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Aus: feminismus, Beilage der jW vom 20.02.2008

Herdprämie XXL

Christa Müllers Forderung nach Erziehungsgehalt und Aufwertung der Hausarbeit allein wäre zumindest diskutabel – würde die Politikerin nicht gegen »Krippenzwang« und Rabenmütter eifern
Von Jana Frielinghaus
Aus dem Familienalbum eines Pärchens aus Berlin-Prenzlauer Berg
Aus dem Familienalbum eines Pärchens aus Berlin-Prenzlauer Berg

Es würde natürlich niemand so direkt sagen: Aber auch in der Partei Die Linke ist Frauen- und Familienpolitik insbesondere für Männer letztlich nichts als Gedöns. Und wenn Feministinnen in der Linkspartei sich über ihre saarländische Genossin Christa Müller und deren Verbindungen zu rechtskonservativen Gegnern des Krippenausbaus echauffieren, dann werden sie im besseren Fall als wildgewordene Emanzen belächelt, die über der Beschäftigung mit dem Nebenwiderspruch das Wesentliche aus den Augen verlieren. Abstruser wird es, wenn die Empörung über Müller zur Wühltätigkeit des machtgeilen, neoliberal angehauchten Parteimainstreams gegen ihren Ehemann Oskar Lafontaine stilisiert wird, der sich aus einer Minderheitenposition heraus für konsequenten Antikapitalismus einsetze. Diese Theorie wird nicht dadurch richtiger, daß einzelne Genossinnen, die sich ausgerechnet als Feministinnen bezeichnen, Lafontaine indirekt aufgefordert haben, seine Frau zur Ordnung zu rufen.

Mehr Jobs für Männer

Müllers Thesen sind jedoch Teil eines Richtungskampfes auch innerhalb der Linken, der mehr beinhaltet als den von vielen Frauen befürchteten Rückschritt in Sachen Emanzipation und Gleichberechtigung. Ihr Konzept eines an Kontrolle der elterlichen Kompetenz geknüpften Erziehungsgehalts bezweckt, und damit ist es dem sowohl von rechts als auch von links unter verschiedenen Vorzeichen geforderten bedingungslosen Grundeinkommen sehr ähnlich, explizit eine Befriedung des Arbeitsmarktes. Das soll dadurch geschehen, daß ein Partner in einer Beziehung, also in der Regel die Frau, daheim für den Nachwuchs und gegebenenfalls für pflegebedürftige Alte sorgt und der andere erwerbstätig ist. In ihrem kürzlich erschienenen Buch »Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt« macht sie dafür, daß es in den letzten 15 Jahren insbesondere für Arbeiter keine Reallohnsteigerung mehr gegeben hat, die gestiegene Erwerbsquote von Frauen direkt mitverantwortlich. Man könnte also auch sagen, die Ostfrauen mit ihrer traditionell hohen »Erwerbsneigung« sind schuld daran, daß es immer mehr Männer ohne Job oder mit Niedriglohn gibt. Ihnen und nicht etwa Produktivitätssteigerung und neoliberaler Globalisierung ist es demnach zu verdanken, daß die Männer in dieser Zeit nicht mutiger für höhere Löhne gekämpft haben. Müller: »So kann der Mann auf Lohnerhöhungen verzichten. Denn er muß ja nicht mehr die Familie ernähren.«

Zunächst könnte man mit Christa Müller meinen: Ja, das Erziehungsgehalt löst alle Probleme. Selbst Alleinerziehende müßten sich keine Sorgen mehr um die Bezahlung ihrer Rechnungen machen und könnten in Ruhe für das Wohlergehen ihrer Kinder sorgen. Die Kassiererin bei Lidl könnte den Bossen eine Nase drehen. In den Familien gäbe es nicht mehr so viel Streit um die Hausarbeit – die Zuständigkeit wäre ein für allemal geklärt. Frauen müßten nicht mehr hinaus ins von Konkurrenz und Mobbing geprägte Berufsleben. Und wollen sie das doch, können sie dank Erziehungsgehalt – 1600 Euro brutto im ersten, 1000 im zweiten und 500 ab dem dritten Lebensjahr des Kindes bis zur Volljährigkeit – individuelle Betreuung und Förderung vom Feinsten bezahlen.

Nur: Die Millionen Frauen, die sich wegen ohnehin geringer Aussicht auf einen Job vom Arbeitsmarkt fernhalten und sich mit dem Erziehungsgehalt bescheiden würden, haben auch noch ein Leben nach der »Kinderaufziehung«, wie Müller es nennt, und zwar dank Rente mit 67 noch ein ziemlich langes im erwerbsfähigen Alter. Was tun sie, nachdem sie zwei Jahrzehnte oder länger aus dem Rennen waren? Auf diese und andere Fragen finden sich in Müllers Buch keine Antworten.

