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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 13.03.2014

Kampf dem Todesstern

Auch das Internet wird von Konzernen beherrscht. Doch allmählich formiert sich Widerstand dagegen. Über die Netzrevolte in der Literatur und auf der Straße
Von Thomas Wagner
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Worauf beruht eigentlich die Macht von Google, Amazon und Facebook? Wohl vor allem darauf, daß sie sich nicht als Konzerne mit knallharten Geschäftsinteressen, sondern als vermeintliche soziale Wohltäter darzustellen verstehen. »Ich denke, wenn wir es richtig angehen, können wir alle Probleme in der Welt lösen«, verkündet Google-Spitzenmanager Eric Schmidt und suggeriert, daß es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis Hunger, Gewalt und Unwissenheit auf technischem Wege bewältigt sein werden. Facebook hilft beim Knüpfen »sozialer Netze«. Der Internetversandhändler Amazon zeigt an, wo es Bücher besonders preiswert gibt und Google »demokratisiert« den Zugang zum Wissen in der Welt. »Kostenlos« ist das alles aber nur um den Preis, daß die Nutzer stillschweigend einwilligen, sich ausspionieren zu lassen. Über die Verwendung ihrer freiwillig bereitgestellten Daten haben sie dann keine Kontrolle mehr.

Zur selben Zeit geben sich die Konzerne des Silicon Valley alle Mühe zu verdecken, daß »das Netz« eine andere Architektur haben könnte, als es heute der Fall ist. Die Art und Weise, wie die technologische Infrastruktur derzeit organisiert und von diesen Unternehmen bestimmt wird, soll als die einzig mögliche erscheinen, so Evgeny Morozov. Sein 2013 im Karl Blessing Verlag erschienenes Buch »Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen« enthält erste Ansatzpunkte für eine noch zu formulierende Ideologiekritik des Internet.

Verdrängung

Für die Schriftstellerin Rebecca Solnit haben US-Regierung und Technologiekonzerne gemein, daß sie beide im Schatten agieren, während die gewöhnlichen Bürger anhand ihrer Daten komplett durchsichtig gemacht werden sollen. Im Zweifel stehen die Konzerne auf der Seite der Staatsmacht und umgekehrt. Als »bedauerlich« werten die Google-Manager Eric Schmidt und Jared Cohen in ihrem 2013 erschienenen gemeinsamen Buch »Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft« die Aktivitäten von Whistleblowern wie Julian Assange. Dieser konterte in einem Gastkommentar für die New York Times, die Sprache der Autoren spiegele die immer größere Nähe zwischen US-Außenministerium und Silicon Valley. Tatsächlich betätigen sich sowohl Schmidt als auch Cohen als Regierungsberater. »Hier entsteht eine neue Form von Staat, unter Mitwirkung gigantischer Apparate, die wie ein Staat agieren und sich praktisch jeder Kontrolle entziehen«, so Solnit in der FAZ (5.7.2013).

Sie gehört zu jenen Leuten, die mit Google und Co. nicht nur in der virtuellen Welt schlechte Erfahrungen machen. Denn San Francisco, ihr Heimatort, ist ein Magnet für die im nur rund 60 Kilometer entfernten Silicon Valley arbeitenden Programmierer, Softwareingenieure und App-Entwickler. Die wollen dort nicht leben, sondern ihre Freizeit lieber im bunten Ambiente San Franciscos verbringen, und so ist es dort eng geworden auf dem Wohnungsmarkt. Die Mieten steigen rasant. Es gibt zuwenig Neubauten, und die Stadt ist kaum noch in der Lage, den wachsenden Zustrom an Pendlern aufzufangen.

In Stadtvierteln wie Mission District mieteten Konzerne wie Google, Apple oder Facebook ganze Häuserblocks für ihre Mitarbeiter. Mit ihnen kamen horrende Preise. Das Besuchen von Cafés und das Einkaufen auf den Märkten wurde für Leute mit durchschnittlichem oder geringem Einkommen unerschwinglich. Altmieter werden verdrängt. Zugleich ist die Verkehrsinfrastruktur der Stadt und des Staates Kalifornien marode. Deshalb unterhalten die Konzerne eigene Luxusbuslinien, die jeden Morgen mehrere Zehntausend Menschen zu ihren Arbeitsplätzen bringen. Solnit schreibt: »Google, Apple, Facebook und Genentech haben einige der größten Flotten, die meist ungekennzeichneten weißen Busse sind zu einem Symbol der Transformation von San Francisco geworden.« Anwohner beschweren sich, sie würden dabei oft die städtischen Busse behindern, welche dieselben Haltestellen nutzen.

