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Aus: marxismus kontrovers, Beilage der jW vom 11.04.2012

Sorgen in den höheren Etagen

Es bedurfte nicht der jüngsten Krise, um die Aktualität des Marxismus unter Beweis zu stellen. Aber sie beschleunigt das Interesse an ihm
Von Arnold Schölzel
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Ein Augur war in der römischen Antike ein Beamter, der zu beurteilen hatte, ob ein Vorhaben den Göttern genehm sei oder nicht. Heutige Auguren heißen u.a. Meinungsforscher und werden dafür bezahlt zu erkunden, wie sich die Gesinnungslage desjenigen Teils der Bevölkerung entwickelt, von dem nicht automatisch Staatstragendes zu erwarten ist. Stützen der Gesellschaft sind heute wie vor 2000 Jahren vorwiegend jene Menschen, die über Vermögen oder ein steuerpflichtiges Einkommen verfügen. Bekanntlich wuchs beides in den letzten Jahrzehnten bei etwa einem Zehntel der Bundesdeutschen beachtlich, um es zurückhaltend auszudrücken. Genauer: Diese relativ kleine Gruppe wurde mit Hilfe von Steuersenkungen und gleichzeitiger Reduzierung der Sozialausgaben entschieden reicher, und gleichzeitig schrumpfte ihre Zahl. Es ist kein Wunder, daß sich diese Menschen Sorgen machen.

Ihre Ängste sind berechtigt. Im Februar 2012 berichtete die Leiterin des Meinungsforschungsinstituts Allensbach, Renate Kröcher, in der FAZ, 48 Prozent der Bundesdeutschen stimmten der Aussage zu, der Kapitalismus sei in seiner heutigen Form nicht mehr zeitgemäß. Das hatte kurz zuvor der Gründer und Leiter des alljährlich im Schweizer Davos stattfindenden Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, zu Eröffnung des diesjährigen Treffens von Managern und Politikern gesagt. Frau Kröcher, die Schwab und andere Meinungsmacher dafür rügte, daß sie Urteile dieser Art abgaben, stellte außerdem fest: 71 Prozent der Deutschen sind davon überzeugt, daß die Macht der Banken und das soziale Ungleichgewicht in den USA Gegenbewegungen und Demonstrationen geradezu zwangsläufig herausfordern. Angesichts solcher und anderer in der Krise sich ähnlich entwickelnder Ziffern flüchtete sich Frau Kröcher in die beruhigende Formel: »die bemerkenswert weite Zustimmung zu einer pauschalen Systemkritik« gründe »nicht in einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem System und der Vision einer überzeugenden Alternative«.

Das trifft zumindest für die Bundesrepublik, in der die Krise »bei den meisten noch nicht im Wohnzimmer angekommen ist« (Gregor Gysi), für den Moment zu. Tatsache ist, daß Kapitalismuskritik und das Interesse an Marx seit langem einen Aufschwung erleben – ablesbar am steigenden Absatz der Werke von Marx, Engels und Lenin und an der Vielzahl von Publikationen zum »Kapital«, zum historischen Materialismus und zur Ökonomie.

In den Protestbewegungen des vergangenen Jahrzehnts artikuliert sich diese Kritik, allerdings häufig ohne genauere Kenntnis marxistischer Theorie und ohne direkte Anknüpfung an von ihr geleitete Organisationen. Allerdings beförderten das Aufflammen der Proteste in Seattle 1999 und Genua 2001, Globalisierungskritik oder »Occupy Wallstreet«, die politischen Veränderungen in Lateinamerika nicht nur die Marx-Lektüre, sondern auch die Diskussion über die Verbindung von Theorie und Praxis. Es ist Ausdruck eines realen Klassenkampfes, wenn sich derzeit Versuche häufen, unter Berufung auf Marx das theoretische Durchdringen heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen, zu mystifizieren. Kapitalismuskritik ist nicht per se Marxismus. Sie kann Ausdruck von Furcht der Herrschenden, Ausfluß moralischer Empörung oder Ohnmachtsreflex sein. Marxistisch wird sie dort, wo sie den Bezug zur praktischen Veränderung der Gesellschaft herstellt, oder in der Formulierung von Marx in der elften These über Feuerbach: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.«

Die Beiträge dieser Beilage und der Konferenz »Marxismus kontrovers!«, die am 14. und 15. April 2012 in der Technischen Universität Berlin stattfindet, stellen diesen springenden Punkt heraus. An ihm scheiden sich noch immer die Geister und beginnt die Auseinandersetzung um das Gestalten von Zukunft. Lediglich 13 Prozent der Bevölkerung (26 Prozent bei Anhängern der Linken), so Frau Kröcher, sind der Auffassung, daß es eine dem Kapitalismus überlegene Alternative gibt.

Die Fotos dieser Beilage wurden während der Aktion »Operation Übernahme« der IG-Metall-Jugend am 31. März 2012 auf dem Potsdamer Platz in Berlin aufgenommen

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