17.02.2010, 21:45:47 / Buchmesse Havanna 2010

"Alle sind in Miami - nur ich nicht"

Von Berthold Wahlich
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Dora Luisa Robau Shelton auf der Buchmesse Havanna im Gespräch mit Berthold Wahlich

Dora Luisa Robau Shelton ist Professorin für spanische Sprache an der Universiät von Havanna

Dora, du bist 1937 in Havanna geboren – und heute die letzte Vertreterin deiner Familie in Kuba. Alle anderen Familienmitglieder haben Kuba nach der Revolution verlassen? Warum bist du hier geblieben?

Ich komme aus der alten kubanischen Bourgeoisie. Mein Vater war Verwalter von mehreren Zuckerrohrplantagen. Ein Onkel von mir war Arzt, ein anderer Onkel Wirtschaftswissenschaftler, einer Vizepräsident von Ford Kuba. Meine Mutter und meine Tanten waren Hausfrauen ohne für den Haushalt zuständig zu sein, denn wir hatten Köche, Hausangestellte und Diener für alle Gelegenheiten. 1959 habe ich an der Universität von Havanna Philosophie und Sprachwissenschaften studiert und hatte und nach dem Sieg der Revolution hatte ich keinerlei politische Nachteile. Nach meinem Magister habe ich an der Alphabetisierungskampagne in Kuba teilgenommen. Außerhalb der Oberschicht konnte fast niemand lesen und schreiben.

Gleichzeitig hast du einen sehr berühmten Vorfahren. Dein Großvater väterlicherseits war der Brigadegeneral José Luis Robau Lopez, der im kubanischen Befreiungskampf gegen die Spanier eine wichtige Rolle spielte.

Exakt. Mein Großvater leitete in der heutigen Nordprovinz Santa Clara den Aufstand. Er war Kind spanischer Einwanderer aus Katalonien. Meine Vorfahren waren sehr reich. Sie besaßen mehrere Zuckerrohrplantagen mit vielen Sklaven. Mein Großvater wurde 1870 geboren. Als er Medizin studierte, schloß er sich 1895 mit 40 anderen jungen Leuten dem bewaffneten Befreiungskampf unter José Marti an. Interessanterweise waren das nicht nur Angehörige aus der Oberschicht, sondern auch viele Sklaven. Aufgrund seiner militärischen Verdienste ernannte ihn Maximo Gomez, der Oberbefehlshaber der Befreiungsarmee, 1897 zum Brigadegeneral. 1899 waren die Spanier besiegt. Dann kamen allerdings die US-Amerikaner, die Kuba besetzten. 1902 wurde Kuba unabhängig, José Luis Robau wurde in die verfassungsgebende Versammlung gewählt und hatte sich dort vor allem mit Orvil H. Platt, dem US-Vertreter, auseinanderzusetzen. Von 31 Delegierten in der Versammlung stimmten nur drei gegen Platt, darunter auch mein Großvater. Im Ergebnis bekam die kubanische Verfassung einen Zusatz, der den USA jederzeit das Recht einräumte, auf der Insel nach Gutdünken zu intervenieren. Von diesem exterritorialem Sonderrecht ist heute noch der Guantanamo-Stützpunkt übriggeblieben. Vor der konstituierenden Versammlung hielt mein Großvater eine berühmte Rede, in der er begründete, warum er diese Sonderrechte niemals akzeptieren würde. Er sei in diese Versammlung gewählt worden, sagte er, weil er für die Unabhängigkeit und Freiheit Kubas sein Leben aufs Spiel gesetzt habe – und nicht dafür, den Ausverkauf kubanischer Interessen zu betreiben. Sein Geburtshaus in Sagua la Grande ist heute ein Museum und mir wurde die besondere Ehre zu teil, im dortigen Park mehrere Bäume zur Erinnerung an meinen Großvater zu pflanzen.

In Kuba kann man mit 60 in Rente gehen. Trotzdem arbeitest du immer noch.

Ich mache mich gerne nützlich. Die Universität braucht erfahrene Professoren. Seit 1977 bilde ich an der Hochschule Lehrer für spanische Sprache und Literatur aus.

Und in Miami bist du noch nie gewesen?

Doch. Ich habe meine Familie insgesamt viermal besucht, aber es würde mir nie einfallen, dort länger zu bleiben, denn Kuba braucht mich und ich brauche Kuba.



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