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Aus: literatur, Beilage der jW vom 08.10.2003

Vorsicht, TWA!

»Eise, Knoche, Lumbe, Flasche, Babier«: Zwei neue Biographien über den Frankfurter Schüler und Professor Adorno
Von Christof Meueler

Frankfurt, Bankfurt, Krankfurt. Frankfurt am Main, das ist vorrangig Apfelwein, Grüne Soße einschließlich diversem Realomist, Heroin plus Crack, Eintracht, Goethe, ein bißchen Titanic, US-Skyline in Dorfstruktur und das verstoßene Offenbach. Darüber hinaus ist diese Stadt Adornocity. Max Horkheimer, der Chef, Freund, Kollege und kongenialer Mitautor des 1969 verstorbenen Sozialphilosophen Theodor W. Adorno kommt aus Stuttgart. Adorno ist in Frankfurt/Main aufgewachsen, zur Schule wie zur Universität gegangen und dort 1957 Professor geworden, nachdem ihm die Nazis 1934 außer Landes getrieben hatten. Da er am 11. September hundert Jahre alt geworden wäre, gehört zu den Frankfurteristika neben Adornoplatz und Adornopreis seit neuestem auch ein reichlich dämliches Adornodenkmal: ein Schreibtisch hinter Glas.

Wer in Adornocity ein philologisches oder sozialwissenschaftliches Studium aufnimmt, dem begegnet Adorno in noch merkwürdigeren Namedropping-Varianten. Da gibt es altgediente Alkoholiker, die einem im unweit der Uni gelegenen »Doktor Flotte« glauben machen wollen, sie hätten »damals« Adorno »das Boxen beigebracht«. Andere wollen
ihn regelmäßig samstags beim Kinobesuch schlimmster Hollywoodschinken beobachtet haben. Ein großer »Puffbesucher« sei er zudem gewesen, wird berichtet. Und dann die ganzen Epigonen, die bei Adorno »studiert« zu haben behaupten. Dazu muß man wissen, daß Adornovorlesungen in den Sechzigern Veranstaltungen eines Poptitanen in der Massenuniversität waren. Während anderswo die Ordinarien mit ihren kleinen Seminarzirkeln à 10–20 Studenten gerade untergingen, sprach Adorno in meistens freier Rede vor zirka 500 Leuten. Außerdem muß man wissen, daß das betont auf adornitisch getrimmte Schreiben oftmals einem Nichtschreibenkönnen in Richtung Unlesbarkeit gleichkommt, beim unglücklichen Hans Jürgen Krahl angefangen bis hin zu vielen antideutschen Wortmeldungen von heute.

Das ist besonders unerfreulich, weil doch die orthodoxe Kritische Theorie, die in fundamentaloppositioneller Absetzung vom rechtsliberalen Habermasianertum und den unpolitischen Adorno-Verwurstern vom Schlage Albrecht Wellmers agiert, sowieso ein kleiner Klub mit minoritärer akademischer Macht ist. Der hurrapatriotische Mainstream in den Sozialwissenschaften weigert sich erfolgreich seit Jahrzehnten, aus angeblichen »Tatsachen« gesellschaftliche »Probleme« zu machen, über die es zu diskutieren lohnte.

Während der schmale, von Gerhard Bolte bei Zu Klampen herausgegebene Sammelband »Unkritische Theorie: Gegen Habermas« die angenehm adornitische Ausnahme von der kruden Regel darstellt, müßte man an den Rand der Manuskripte der meisten Epigonen ein »Vorsicht, TWA« schreiben. So hat es Gretel Adorno, dem Biographen ihres Mannes Stefan Müller-Doohm zu folge, mit den Unklarheiten und Verschwurbelungen in den Arbeiten ihres Mannes gehalten. Der mittelprächtige Soziologe und okaye Ex-Fischer-Lektor Müller-Doohm wirft seinem ewigen Vorbild einen 1000-Seiten-Backstein hinterher, monumentalistisch »Adorno« betitelt, erschienen in dessen Hausverlag Suhrkamp. Nicht adornitisch abgefahren, sondern eckig und verkrampft referiert er in wirklich einfachstem Deutsch die Adornodetails, die so sonstwo noch nicht zu erhalten gewesen sind. Man erfährt, daß Adorno, ausgestattet mit dem »fragwürdigen Ruhmesglanz des Frühreifen« (so schreibt Müller-Doohm) sich mit 16 die zumindest sehr schwierige »Theorie des Romans« von Georg Lukacs reintat und kurze Zeit später Blochs »Geist der Utopie« als hätte er sonst nichts weiter zu tun, außer vielleicht mit jemand anders vierhändig Klavier zu spielen. Im September 1938 fühlte sich Adorno frei nach Müller-Doohm »in einem Appartement im 13. Stockwerk mit Blick auf den Hudson River« New York erst dann verbunden, als sein Flügel wieder da war. Undsoweiter. Ein paar erotische Stellen hat der Biograph auch noch ausfindig gemacht. Und eine Chronik, einen Stammbaum, eine Veröffentlichungs- und Seminargeschichte und einen Stadtplan des alten Frankfurt mit den eingetragenen Lebensstationen Adornos angelegt. Was das alles aber soll, bleibt ungesagt. Weder Einschätzungen noch Rezeptionsansichten von Adornos Wirken werden präsentiert. Alles ist ebenso interessant wie langweilig.

