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Aus: Literatur/Frankfurter Buchmesse, Beilage der jW vom 19.10.2016

Wir sind hier nicht in einem Buch

Des Kleinbürgers Errettung in der Flüchtlingskrise: Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis«
Von Alexander Reich
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Geräusche vor seiner Tür versetzen den früheren Kleinverleger Reither so in Anspannung, dass der Wein die vertraute Wirkung verfehlt. Er wickelt Schinken um Bergkäse, kaut auf, raucht. Mehr als das Nötigste hat er in der Seniorenresidenz im Allgäu bis dahin nur mit zwei jungen Frauen geredet, die einander nachts am »Empfang« abwechseln – »ein Wort aus der Eigentümerversammlung«, die sich darüber einig wusste, dass dieses Personal nicht viel kosten sollte. Am Ende waren eine Eritreerin (schüchtern) und eine Bulgarin (blondiert) »froh, überhaupt Arbeit zu haben«. Versatzstücke von Klischees, die recht kunstvoll ineinandergefügt sind. Mit ihnen klingt in Bodo Kirchhoffs Novelle »Widerfahrnis« zum ersten Mal das Flüchtlingsmotiv an, das im weiteren Verlauf der Handlung zentral werden wird.

Davon, was ihm im Süden widerfahr’n is’, erzählt im Prinzip Reither selbst, wenn auch von sich in der dritten Person, was die FAZ zur komplizierten Bemerkung veranlasste, nur im Bezug auf ihn sei die Perspektive auktorial. Als es dann endlich klingelt an Reithers Tür, steht die »treibende Kraft des Lesekreises« der Residenz davor, Leonie Palm. Bei einem ulkigen Hin und Her im Türrahmen ergeben sich erste Gemeinsamkeiten. Vor allem kommt man aus besseren Zeiten für Handwerk und Kleinbürgertum, das Berufsleben ging unerfreulich zu Ende. Bei ihm mit der Einsicht, dass es »allmählich mehr Schreibende als Lesende« gab. Sie pflichtet ähnlich verklärend bei, es habe für die Hüte in ihrem Laden »immer weniger Gesichter« gegeben.

Lange Dialoge zeugten in Büchern »meist nur von Erzählfaulheit«, sagt Riether schließlich, Absatz, Palms Gegenrede (An- und Abführung gibt es im Buch nicht): »Aber Sie und ich, wir sind hier nicht in einem Buch. Wir stehen an Ihrer Wohnungstür.«

Wer vielen von der Liebe reden will, ohne gleich jeden Anspruch aufzugeben, darf weder Angst vor Kitsch haben noch einen allzu großen Hang dazu. Ein schmaler Grat, auf dem es erstaunlich lässig weitergeht. Die Stränge sind gekonnt verknüpft, Rei­ther tastet sich ans Erzählen mehr heran, auch wenn es hin und wieder fast flutscht. Konventionen werden verworfen, manch Unaussprechliches bleibt als solches respektiert.

Mit Versuchen über das Begehren hat Kirchhoff Ende der 70er angefangen (nach einer Promotion in Pädagogik über Jacques Lacan). Auf dem Weg zum Großschriftsteller hat er mich dann verloren, aber aus seinem Frühwerk ist mir einiges in guter, wenn auch unzuverlässiger Erinnerung:

– ein Bemühen, den Genuss eines Gebäcks in einem Café zu wiederholen (auch als Frage minutiösen Timings);

– wie einer bei einer Sexarbeiterin im Frankfurter Bahnhofsviertel ins Staunen kommt über geradezu rituelle Waschungen;

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– die fixe Idee des mutmaßlich selben Typen, der Nachbarin im Aufzug ein Stück Plastikkot aus dem Scherzartikelladen in den ausladenden Hintern zu schieben, deren Umsetzung gegen Bares zum beschämenden Debakel gerät.

Am Ende sucht dieser Bodybuilder aus »Ohne Eifer, ohne Zorn«, wenn mich nicht alles täuscht, sein Heil im Süden und landet, wie Kirchhoff später selbst, am Gardasee. Auch den Rentner Reither zieht es nun im 3er-BMW-Cabrio der Frau mit Hut nach Italien. Man bricht noch in der Nacht der Begegnung auf. Die Eritreerin bringt das Auto in Gang, während die Bulgarin ohne jedes Taktgefühl Details der Flucht ihrer Kollegin über Sudan und Libyen nach Lampedusa beisteuert.

Der Süden taugt schon im Moment des Aufbruchs nicht mehr zur Projektion von Erlösung, und doch wird Reither eben dort, in diesem umgestürzten Hafen, zum besseren Menschen werden. Was einerseits nicht schwer ist – sein Dasein ist wie das jedes Kleinbürgers von Besitzstandswahrung und Verdruss geprägt, Rassismus und Sexismus sind gedämpft vorhanden –, andererseits ausgeschlossen scheint. In diesem Alter!

Allmählich überwinden Reither und Palm auf den italienischen Autobahnen ihre Verzagtheit. Ob das zarte Band zwischen ihnen hält oder zerreißt, ist am Ende kaum von Belang, angesichts des Groschens, der im Umgang mit Flüchtlingen fällt. Denen zu helfen erscheint plötzlich weniger angemessen, als sich von ihnen helfen zu lassen. Das Paternalistische oder Mütterlich-Bevormundende gängiger Flüchtlingshilfe weicht der Einsicht in die eigene Hilfebedürftigkeit.

Was Kirchhoff auf den letzten Seiten seiner Liebesgeschichte mit gröberem Strich skizziert, ist die Errettung eines Kleinbürgers, der aus dem Komfort seiner Isolationszelle zum gesellschaftlichen Zusammenhang zurückfindet, zu so etwas wie universaler Solidarität.

Sollte sich in den Lesekreisen des Landes herumsprechen, dass es diesen Ausweg gibt, wäre viel gewonnen, aber allzugroße Illusionen sollte man sich da nicht machen, wie ein wohl nicht untypischer Faneintrag im Blog »Literatur leuchtet« zeigt: »Das Einzige, was mich an Kirchhoffs Geschichte anfangs ein klein wenig störte, was mir aber derzeit bei vielen anderen Romanen ebenso auffällt, ist das oft etwas künstliche und gewollte Bemühen, das aktuelle Thema Flüchtlingskrise unbedingt irgendwie mit in die Geschichte einzubauen.«

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2016, 224 Seiten, 21 Euro

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