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Aus: Ausgabe vom 03.03.2026, Seite 16 / Sport
Radsport

Nur ein paar Zähne

Radsport: Die ersten belgischen Frühjahrsklassiker Kuurne–Brüssel–Kuurne und Omloop Nieuwsblad
Von Holger Römers
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Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) kam wie durch ein Wunder nicht zu Fall

Obwohl Profiwettkämpfe schon seit Wochen in südlichen Gefilden stattfinden, hat die Saison im Straßenradsport gemäß den Kriterien der Traditionalisten erst am Wochenende begonnen. Beim zweitägigen Rennauftakt in Flandern stand am Sonntag wie üblich der etwas weniger prestigeträchtige Teil auf dem Programm, der diesmal allerdings größten Unterhaltungswert bot: Die 78. Austragung von Kuurne–Brüssel–Kuurne war gut zur Hälfte absolviert, als die Mannschaft eines Mitfavoriten bereits Chaos stiftete. An einem der Hügel, die den mittleren Abschnitt der 195 Kilometer langen Strecke prägten, ließ der sprintstarke Arnaud De Lie (Lotto Intermarché) seine Kollegen ein Höllentempo anschlagen, so dass das Fahrerfeld in mehrere Gruppen gesprengt wurde.

Diese Aktion war eine von mehreren taktischen Merkwürdigkeiten, die das Rennen nicht mehr zur Ruhe kommen ließen. Neben Jonathan Milan (Lidl-Trek) und anderen Sprintern war wenig später nämlich De Lie selbst abgehängt, als Jasper Philipsen (Alpecin-Premier Tech) am nächsten Hügel mit dem für belgische Frühjahrsklassiker typischen Kopfsteinpflaster beschleunigte. Das Manöver wiederholte Philipsen 76 Kilometer vorm Ziel am Oude Kruisberg, weshalb man sich wunderte, warum der Belgier trotz ausgedünnter Konkurrenz nicht auf eine Wiederholung jenes Massensprints spekulierte, in dem er 2025 siegreich war. Der 28jährige wurde diesmal bloß 19., nachdem er zweimal pannenbedingt das Rad wechseln musste.

Das Ergebnis ließ indes keinen Zweifel daran, dass Team Visma – Lease a Bike die richtige Taktik gewählt hatte, auch wenn diese gelegentlich Rätsel aufgab. Regelmäßig übernahmen Vertreter der Mannschaft die Initiative, wobei sich gleich zweimal starke Gruppen absetzten, in denen jeweils drei gelbe Trikots einen numerischen Vorteil markierten. Beide Male war Matthew Brennan präsent und einmal auch Christophe Laporte, der sich fast ebenso große Chancen im Sprint einer kleinen Gruppe ausrechnen durfte wie der 20jährige britische Shooting Star. Um so deutlicher fiel auf, dass die Teamleitung nie erwog, den jeweiligen Vorsprung bis ins Ziel zu retten. Den Grund lieferte Brennan dann auf der Schlussgeraden nach, indem er unangefochten im Massensprint siegte, wobei der 28jährige Italiener Luca Mozzato und sein 36jähriger Landsmann Matteo Trentin (beide: Tudor Pro Cycling Team) das Podium komplettierten.

Ein anderer Tudor-Fahrer hatte tags zuvor beim 81. Omloop Nieuwsblad im Zentrum der entscheidenden Szene gestanden. Beziehungsweise gelegen: Rick Pluimers rutschte auf regennassem Kopfsteinpflaster in einer Kurve aus, als er dem am Molenberg attackierenden Florian Vermeersch (UAE Team Emirates – XRG) folgen wollte. Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech), der unmittelbar hinter seinem stürzenden niederländischen Landsmann fuhr, kam wie durch ein Wunder nicht zu Fall, sondern konnte Vermeerschs Angriff parieren – wobei er freilich mit dem Pedal unabsichtlich gegen Pluimers’ Kopf stieß, der glücklicherweise nur ein paar Zähne einbüßte. Dahinter wurden etwaige Verfolger jedoch behindert, so dass nur Tim van Dijke (Red Bull – Bora – Hansgrohe) die 45 Kilometer vorm Ziel entstandene Lücke noch schließen konnte.

Das Trio überholte bald den Rest der Ausreißergruppe des Tages, wobei der 31jährige van der Poel in der (durch Rückenwind erleichterten) Führungsarbeit allein von Vermeersch abgelöst wurde. Der 26jährige Belgier wirkte so stark wie seit 2021 nicht mehr, als er Zweiter bei Paris–Roubaix wurde. Doch im Sprint um Platz zwei wurde er in Ninove vom ein Jahr jüngeren Niederländer van Dijke geschlagen, nachdem Topfavorit van der Poel an der legendären Kapelmuur die erwartete Beschleunigung eingelegt hatte und die verbliebenen 16 der insgesamt 207 Kilometer langen Strecke solo zum Sieg gefahren war.

Im 70 Kilometer kürzeren Omloop, den das in Kuurne nicht startende Frauenpeloton zum 21. Mal austrug, fiel an der Kapelmuur wiederum die Vorentscheidung: Dabei sorgte Team FDJ United-Suez mit einer Beschleunigung für die Einholung der eigenen Repräsentantin Elise Chabbey, die 22 Kilometer zuvor eine kleine Spitzengruppe gebildet hatte. Zugleich bereitete die deutsche Meisterin Franziska Koch ihrer niederländischen Kapitänin Demi Vollering eine Attacke vor, die nur Kasia Niewiadoma (Canyon/Sram zondacrypto) mitgehen konnte. Die 31jährige Polin mochte sich angesichts eigener Sprintschwäche zum Pokern verleitet fühlen, zumal die zwei Jahre jüngere Vollering, die bei Landesrundfahrten ihre Dauerrivalin ist, in den letzten beiden Jahren mehrfach Nerven gezeigt hatte. Doch Niewiadoma gab dem absehbaren zweiten Rang, mit dem sie sich nach dem abschließenden Zweiersprint tatsächlich abfinden musste, gegenüber einem Platz unter »ferner liefen« den Vorzug, den eine Einholung durch ein gutes Dutzend Verfolgerinnen wohl bedeutet hätte. In dieser Gruppe sicherte sich die stärkste Sprinterin der Welt, die 26jährige Niederländerin Lorena Wiebes (Team SD Worx – Protime), selbstredend den letzten Podiumsplatz.

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