junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Dienstag, 21. April 2026, Nr. 92
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Feminismus, Beilage der jW vom 07.03.2026
Beilage Feminismus

Bewegung braucht Geschichte

Das Zeitschriftensterben macht auch vor feministischen Publikationen nicht halt. Brücken zwischen den Generationen drohen wegzubrechen
Von Anna Schiff
Analía_Cid-2.jpg
Mit Megafon und Kochlöffel: Aktivistinnen von La Poderosa demonstrieren singend und tanzend vor dem Nationalkongress (8.3.2024)

Im Dezember 2024 verabschiedete sich Mathilde. Frauenzeitung für Darmstadt und Region von ihren ­Leserinnen. Die feministische Zeitschrift erschien seit 1992. Die Mathilde dürfte vielen kein Begriff (mehr) sein – hierin liegt eine der Ursachen für das feministische Zeitschriftensterben. 2021 erschien die letzte Ausgabe von Frauen und Film. 1974 von der Regisseurin Helke Sander gegründet, war sie ein zentraler Ort für den Austausch über feministische Filmtheorie. 2008 endete auch für die Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis eine Ära. Seit 1982 wurde dort über linken Feminismus debattiert.

Feministische Zeitschriftenprojekte enden, weil Abozahlen sinken und Druckkosten steigen. Das gilt nicht nur für linken Feminismus. Das 2014 gegründete feministische Onlinemagazin Edition F meldete 2022 Insolvenz an. Wenig später gab die Funke-Mediengruppe bekannt, dass die »feministische Medienmarke« nun Teil ihres Portfolios sei. Eine solche »Rettung« kommt für autonome Projekte nicht in Frage, weil es den Macherinnen darum geht, eben nicht Teil des kommerziellen Medienzirkus zu sein, um unabhängig von den Wünschen und Erwartungen der Geldgeber nachdenken zu können.

Doch fehlendes Geld ist nicht das einzige Problem. 2020 erschien – dieses Mal ohne großen Streit – der letzte Artikel des 2007 ins Leben gerufenen Blogs »Mädchenmannschaft«. Autonome feministische Projekte – sei es eine Zeitschrift, ein Lesekreis, ein Blog oder ähnliches – sind ein Kraftakt für alle Beteiligten. Es braucht Zeit und Energie, um ein Printprodukt herzustellen oder einen Lesekreis auf die Beine zu stellen. Es braucht ebenfalls Zeit und Energie, eine feministische Zeitschrift oder einen Blog zu lesen oder das Haus zu verlassen, um mit anderen Menschen zu diskutieren. So endet mit jedem (Zeitschriften-)Projekt auch ein Stück feministischer Bewegungsgeschichte.

Es gibt aktuell keinen Mangel an feministischen Inhalten im Internet – in ­Podcasts, Instagram-Posts, Youtube-Videos usw. Aber es gibt einen Mangel an Orten, an denen sich Feministinnen gemeinsam über einen langen Zeitraum hinweg darüber austauschen können, was sie schon bewegt haben, was sie noch bewegen können und wie das gelingen könnte. Das ist nicht nur schade, sondern auch ein politisches Problem – für uns alle. Es findet immer weniger Austausch zwischen den feministischen Generationen statt, doch eben dieser Austausch ist wichtig, denn Feministinnen müssen immer wieder gemeinsam die gleichen Forderungen aufstellen, zumindest dann, wenn es ihnen nicht nur darum geht, ohnehin privilegierte Frauen noch privilegierter zu machen.

Im November 1976 eröffnete das erste autonome Frauenhaus in Berlin. Bis heute, also fast 50 Jahre später, ist die flächendeckende Finanzierung von Frauenhäusern nicht gesichert. Das im Januar 2025 mit großem Tamtam verabschiedete sogenannte Gewalthilfegesetz greift nämlich erst ab 2032. Erst dann gibt es einen Rechtsanspruch auf kostenlosen Schutz und Beratung »bei geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt«. Es braucht daher Brücken zwischen den Generationen. Es braucht das Wissen, dass wir das alles schon mal hatten. Linksfeministische Zeitschriften am Leben zu halten, ist deshalb kein Museumsbesuch, sondern gelebte Solidarität.

