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Aus: Ausgabe vom 05.03.2026, Seite 16 / Sport
Boxen

»Dann hört dieses ganze Witzboxen auf«

Exboxprofi Timo Schwarzkopf über seine Laufbahn – und ein neues Kampfabendprojekt: »Boxstall Series« in Wangen im Westallgäu
Von Oliver Rast
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Schenkt gerne ein, teilt gerne aus: Timo Schwarzkopf, Musterbeispiel eines engagierten Faustkämpfers

Er ist einer mit Kämpferherz, mit unbedingtem Willen – schon immer gewesen: Timo Schwarzkopf alias Festim Kryeziu. »The Maschine«, so sein Nickname während seiner aktiven Profilaufbahn (2010 bis 2023), war Europameister im Halbweltergewicht und IBF-Interconti-Titelträger im Weltergewicht. Nun ist er als Gym-Betreiber, Trainer, Matchmaker und Promoter »Multifunktionär« im deutschen Boxsport.

Der 34jährige Deutsch-Kosovare startet erstmals am 14. März mit seiner »Boxstall Series I« eine Reihe von professionellen Kampfabenden – und will damit die Boxszene hierzulande aufmischen. Vom westallgäuischen Wangen aus, wohlgemerkt.

Ende Oktober vergangenen Jahres war es so weit: Die Eröffnung Ihres Boxstalls in Wangen am Rande des Westallgäus. Ist da ein Lebenstraum für Sie in Erfüllung gegangen?

Sicher. Es war schon immer mein Traum, ein eigenes Gym zu besitzen und eigene »Kampfmaschinen«, echte Fighter, rauszubringen. Jetzt bin ich genau auf diesem Weg.

Springen wir rund 15 Jahre zurück: Sie hatten eine solide Amateurlaufbahn. Warum dann 2010 der Schritt ins Profigeschäft? Was war Ihre Motivation?

Als Kind wollte ich immer so werden wie Mike Tyson – mein absolutes Vorbild. Ich habe als Amateur Gas gegeben, aber irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf das Amateursystem und wollte mehr. Also bin ich nach Stuttgart gegangen und Profi geworden.

Nach Ihrer Niederlage, ein technischer Knockout, im Oktober 2023 gegen Harlem Eubank um den vakanten WBO-Global-Titel im Halbweltergewicht, wirkte es, als würden Sie aufhören. Warum haben Sie sich dazu entschieden – und ist das endgültig?

Nach dem Kampf war nicht sofort Schluss. Ich habe mich wieder gefangen, und drei, vier Monate später war ein neuer Kampf geplant. Dann hat der Gegner kurzfristig abgesagt, die Veranstaltung lief ohne mich – und ich habe mich auf andere Dinge konzentriert. Am Ende wollte ich unbedingt mein eigenes Gym eröffnen, was ich dann auch getan habe. Für eine richtige Vorbereitung blieb keine Zeit mehr.

Was die Zukunft bringt? Schauen wir mal. Vielleicht komme ich zurück. Ich bin 34 und sehr fit. Gleichzeitig gebe ich mein Wissen gerne weiter und unterstütze die Jungs. Meine volle Aufmerksamkeit gilt aktuell den jungen Wilden, von denen ich überzeugt bin, dass sie weit kommen: Willi Knorpp, Albi Rreshma, Simon Paul.

Zu Ihrem eigenen Boxstall: Welches Konzept verfolgen Sie? Und liegt Ihr Fokus eher auf olympischem oder professionellem Boxen?

Ich konzentriere mich auf alles, was mit Boxen zu tun hat – von Kindern und Anfängern über Amateure bis hin zu Profis.

In Wangen gibt es bereits den BC Wangen. Entsteht da Konkurrenz? Und: Gibt es überhaupt genug Boxinteressierte in der Region?

Der BC Wangen ist keine Konkurrenz. Ohne arrogant zu klingen zu wollen: Weit und breit habe ich keine Konkurrenz. Das sind zwei völlig verschiedene Welten. Du vergleichst auch keinen Fiat mit einem Ferrari.