Immerhin läßt sich mit Müller-Doohm den vielfach schwallenden hyperakademischen Adorniten ein »Eise, Knoche, Lumbe, Flasche, Babier« entgegenrufen, so hätten die Restesammler in Adornos Frankfurter Jugend auf der Straße geklungen, zitiert er die Erinnerungen einer Neunzigjährigen. So wie die Ausführungen über den jungen Adorno noch die bemerkenswertesten Passagen sind, hat sich Müller-Doohm über die ISBN-Nummer eine Widmung an seine eigene Tochter eingemeißtelt, zu deren »intellektuellen Orientierung« er beitragen möchte. Ich würde sagen: ganz schön umständlich.

Ein anderer Geburtstagsbiograph, der durchrefklektierte und manchmal recht spannend tätige Soziologe Detlev Claussen, hat sich für sein Projekt, ebenfalls brutal breitwandepisch »Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie« betitelt, immerhin einer Psychonanalyse unterzogen, wie er in einer schier endlosen Dankesliste andeutet. Wo Müller-Doohm nur bildungshuberisch jedes Kapitel mit unvermittelten Adornozitaten beginnt, möchte der linkssozialistische Claussen schwer alte Schule »Adornos Texte zum Sprechen bringen«. Bei Claussen spricht Adorno mit, quasselt sozusagen in den Text dazwischen, und es macht Sinn. Claussen erzählt viel weniger Panne als Müller-Doohm davon, wie Horkheimer und Adorno 1956 darüber nachdachten, das »Kommunistische Manifest« neu zu schreiben, warum Adorno mit seiner Abneigung gegen den Jazz doch nicht so daneben lag oder wie er zwischen Büro und Universität für die Einführung der sogenannten »Adornoampel« kämpfte. Wer denkt, muß sicher die Straße überqueren können, keine Frage. Auch wieder so eine Frankfurter Geschichte. Im Unterschied zu Müller-Doohm wußte man das meiste aber schon.

Am besten gelingen Claussen die erhellenden Ausführungen über die Beziehungen zwischen dem Hollywoodhelden Fritz Lang und dem Kulturindustriefeind Adorno sowie Überlegungen zum Thema, inwieweit die Antisemiten ihren Haß nur spielen, um ihn jederzeit zu steigern. »Ende der zwanziger Jahre kann man in Frankfurt am Main einen dandyhaften Dr. Wiesengrund-Adorno erleben, der als Napoleon verkleidet Faschingspartys neben Leuten aus den I.G. Farben feiert, die spaßeshalber schon als Nazis sich verkleideten, die sie nach 1933 dann im Ernst wurden.«

Soviel zu den Geburtstagsgeschenken. Die übersichtlichen, klugen Standardwerke zum Thema bleiben weiterhin »Die Frankfurter Schule« von Rolf Wiggershaus und »Der nonkonformistische Intellektuelle« von Alex Demirovic. Die schönste Formulierung stammt immer noch von Greil Marcus, der in »Lipstick Traces« Adornos Hauptwerk »Minima Moralia« der Punkbewegung zuschlägt: »Big Ted Says No«. Nach Marcus sollte man Sex Pistols hören und dabei »Minima Moralia« lesen, um herauszufinden, »wo das eine aufhört und das andere anfängt«. Und anschließend bitte einen großen Sauergespritzten.

* Stefan Müller-Doohm: Adorno. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2003, 1032 Seiten, 29,90 Euro

* Detlev Claussen: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2003, 479 Seiten, 26,90 Euro

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