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Aus: Afrika, Beilage der jW vom 03.12.2014

Fluch des Öls

Die Machenschaften internationaler Konzerne zerstören in Nigeria die Lebensgrundlagen ganzer Generationen. Korrupte Eliten profitieren
Von Simon Loidl
»Essen ist fertig«, steht auf dem Schild eines Imbiss in der Sta
»Essen ist fertig«, steht auf dem Schild eines Imbiss in der Stadt Twon Bass im Nigerdelta. Was nach lokaler Küche aussieht, ist aber in der Regel importiert, zu verseucht sind die eigenen Böden und Gewässer

Bis zu 500.000 Barrel Rohöl flossen im Jahr 2008 im Nigerdelta um die Stadt Bodo aus längst reparaturbedürftigen Pipelines des Shell-Konzerns. Bis heute sind die Schadensersatzprozesse nach dieser Katastrophe für die Umwelt nicht beendet. Im November berichtete die britische Rundfunkanstalt BBC von internen E-Mails des Konzerns, in denen zu lesen ist, dass man damals bei Shell schon längst mit einem Unfall größeren Ausmaßes in Nigeria gerechnet hatte. Bereits zwei Jahre vor der Katastrophe warnten Mitarbeiter vor Ort, dass die Pipelines dringend instandgesetzt werden müssten. Shell-intern war in der Zeit nach dem programmierten Unfall davon die Rede, dass die Transportanlagen seit über 15 Jahren nicht ordnungsgemäß gewartet worden seien. Die jetzt von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International veröffentlichten Shell-Korrespondenzen sind Teil der Unterlagen eines laufenden Gerichtsverfahrens um Entschädigungszahlungen. Der Konzern bestreitet bis heute das Ausmaß der Katastrophe und behauptet auch, dass ein Teil der gigantischen Verschmutzungen der Region auf Sabotage von Pipelines und Rohöldiebstahl zurückzuführen sei. Letzteres wird auch als Hauptgrund für den schlechten Zustand der Röhren angegeben.

Und tatsächlich: Sabotage und Diebstahl gab und gibt es. Diese sind aber vor allem das Resultat der sozialen Verheerungen in Teilen Nigerias, die infolge der Ausbeutung der Bodenschätze durch internationale Ölkonzerne ganze Generationen in Mitleidenschaft ziehen. Die Rohölgewinnung in Nigeria führt in seltener Klarheit vor Augen, was der oft zitierte »Fluch der Ressourcen« für die Menschen einer betroffenen Region bedeutet. Die Ölförderung im Nigerdelta hat die natürlichen Nahrungsmittelressourcen ganzer Gemeinschaften zerstört, eine Gewaltökonomie rund um illegale Ölverkäufe geschaffen und die Korruption innerhalb der nigerianischen Eliten genährt.

Am Beispiel Nigeria lässt sich nachvollziehen, wie eine gesamte Volkswirtschaft binnen weniger Jahre an einem Rohstoff ausgerichtet wurde. Während des Ölbooms in den 1970er Jahren brachen andere Wirtschaftsbereiche ein. Bis dahin war Nigeria der zweitgrößte Kakaoproduzent, auch andere landwirtschaftliche Produkte wurden exportiert. Mit den Ölausfuhren stiegen die Preise in Nigeria, und bald schon wurde in vielen Bereichen zunehmend importiert. Die Landwirtschaft litt unter dieser Entwicklung, und so war Armut für viele Menschen in Nigeria eine unmittelbare Folge des Ölbooms . Im Februar 2013 sagte der Direktor der nigerianischen Vereinigung der Kammern für Handel, Industrie, Minen und Landwirtschaft, dass der Ölsektor Verwerfungen für die produzierenden und landwirtschaftlichen Zweige mit sich bringe - eine reichlich späte Erkenntnis.

