Die Linke sticht
Von Oliver Rast
Die Stimmung ist aufgeheizt, die Spannung groß – vom Oberrang tönt es: »Nina, hol’ sie dir.« Oder: »Zeig’s ihr, Baby!« Freitag nacht in der Fischauktionshalle am Hamburger Hafen. Eine Location umgebaut zur Boxarena. Für das Main-Event des Kampfabends des Veranstalters Ringside Zone: eine Doppelweltmeisterschaft im Federgewicht (−57,2 kg) der Frauen.
Nina Meinke hat Dyana Vargas vor den Fäusten. Die Berlinerin will ihren Titel der IBF verteidigen, den vakanten der IBO zusätzlich holen. Das will Herausforderin Dyana Vargas aus der Dominikanischen Republik verhindern. Ein Duell, angesetzt auf zwölf mal drei Minuten, maximale Distanz wie bei den Männern.
Die Marschroute, klar nach dem ersten Gong: Meinke dominiert von der Ringmitte aus, ist im Vorwärtsgang, hält Vargas mit rechter Führhand auf Distanz und trifft mit linken Kopf- und Körperhaken. Kontrollierte Offensive – mustergültig, schulmäßig. Vargas bleibt aber gefährlich, hält dagegen, setzt vereinzelt Akzente mit Kontern. Das kostet Kraft, in der achten Runde wirkt »La Máquina« platt. Denkste! Aus Vargas’ Ringecke schallen Schlachtrufe durch die Seile: »Arriba, Arriba!« Meinke behält die Übersicht, ist konditionell stärker, blockt die wütenden Attacken ihrer Kontrahentin, läutet ihrerseits die Schlussoffensive ein. Mit ihrer Linken, die sticht – und die Kulisse ist sofort da: »Mach’ sie alle, schlag sie aus der Halle!« Das klappt. Volle Distanz, harter Kampf, klares Urteil: einstimmiger Sieg für Meinke (119:109, 119:109, 120:108). Ein Triumph, der vor einem Jahr noch undenkbar schien.
Denn die Laufbahn der 33jährigen stand auf der Kippe. Ein Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen im vergangenen Mai – Folge: Notoperation und monatelange Reha. »Das war ein Schock, zumal der Arzt sagte, dass die Chancen auf volle Genesung nur bei 20 Prozent liegen«, erzählte die Patentochter von Exchampion Sven Ottke jüngst im Magazin Boxsport. »The Brave« hat sich zurückgekämpft – eindrucksvoll.
Wie geht es nach der Machtdemonstration von Hamburg weiter? Die Doppelweltmeisterschaft bringt Meinke erneut in Stellung: für den Megafight gegen Boxikone Amanda Serrano. Beide hatten bereits 2024 gegeneinander boxen sollen – der Kampf war jedoch eine Stunde vor dem Walkout wegen einer angeblichen Augenverletzung der Puertoricanerin geplatzt. Seitdem gilt der Showdown als »unfinished business«.
Meinke will die offene Rechnung begleichen – und ist nach der Zwangspause auf dem Zenit ihrer Karriere. Das will sie allen zeigen und weitere Titel holen – stimmungsreich, spannungsvoll.
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