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Aus: uni-spezial, Beilage der jW vom 22.04.2009

Zeit, sich zu wehren

Wenn Streß krank macht, die Inhalte auf der Strecke bleiben und das Geld nicht zum Leben reicht, bleibt nur eins: Bildungsblockaden einreißen
Von Markus Bernhardt
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Bildungsblockaden einreißen«. Unter diesem Motto verweigerten mehr als 100000 Schülerinnen und Schüler am 12. November vergangenen Jahres den Unterricht. In über 40 Städten gingen sie auf die Straße und forderten gleiche Bildungschancen für alle. Daß der Schülerprotest kein Strohfeuer war, zeigte sich am 28. März. In die Großdemonstrationen in Berlin und Frankfurt am Main gegen das Abwälzen der Krisenlasten auf die Bevölkerung (»Wir zahlen nicht für eure Krise«) reihten sich zahlreiche Jugendliche mit Transparenten »Rettet die Bildung! Nicht die Banken und Konzerne!« ein. Nun soll der Funke auch auf die Hochschulen überspringen.

Zahlreiche Studierendenausschüsse und Hochschulgruppen haben gemeinsam mit Schülervertretungen begonnen, die geplante Bildungsstreik-Aktionswoche vom 15. bis zum 19. Juni vorzubereiten. Am 17. Juni, dem Höhepunkt der Streikwoche, sollen dann nicht nur Schulen, sondern auch Hörsäle leer bleiben. Dabei sind es längst nicht mehr nur Gebühren, die an den Universitäten für Unmut sorgen.

Vor allem die Umwandlung von Diplom- in Bachelorstudiengänge im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses hat die Belastung von Studierenden massiv erhöht. Bereits 1999 hatten 29 europäische Länder in Bologna das neue Studiensystem beschlossen, um die Hochschulabschlüsse anzugleichen. Dabei ging es in erster Linie darum, die Wirtschaftsinteressen zu befriedigen. Im Ergebnis führte die Umstellung zu einer extremen Verschulung und zum Abbau der geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Auf der Strecke bleiben vor allem die Qualität der Lehre – und die Zeit. Für ein durchschnittliches Bachelor-Studium sind nur noch sechs Semester vorgesehen. Das straffe Management und stetige Anwesenheitspflicht stellen vor allem Studierende mit kleinem Geldbeutel vor große Probleme. Jugendliche aus weniger betuchten Verhältnissen werden zunehmend ausgegrenzt. 72 Prozent der Bachelorstudierenden werden von ihren Eltern unterstützt. Etwa die Hälfte bestreitet den Lebensunterhalt wenigstens anteilig mit Jobs. Nur ein Drittel (31 Prozent) bezieht die staatliche Stu­dienförderung BAföG.

Auch Gesundheitsstudien belegen den zunehmenden Streß der Studierenden. Immer häufiger sind sie von Angsterkrankungen, psychosomatischen Magen-Darm-Beschwerden, dem »Burn-Out-Syndrom« und einer reduzierten Infektabwehr betroffen. In einer Studie der Freien Universität Berlin sind im Sommersemester 2008 Absolventen von Bachelorstudiengängen befragt worden. Dabei ging es unter anderem um mögliche Belastungen durch die Vereinbarkeit von Studium und Erwerbstätigkeit, familiären Verpflichtungen sowie Belastungen durch Krankheit. 50 Prozent der Befragten gaben an, Schwierigkeiten zu haben, Studium und Lohnarbeit zu vereinbaren. Durch Krankheiten und psychische Probleme fühlten sich 21 Prozent beeinträchtigt. Da bleibt nur eins: Bildungsblockaden einreißen!