Heute machen die Ölexporte mehr als 90 Prozent der Ausfuhren Nigerias aus, der Sektor trägt wesentlich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die im Land operierenden internationalen Ölkonzerne agieren in einem vergleichsweise strengen Korsett. So handelt es sich bei allen Unternehmen um Joint-ventures, an denen der nigerianische Staat zumeist mehrheitlich beteiligt ist. Shell Nigeria etwa, das für rund 50 Prozent der Förderung verantwortlich zeichnet, gehört zu 55 Prozent der Nigerian National Petroleum Corporation (NNPC). Dieser Zugriff des Staates hätte das Potential, den Ölreichtum für die nigerianische Bevölkerung nutzbar zu machen. Allerdings ist über die Jahrzehnte ein dichtes Netzwerk aus Korruption entstanden. Tagtäglich werden große Mengen an Rohöl unterschlagen, die Erlöse aus dem Verkauf fließen in diese Strukturen, deren Aufrechterhaltung im Sinne vieler und sehr unterschiedlicher Akteure ist. Der britische Autor Nicholas Shaxson nennt die »militanten Gruppen« im Nigerdelta, das »politische System« des Landes und dessen herrschende Parteien und Gruppen sowie »Steueroasen« und die »Londoner City« als Zieladressen der Gelder aus dem illegalen Teil der Ölwirtschaft.

Angesichts der Verheerungen, die aus der Ölförderung im Nigerdelta resultierten, entstanden immer wieder Widerstandsorganisationen. Eine der größten Gruppen ist die Bewegung für die Emanzipation des Nigerdeltas (MEND). Die militante Organisation agiert auf unterschiedlichen Ebenen. So prangert das MEND die Umweltschäden an, die durch die Ölproduktion verursacht werden. Mehrmals formulierten Sprecher als Ziel, dem nigerianischen Staat und den Konzernen den Zugriff auf den Rohstoff zu verwehren. Die Förderung müsse lokal organisiert werden. Um das zu erreichen, führte das MEND während der vergangenen Jahre Anschläge auf Einrichtungen der Ölindustrie durch, kaperte Tanker und forderte Lösegelder oder stahl Rohöl. Der Robin-Hood-Anspruch, den das MEND und andere Gruppen haben, ging allerdings oft relativ rasch verloren. Bewaffnete Organisationen wurden Teil einer mafiösen Parallelwelt und stellten sich schon mal als »Sicherheitskräfte« den Konzernen zur Verfügung. Wenn auch einzelne Gruppen den prinzipiell legitimen Anspruch auf Partizipation der lokalen Bevölkerung an den Öleinnahmen verfolgen, so scheint der Schritt zur Korrumpierung im komplexen System aus Unternehmen, Mafia und Politik rund um das nigerianische Öl nur ein kleiner zu sein.

Die Zerstörung traditioneller Einnahmequellen lässt vielen Menschen keine andere Wahl als zu versuchen, in irgendeiner Form am Ölgeschäft teilzunehmen. In einem Amnesty-International-Bericht aus dem Jahr 2011 zu den Ölunfällen in Bodo berichten Bewohner der Region von verseuchten Flüssen, aus denen kein Fisch mehr zu holen ist, und von vernichteten Ernten. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen nach der Katastrophe, während die Menschen verarmten, da ihre Einnahmequellen als Fischer vernichtet worden waren. Vielen Jugendlichen bieten militante Gruppen im Delta eine Möglichkeit, an Geld zu kommen. Sie werden Teil der Strukturen, die ihren Familien die Lebensgrundlagen entziehen. Das betrifft freilich nicht nur die Deltaregion. Mehr als die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, viele Jugendliche haben keine Ausbildung, Jobs oder Perspektiven. Das ist das zentrale soziale Problem des Landes - und nicht zuletzt auch einer der Gründe für den Erfolg der Islamisten im Norden.

»Ein halbes Jahrhundert des Ölüberflusses hat Nigeria in die Kategorie der ölreichen Länder katapultiert, gleichzeitig wurde ein großer Teil davon allerdings verschleudert, gestohlen oder für politische Zwecke abgezweigt, statt für die wirtschaftliche Entwicklung genutzt zu werden«, fasst Michael Watts 2013 in der Zeitschrift Prokla die Situation zusammen. Im internationalen Vergleich liegt Nigeria derzeit beim Bruttoinlandsprodukt nach Kaufkraftparität auf Platz 30, bei der Berechnung pro Kopf auf Platz 142. Der von den Vereinten Nationen errechnete Human Development Index sieht das Land auf Platz 152. Kurz: Nigeria ist potentiell reich, die Nigerianer aber sind arm. Die Konzentration auf die Ölausbeutung verschärft die durch die Förderung erst geschaffenen Probleme tagtäglich.

Simon Loidl ist Journalist und Historiker. Er arbeitet in Wien.

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