Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
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Aus: literatur, Beilage der jW vom 10.10.2012

Die Lesungen der Fußpflegerin

Von René Hamann
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BU: Jörg Schmetterer: Malerei zu Gedichten von Paul Celan. Hirmer Verlag, München 2012, 114 Seiten, 24,90 €. Sämtliche Abbildungen dieser Beilage sind diesem Band entnommen und erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


Konsequenterweise hätten wir hier nur DVD-Boxen vorstellen müssen. Seit längerem geht ja die Sage, daß Fernsehserien die »Romane des 21. Jahrhunderts« sind. Lange, ausschweifende Epen, weit ausholende Handlungsbögen: Im Grunde treten »Mad Men«, »Boardwalk Empire« et al. das Erbe des 19. Jahrhunderts an. Dumm nur, daß der deutschsprachige Roman der Nachwendezeit auch noch im 19. Jahrhundert steckt. Familienepen, Generationsgeschichten statt Mut zum Experiment, zum sprachlichen Überschwang. Vielleicht liegt es an der Dialektik. Das vergangene Jahrhundert war mit vom Experiment geprägt – politisch, gesellschaftlich, literarisch.



Andererseits muß jeder Backlash auch sein Ende haben. Aber das Ende des Backlashs ist noch nicht da. Das dauert noch; besonders der Literaturbetrieb braucht stets länger als andere Teile der Gesellschaft. Hier wird jemand wie Clemens J. Setz als experimenteller Autor verstanden, während Rainald Goetz den konventionellen Roman neu zu erfinden versucht (mehr dazu auf Seite 2), und an der Spitze der Bestsellerliste steht die merkwürdige Mischung aus verklemmter, gewöhnlicher Bürgerlichkeit und Sadomaso. Und Bob Dylan wird immer noch ernsthaft als Nobelpreiskandidat genannt, Jahr für Jahr.



»Antielitär, unbildungsbürgerlich, zugänglich, demokratisch« sei die Verfilmung von »Der Turm«, die neulich in der ARD lief, so als Fernsehereignis fast schon alter Schule, meinte Tobias Rüther in der FAS. Im Gegensatz zum Buch. Aber das ist auch das, was man sich von Büchern öfter wünscht – daß sie antielitär, unbildungsbürgerlich, zugänglich, demokratisch sind. Wie überhaupt die ganze Kunst. Und trotzdem gut. Aber die Gesellschaft scheint zu sehr in den eigenen Statuskämpfen verstrickt.



»Der Text von Frau Rathjen war nicht auf eine verbal explizite Resonanz hin angelegt, es reichte für diesen Text, daß der Körper irgendeines anderen Menschen, zum Beispiel der von Wonka, in Gesprächsentfernung anwesend war. Wonka wehrte sich nicht dagegen, den Fertigtext von Frau Rathjen mitgeteilt zu bekommen, so war die Situation entspannt, ohne daß er selbst was sagen mußte.« (Rainald Goetz: Johann Holtrop)



Man stelle sich nun eine Veranstaltung vor, ein Kurkonzert, eine Dichterlesung, 30000 Menschen kommen und hören zu, konsumieren und unterhalten sich, sie kommen von überallher, aber natürlich hauptsächlich aus der naheliegenden Stadt, in die sie im Anschluß wieder zurückkehren wollen, bevor sie finden, daß sie die einzigen sind, es ist niemand mehr da …



Oder so: In der niederrheinischen Provinz bietet eine Frau Lesungen der besonderen Art an. Sie »behauptet ernsthaft, in unseren Zehen lesen zu können wie in einem offenen Buch: Marieke Gietmann ist Fußpflegerin aus Uedem und bietet auch Zehenlesungen an. Dadurch sollen seelische Probleme sichtbar werden.« (Kurier am Sonntag, 7.10.) »Think about the future!«