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Aus: sex und politik, Beilage der jW vom 24.06.2008

Unsexy!

Politik ist meist alles andere als attraktiv. Solidarität sehr wohl
Von Markus Bernhardt
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Kann Politik sexy sein? Je nach Betrachter lassen sich auf diese Frage wohl ganz unterschiedliche Antworten finden. Schaut man sich jedoch die selbsternannten Volksvertreter im Deutschen Bundestag an, dürfte ein jeder Mensch, der nicht vollends unter Geschmacksverirrung zu leiden hat, die Frage klar verneinen. Das gilt auch für die Veranstaltungen zum Christopher-Street-Day (CSD), die jetzt in allen größeren Städten der Bundesrepublik stattfinden und in dessen Rahmen Tausende Lesben und Schwule die Straßen bevölkern werden. War der CSD in den 1980er Jahren noch ein Politikum, bei dem die unterdrückten Andersliebenden ihre Gleichstellung mit Heterosexuellen forderten, sind die meisten CSDs nunmehr zu unpolitischen Massenbesäufnissen verkommen, die trotz oftmals zur Schau gestellter nackter Haut alles andere as sexy, geschweige denn politisch sind. Zwar spricht nichts dagegen, seinen wie auch immer gearteten Alkohol- und Sexgelüsten freien Lauf zu lassen, dies als politische Kundgebung zu tarnen, kann jedoch nicht gelingen.

Nicht nachvollziehbar ist außerdem, warum der Loveparade der Technoanhänger 2001 in Berlin der Demonstrationscharakter aberkannt wurde, währenddessen der Berliner CSD von den Ordnungsbehörden noch immer zur Meinungsbekundung verklärt wird und dessen Veranstalter somit nicht für die entstehenden Müllberge und öffentlichen Sicherheitsvorkehrungen zur Kasse gebeten werden. Selbst ein Karnevalsumzug ist heutzutage deutlich politischer als eine durchschnittliche CSD-Parade, die zumindest in den größeren Städten meist von einem Kartell hauptberuflicher Homosexueller veranstaltet wird, um sich selbst – wofür auch immer – zu feiern und sich gegenseitig Preise für besonderes Engagement in der Homocommunity ans Revers zu heften. Zwar haben auch Lesben und Schwule das Recht, über ein schlichtes Weltbild zu verfügen, es wäre jedoch rücksichtsvoller und im Sinne der Allgemeinheit, würde dieses nicht ganz so offensiv in der Öffentlichkeit präsentiert.

Auf der anderen Seite ist es vielleicht sogar gut, daß die CSDs sich im Gros nur durch massenkompatible Seichtheit auszeichnen, bei denen sich kaum ein Teilnehmer für die eigene Gleichberechtigung interessiert, geschweige denn überhaupt etwas über die Entstehungsgeschichte der ehemaligen Demonstra­tion selbst weiß. Würde es nämlich noch eine explizite politische Positionierung seitens der CSD-Veranstalter geben, die oftmals aus den Reihen des selbsternannten Homo-Bürgerrechtsverbandes, nämlich dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) bzw. dessen Vorfeldorganisationen stammen, müßte einem angst und bange werden. Steht der Verband, der bundesweit knapp 3000 Mitglieder hat, doch für eine politische Stoßrichtung, die auf alles setzt, was mit Solidarität zwischen marginalisierten Gruppen aber auch gar nichts zu tun hat. Und das ist unter anderem nicht klug, und schon gar nicht sexy!

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