Der Größteste
Von Felix Bartels
Was, wenn alle Superlative verbraucht sind? Seit zwei Jahren gilt Tadej Pogačar als größter Radsportler aller Zeiten. Jetzt hat er noch mehr erreicht, das Unmögliche. Doch der Größteste kann selbst er nicht sein, schon aus grammatikalischen Gründen. Am Samstag stand er am Start des ersten Monuments der Saison, Milan–Sanremo. Wie die vier Jahre zuvor. Ein fünfter, ein vierter und zwei dritte Plätze waren bislang herumgekommen, diesmal wurde er erstmals erster. Bei einem Rennen, das ihm im Grunde nicht liegt.
Mit 298 Kilometern ist Milan–Sanremo das längste Eintagesrennen auf Profiebene. Der überwiegend flache Kurs sorgt dafür, dass die Dramatik sich restlos in den letzten 30 Kilometern abspielt. Zunächst mit der Cipressa, dann mit dem Poggio stehen zwei Hügel an, die eigentlich nicht steil oder lang genug sind, kletterstarke Puncheure von kraftvollen Sprintern zu trennen. Eigentlich. Schon vergangenes Jahr hatte Poagacar das Feld an der Cipressa gesprengt, nur Mathieu van der Poel und Filippo Ganna waren drangeblieben. Die Taktik von Puncheuren wie ihm und Tom Pidcock muss darin liegen, im Anstieg eine Lücke zu schaffen, endschnelle Fahrer wie van der Poel, Wout van Aert oder Jasper Philipsen müssen dagegen versuchen, das Rennen am Hügel langsam zu machen, wenn sie ihre Sprintstärke im Finale ausspielen wollen. Sanremo zieht seine dramaturgische Spannung fast vollständig aus diesem Gegensatz der Interessen.
Eins schien vor dem Rennen klar: Pogacar wird nur gewinnen, wenn es ideal für ihn läuft. Dann passierte das Gegenteil. Fünf Kilometer vor der Cipressa lag er auf dem Asphalt. Mit zerrissenem Trikot und sichtbaren Wunden kämpfte er sich zurück ins Feld. Am Fuß der Cipressa, wo er eigentlich schon vorn hätte attackieren müssen, lag er etwa an Position 100. In Verbindung mit den Blessuren und dem zusätzlichen Effort, zurück ins Feld zu kommen, ein starkes Handicap. Nur wenige Fahrer können sich auf engen Straßen eines Anstiegs hundert Positionen nach vorn kämpfen und dann noch attackieren. Dass Pogacar auch am Ende eines langen Kurses über hohe anaerobe Kapazitäten verfügt, ist allerdings keine Neuigkeit. UAE hatte nach dem Sturz taktisch gut reagiert. McNulty wurde nach hinten beordert, Pogacar bei der Aufholjagd etwas aus dem Wind zu nehmen. Del Toro sollte sich an der Spitze halten, um das Leadout zu machen, sobald Pogacar zurückkommt, oder selbst auf Sieg zu fahren, wenn Pogacar es nicht schaffen sollte.
Er schaffte. Del Toro packte 400 Meter lang jedes Watt, das er bei sich führte, auf die Straße, sein Kapitän attackierte dann, als wäre er gerade erst aufgestanden, nur Pidcock und van der Poel konnten folgen. Letzterer wurde später am Poggio abgestellt. Pidcock, der als bester Abfahrer des Pelotons gilt, konnte den Begleiter nicht distanzieren und verlor den Zielsprint um eine halbe Radlänge. Traurig für ihn, physisch wie taktisch war seine Vorstellung makellos.
Van der Poel wurde auf der Abfahrt von der Verfolgergruppe eingeholt, aus der van Aert sich kurz vor Schluss noch leicht absetzte. Hinter ihm gewann Mads Pedersen den Sprint um Platz vier vor Corbyn Strong und Andrea Vendrame. Auch das beachtenswert, vor anderthalb Monaten erst hatte Pedersen sich Schlüsselbein und Handgelenk gebrochen.
Pogacar strickt derweil weiter an seinem Vermächtnis. Statt die UAE-Tour zum vierten Mal zu gewinnen, hat er sich auf die Klassiker konzentriert. Das Muster der letzten Jahre zeichnet sich deutlich ab. Er ist ein Sammler, kein Hamster. Wichtiger als Rekordsieger bei bestimmten Rennen zu werden scheint ihm, möglichst viele verschiedene Rennen zu gewinnen. Alle fünf Monumente zum Beispiel, von denen ihm jetzt nur noch eins fehlt: Paris-Roubaix, das gegen van der Poel zu gewinnen aber noch einmal deutlich schwerer werden dürfte. Erst drei Fahrer haben in der Geschichte des Radsports alle fünf gewonnen. Eddy Merckx, einer von ihnen, gratulierte am Sonnabend begeistert. Zurückkehren nach Sanremo will Pogacar, so Pogacar, vorerst nur, um dort Focaccia zu essen. In Milan antreten hieß in den letzten Jahren, andere mögliche Siege zu opfern. Das muss er jetzt nicht mehr. Eben darin aber liegt, was diesen Fahrer besonders macht: Er sucht die Herausforderung, gerade das Rennen zu gewinnen, das er nicht ohnehin gewinnt.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Sport
-
Die unglückliche Elf
vom 24.03.2026 -
Wie soll die Förderung des Spitzensports funktionieren?
vom 24.03.2026
