Bis auf die Knochen blamiert
Wikileaks bestätigt wieder einmal: Viele Redaktionen haben es aufgegeben, hartnäckig zu recherchieren und kritisch zu hinterfragen
Selten hat sich bürgerlicher Journalismus in Deutschland so
blamiert wie nach der Veröffentlichung brisanter Informationen
durch die Internetplattform Wikileaks: Die Mehrheit der
Kommentatoren empörte sich, Diplomatie werde unmöglich,
wenn die Vertraulichkeit diplomatischer Depeschen nicht mehr
gewährleistet sei.
Eine solche Haltung illustriert aber nur, wie tief die
publizistischen Standards in Deutschland in den vergangenen 30
Jahren gesunken sind: Immer mehr Journalisten reden Regierenden und
Wirtschaftsbossen nach dem Munde; Recherche findet nur noch selten
statt. Kritische Distanz und hartnäckiges Hinterfragen werden
als »Verschwörungstheorie« abgetan.
Okay, wir geben es zu: Wir sind Verschwörungstheoretiker. Und
darauf sind wir sogar stolz, denn nicht zuletzt durch Wikileaks
wird bestätigt, daß gesundes Mißtrauen
gerechtfertigt ist: Die USA sind alles andere als ein Hort der
Demokratie, die Bundesregierung ist politisch korrupt, die deutsche
Justiz ist keineswegs unabhängig.
Das alles könnten die bürgerlichen Journalisten-Kollegen auch selbst herausfinden, wenn sie ihre Aufgabe ernst nähmen. Dann allerdings müßten sie sich aufraffen, auch mal nachzubohren, Themen gegen den Strich zu bürsten. Sie halten sich gern an zwei zynisch gemeinte Grundsätze des Journalismus: Durch Recherche macht man sich die schönste Story kaputt. Und: Wer zu viel weiß, schreibt schlecht.
Statt dessen fühlen sie sich gebauchpinselt, wenn der Regierungssprecher sie mit Namen anspricht, wenn sie zu Hintergrundgesprächen ins Kanzleramt geladen und dort »unter drei« zum Stillschweigen über Themen verpflichtet werden, die der Regierung oder der jeweiligen Partei peinlich sind. Sie wollen auch nicht auf Honorare für Gastbeiträge oder die publizistische Beratung von Versicherungen, Banken oder Industrieverbänden verzichten. Wer selbst korrupt ist, hütet sich, andere der Korruption zu bezichtigen. Im Gegenteil – um nicht ertappt zu werden, stellt er die Korrupten, Unfähigen und Blender als demokratische Lichtgestalten dar.
Und so werden Mythen in die Welt gesetzt und in den Köpfen verankert: Guttenberg (CSU) ist ein begnadeter Politiker, Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) haben ökonomischen Sachverstand, die BRD wird von den übrigen EU-Staaten finanziell ausgenutzt, die Bundeswehr verteidigt die Freiheit, die SPD ist »sozial«, Nobelpreisträger Liu Xiaobo hat sich um Frieden bemüht. Die Erde ist eine Scheibe, aber das wissen wir ja schon alle.
»Sie lügen wie gedruckt – wir drucken wie sie lügen« – dieser Spruch ist mehr als ein Werbeslogan unserer Zeitung, er ist auch eine Art redaktionelles Programm. Lügen, Verzerrungen und Manipulationen durch Politik und Mainstream-Medien haben wir schon immer aufzudecken versucht. Die vorliegende Beilage ist zwar erst die zweite, die sich ausschließlich dem Thema »Medien« widmet – die nächste ist aber schon für den Februar avisiert. Und außerdem überlegen wir derzeit, im kommenden Jahr eine regelmäßige Medienseite zu bringen.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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