Aderlass
Von André Dahlmeyer
Die Würfel sind gefallen, das Teilnehmerfeld für die Fußball-WM, die in rund zwei Monaten beginnt, ist komplett. Am Dienstag fanden in Europa und Mexiko die letzten sechs Playoffs statt. Vor einer Woche in den Halbfinals waren die osteuropäischen und britischen Länder die großen Verlierer, vorgestern schmolz der Schnee auf den Dolomiten für immer. Denn die ehemalige Fußballnation Italien hat zweifellos den Marco-Materazzi-Fluch. Seit dessen obszöner Verbalattacke beim WM-Finale im Berliner Olympiastadion vor 20 Jahren gegen Zinédine Zidane (respektive dessen Schwester) klebt dunkelste Scheiße an den Botten der Kicker vom Stiefel – und sie machen partout kein Gold daraus. Im Vorfeld von Weltmeisterschaften werden sie dennoch regelmäßig als Mitfavoriten gehandelt, dabei wissen die verhinderten Catenaccio-Jünger gar nicht mehr, wie man das schreibt: »WM«. In Südafrika schieden sie wie Frankreich sieglos in der Gruppenphase aus. Auch in Brasilien war dort Endstation. Immerhin gewannen sie ihr Auftaktspiel gegen England mit 2:1. Danach folgten torlose Niederlagen. Halten wir fest: Der letzte WM-Sieg Italiens ist zwölf Jahre her, das letzte WM-Tor (von Mario Balotelli) ebenfalls. Nun ist Italien zum dritten Mal hintereinander in der WM-Quali gescheitert, diesmal vom Punkt (1:4) gegen das Bosnien-Herzegowina des 40jährigen Zweitligafußballers Edin Džeko. Trainer der Bosnier ist HSV-Ikone Sergej Barbarez.
Besser machten es die Schweden. Zwar gelang Polen zweimal der Ausgleich, doch Strafraummonster Viktor Gyökeres schoss die Blågult mit einem Last-Minute-Tor zur WM. Die Türken machten es im Kosovo spannend. Am Ende gewannen sie 1:0 und qualifizierten sich nach einem Vierteljahrhundert mal wieder. Die Tschechen gingen ad hoc gegen Danish Dynamite in Führung, die Dänen glichen spät aus. Die Verlängerung verlief ähnlich (2:2). Wie schon gegen Irland setzten sich die Tschechen schließlich vom Punkt durch (3:1).
Die DR Kongo eliminierte in Guadalajara uninspirierte Jamaikaner nach Verlängerung mit 1:0. Kongo hieß mal Zaire, so gesehen ist es die zweite WM-Teilnahme nach 1974 in Germanien (West). Für Russland 2018 qualifizierte sich Peru nach 36 Jahren wieder für eine WM. Bei Brasilien-Besieger Bolivien wären es 32 Jahre gewesen, der Irak kam dazwischen, gewann in Monterrey mit 2:1 und ist nach 40 Jahren zum zweiten Mal dabei. Italiens Trainer Gennaro »Rino« Gattuso hatte vor dem Match in Zenica geschworen, er würde bei einer Niederlage nicht nach Italien heimkehren. Als die geschluckt war, bemerkte er: »Wenn mich jetzt jemand niederstechen würde, liefe da nicht mal Blut.«
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