Abseits oder Mainstream?

Als kuriose Randerscheinung innerhalb der Linken kann man die Saarländerin schon deshalb nicht rechts liegenlassen, weil sie offensiv für die Durchsetzung ihrer Vorstellungen eintritt. Die Saar-Linke werde ihr familienpolitisches Konzept demnächst verabschieden, eine Mehrheit für ihre Positionen sehe sie auch im rheinland-pfälzischen Landesverband, sagte sie am 11. Februar im Gespräch mit Spiegel online. Und nach Aussage der feministischen Arbeitsgemeinschaft Lisa der Partei Die Linke bekommt Müller auch in Baden-Württemberg regen Zuspruch.

Daß Organisationen wie das von Müller unterstützte Familiennetzwerk Deutschland längst erheblichen Einfluß auf deutsche Leitmedien haben, findet man in den Artikelsammlungen auf dessen Internetseiten eindrucksvoll bestätigt. Vertreter des Netzwerks, das sich den Kampf gegen die »Krippenoffensive« der CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen auf die Fahnen geschrieben hat, werden von Christa Müller zu Kronzeugen ihrer Thesen von der Grausamkeit und Schädlichkeit der »Fremdbetreuung« gemacht. Das hatte vor ihr allerdings auch schon Eva Herman so gehandhabt. Wohl wegen des geringen Neuigkeitswertes ihrer Arbeit hatte sich lange Zeit kein Verlag dafür gefunden. Ursprünglich sollte es Ende 2006 beim Rowohlt-Taschenbuchverlag unter dem Titel »Achtung Hausfrau! Ein Beruf mit Aufstiegschancen« erscheinen.

Überdosis Ideologie

Müllers Leistung besteht im wesentlichen darin, sich Pappkameradinnen zu basteln, hernach mit Verve auf sie einzudreschen und es ansonsten mit Zahlen und Fakten nicht so genau zu nehmen. Nicht untypisch für ein Werk, das eine so satte Überdosis Ideologie an die Frau und an den Mann bringen will.

Pappkameradin Nummer eins ist eine virtuelle Ursula von der Leyen. Deren Ziel sei es, »alle Frauen ein Jahr nach der Geburt zurück in die Vollzeiterwerbsarbeit und die Kinder in die Ganztagsbetreuung« zu drücken. Doch wenngleich sich die Ministerin auch deshalb für den Ausbau der Kleinkinderbetreuung einsetzt, weil er insbesondere hochqualifizierten Frauen die Entscheidung für Kinder erleichtert und sie zugleich für die Wirtschaft besser »verwertbar« macht, ist es geradezu lächerlich, hier einen neuen »Krippenzwang« und »Totalitarismus« zugunsten kaltherziger Karrieristinnen zu vermuten.

Während Ministerin wie Städte- und Gemeindebund erklären, für rund 35 Prozent der unter Dreijährigen Betreuungsplätze schaffen zu wollen, behauptet Müller, es werde ein »Überangebot« für 60 Prozent dieser Altersgruppe geschaffen – ohne ihre Quellen zu nennen. Anschließend erklärt sie, die »Mehrheit der Frauen« sei »mit der heutigen Form der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zufrieden«, nämlich mit dem Modell »Mann arbeitet voll, Frau vorübergehend Teilzeit«. In der Tat: Die Mehrheit der Mütter kleiner Kinder ab zwei Jahren würde gern in Teilzeit arbeiten, wenn es denn möglich wäre – und genau zu diesem Zweck sollen die Betreuungsangebote in erster Linie geschaffen werden.

Feindbild Feministin

Pappkameradinnen Nummer zwei und drei sind »die Frauenbewegung« und »die Radikalfeministinnen« in der Linkspartei. Erstere hat Müller zufolge »das Thema Arbeitszeitverkürzung scheinbar abgeschrieben«. Letztere kämpfen angeblich »nur für die Frauen, die eine berufliche Karriere anstreben«. Die familienpolitischen Beschlüsse der Bundestagsfraktion der Linkspartei nennt sie »sozial ungerecht, weil sie die Besserverdienenden bevorzugen«. Erläutern muß sie dergleichen nicht weiter, und sie sieht offenbar auch keine Notwendigkeit herauszufinden, ob es nicht doch ein paar Gemeinsamkeiten zwischen ihr und den Kolleginnen und Kollegen im Bundestag gibt. Denn natürlich fordert die Linke – unter anderem – neben dem gesetzlichen Mindestlohn seit Jahren eine Arbeitszeitverkürzung für Eltern bei gleichzeitigem bedarfsgerechten Ausbau der Kinderbetreuung.