Weiße Flotte

Die Konzerne jedoch verweigern ihren Beitrag zur Finanzierung der Infrastruktur. »Vergangenes Jahr wurde bekannt, daß Google, Apple und andere mit großem Aufwand vermeiden, in den USA Unternehmenssteuern zu bezahlen.« San Francisco sei heute, so Solnit, »ein Ort, an dem man die weltweit mächtigsten Unternehmen und ihre Chefs besonders gut beobachten kann. Wir wissen also, was Sie womöglich noch nicht wissen. Diese Unternehmen sind nicht Ihre Freunde, und ihre Sicht ist nicht die Ihre, aber ihre Daten gehören ihnen, und ihnen gehört alles, was Sie im Netz von sich preisgeben. Sie sind im Begriff, ein Arm oder Teilhaber des Staates, wenn nicht eine völlig unkontrollierbare Macht zu werden. Und bislang hat niemand eine Idee, wie wir das verhindern können.« (FAZ 5.7.2013)

Immerhin hat sich seit dem vergangenen Sommer, als die Schriftstellerin diese Zeilen schrieb, eine Protestbewegung in der Stadt herausgebildet, die mit mehreren Blockadeaktionen auf sich aufmerksam machte. Initiativen wie das linke Bündnis Heart of the City und die San Francisco Displacement and Neighborhood Impact Agency machten ihrem Ärger über den negativen Einfluß der Silicon-Valley-Konzerne auf die Lebensbedingungen in der Stadt durch Demonstrationen und Straßenblockaden Luft.

Ein Google-Bus, der Pendler zu ihren Arbeitsplätzen nach Mountain View bringen sollte, wurde in einer ersten Aktion am 9. Dezember 2013 von Stadtteilaktivisten und Anwohnern an der Weiterfahrt gehindert. Das Twitter-Hauptquartier wurde von Protestierenden belagert, ein Transporter des Apple-Konzerns blockiert. Die Fahrzeuge sind zum Symbol geworden für den »Neokolonialismus« der IT-Branche, wie es im San Francisco Magazine heißt. Viele Aktivisten nennen das Silicon Valley seit langem nur noch den »Todesstern«. In Episode IV der Star-Wars-Saga von Regisseur George Lucas wurde dieser von mutigen Rebellen zerstört. Soweit sind die Protestierenden in San Francisco noch nicht.

Auf den Plakaten der Demonstranten stehen Parolen wie »Stoppt die Vertreibung« und »Kein Ausverkauf von San Francisco«. Die Aktivisten fordern, daß sich die Technologiekonzerne an den Kosten des Gemeinwesens angemessen beteiligen, die Mietpreissteigerung öffentlich kontrolliert wird, die bestehende städtische Struktur inklusive des kulturellen Lebens erhalten wird und die Kommune in Maßnahmen investiert, die allen Bürgern zugute kommen. Unterdessen hat Google begonnen, seine Busse von privatem Wachpersonal schützen zu lassen, und transportiert einen Teil seiner Mitarbeiter nun auf dem Wasserwege mit Fähren aus der Stadt.

Und wie sieht es in Deutschland aus? Hier mehren sich Publikationen, die sich mit den Schattenseiten der Netzkultur auseinandersetzen. Im Schwerpunkt dieser Literaturbeilage werden die aktuellen Bücher der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel (Seite 4), des Philosophen Byung-Chul Han (Seite 5), des Soziologen Hartmut Rosa (Seite 7) sowie des Wissenschaftsjournalisten Jürgen Wiebicke (Seite 6) unter die Lupe genommen. Doch auch die Anhänger einer in den USA bis in die höchsten politischen Kreise vernetzten Techno-Religion versuchen, auf dem Buchmarkt Raum zu gewinnen. Die Bewegung der »Singularisten« ist bestrebt, den Menschen durch superintelligente Maschinen abzulösen. Der bekannteste Prophet der herbeigesehnten Roboterzivilisation heißt Ray Kurzweil (siehen Seite 3 und 5) und ist leitender Informatiker beim Google-Konzern.

