27.03.2018, 21:07:48 / Marx 200

Nicht schon wieder

Ein italienischer Philosophielehrer hat ein eklektisches Potpourri über Marx geschrieben

Von Daniel Bratanovic
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Grünpflanzen ­wollen sorgsam gepflegt ­werden (aus dem Band Manfred Küchler: Wir Kinder vom Prenzlauer Berg. Fotografien 1970–1995. Bild und Heimat, Berlin 2018)

Verlage, man hat sich längst daran gewöhnt, loben ihre Bücher in allerhöchsten, oft genug schrillen Tönen. Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive ist das verständlich, schafft aber notwendig Gräben zwischen Verheißung und Lektüre. Manchmal klaffen Abgründe. Wenn von einem nicht einmal 100-Seiten-dicken, großzügig bedruckten Bändchen gesagt wird, es liefere »einen neuen Schlüssel zum Verständnis des ›Kapital‹«, sind Zweifel geboten. Wenn dann auch noch der Verfasser des Vorworts meint, »wir brauchen einen von Heidegger vermittelten Marx«, »wir müssen Marx auf Heidegger aufpfropfen«, wäre nach Maßgabe der Freiwilligkeit bereits auf Seite elf der Zeitpunkt erreicht, das Büchlein entkräftet aus der Hand fallen zu lassen. Doch versprochen ist versprochen, eine Rezension soll her.

Diego Fusaro, den die italienische Tageszeitung La Repubblica als »vielversprechenden« europäischen Nachwuchsphilosophen ausgemacht hat, legt ein Bekenntnis zu Marx ab und findet vage, es könne »durchaus sinnvoll sein, von Marx ausgehend, neu zu beginnen«. Allerdings gibt es da ein Hindernis: »Zwischen uns und Marx steht der Marxismus«. Mit beiden verhält es sich nämlich wie folgt: hier »Kritik, Unvollständigkeit, Offenheit, Nicht-Systematik«, dort »Dogmatismus, Systematik, erklärende Ganzheitlichkeit«. Der Erbsünder heißt Engels, denn der war der »eigentliche Librettist der Oper namens Marxismus«, wie Paulus von Tarsus ein Religionsstifter und Kirchenbauer. Solcherlei Behauptung wird auch nach der hundertsten Wiederholung, sekundiert von der ganzen französischen Heideggerei, nicht besser. Aber einmal angenommen, in diesem Diktum schlummerte womöglich wirklich etwas Wahrheit, wäre schön gewesen, man erführe jenseits abstrakter Begriffe, worin denn nun das tatsächliche Problem am inkriminierten Ismus bestehen soll. Doch nichts davon. Statt dessen zielloses Metagerede.

Der Philosophielehrer an der Mailänder Universität macht gelegentlich treffliche Feststellungen, kritisiert die Proteste der »Indignados« in Spanien 2011/12 als bloße moralische Empörung, blind gegenüber ökonomischen Fragen, und bezeichnet den westlichen »Wohlfahrtsstaat als aufgezwungene Antwort auf die Sozialpolitik des realen Kommunismus«. Durchzogen wird der Essay (es sind im Grunde zwei voneinander losgelöste Texte) dabei von schiefer Metaphorik und scheiternder Poesie. Wo angesichts der Abscheulichkeiten dieser Zeiten auf seiten der Unterdrückten allenthalben nur »fatalistische Trägheit der Köpfe«, »Gleichgültigkeit der Gedemütigten« und »geistlose Anpassung« anzutreffen ist, durchlebt die Menschheit »den nächtlichen Tag der Weltnacht«, »hat sich der Klassenkampf zum ›Klassenmassaker‹« gewandelt, und das »stumme Leiden der aus dem System Verbannten, das Hegelsche ›namenlose Elende‹, verwandelt in das Blut der Geschichte, die auf eine bloße Metzgertheke reduziert ist, bleiben dauerhaft entschärft und passiv«. Schuld daran trägt eine Linke, die »vom Kampf gegen das Kapital zum Kampf für das Kapital übergelaufen« ist, weil sie die »wahre Natur« ihrer Politik wirksam zu verschleiern vermag: »Das heutige ›soziale Gemetzel‹ (…) beruht auf der Tatsache, dass auf einer roten Metzgerschürze die Blutspritzer der Arbeiter und Rentner, der Leiharbeiter und Arbeitslosen weniger sichtbar sind.«

Für das Hässliche gibt es den Jargon der Fleischerei, für das Schöne, Zukünftige den der Esoterik: Da ist die Rede von einem alternativen Weltbild, das »Funken« entzündet, von einem »Kernstück des Ideals«, das in einer »sich immer weiter ausdehnenden Wüste« eine »Blume« ist, »die niemals welken wird«, da ist »Streben«, das ein »Hafen« ist, den Erich Fromm die »Stadt des Seins« nennt, »ein unerforschter Kontinent der Zukunft«, der in schönster Tautologie »das unbekannte Land« bleibt, und schließlich ein »Tagtraum von der Emanzipation«, der »auch weiterhin Polarstern des Denkens und Handelns« sein soll. Dazwischen flirren und surren »Sinngebung«, »Pathos«, »Erlösung« und »Reich Gottes« durch den Text.

Aus dem aphoristischen Geraune erklingen bei aller beschwörenden Eschatologie manchmal Halbsätze von unerwarteter Klarheit, wie etwa das Bekenntnis zu »einer gemeinschaftlichen, klassenlosen Gesellschaft, ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen«, das allerdings rasch wieder eingetrübt wird. Das Ziel heißt bei Fusaro nicht Kommunismus, der als »realer« ruhmlos untergegangen sei, sondern ominös »kosmopolitischer Kommunitarismus als Wahrheit des gesellschaftlichen Lebens«.

Dieser anzustrebende Zustand gibt eine Ahnung vom politischen Ort bzw. Nicht-Ort des Autors. Fusaro, in Italien Dauergast des Polittalks, ist Gründer der Kulturvereinigung »Interesse Nazionale«. In deren »Manifest« wird die Empfehlung ausgesprochen, den alten »Gegensatz von rechts und links« zu überwinden und die »rechten Werte« wie die »linken Ideen« anzunehmen: rechts Verwurzelung, Vaterland, Ehre, Treue, Familie und Ethik; links Emanzipation, soziale Rechte, gleiche materielle und formale Freiheit, Würde der Arbeit, demokratischer Sozialismus in Produktion und Vertrieb.

Derzeit stehen die Werte von rechts wieder höher im Kurs. Fusaro hat ein feines Gespür dafür. In verschiedenen Beiträgen konstatiert er mit Heidegger, dem »verhöhnten und verspotteten Riesen«, die Entwurzelung durch Globalisierung, die »nichts anderes als die Universalisierung des amerikanischen Lebensstils« sei, beklagt den »Schuldkult« der Deutschen und findet, die von den »heimatlosen Herren des Kapitals« gewollte »Massenimmigration«, die viel eher »Massendeportation« heißen müsse, ersetze eine »angestammte Bevölkerung« mit »kultureller Identität« und einem »Gedächtnis für Klassenkonflikte und soziale Errungenschaften«, der mit Hilfe der »Genderideologie« erfolgreich eingeredet worden sei, die Ablösung der Sexualität von ihrer Zeugungsfunktion zu begrüßen, durch ein Heer gedemütigter, postidentitärer und grenzenlos ausbeutbarer Sklaven. So »vielversprechend« präsentiert sich derzeit Italiens Nachwuchsphilosophie.

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