorn


Die Gefahr einer genetischen Kontamination durch GV-Pflanzen wurde über Jahre von der Industrie vehement bestritten. Inzwischen ist sie nicht mehr zu leugnen. Geplagt von drohenden Gerichtsprozessen wegen genetischer Verunreinigungen und von negativer Publicity haben die Konzerne die Flucht nach vorn angetreten. Ihr Vorschlag lautet, GV-Pflanzen zusätzlich mit dem Terminator auszustatten, um durch ihre Unfruchtbarmachung die Ausbreitung veränderter Gene zu verhindern. Damit wird der Öffentlichkeit vorgegaukelt, daß es eine technische Lösung für die Gefahr der genetischen Kontamination gäbe. Außerdem schlüpft die Terminator-Technologie durch die Hintertür herein, läßt Aktionärsherzen höher schlagen und künftig hohe Dividenden erwarten.

Die Offensive begann im Februar diesen Jahres. Auf einer Konferenz in Bangkok versuchte die kanadische Regierung (auch stellvertretend für die USA), das bestehende Terminator-Moratorium zu kippen. Das scheiterte zwar am Widerstand der durch einen glücklichen Umstand rechtzeitig alarmierten Regierungsdelegationen anderer Länder, aber die Agrarkonzerne haben zum Angriff geblasen und werden dieses Ziel mit Hilfe »befreundeter« Regierungen weiterverfolgen. Die nächsten UNO-Konferenzen, die Terminator auf der Tagesordnung haben, finden im Januar 2006 in Spanien und im März in Brasilien statt.


Wachsender Widerstand


Eine internationale Mobilisierung bemüht sich, durch öffentlichen Druck das bestehende Moratorium zu erhalten, mit dem endgültigen Ziel eines Terminator-Verbots. Zum Lenkungsausschuß der Kampagne (www.banterminator.org) gehören neben der technologiekritischen NGO ETC Group Organisationen wie GRAIN, das Third World Network, das Pesticide Action Network und Via Campesina. Anfang Oktober hat sich ein Netzwerk von deutschen Gruppen und Organisationen gebildet (http://www.bukoagrar.de/), um sich an dieser Kampagne zu beteiligen.

Auf der Website der »Banterminator«-Kampagne läuft ein Countdown zur 8. Konferenz der Vertragsstaaten (COP-8) zur UNO-Konvention über die Biologische Vielfalt, die vom 20. bis 31. März 2006 in Curitiba, Brasilien, stattfinden wird – es sind noch etwa 140 Tage Zeit, um Widerstand aufzubauen. Zuvor, vom 23. bis 27. Januar, tagt in Granada, Spanien, eine Arbeitsgruppe zum Artikel 8(j) der Konvention über die Biologische Vielfalt, die für die COP-8-Konferenz wichtige Empfehlungen ausarbeiten wird. Im Artikel 8(j) geht es um die Anerkennung und Respektierung des Könnens und der Praktiken indigener Völker und lokaler Gemeinschaften, etwas, das mit der Einführung von grüner Gentechnik und Terminator-Techonologie nicht kompatibel ist.

* Klaus Pedersen,...

Eine internationale Mobilisierung bemüht sich, durch öffentlichen Druck das bestehende Moratorium zu erhalten, mit dem endgültigen Ziel eines Terminator-Verbots. Zum Lenkungsausschuß der Kampagne (www.banterminator.org) gehören neben der technologiekritischen NGO ETC Group Organisationen wie GRAIN, das Third World Network, das Pesticide Action Network und Via Campesina. Anfang Oktober hat sich ein Netzwerk von deutschen Gruppen und Organisationen gebildet (http://www.bukoagrar.de/


Die Gefahr einer genetischen Kontamination durch GV-Pflanzen wurde über Jahre von der Industrie vehement bestritten. Inzwischen ist sie nicht mehr zu leugnen. Geplagt von drohenden Gerichtsprozessen wegen genetischer Verunreinigungen und von negativer Publicity haben die Konzerne die Flucht nach vorn angetreten. Ihr Vorschlag lautet, GV-Pflanzen zusätzlich mit dem Terminator auszustatten, um durch ihre Unfruchtbarmachung die Ausbreitung veränderter Gene zu verhindern. Damit wird der Öffentlichkeit vorgegaukelt, daß es eine technische Lösung für die Gefahr der genetischen Kontamination gäbe. Außerdem schlüpft die Terminator-Technologie durch die Hintertür herein, läßt Aktionärsherzen höher schlagen und künftig hohe Dividenden erwarten.

Die Offensive begann im Februar diesen Jahres. Auf einer Konferenz in Bangkok versuchte die kanadische Regierung (auch stellvertretend für die USA), das bestehende Terminator-Moratorium zu kippen. Das scheiterte zwar am Widerstand der durch einen glücklichen Umstand rechtzeitig alarmierten Regierungsdelegationen anderer Länder, aber die Agrarkonzerne haben zum Angriff geblasen und werden dieses Ziel mit Hilfe »befreundeter« Regierungen weiterverfolgen. Die nächsten UNO-Konferenzen, die Terminator auf der Tagesordnung haben, finden im Januar 2006 in Spanien und im März in Brasilien statt.



