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Aus: Wein, Beilage der jW vom 11.11.2015

Ganz bei Sinnen

Gute Weine können freudlose Zustände für einen Moment vergessen machen. Auch deshalb sind sie zu loben
Von Daniel Bratanovic
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Aufnahme von der »Vinitaly« in Verona – einer Fachmesse für Weine und Destillate – aus dem Jahr 2010

Absicht steckte nicht dahinter, diese Beilage zum Wein ausgerechnet am 11. 11. erscheinen zu lassen, der den Rheinländern der Beginn der fünften Jahreszeit ist. Das zufällige Zusammenfallen von Gegenstand und Datum weckt beim verantwortlichen Redakteur jedoch trübe Erinnerungen an eine Kindheit an der Obermosel, deren Ortschaften alljährlich, wie überall links des Rheins, von den Umtrieben der Fastnachtsvereine heimgesucht werden. Als Heranwachsender bekam man schnell mit, dass die verordnete Fröhlichkeit im Grunde nur herzustellen war, wenn mit Nervengift nachgeholfen wurde: Der einzige Stimulus, bei den trostlosen Albernheiten der Narren mitzumachen, war der Wein. Alle pädagogische Strenge wurde (wird?) in dieser Zeit fahren gelassen. Zwischen »Weiberdonnerstag« und Fastnachtsdienstag herrschte Ausnahmezustand. Ausgestattet mit einem Becher und vor Bestrafung geschützt, tingelten wir Minderjährigen von Dorf zu Dorf, von Umzug zu Umzug, in der Absicht, uns von den Karnevalswagen herab tüchtig einschenken zu lassen. Das funktionierte stets verlässlich, hatte allerdings auch stets fürchterliche Folgen. Übelkeit und Erbrechen waren eher die Regel als die Ausnahme. Ein erbarmungswürdiges Bild müssen wir abgegeben haben. Betrunkene Kinder sind, mehr noch als Erwachsene, alles andere als ein erbaulicher Anblick.

Die Unverträglichkeit hatte vermutlich sehr viel mehr mit dem eigenen Alter als mit der Güte des Weines zu tun. Gut möglich aber, dass damals, um die Mitte der 90er Jahre, an der Mosel überwiegend noch unbekömmliches, in der Regel süß-klebriges Zeug ausgeschenkt wurde. (Geschmackliches will das Gedächtnis nicht mehr zur Verfügung stellen, zudem ist der Kindergaumen kein verlässlicher Zeuge.) Zum Glück hat sich daran eine Menge geändert. Vorbei die Zeit, als die Weine der Region vor allem mit der schwer erträglichen Plörre vom Kröver Nacktarsch assoziiert wurden. Wer heute zu einer Flasche Moselwein greift, muss schon ausgesprochenes Pech haben, eine miese zu erwischen.

Es lässt sich demnach konkret einzelnes loben, wo abstrakt allgemein nichts zu loben ist. Die Antwort auf das Elend der Verhältnisse kann derweil kein äthanolgetränkter Eskapismus sein. Vom guten Weine beschwingt, mag man ausrufen: Das ist der Vorschein glücklicherer Zustände. Doch diese Euphorie ist flüchtig. Sie hat aber allemal ihre Berechtigung. Das sei auch gegen eine Haltung vom Typ asketischer Kommunismus gesagt, verkörpert von aschfahlen Lustfeinden, denen ein Lachen als Verrat an der Ernsthaftigkeit der Sache gilt. In deren kollektivistischer Zukunftswelt wird unter einem immer grauen Himmel stets der gleiche Klumpen geschmacklosen Tofus aufgetischt werden. Diese miesepeterige Verzichtsethik ist die schlechte Negation jener traurigen Spaßveranstaltungen der Karnevalisten, eine in alle Ewigkeit prolongierte Fastenzeit, die keine Auferstehung kennt.

Gegen das falsche Leben im falschen und gegen freudlose Zustände lässt sich vortrefflich antrinken. Mit einem Elbling-Crémant oder einem Riesling aus den Steillagen der Mosel, mit einem Vin de pays aus dem Languèdoc oder dem Burgund, mit einem Moschofilero oder Agiorgito von der Peloponnes. Das jeweils dazu passende Gericht, seien es die Krustentiere zum Crémant, die Honigmelone zum feinherben Riesling oder würzige Salami und duftender Ziegenkäse zu den französischen Landweinen, macht endgültig die Misere für einen Moment vergessen und ermuntert zugleich, die Arbeit an ihrer Abschaffung fortzusetzen. Darauf ein Prosit.

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