Gegründet 1947 Freitag, 23. August 2019, Nr. 195
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Antifaschismus, Beilage der jW vom 05.09.2015

Kunst in Aktion

Die Lage am Brandort Deutschland zwingt zur Auseinandersetzung, lässt aber auch Raum für Kreativität. Vom Ölgemälde bis zur Kommunikationsguerilla: Die Gegenkultur ist ausbaufähig
Von Claudia Wangerin
Plakatmotive und Gemälde wie dieses von Bernd Langer entstanden
Plakatmotive und Gemälde wie dieses von Bernd Langer entstanden im Rahmen der Initiative »Kunst und Kampf« (siehe Seite 3). Titel: Antifaschistische Aktion Format: 100 cm x 120 cm, gemalt 2014

Viele linke Aktivisten haben 2015 bisher als ein Jahr erlebt, in dem sie bestenfalls »Feuerwehr« spielen können: Reagieren auf rechte Massenmobilisierungen und Anschläge auf Flüchtlingsheime, reagieren auf pöbelnde Rassisten und »Nein zum Heim«-Initiativen »besorgter Bürger«, in denen sich organisierte Neonazis wie Fische im Wasser bewegen. Antifaschisten konnten in den letzten Monaten immer dorthin fahren, wo der Mob sich gerade versammelt hatte, um seinen Frust über die eigene Perspektivlosigkeit in Freital oder Heidenau gegen traumatisierte Menschen zu richten, die aus Kriegs- und Krisengebieten geflohen waren. Eine begrenzte Zahl unermüdlicher Aktivisten war ständig unterwegs, um gegen die medial als »Asylkritiker« verniedlichten Demagogen und Verhetzten zu protestieren. Tausende Freiwillige versorgten bundesweit ankommende Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Sachspenden. Manche taten sogar, was die Hetzer polemisch von allen verlangen, die gegen rigorose Abschottung sind: Sie nahmen Asylsuchende bei sich zu Hause auf. Musiker und Filmstars positionierten sich gegen Rassismus – und irgendwann fasste sich sogar die etablierte Politik ein Herz und schlug sich zumindest mit Lippenbekenntnissen auf die Seite der Flüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft hatten. So auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), die gerade erst im Schuldenstreit um das EU-Spardiktat für Griechenland deutlich gemacht hatten, dass sie Demokratie und soziale Menschenrechte nicht für »must haves« halten, sondern für etwas, das man sich leisten können muss – und dass Empathie für notleidende »Ausländer« fehl am Platz ist, solange sie im Ausland leben.

Wenn sich der Mangel an Empathie aber mitten im »Standort Deutschland« vor den Asylunterkünften manifestiert, gibt sich die etablierte Politik entsetzt: Gabriel nannte die randalierende »Nein zum Heim«-Fraktion sogar »Pack«. Ist Antifaschismus nun Mainstream? Verpflichtet sich der Vizekanzler, nie wieder Gastkommentare für die Bild zu schreiben, in denen er »die deutschen Arbeitnehmer und ihre Familien« gegen links wählende, sparunwillige Südeuropäer ausspielt? Lehnt er jetzt Waffenexporte an Golfmonarchien ab, damit in Zukunft weniger Menschen aus der Region fliehen müssen? Bekommt Griechenland endlich Reparationen für deutsche Kriegsverbrechen, statt von BRD-Politikern im Zusammenspiel mit Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission weiter als Protektorat betrachtet zu werden? Muss der deutsche Inlandsgeheimdienst endlich seine Rolle im Dunstkreis des Rechtsterrorismus offenlegen? Natürlich nicht. Und Flüchtlinge, die es nicht bis »Kerneuropa« schaffen, sind der Bundesregierung weiterhin egal.

In diese Wunden müssen unabhängige Antifaschisten ihre Finger legen, wenn sie nicht nur Feuerwehr sein wollen. Kreative und Aktionskünstler, um die es hier gehen soll, tun es schon. Zum Teil als Profis, was schwer ist, weil eine tragfähige, linke Subkultur fehlt, die weniger bekannten Künstlern die Existenzangst nimmt, wenn sie sich klar positionieren, zum Teil als politische Menschen anderer Berufsgruppen, die Aktionskunst und Kommunikationsguerilla als Ausdrucksformen entdeckt haben. Auf diesem Gebiet hat sich 2015 viel getan – die wohl meistdiskutierte Aktion ging vom »Zentrum für politische Schönheit« aus, das im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge zur Bestattung nach Deutschland brachte. Der Liedermacher Konstantin Wecker weist unterdessen auf den Zusammenhang von sozialen Verwerfungen, aggressiver deutscher Außenpolitik und dem frustrierten Mob vor den Flüchtlingsheimen hin. Staatliche Verstrickungen in den organisierten Rechtsterrorismus haben sowohl professionelle Theatermacher als auch kreative Aktivisten aufgegriffen.