Nach drei Monaten hatten wir über 200 Mitglieder. Die Stadt ist nicht zu klein – Wangen liebt Boxen, und ich liebe Wangen.

Sie planen nun auch die »Boxstall Series I« am 14. März in Wangen. Was war der Auslöser, im Allgäu einen Kampfabend zu organisieren? Und wie regelmäßig sollen die Events stattfinden?

Mit den Boxstall Series wollen wir das Profiboxen wieder nach vorne bringen – mit echten Kämpfen, so wie ich es aus meiner aktiven Zeit kenne. Nicht wie viele deutsche Boxer, die mit einem blitzblanken Kampfrekord aufgebaut werden, aber keine drei Runden gegen meine Anfänger überstehen würden. Ich kann nur sagen: Im Boxstall habe ich Jungs, die werden richtig was reißen.

Deutschlandweit finden jedes Wochenende Fight Nights statt. Warum sollten talentierte oder etablierte Boxer gerade bei Ihnen antreten? Was macht Ihren Standort attraktiv?

Bei uns stehen die Türen für echte Kämpfer offen – für Leute, die wirklich kämpfen wollen. Das Besondere bei uns: Wenn einer stark ist, erkennen die Zuschauer das sofort. Die Wangener wissen, was Qualität ist. Und wer überzeugt, wird gefeiert und gewinnt direkt Fans.

Auf der Fightcard vom 14. März steht unter anderem Victor Cakiqi, aktuell Deutschlands bester Weltergewichtler. Er trifft auf den Mexikaner Alejandro Chavez Meneses, einen ehemaligen IBO-Weltmeister. Wie kam dieser Kampf zustande – und wird es eine weitere Zusammenarbeit geben?

Ich kenne Victor gut. Er ist ein starker junger, 23jähriger Boxer, der noch viel erreichen wird. Respekt an ihn, dass er sich so einen starken Mexikaner nach Wangen holt. Das wird ein richtig guter Kampf. Und ja, das wird sicher nicht unsere letzte Zusammenarbeit sein.

Apropos Jungboxer: Wie groß ist die Talentdichte in Deutschland – im Amateur- wie im Profibereich?

Es gibt viele Talente. Man muss sie nur richtig führen. Und jeder sollte die gleiche Chance bekommen. Man weiß nie, aus wem etwas werden kann.

In welcher Rolle sehen Sie sich künftig: Gym-Betreiber, Trainer, Matchmaker, Promoter – oder sogar wieder aktiver Boxer?

Das kann ich noch nicht sagen. Im Moment bin ich ein Allrounder – und das passt für mich.

Was fehlt dem deutschen Profiboxen, um wieder an frühere sportliche und mediale Erfolge anzuknüpfen? Und was hat Ihnen persönlich in Ihrer Karriere gefehlt?

Es fehlen klare Grenzen. Heute kann jeder Busfahrer Profiboxer werden. Es braucht Regeln, die festlegen, was ein Boxer leisten muss, um Profi zu sein. Dann hört dieses ganze Witzboxen auf.

Wir brauchen echte Fights – von Jungs, die für den Sport leben und bluten. Nicht von Leuten, die ein paar Follower auf Instagram haben und denken: »Ich kauf mir einen Profikampf und lass mich feiern.« Genau das hat das Boxen kaputtgemacht. Zu viele Fakes.

Es wird schwer, in ganz Deutschland wieder Struktur reinzubringen. Teilweise ist es möglich – und wir fangen in Wangen an. Hier wird es echte, harte Kämpfe geben.

Agit Kabayel und Abass Baraou haben zuletzt für Aufsehen gesorgt. Ein neuer Hype? Und was braucht es für eine Renaissance des Boxens in Deutschland?

Agit und Abbas machen einen super Job. Man hätte in Deutschland viel mehr mit ihnen machen können, aber statt dessen müssen sie ins Ausland gehen und dort liefern. In Deutschland ist das Interesse am Boxen einfach noch nicht wieder so groß wie früher. Sehr schade.

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