Praktischer Widerstand gegen die Herrschaft der Netzgiganten entzündet sich hierzulande bislang vor allem am Internetversandhändler Amazon.

Buch als Beute

Vor fast einem Jahre hatte der Literaturredakteur dieser Zeitung in einem Essay dargelegt, daß die Linke eine eigene Antwort auf die von dem Internetversandhandelsriesen beförderte Krise der Buchkultur finden muß.1 Denn Buchläden und Kleinverlage sind unverzichtbare Ressourcen für eine fortschrittliche Politik. Nun bewegt sich tatsächlich etwas in diese Richtung. Autor Daniel Leisegang hat mit »Amazon. Das Buch als Beute« eine Studie verfaßt, die von der Situation der Lagerarbeiter, über die Ausspähung der Kunden bis zum Einbruch des stationären Buchhandels durch die sich herausbildende Monopolmacht und das derzeit zwischen den USA und der EU verhandelte transatlantische Freihandelsabkommen eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte der von dem Internetkonzern ausgehenden Bedrohung für das kulturelle Leben im allgemeinen und die linke Buchkultur im Besonderen vorlegt. »Mit wachsender Marktdominanz hätte Amazon am Ende die Macht zu entscheiden, welches Buch in den Handel kommt und welches nicht«, schreibt der Redakteur der Blätter für deutsche und für internationale Politik. Leisegang knüpft auch an die im Feuilleton der jungen Welt erschienenen Analysen an und greift für die Überschrift des Abschlußkapitels seiner Schrift das der jW-Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse vom 9. Oktober 2013 vorangestellte Motto auf. Es lautete: »Rettet das Buch!«

Gehirnwäsche

Engagement für den Erhalt der Buchkultur heißt heute zuallererst, den Kampf für den Erhalt der Buchpreisbindung zu führen. Der Literatur- und Editionswissenschaftler Roland Reuß erinnert in seiner vor wenigen Monaten erschienenen Untersuchung »FORS. Der Preis des Buches und sein Wert« am Beispiel der Publikationspraxis des Kunsthistorikers John Ruskin (1819-1900) daran, wie wichtig die bestehende Rechtslage ist, den Preis des Buches nicht allen dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage zu überlassen. Wenn der Sinn fortschrittlicher Einrichtungen einmal in Vergessenheit geraten ist, so Reuß, sei Gefahr im Verzuge: »Die Einführung von Sozialkassen ist ein prominentes Beispiel, die Etablierung von höheren Bildungsanstalten ein anderes. Wenn man einmal vergessen hat, warum eine Arbeitslosenversicherung durchgesetzt worden ist, warum es Rentenversicherungsanstalten gibt, warum Universitäten staatliche Einrichtungen und keine GmbHs sind, dann sieht es mit der Existenz dieser Errungenschaften auch nicht mehr so gut aus.«

Für Amazon gehört systematische Gehirnwäsche zum Geschäftsprinzip. Roland Reuß: »Um zunächst das Bewußtsein der Buchpreisbindung und dann in einem zweiten Schritt diese selbst zu eliminieren, hat Amazon die Strategie gewählt, auf seiner Website den gebundenen Preis stets mit einem billigeren ›antiquarischen‹ Angebot zu konfrontieren – mit dem Ziel einer Gehirnwäsche, die den Zweck hat, Käufern die Preisbindung zunehmend befremdlich werden zu lassen. Daß es hierbei primär um die symbolische Ebene geht, kann man gut daran erkennen, daß der günstigere Preis den regulären Ladenpreis oft nur um einen Cent unterbietet. Ein Kauf würde dazu führen, daß der Käufer potentiell 2,99 Euro mehr zahlen müßte. Der Amazon-Aufschlag für Bestellungen bei einem Antiquar oder einem privaten Anbieter von drei Euro käme ja zu dem ›Billigpreis‹ hinzu. Niemand wird so dumm sein, das zu diesen Konditionen zu kaufen, aber das Programm der Gehirnwäsche durch den ›günstigeren‹ Preis läuft gleichwohl unterschwellig. In diesem Licht ist auch der Ankauf der Antiquariatsportale von (national) ZVAB und (international) AbeBooks durch Amazon als strategische Aktion zu begreifen. Er dient dem Zweck, das Bewußtsein für die prekäre Grenze zwischen flexiblem und fixem Preis immer weiter aufzuweichen, bis schließlich ihre Bedeutung nicht mehr verstanden wird.«

