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Aus: Ausgabe vom 03.03.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Schrift

Schriftlich bitte

Ornament oder älteste Proto-Schrift? 40.000 Jahre alte Zeichen in der Schwäbischen Alb
Von Felix Bartels
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Punkte und Striche: Der älteste Morsecode der Welt?

Die Frage, wo Schrift beginnt, ist so kompliziert wie einfach. Einfach, denn von allen Schriften gilt, dass sie Systeme (also in sich abgestimmte Mengen) von Zeichen sind, die auf die Welt der Menschen weisen, die sie benutzen. Interessant allerdings hier schon, was eine Anordnung von Symbolen von einer Höhlenmalerei unterscheidet. Auch das Gemälde an der Höhlenwand bezeichnet ja auf seine Art Umwelt. Der Unterschied liegt im Grad der Abstraktion. Während die Malerei etwa mit Mensch, Speer und Mammut ein Szenario visuell abbildet, bezeichnet eine Anordnung mit den Symbolen für Mensch, Speer und Mammut den Vorgang abstrakter.

Komplizierter wird es, wenn man die Frage nach der Form stellt. Historisch hatten (und haben) Schriften viele Formen, manche von ihnen waren intuitiver als andere, manche versierter. Elementar – und ganz grob – lassen sich drei Systeme unterscheiden: Symbolische Schriften, die mittels Zeichen Gegenstände und Vorgänge anschaulich abbilden. Hieroglyphen fallen zum Beispiel hierunter. Systeme dieser Art sind ihrer Natur nach semantisch, sie können die Dinge bezeichnen, die Beziehungen zwischen ihnen (Funktion der Syntax) dagegen nicht. Nächsthin Silbenschriften, die im Gegensatz zu Symbolschriften nicht auf den Inhalt oder das Erscheinungsbild der bezeichneten Gegenstände weisen, sondern an der Phonetik orientiert sind. Mit ihnen lässt sich bereits Syntax darstellen, weil Silbenschriften Laute abbilden und im Sprechen Syntax enthalten ist. Das Buchstabenalphabet nun leistet das ebenfalls, es orientiert sich an der Phonetik und kann Syntax abbilden, ist aber versierter im Ausdruck, da Konsonant und Alphabet in ihm getrennt sind und im Schreiben kombiniert werden. Das Verfahren reduziert die Zahl der Zeichen, die man benötigt und die gelernt werden müssen, auch wenn hier getrennt wird, was beim Sprechen nie getrennt ist. Streng genommen gibt es im Sprechen keinen Konsonanten ohne Vokal und keinen Vokal ohne Konsonanten. Auch Vokale nämlich lauten aspiriert oder mit Glottisschlag an, haben also konsonantische Eigenschaften.

Eine in sich logische Abfolge der Schriftentwicklung gibt es nicht, die Zugriffe an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten sind eben das: verschieden. Gleichwohl nicht gleichwertig, legt man die Frage nach Effektivität und Funktion von Schrift zugrunde. Dann gibt es einen Grund, aus dem sich Buchstaben als ­System gegenüber Silben weitgehend durchgesetzt haben, mithin Symbolschrift fast überall, wo sie historisch einmal auftauchte, abgelöst wurde. Eine Konstante aber scheint es dennoch zu geben. Die Symbolschrift markiert allerorts den Anfang der Schriftentwicklung. Sie ist basal, intuitiv einleuchtend und bedarf im Gegensatz zu Buchstaben- und Silbenalphabet keiner systemischen Abstraktion.

Vor Zehntausenden Jahren hinterließen Menschen der Eiszeit neben Höhlenmalereien auch Symbole und Muster. Punktgruppen etwa in der Höhle von Lascaux oder Doppelreihen roter Punkte im Hohlen Fels der Schwäbischen Alb. Älter noch sind Kreuze, Linien und Punkte auf Werkzeugen und Kunstobjekten aus den schwäbischen Höhlen, sie haben ein Alter von 34.000 bis 45.000 Jahren. »Die Schwäbische Alb ist eine der Regionen, in denen Objekte mit dieser Art von Zeichen am häufigsten gefunden wurden, aber es gibt sie auch anderswo. Viele Werkzeuge und Skulpturen aus der Altsteinzeit tragen bewusst gesetzte Zeichenfolgen«, erklärt Ewa Dutkiewicz vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. So hat eine 35.000 Jahre alte Mammutfigur aus Elfenbein mehrere Reihen von Kreuzen und Punkten, zwei geschnitzte Hybridwesen aus Mensch und Löwe sind ebenfalls mit Kerbenreihen verziert.

Kein Abbild, also Zeichen? Oder handelt es sich um bloße Ornamente? Gemeinsam mit dem Linguisten Christian Bentz von der Universität des Saarlandes hat Dutkiewicz mehr als 3.000 geometrische Zeichen von rund 260 Steinzeitobjekten analysiert. Die Forscher und ihre Kollegen gingen dabei statistischen Auffälligkeiten nach, sich wiederholenden Zeichenabfolgen oder Gruppierungen etwa. Ihre Frage: Wurden die Punkte, Linien und Kreuze vielleicht genutzt, Informationen zu kodieren? »Unsere Analysen zeigen, dass diese Zeichenfolgen nichts mit unserer heutigen Schrift gemein haben, die gesprochene Sprachen abbildet und eine hohe Informationsdichte aufweist«, berichtet Bentz. Dennoch sind sie den Analysen nach mehr als lediglich Muster. Jäger und Sammler der Steinzeit haben demnach »ein Symbolsystem« entwickelt, »dessen Informationsdichte statistisch vergleichbar ist mit der Proto-Keilschrift aus dem alten Mesopotamien«, berichtet Bentz. Die mesopotamischen Tontafeln, die älter sind als die Keilschrift, haben ebenfalls oft Abfolgen von Punkten oder Strichen. In den Zeichenfolgen der Proto-Keilschrift gebe es »Wiederholungen, einzelne Zeichen werden in ähnlicher Häufigkeit wiederholt«. Die »Entropie der Steinzeitzeichen«, die die Informationsdichte eines Systems ausdrückt, sei mit der der fast 40.000 Jahre später entstandenen Proto-Keilschrift vergleichbar.

Die Plazierung von Punkten, Kreuzen oder Linien auf den steinzeitlichen Artefakten ist nicht zufällig. »So sind Kreuze zwar insgesamt die häufigsten Zeichen. Sie kommen in unseren Proben aber nie auf menschenähnlichen Figuren vor, nur auf Tieren oder Werkzeugen«, schreiben Dutkiewicz und Bentz. Punkte dagegen tauchen ausschließlich auf Tier- oder Menschenfiguren auf, auf Werkzeugen nie. Das legt die Vermutung nahe, dass die Punkte, Kreuze und Linien eine Bedeutung trugen. Man kodierte mit ihnen wahrscheinlich bestimmte Informationen, wodurch sie als sehr früher Vorläufer der Schrift gelten können. »Die menschliche Fähigkeit, Informationen in Zeichen und Symbolen zu verschlüsseln, wurde über viele tausend Jahre entwickelt«, erklärt Benzt. »Schrift ist nur eine spezifische Form in einer langen Reihe von Zeichensystemen.«

Entschlüsselt wurden die Zeichen bislang allerdings nicht. Eine Art Buchführung für Jagdereignisse, rituelle Zusammenhänge oder chronographische Funktionen scheinen denkbar.

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