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Aus: literatur, Beilage der jW vom 11.02.2009

Deutsches Mordhandwerk

Klaus Gietinger hat die Karriere des Offiziers und Industriellen Waldemar Pabst in einem monumentalen Band nachgezeichnet. Dreh- und Angelpunkt ist dessen Komplizenschaft mit der SPD bei der Niederschlagung der Novemberrevolution
Von Arnold Schölzel
Spartakus-Aufstand: Regierungstruppen am Potsdamer Platz
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Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere. Edition Nautilus, Hamburg 2009, 544 Seiten, 39,90 Euro



Im Vorwort zu Klaus Gietingers »Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere« beschreibt Karl Heinz Roth die Entstehungsgeschichte des Buches. Die Idee, Pabst als »personifizierte Schnittstelle« zwischen Konterrevolution und Faschismus in Augenschein zu nehmen, hatte demnach die 2005 verstorbene Historikerin Doris Kachulle Anfang der 90er Jahre. Parallel zu ihr wurde auch der Sozialwissenschaftler und Regisseur Klaus Gietinger im Rahmen einer Studie zu den Hintergründen der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (»Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa Luxemburg«, 3. Auflage, Hamburg 2008) auf Pabst aufmerksam. Zwischen beiden, so Roth, entspann sich ein »sporadischer Forschungsdialog«, in dem die Gemengelagen, die »dieser umtriebige, außerordentlich organisationsfähige und extrem gewaltbereite Offizier« auf sich gezogen hatte, langsam sichtbar wurden. Doris Kachulle gelang es, in mühevoller Arbeit Fakten zu seiner Biographie zusammenzutragen, die Niederschrift eines umfassenden Manuskripts verhinderten Krankheit und Tod (siehe auch Doris Kachulle: Waldemar Pabst und die Gegenrevolution. Vorträge – Aufsätze. Edition Organon, Berlin 2007). Sie stellte in ihrem Testament einen Teil ihres schmalen Vermögens für die Fortsetzung des Pabst-Projektes zur Verfügung, eine Aufgabe, die Gietinger übernahm. Mit weiteren aufwendigen Archivrecherchen gelang es ihm, Pabsts Rolle in dem Verbindungsgeflecht europäischer Konterrevolution seit 1917/18 zu rekonstruieren.

Drahtzieher

Die Lebensstationen Pabsts sind selbst in der interessierten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Karl Heinz Roth faßt sie so zusammen: »Waldemar Pabst avancierte zur Schlüsselfigur der deutschen Konterrevolution, nachdem er sich als Stabsoffizier einer Elitedivision auf den westeuropäischen Kriegsschauplätzen profiliert hatte. Im Zusammenspiel mit der Mehrheitssozialdemokratie war er nicht nur an der blutigen Niederschlagung der Berliner Aufstandsversuche vom Januar und März 1919 beteiligt, sondern plante auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Offiziere seines Stabs am 15. Januar 1919 ausführten. Nach dem Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches wirkte er als transnationaler Drahtzieher der faschistischen Milizen und avancierte 1925 zum Bundesstabsleiter des österreichischen Heimwehrverbands. Seit 1928/29 engagierte er sich für einen Staatenbund des europäischen Faschismus, wobei Österreich als Brücke zwischen Italien und Ungarn fungieren sollte. 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Ein Angebot Hitlers, als Organisationschef der NSDAP tätig zu werden, lehnte er ab, weil er dessen ›gesamtdeutschen‹ Führungsanspruch über die konkurrierenden Strömungen des Faschismus nicht teilte. Statt dessen trat er als Verkaufs­chef in den Rüstungskonzern Rheinmetall-Borsig ein und organisierte dessen ausländische Waffengeschäfte. Parallel dazu betätigte er sich als Geschäftsführer einer ›Gesellschaft zum Studium des Faschismus‹, die sich mit den Möglichkeiten einer Übertragung des italienischen Modells auf die deutschen Verhältnisse auseinandersetzte. Den Mordaktionen der Röhm-Affäre entging er nur durch einen Zufall, er konnte jedoch danach seine uneingeschränkte Rehabilitierung durchsetzen und agierte seither als loyaler Anhänger der NS-Diktatur. 1938 reüssierte er als Wehrwirtschaftsführer und wurde kurz vor dem Überfall auf Polen als Verbindungsoffizier der Rüstungszentrale des Oberkommandos der Wehrmacht zum Oberkommando des Heeres reaktiviert. Ein Jahr später übernahm er eine Tarnfirma zur Beschaffung von Engpaßmaterialien der deutschen Kriegs- und Rüstungswirtschaft aus den neutralen Ländern Europas. Vor der deutschen Niederlage setzte er sich in die Schweiz ab, wo er bis zu Beginn der 1950er Jahre überwinterte. 1955 ließ er sich in Düsseldorf nieder und verbrachte dort seine letzten Lebensjahrzehnte als Rüstungslobbyist und Händler von Tretminen, Billigraketen, Napalmbomben und Infanteriemunition.«