Ein Boykottaufruf

Was aber tun, um die unhaltbaren Strukturen zu verändern? Roland Reuß legt seinen Lesern nahe, es mit einer Haltung »radikaler Nichtkooperation« zu versuchen. Mahatma Gandhi hatte sich diese bei John Ruskin abgeschaut. »Das einzige Buch, das eine sofortige, praktische Wandlung in mein Leben brachte, war ›Unto This Last‹; ich habe es später ins Gujarati übersetzt. Ich glaube, ich fand einige meiner tiefsten, zum Teil noch unbewußten Überzeugungen in diesem großartigen Buch Ruskins widergespiegelt, und deshalb nahm es mich so gefangene und bewog mich, mein Leben umzustellen«, schrieb Gandhi in seiner Autobiographie »Mein Leben«.

Die unter der Überschrift »Ohne Amazon« gestartete Boykottkampagne der Bundesarbeitsgemeinschaft Linke Unternehmerinnen und Unternehmer (BAG LIU) mag Ausdruck einer nicht kooperativen Haltung gegenüber dem US-Konzern sein. Vor allem ist sie ein erfreuliches Zeichen dafür, daß man in Teilen der Linkspartei zu verstehen beginnt, daß es eine dringliche Aufgabe fortschrittlicher Politik ist, die Monopolmacht der Internetkonzerne anzugreifen. »Amazon hat ein genaues Persönlichkeitsprofil seiner Käuferinnen und Käufer, dadurch daß alle Käufe registriert und ausgewertet werden. Amazon weiß: Wer kauft linke Bücher, wer sucht nach Büchern zum Thema Sozialismus oder Koran usw. Keine angenehme Perspektive«, sagte Elisa Rodé, eine Sprecherin der linken Unternehmervereinigung gegenüber junge Welt (6.2.2014)

Den besten Schutz vor solchem Überwachungsterror böte eine Wirtschafts-, Eigentums- und Gesellschaftsordnung, in der die wesentlichen Entscheidungen demokratisch organisiert wären. Folgen wir Roland Reuß, dann besteht für denkende Menschen ein »klarer Auftrag«, sich nach einer solchen umzuschauen: »Daß der Kommunismus auf Grund gelaufen ist, kann nicht als Begründung herhalten, Denken und Phantasie einzustellen und das Konformgehen mit dem ›Lauf der Dinge‹ zur Staatsreligion auszurufen.«

1 Thomas Wagner: Amazon und wir. Warum die Linke eine eigene Antwort auf die Krise der Buchkultur finden muß. jW-Wochenendbeilage 6./7. April 2013, Seite 6/7

Daniel Leisegang: Amazon. Das Buch als Beute. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2014, 128 Seiten, 12,80 Euro
Evgeny Morozov: Smarte neue Welt. Digitale Technik und die Freiheit des Menschen. Karl Blessing Verlag, München 2013, 656 Seiten, 24,99 Euro
Roland Reuß: Fors. Der Preis des Buches und sein Wert. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/Basel 2013, 304 Seiten, 24,80 Euro
Eric Schmidt/Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 448 Seiten, 24,95 Euro

Die erste Bilderstrecke dieser Beilage (Seiten zwei bis 16) zeigt Impressionen von verschiedenen Standorten und diversen Kongressen des Google-Konzerns in Los Angeles, Menlo Park, San Francisco und Toronto. Auf Seite eins ist eine Montage zu sehen: die Schriftzüge diverser Internetkonzerne treffen auf den Todesstern aus George Lucas’ Filmepos Star Wars.

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