Doch am Leben – oder vielmehr lebendig – können feministische Zeitschriften nur bleiben, wenn sie sich mit innerfeministischer Kritik auseinandersetzen. ­Emma ist hierfür ein anschaulicher Beleg. So besteht kein Zweifel daran, dass die Zeitschrift sich seit 1977 »für die Sache der Frau« einsetzt – doch welche Sache und für welche Frauen, das möchte Emma bitte schön allein entscheiden. Weil das aber nicht geht – schließlich geht es im Feminismus darum, sich eben nicht bevormunden zu lassen –, sucht und findet das Blatt seit Jahren Zuflucht bei Rechten und Konservativen. Im August 2019 durfte Dieter Nuhr, bekannt für seine »Das ist kein Fischen am rechten Rand, das ist nur ein Witz«-Auftritte, kundtun, dass er – haha – »Frauen- und Fremdenfreundin« sei.

Im Oktober 2025 bekam der notorisch am rechten Rand fischende stellvertretende Vorsitzende der Bundespolizeigewerkschaft, Manuel Ostermann (CDU), die Gelegenheit, sich als Frauenbeschützer aufzuspielen. Schließlich gäbe es »ohne Sicherheit keine Freiheit«. Frauen vor dem Islamismus schützen klingt schließlich besser als »Ausländer raus«. Im »Spiegel-Spitzengespräch« kann sich Alice Schwarzer auf die Frage, ob Alice Weidel (AfD) als Bundeskanzlerin für »die Sache der Frauen« »gut wäre«, kein klares »Nein« abringen und lamentiert aktuell auf Emma online darüber, dass sie die Aufregung nicht verstehe – es gebe schließlich »echte Probleme«. Diese Konflikte sind kein Generationenkampf. Denn es geht auch anders.

Emma war nicht die erste und auch nicht die einzige Zeitschrift der neuen Frauenbewegung in Westdeutschland. Die Courage erschien zwischen 1976 und 1984. Sie verstand sich als Plattform der autonomen linksfeministischen Szene. Die Zaunreiterin erschien zwischen 1989 und 1995. Sie war die erste selbstverwaltete feministische Frauenzeitschrift in der DDR. Die erste Ausgabe von Wir Frauen. Das feministische Blatt erschien 1982. Vorläuferin war der gleichnamige Rundbrief, der von der Demokratischen Fraueninitiative (DFI) erstmals 1978 herausgegeben wurde. Die Wir Frauen hat ihre Wurzeln damit in der sozialistischen Frauenfriedensbewegung und erscheint bis heute.

Die Themenhefte laden dazu ein, Probleme, die uns ständig als persönlich, privat und individuell verkauft werden, wie beispielsweise Einsamkeit (3/2025) oder Scham (2/2018), feministisch zu betrachten, also nach den Verhältnissen zu fragen, die uns einsam machen oder uns beschämen. Die Hefte zelebrieren genau deshalb auch den »Widerstand aus Spaß an der Freude« (1/2025) oder die Hoffnung (1/2018). Denn die Zeitschrift versucht nicht nur feministische Geschichte zu erhalten, sie denkt auch an die Zukunft. Ich wollte bei Wir Frauen als Redakteurin mitarbeiten, weil hier niemandem »der« Feminismus womansplaint wird und ich sofort loslegen konnte. Aber auch, wer eine Auszeit braucht, kann ein paar Monate oder Jahre später wieder einsteigen. Dass die Zeitschrift seit über vierzig Jahren erscheinen kann, zeigt, dass wir gemeinsam handlungsfähig sein können.

Hinweis: Die Zeitschrift Frauen und Film erscheint seit 2021 im Aviva Verlag Berlin und ist nicht eingegangen. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Anna Schiff ist ­Historikerin und Geschlechterforscherin und Teil der Redaktion von Wir Frauen

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Keine leeren Worte: Sheinbaum kann sich nach einem Jahr im Amt z...
    02.01.2026

    Geschichte verpflichtet

    Mexiko erinnert an ersten feministischen Kongress im Land. Präsidentin Sheinbaum handelt auch entsprechend
  • Jedes Jahr aufs neue: Antigewaltprotest zum Kampftag in Genf (8....
    14.03.2025

    Trauer und Widerstand

    Zahl der Femizide in der Schweiz steigt, während Hilfsstrukturen überlastet sind. Feministische Gruppen stellen Öffentlichkeit her
  • 16.12.2022

    Gewalt im Fokus

    Magazin an.schläge thematisiert Tabus, zeigt emanzipatorische Vielfalt und fordert »Feminismus fördern!«