Eine Arbeitszeitverkürzung für Mütter und Väter und folglich mehr Zeit für die Familie ist auch die zentrale Forderung von Zeit-Literaturchefin Iris Radisch, formuliert in ihrem Buch »Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden«. Aber mit der Einbindung der Männer in die häuslichen Pflichten hat es Christa Müller nicht so. Ihre Begründung: Es hat bisher nicht richtig geklappt, also sollte frau das auch nicht so penetrant fordern.

Zweckdienliche Forschung

Zwar zeichnet Müller den »demographischen Wandel« nicht als Schreckensszenario, insgesamt ähneln ihre Ansichten denen der Eva Herman jedoch frappierend. Sie zitiert ausgiebig den australischen Familienforscher Steve Biddulph, der herausgefunden haben will, daß es bei 17 Prozent derjenigen Kleinkinder, die mehr als 30 Stunden wöchentlich in einer Einrichtung verbringen, zu Verhaltensauffälligkeiten kommt. Andere Einflußfaktoren spielen hier keine Rolle. Ähnliche Untersuchungen für ausschließlich von den Eltern großgezogene Kinder gibt es bislang überhaupt nicht.

Nichtsdestotrotz ist auch Müller in ihrer diesbezüglichen Wortwahl drastisch und bemüht Vergleiche wie den zwischen der Genitalverstümmelung von afrikanischen Mädchen und der »Fremdbetreuung«. Experte Biddulph erkennt immerhin noch an, daß das Entscheidende für die »geistige Gesundheit« eines Kindes die Qualität der Beziehung zu den Eltern ist, lehnt aber dennoch selbst kurzzeitige Aufenthalte in der Krippe ab: »Für Kinder unter drei Jahren gibt es kein unbedenkliches Niveau an Betreuungszeit in der Kindertagesstätte.« Müller referiert dergleichen genüßlich und reiht sich damit in die Riege derer ein, die allen berufstätigen Müttern ein schlechtes Gewissen einreden wollen und sie der Verantwortungslosigkeit bezichtigen.

Dabei ist es charakteristisch für ihr Buch, daß sie sich häufig selbst widerspricht. So konzediert sie, daß die Betreuung in guten öffentlichen Einrichtungen (Müller erklärt sie unbesehen zur Ausnahme, die die Regel bestätige) für Kinder Alleinerziehender und aus der »Unterschicht« von Vorteil sein könne. Sie verklärt die 50er und 60er Jahre, in denen die Hausfrauenehe in der Bundesrepublik die Regel war, als Zeit großer Freiheit für die Kinder, die den ganzen Tag unbeaufsichtigt herumstromerten und Seifenkisten ohne Bremsen bauten. Der heutigen jungen Generation fehle ein solcher Erfahrungsschatz und damit die Möglichkeit, selbständig mit Risiken und Konflikten umgehen zu lernen. An anderer Stelle wirft Müller Ursula von der Leyen wiederum Pflichtverletzung gegenüber ihren Kindern vor und referiert zur Illustration eine von der Ministerin selbst geschilderte Begebenheit: Eine ihrer Töchter hatte sich einmal beim U-Bahnfahren in Hannover verirrt, als die Mutter sich im fernen Berlin auf eine Kabinettssitzung vorbereitete.

Bei Müller ist viel von der großartigen Bindung zwischen Müttern und Kindern in Naturvölkern die Rede, gepriesen wird auch die »biologisch« bedingte Affinität von Frauen zu Babys. Das alles, obwohl die Autorin sehr gut weiß, daß das Verhalten von Müttern in der Geschichte einem starken Wandel unterworfen war und vor allem von sozialen Gegebenheiten und Normen geprägt ist, und daß das Wohl der Kinder insbesondere in Europa jahrhundertelang keine Rolle gespielt hat. Das Grundlagenwerk der französischen Feministin Elisabeth Badinter »Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute« ist in Müllers Literaturliste am Ende des Buches aufgeführt. Wissen müßte sie auch, daß sich in der »goldenen« Wirtschaftswunderzeit viele Eltern kaum für das Seelenheil ihres Nachwuchses interessierten. Vielmehr wurde geprügelt, was das Zeug hielt – mit Billigung der bundesdeutschen Öffentlichkeit.

Heute herrschen andere Formen der Vernachlässigung vor, und sie betrifft noch immer zu viele Kinder. Doch was dagegen mit Sicherheit nicht hilft, ist die Stigmatisierung eines großen Teils der Eltern und insbesondere der Mütter, die Christa Müller mit Inbrunst betreibt.