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Aus: Feminismus, Beilage der jW vom 07.03.2026
Editorial

Gemeinsam sind wir stärker

Reaktionärer Rollback, Militarisierung und ökonomischer Druck: Feministischer Widerstand ist nötiger denn je
Von Ina Sembdner
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Kampf um Bildung: ­Studentinnen protestieren in Buenos Aires ­gegen die ­Kürzungen bei öffentlichen ­Universitäten (2.10.2024)

Die Zeiten für die feministische Bewegung sind hart, und aller Voraussicht nach werden sie noch härter. Während die Gewalt gegen Frauen, geschlechtliche und sexuelle Minderheiten dramatisch zunimmt, sie ökonomisch und sozial vom militarisierten Staatsumbau am stärksten betroffen sind und die Kosten der Reproduktion nach wie vor mehrheitlich von ihnen getragen werden, verliert sich das scheinbar im Klein-Klein innerfeministischer Kämpfe. Die Aufsplitterung verschieden angelegter Demonstrationen am Frauenkampftag, etwa in der Hauptstadt Berlin, mag Ausdruck dessen sein. Kraftvoller und effektiver für die Sache wäre sicher eine Großdemonstration, die alle feministischen Strömungen vereint und den letztlich gleichen Forderungen – Schutz vor Entrechtung, Diskriminierung und Gewalt – deutlich mehr Schlagkraft verleihen würde. Ein Fingerzeig in die richtige Richtung: die zentrale Demo des Deutschen Gewerkschaftsbunds in diesem Jahr. Gemeinsam mit Organisationen wie dem »Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung«, dem »Feministischen Netzwerk für Gesundheit« oder dem Verein »Hydra« für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Sexarbeitenden wird eine feministische und antifaschistische Zukunft eingefordert.

Dabei ist das Wissen über das Gestern und zurückliegende Kämpfe essentiell, um nicht immer wieder das Rad neu zu erfinden. Anna Schiff, die sich im Redakteur­innenkollektiv von Wir Frauen engagiert, legt in ihrem Beitrag »Bewegung braucht Geschichte« dar, unter welchem Druck vor allem feministische Zeitschriften stehen. Ein politisches Problem – für uns alle, wie Schiff betont. Und auch wenn sich die Theaterschauspielerin Therese Giehse genug war als »Eine alleinige Person« und ein höchst unabhängiges und gefährliches Leben führte, wie Mona Grosche in ihrer Rezension zur Graphic Novel »Die Giehse« schreibt, ist der gemeinsame Kampf doch wünschenswerter. Dass dieser jedoch nicht in einen »Boys Club für Frauen« münden soll, macht Mara Luise Günzel in ihrem Beitrag deutlich, der sich kritisch mit dem liberalen Feminismus auseinandersetzt. Forderungen an das bestehende patriarchale System sind bestenfalls Schönheitskorrekturen, im schlimmsten Fall bringen sie dem reaktionären Rollback Auftrieb, wenn es »reicht«, Frau mit Macht zu sein. Oder wahlweise Frau mit Waffe, wie Gisela Notz in »Ist das Emanzipation oder soll das weg?« aufzeigt. Allerdings sollte klar sein, dass Gleichberechtigung nicht mit einer Integration in Militär und Krieg zu machen ist.

Dieser Rollback erreicht auch lesbische Frauen, allerdings in anderer Form, wie Melina Rauch im Interview »Ich wünsche mir von uns Lesben mehr Mut« schildert. Früher von rechts verachtet, müssen sich Frauen/Lesben-Zentren nun teils dafür rechtfertigen, dass Begriffe wie Geschlecht, Mann und Frau für sie zentral sind. Autorin Gitta Düperthal, die sich selbst seit Jahrzehnten in feministischen Räumen und Auseinandersetzungen bewegt, kommentiert dazu: »Wenn das Geschlecht angeblich keine Rolle mehr spielt, schwächt das soziale Kämpfe der Frauenbewegung.« Sie fordert statt dessen eine solidarische Bündnispolitik. Der Essayist Piotr Biegasiewicz betrachtet schließlich in »Kein Feiertag, sondern eine Sprachordnung«, wie der 8. März als Knotenpunkt verschiedener Begriffe von Politik fungiert. Er war und ist zugleich Protesttag, Staatsritual, Identitätsmarker und digitales Archiv.

Feministische Proteste halten auch in Argentinien seit der Amtsübernahme durch den ultrarechten Präsidenten Javier Milei an – er hat die Kettensäge auch und vor allem bei Frauenrechten und -institutionen angelegt. Die in Buenos Aires geborene Fotografin Analía Cid begleitete die Demonstrationen und Zusammenkünfte mit ihrer Kamera.

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