Stalin unter Eichenlaub
Der Ostberliner Lehrer Manfred Beier hat die DDR auf mehr als 60000 Fotografien gebannt
Das Schwarz-Weiß-Foto hat Film-noir-Qualitäten: Eine
junge Frau, sie trägt Mantel mit Pelzbesatz, geht eine breite
Magistrale hinunter. Hinter ihr verschwindet ein Auto im Regen. Zu
ihrer Rechten türmt sich ein Kohlehaufen, auf der Höhe
der nächsten Straßenlaterne kehrt ein Mann in Hut und
Mantel dem Betrachter den Rücken zu. Die Straße ist die
neubebaute Stalinallee in Ostberlin auf der Höhe Tilsiter
Straße am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1952. Anfang
Januar 1953 können die ersten Wohnungen in den Prachtbauten
bezogen werden. Die DDR ist drei Jahre alt, der Zweite Weltkrieg
liegt siebeneinhalb Jahre zurück. Das Alter der jungen Frau
läßt vermuten, daß sie ihn bewußt erleben
mußte. Sie hat ihn überlebt und lacht. Ein halbes Jahr
später, am 17. Juni 1953, wird die DDR-Regierung nach
Karlshorst flüchten und Bertolt Brecht ihr kurz darauf
empfehlen, sich ein neues Volk zu wählen. Seit dem 13.
November 1961 heißt die Straße Karl-Marx-Allee. Wohin
es die Frau auf dem Foto verschlagen hat, wohin sie sich geschlagen
hat, wissen wir nicht. Wir kennen aber ihr Namenskürzel:
Fräulein S.
Manfred Beier, der Fotograf des Bildes, war ein akribischer Mann.
Er hat über die Abertausenden Bilder, die er von 1949 bis zum
Ende der DDR geschossen hat, gründlich Buch geführt. Als
die Söhne Wolfram Gerhard und Nils Beier nach dem Tod ihres
Vaters im Jahr 2002 seinen fotografischen Nachlaß in
Kellerräumen und im Gartenhaus entdeckten, ahnten sie noch
nichts von den Dimensionen ihres Fundes. Sie wußten: Manfred
Beier trug stets mehrere Kameras und eine komplette
Fotoausrüstung mit sich. Einen Beruf hat er daraus nicht
gemacht. Beier, geboren in Berlin-Friedrichshain zwei Jahre vor der
Weltwirtschaftskrise, zweites Kind eines Malergesellen und einer
Hausfrau, wuchs in einer Kleingartenkolonie auf. Der
Oberschüler erlebte den Krieg Hitlers und seiner Generäle
als Luftwaffenhelfer und beim Volkssturm. Nach 1945 wollte er
studieren. Statt dessen, Studienplätze gab es wenige, wurde er
Neulehrer. Er unterrichtete Erdkunde, Deutsch, Englisch und
Astronomie. 1980 schied Beier aus dem Schuldienst aus und war bis
1990 bei der Deutschen Außenhandelsbank tätig. Ein
angefülltes Leben: Ein Foto von 1958 zeigt ihn mit seinem
Vater bei der Bildentwicklung. Es ist 23.50 Uhr. Nils Beier, er hat
an die 300 Fotografien seines Vaters aus den Jahren 1949 bis 1971
für den ziegelsteinschweren Band »Alltag in der DDR: So
haben wir gelebt« ausgewählt, kann nur vermuten, was
Manfred Beier antrieb: Ȇber das Warum kann ich nur
spekulieren. Es hatte wohl etwas Zwanghaftes. Mir scheint,
daß er sein Leben dokumentieren wollte, um es für sich
selbst zu bewahren. Als ob er einen Beweis erbringen mußte,
daß es überhaupt stattgefunden hat.«
Das Material ist strukturiert in die Kapitel Familienleben, Schule, Unterwegs, Arbeit, Freizeit und Berlin (Ost wie West). Die Fotos zeigen Beier und seine Freunde beim abendlichen Rommé-Spiel. Einer lehnt sich in Hemdsärmeln nebst Zigarre zurück. Mehr Genußmittel brauchen die Herren nicht. Ihre Frauen greifen dafür auf Konfekt und Likör zurück. Ein Kollegenkreis feiert und tanzt zu einem tausend Mark teuren Tonbandgerät im Vorbereitungsraum für den Unterricht. Gefeiert wird oft. Auf einem Farbfoto sieht die Familie fern. Das Gerät ist das Modell Staßfurt Patriot und bringt um 15 Uhr 40 das Testbild in Schwarzweiß. Manfred Beier packt mit seinen Söhnen ein Westpaket aus. Neubaublocks werden hochgezogen. Eine Schulklasse hört Westradio. Zehn Jahre vorher wird in der Lichtenberger Schule, an der Manfred Beiers Bruder Günther unterrichtete, Stalins 70. Geburtstag gefeiert. »Der verdiente Mörder des Volkes« (Brecht) erhält einen Schrein, staffiert mit Blumentöpfen und Eichenlaub. Starke Fotos im Kapitel »Arbeit«: Zwei Frauen schauen angetan und amüsiert einem Mann zu, der einen Preßluftbohrer bedient. Er trägt ein weißes Hemd und eine Haartolle. Das Bild entstand im Sommer 1950. Im Winter zuvor bat der Kutscher Georg S., ihn mit seinen zwei Pferden zu fotografieren: Er brachte Kriegsschutt auf den Trümmerberg nahe des Betriebsbahnhofs Rummelsburg. Der LPG-Vorsitzende Georg P. sitzt in Jackett und Mütze auf dem ersten Motorrad mit MZ-Logo und raucht dazu. Dann ist da wieder das Fräulein S. von der Stalinallee: Sie steht vor der Baustelle am Strausberger Platz und lächelt. Auf vielen dieser Fotos wirken die Porträtierten eins mit sich und ihrer Welt. Manfred Beier hat die gesamte Epoche der DDR porträtiert. Es wäre interessant, auch die Bilder zu sehen, die nach 1971 entstanden sind. Speziell die der achtziger Jahre.
Manfred Beier: Alltag in der DDR: So haben wir gelebt. Fotografien 1949–1971. Herausgegeben von Nils Beier. Fackelträger Verlag, Köln 2010, 288 Seiten, 29, 95 Euro.
Sämtliche Abbildungen dieser Beilage sind diesem Band
entnommen und erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags
und des Bundesarchivs.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
