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Aus: Papst, Beilage der jW vom 21.09.2011

Der letzte absolutistische Herrscher

Der Papst kommt! Die Mainstreammedien überschlagen sich, auch wenn sich kaum jemandfür den Besuch interessiert
Von Peter Wolter
»Gottlose Bilder. Aktion Kirche zum Anfassen«
»Gottlose Bilder. Aktion Kirche zum Anfassen«

Ein Hauch von Mittelalter weht diese Woche durch Berlin: Joseph Ratzinger, gebürtig in Marktl am Inn, macht der Hauptstadt seine Aufwartung. Eigentlich kein Grund zur Aufregung – in Berlin gibt es so viele schräge Figuren, daß sich selbst nach einem alten Mann in bunten Frauenkleidern niemand umdreht. Dennoch – Ratzingers Besuch ist ein Politikum allerersten Ranges: Der Mann ist nämlich Oberhaupt der katholischen Kirche, Vizegott und der letzte absolutistische Herrscher in Europa.

Fast jeder TV-Sender hat artige Papst-filmchen ins Programm genommen, Politiker überschlagen sich mit Ergebenheitsadressen und haben zu Hause vor dem Spiegel schon mal den protokollgerechten Bückling geübt. Der breiten Bevölkerung allerdings geht der am Donnerstag beginnende Papstbesuch eher am Allerwertesten vorbei: Eine forsa-Umfrage im Auftrag des Stern ergab, daß 86 Prozent aller Deutschen die religiöse Showveranstaltung als »unwichtig« ansehen. Dennoch – Kirche und Staat tun alles, um die bizarre Show der »finsteren Römlinge« (Heinrich Heine) zu einem Medienspektakel ersten Ranges aufzuwerten.

An Protesten gegen den Papstbesuch mangelt es allerdings nicht: Nicht nur in Berlin, sondern auch an Ratzingers weiteren Besuchsstationen Erfurt und Freiburg sind Gegendemonstrationen vorgesehen, u.a. organisiert von »Gottes verlorenen Schäfchen« – atheistischen Organisationen, die auf den Seiten 2 und 3 dieser Beilage vorgestellt werden. Ihr Protest richtet sich auch dagegen, daß die öffentliche Hand den Auftritt dieses Kirchenfürsten großzügig finanziert. 25 bis 30 Millionen Euro alleine an Steuergeldern dürfte die Show kosten, wie der Soziologe und Buchautor Carsten Frerk herausfand (S. 4).

Mit Herrn Ratzinger wird zum zweiten Mal in der BRD-Geschichte ein Papst im Bundestag reden – worüber aber nicht alle Abgeordneten begeistert sind: Rund 100, so wurde erwartet, beteiligen sich nicht an der parlamentarischen Huldigung, ein Teil von ihnen wollte sogar an den Antipapstdemonstrationen teilnehmen. Ob Ratzinger aus staatsrechtlicher Sicht überhaupt als Staatsoberhaupt gilt und damit im Bundestag reden darf, untersucht der Professor für Völkerrrecht und frühere Linkspartei-Abgeordnete Norman Paech (S. 5).

»Mit Benedikt ins Mittelalter« heißt ein Beitrag der Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann. (S. 6 und 7). Sie geht darin vor allem mit der verklemmten Sexualmoral des offiziellen Katholizismus ins Gericht. Mit der Unterdrückung der Befreiungstheologie, die der Vatikan vor allem in Lateinamerika kleinhalten wollte, befaßt sich der katholische Theologe Michael Ramminger (S. 8). Und der frühere Kirchenrecht-Professor Horst Herrmann gibt einen Abriß über die verbrecherische Geschichte des Katholizismus (S. 10). Claudia Wangerin schließlich stellt eine Ersatzreligion vor: Die »Kirche des fliegenden Spaghettimonsters« (S. 11).

Es hätte viele andere religionskritische Themen für diese Beilage gegeben. Schön wäre es auch gewesen, die Haltung der Linkspartei zum Umgang mit Religionen und dem aktuellen Papstbesuch darzustellen. Der »religionspolitische Sprecher« der Partei, der Bundestagsabgeordnete Raju Sharma, wollte aber nicht mit jW reden.