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Aus: Ausgabe vom 09.03.2026, Seite 16 / Sport
Fußball

Ein bekanntes Muster

Kontrollieren und disziplinieren: Die Innenministerkonferenz und der Zugriff auf den deutschen Fußball
Von Raphael Molter
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Gerade gucken sie bloß: Polizisten beim Spiel von Rot-Weiss Essen und SV Waldhof Mannheim (Essen, 4.3.2026)

Die Innenministerkonferenz (IMK) im Dezember hat vor allem eines gezeigt: Der Konflikt um die Fußballfankultur ist keineswegs beendet. Zwar verschwanden viele der vorab kolportierten Horrorszenarien – personalisierte Tickets, flächendeckende Überwachung, neue Datensammlungen – still von der Tagesordnung. Doch das eigentliche Vorhaben blieb: die Einführung einer zentralisierten Stadionverbotskommission. Dass viele der zuvor öffentlich ventilierten Maßnahmen nicht beschlossen wurden, war wohl Ergebnis der Mobilisierung zahlreicher Fans. Gleichwohl wäre es fatal, die Ergebnisse der IMK als Entwarnung zu nehmen.

Sicherheitsrelevante Fragen rund um den Fußballsport und seine Fankultur sind mittlerweile zwar Routine; die politische Schärfe, mit der sie seit einiger Zeit behandelt werden, ist aber neu. Bereits auf der IMK im Juni 2025 machten die Innenminister deutlich, wohin die Reise gehen soll. In der veröffentlichten Beschlusslage kritisierten sie offen, dass die von DFB und DFL vorgelegten Konzepte hinter den politischen Erwartungen zurückgeblieben seien. Insbesondere bei der Einführung einer zentralen, standortunabhängigen Stadionverbotskommission forderte die IMK »zielstrebiges« Weiterarbeiten und beauftragte die Bund-Länder-offene Arbeitsgruppe (BLOAG) »Fußball ohne Gewalt«, bis zur Herbstsitzung nachzuliefern. Der politische Druck war nicht von der Hand zu weisen.

Beschlossen wurde im Dezember die Einrichtung einer zentralen Kommission beim DFB, gedacht als bundesweit vereinheitlichende Fach- und Rechtsaufsicht. Formal bleibt die Entscheidung über Stadionverbote zwar bei den Vereinen, faktisch entsteht jedoch eine neue Instanz, die Standards setzt, überprüft und perspektivisch Druck ausüben kann. Parallel dazu bekräftigte die IMK ihren Willen, die Stadionverbotsrichtlinien konsequenter und einheitlicher durchzusetzen. Die Debatte um Pyrotechnik – und damit auch um die politischen Zielsetzungen des fan- und vereinsgetragenen Bündnisses »Verbandsstrafen abschaffen« – wurde auf die Tagesordnung der nächsten IMK im Juni 2026 gesetzt.

Solcherlei Entwicklungen zeigen: Der sicherheitspolitische Zugriff auf den Fußball wird nicht zurückgenommen, sondern strukturell neu organisiert. Die Politik hält am Narrativ fest, eine kleine Gruppe »hoch gewaltbereiter Störer« gefährde die Fankultur insgesamt – obwohl selbst die Zahlen der Zentralen Informationsstellen Sporteinsätze diese Erzählung nicht stützen. Der Widerspruch zwischen Statistik und politischem Handeln ist offensichtlich, aber eben auch erklärbar.

Wer den Blick über die Stadien hinaus richtet, erkennt ein bekanntes Muster. In Zeiten von Aufrüstung, »Zeitenwende« und sozialem Kahlschlag wächst das politische Bedürfnis nach Kontrolle und Disziplinierung im Innern. Der Profifußball ist dafür ein ideales Experimentierfeld: massenwirksam, emotional und institutionell leicht zugänglich. Repressive Maßnahmen lassen sich hier testen, legitimieren und normalisieren.

Dass ausgerechnet Fanszenen ins Visier geraten, ist kein Zufall. Ultras und aktive Fans entziehen sich in ihrem Fandasein staatlicher Steuerung, verteidigen autonome Räume und organisieren Solidarität jenseits marktförmiger Logik. In einer politischen Lage, die auf Geschlossenheit und »Wehrhaftigkeit« nach innen zielt, erscheinen solche Strukturen als Störfaktor.

Die bundesweite Demonstration im November hat gezeigt, dass dieser Kurs nicht widerspruchslos hingenommen wird. Sie hat politische Kosten erzeugt und den Handlungsspielraum der Innenminister begrenzt. Doch der Konflikt ist damit erst eröffnet. Die kommende IMK-Sitzung dürfte zeigen, wie ernst es der Politik mit der schrittweisen Verschärfung ist.

Der deutsche Fußballsport ist längst Teil eines umfassenderen innenpolitischen Projekts. Ihn zu verteidigen heißt deshalb, die Kämpfe im Stadion mit den gesellschaftlichen Entwicklungen außerhalb zu verbinden – und zu begreifen, dass es hier um mehr geht als um den Zugang zu einem Spiel. Es geht um Selbstbestimmung, um politische Deutungshoheit und um die Frage, wieviel Widerspruch in einer auf Kriegstüchtigkeit getrimmten Gesellschaft noch geduldet wird.

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