Das Terminator-Prinzip basiert auf drei in die Pflanze eingebauten Genen. Zwei der drei Gene wirken zusammen, um zunächst beim Saatguthersteller die tödliche Wirkung des dritten Gens zu unterdrücken. Das Killergen schließlich wird bei der Produktion des vom Agrarkonzern zu verkaufenden Saatguts durch einen äußeren Stimulus aktiviert (z.B. durch Besprühen der reifen Saatgutpflanzen mit einer bestimmten Substanz). Es übt seine sterilisierende Wirkung allerdings erst in der nächsten Samengeneration aus, d. h. im Erntegut der Bäuerinnen und Bauern. Die Terminator-Technologie ist in den bisher eingereichten Patenten als theoretisches Konzept beschrieben, und der Einbau der Gene wurde in Reagenzglasversuchen erprobt. Mittlerweile werden in den USA Entwicklungsarbeiten auf dem Niveau von Gewächshausversuchen durchgeführt.


Gentechnik ist angewandte Molekularbiologie, die gezielt entwickelt wurde, nachdem in den USA die »grobe« Eugenik in den 20er/30er Jahren gescheitert war.1 Die »grobe« Eugenik war mit der Vorstellung (und der Praxis) verbunden, durch »gezielte Verpaarung« einerseits und Zwangssterilisierungen andererseits sozialen Frieden, d. h. eine willfährige und arbeitsame Bevölkerung zu schaffen. Die Carnegie- und die Rockefeller-Stiftung, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen umfassenden Einfluß auf den Bereich Bildung und Forschung der US-amerikanischen Gesellschaft gesichert hatten2 spielten bei den Eugenik-Bemühungen der USA als Geldgeber und Denkfabriken eine herausragende Rolle. Im Jahr 1938 schließlich wurde das Programm zur Schaffung einer »Molekularbiologie« – langfristig gedacht als verfeinerte Eugenik – von Warren Weaver, dem damaligen Direktor der Abteilung Naturwissenschaften der Rockefeller-Stiftung, aus der Taufe gehoben. Ihre Herausbildung wurde dann fast zwei Jahrzehnte lang maßgeblich von dieser Stiftung finanziert. Die Abermillionen Dollar, die in ihre Entwicklung flossen, verlangten nach Beweisen ihres Nutzeffekts. So war die grüne Gentechnik zunächst ein Versuch in dieser Richtung, ohne daß die eigentlichen Ziele – die Erfüllung der Eugenik-Träume der Oberschichten und ihrer Vordenker – aus dem Blickfeld gerieten. Aber das ist eine andere Geschichte.

In einer Welt, die unter dem Diktat des »freien« Marktes steht, wird unter Nutzen zwangsläufig Profit verstanden. Firmen des agroindustriellen Komplexes, z.B. Monsanto, Syngenta und Bayer Crop Science, sorgten mit massiven Werbefeldzügen für Wachstumsraten von jährlich 25 Prozent bei der weltweiten Anbaufläche für gentechnisch veränderte (GV-)Pflanzen. Und da diese die Ernährungssicherheit nicht fördern, sondern untergraben, werden die Werbefeldzüge besonders in den Ländern des Südens durch politische Erpressung ergänzt – mit Methoden, die in dem Insider-Buch von John Perkins3 etwas rührselig beschrieben und von der internationalen Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN kürzlich messerscharf analysiert wurden.4 GRAIN, die sich seit den frühen 90er Jahren mit Fragen der Bedrohung der globalen Ernährungssicherheit beschäftigt, schlußfolgert in dem Bericht, daß bei den korrupten Gentechnikgeschäften der Eliten der »ersten« und »dritten Welt« »die Lebensgrundlage von Millionen von Bauern auf dem Spiel (steht)«.

Doch ob gentechnisch verändert oder konventionell, Saatgut hat – aus Sicht des Agrobusiness – eine äußerst unangenehme Eigenschaft: es reproduziert sich selbst. Das stört den Verkauf, hilft aber zirka 1,4 Milliarden Bäuerinnen und Bauern der »dritten Welt« beim Überleben. Zur Beseitigung dieses Ärgernisses ersannen die Forscher der Agrarkonzerne ein perverses Verfahren zur gentechnischen Saatgutsterilisierung, das unter dem Begriff Terminator-Technologie bekannt wurde (siehe Kasten). Die Horrorperspektive, daß Hungersnöte in der »dritten Welt« zur Profitsteigerung billigend in Kauf genommen werden, führte zu einem Sturm der Entrüstung, so daß sich die Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Konvention über Biologische Vielfalt im Jahr 2000 auf ein De-facto-Moratorium für die Terminator-Technologie einigte. Bislang haben zwei Länder – Indien und Brasilien – dieses nicht bindende Moratorium in ein gesetzliches Verbot überführt.


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