Querverbindungen

In dieser Skizze fehlen naturgemäß Namen und Orte, die in Gietingers faktengesättigtem Werk vorkommen – allein der Anhang des Buches mit einigen Dokumenten, Fußnoten und Registern umfaßt 150 Seiten – und es zu einer Fundgrube machen. Zu nicht wenigen Personen hat der Autor neue Archivmaterialen erschlossen, die hier zum ersten Mal publiziert werden und manche lückenhafte Darstellung ergänzen oder konterkarieren. Zu erfahren sind Details wie dieses aus dem Jahr 1920: »Kurz vor dem Kollaps des (Kapp-)Putsches hatte Pabst noch eine illustre Begegnung. Ein Mann, ›der einen sehr bescheidenen, ich möchte fast sagen dürftigen Eindruck machte‹ (Pabst), jedoch extra von seinem Mentor Karl Mayr (der sich später der Sozialdemokratie anschloß) mit einer Junkersmaschine nach Berlin geschickt worden war, wies ein Empfehlungsschreiben von Hauptmann Röhm vor und und wollte sich als Propagandaleiter zur Verfügung stellen ... Pabst kanzelte ihn ab: ›So wie Sie aussehen und sprechen, lachen die Leute Sie aus.‹ Und so mußte Adolf Hitler wieder unverrichteter Dinge nach München zurückfliegen.«

Gietinger referiert auch hier wie in seinem Buch zur Ermordung Rosa Luxemburgs das unsägliche Kommuniqué des Naziautoren Felix von Eckardt (1903–1979), seinerzeit Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, der 1962 nach einem Spiegel-Interview mit Pabst festhielt: Die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts sei eine »standrechtliche Erschießung« in der Verantwortung Pabsts gewesen, der »es getan« habe und zwar »in höchster Not«, um Deutschland vor dem Kommunismus zu retten.

Die Querverbindungen, die nur angetippten Kontakte, die Gietinger erschließt, sind Stoff für weitere Forschungen. Sie besagen eins: Im gegenrevolutionären, faschistischen und imperialistischen deutschen Milieu kannte »man« sich über Jahrzehnte hinweg, half sich gegenseitig, verfügte über unerschöpfliche Geldquellen und erhielt problemlos Unterstützung über die deutschen Grenzen hinweg. Geändert hat sich bis zur Gegenwart, so läßt sich schließen, wenig. Der Weg von Waldemar Pabst z. B. zu Marianne Birthler erscheint jedenfalls relativ geradlinig.

Bolschewismushaß

Dreh- und Angelpunkt des Buches ist die Herleitung des Bündnisses zwischen SPD-Führung und Pabst, der am Jahresende 1918 faktisch Militärkommandant von Berlin wird. Gietinger schildert, wie die »völkischen Sozialdemokraten« vom Schlage Noske bereits 1914 die deutschen Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung rechtfertigten, kleinredeten oder relativierten. Das Zusammenspiel von politisch-propagandistischer Legitimation und den Mördern vor Ort funktionierte bereits lange vor 1918. Das gewohnheitsmäßige Abschlachten Wehrloser, das Pabst kurz nach der Ankunft in Berlin im Dezember 1918 als einzig wirksames Mittel zur Aufstandsliquidierung proklamierte, war längst Gewohnheit. Gietinger publiziert hier einige Mordbefehle Pabsts, im Einvernehmen mit der SPD-Führung erlassen, die von der Vokabel »Standrecht« nicht gedeckt sind. Es ging um gnadenlose Ausrottung ohne jede Hemmung. Pabst teilte demnach mit den Ebert, Scheidemann, Nos­ke etc. »ihren nahezu psychopathischen Bolschwismushaß, ihren Haß auf jüdische Marxisten«. Skrupel beim Mordhandwerk hatte keine der beiden Seiten. Für all das, auch die antisemitische Hetze innerhalb der SPD, bringt der Autor eine Fülle von Belegen bei, schildert differenziert, an welchen Punkten sich die Wege von Pabst und Sozialdemokraten wieder trennten.

Gietingers Buch liefert Bausteine einer Gegengeschichte zur offiziösen bundesdeutschen historiographischen Selbstbeweihräucherung, Die endet mit der Auskunft, daß Luxemburg und Liebknecht am eigenen Tod selbst schuld seien, weil sie sich in den Bürgerkrieg hineinbegaben (Hans-Ulrich Wehler), oder daß die SPD den Bürgerkrieg verhindert habe (Helga Grebing), oder spendet »Applaus für Scheidemann« (Neues Deutschland vom 9. Februar 2009 über eine Veranstaltung der Linksfraktion im Weimarer Nationaltheater). Gietinger zeigt, daß diese »Demokratie« zustande kam, weil ihre Urheber – SPD und Heeresoffiziere – die Bevölkerung »zum Abschuß« freigaben. Die SPD-Führung ermöglichte mit diesem Bündnis zugleich jene personelle Kontinuität reaktionär-faschistischer »Eliten«, die nach 1945 ungebrochen andauerte und die bundesdeutsche Gegenwart maßgeblich prägt.



Zur Printausgabe: Abbildungen dieser Beilage sind dem hier besprochenen Band entnommen und erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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