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Aus: Ausgabe vom 27.02.2026, Seite 14 / Medien
Ostdeutsche Allgemeine Zeitung

Stimme der Fata Morganen

»Unabhängig. Mutig. Gewaltfrei«: Die Ostdeutsche Allgemeine ist erstmals erschienen. Eine Einordnung per Lesesafari
Von Hagen Bonn
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Chefredakteur Dorian Baganz, geboren 1993 in Duisburg, kennt die DDR noch vom Hörensagen

Die bürgerliche Medienschar stürzte sich, was zu erwarten war, nur zu gern auf die Erstausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ). Von der gewohnten Realitätsverweigerung (Matthias Meisner für den MDR) bis zum halben Wohlwollen war da alles dabei. Aber was steckt nun drin in der neuen Wochenzeitung aus dem Hause des Verlegers Holger Friedrich (Berliner Verlag), wenn wir die ideologische Essenz des Ganzen ins Verhältnis zu den Erwartungen der ostdeutschen Leser setzen? Denn um die geht es ja.

Geht es? Es hat den Anschein, denn jenseits der Elbe war das Blatt vergangenen Freitag kaum zu haben – was nicht weiter erstaunt, dort besucht man lieber einen echten Zoo, als viele großformatige Seiten zu »Perspektiven aus Ostdeutschland« zu verfolgen. Das gegenseitige Desinteresse, die hartnäckigen Klischees und die sich verfestigte Entfremdung zwischen Deutschland-Nahost und dem Kernland der westdeutschen Besatzung wird man journalistisch nicht lösen können, erst recht nicht mit einer ostidentitären Ausrichtung. Und worin besteht die? Zum Beispiel aus einem zweiseitigen Interview mit Sachsens Operettenministerpräsidenten Michael Kretschmer und einem ebenso langen Porträt zu Tino Chrupalla, dem Ko-AfD-Chef. Kretschmer: »Der Begriff Brandmauer hilft aus meiner Sicht nicht weiter.« Danke, besser hätte ich das Interview nicht zusammenfassen können. Chrupalla ist da ein bisschen schlauer. Auf die Frage hin, wen er als Politiker im Osten geschätzt habe, nennt der Fuchs die Sozialdemokratin Regine Hildebrandt. Passt! Die große Blenderin, die in der Rolle der Jeanne d’Arc den failed state Ostdeutschland in den 90er Jahren mit Heuchelei und Dreistigkeit rettete, entstammt wie die AfD denselben Feuchtgebieten.

Ganz anders die Bearbeitung des Titelthemas. »Warum Deutschland verstummt«, fragt Thomas Fasbender (ehemals RT.de und Berliner Zeitung). Für den Aufsatz hat er eine Seite zur Verfügung, weshalb er gezwungenermaßen ins Sachdunkle abgleitet. Viele Abstrakta werden aneinandergereiht: Autonomie, kollektive Strukturen und Diskurs seien als lyrische Beispiele genannt. Es geht um den Sachstand, denn »die Demokratie krankt«. Philosophisch eine interessante Ausgangslage. Denn, bitte, wie kann etwas Nichtseiendes, hier die deutsche Volkssouveränität, in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt, gestört, also nicht gesund sein? Man kann unmöglich das beschreibende Attribut (»krank«) an eine Nichtexistenz (Demokratie in der BRD) knüpfen. Und wenn Deutschland-Nahost etwas gelernt hat in den letzten 35 Jahren, dann das: Lüge, Propaganda, Manipulation und staatlicher Extremismus können staatsphilosophisch nicht mit dem Wort »Demokratie« beschrieben werden.

Wer also die OAZ liest, wird sich gefallen lassen müssen, dass er beständig mit politischen Fata Morganen konfrontiert wird: Freiheit, Rechtsstaat, Gummibärchen, Sozialstaat, Kulturkampf und Teilhabe. Ich zitiere Herrn Fasbender vollständig: »Wenn 60 Prozent der Bürger in einer Demokratie Bedenken haben, offen ihre Meinung zu sagen, ist die Demokratie krank.« Mit Verlaub, das ist falsch! Denn die Frage ist die: Bei welchem Arzt sind denn die restlichen 40 Prozent in Behandlung? Und das macht den Unterschied. Hat die Zeitung einen Kompass? Denn den braucht man auf hoher See. Und die Frage, ob wir alle auf der Titanic schippern oder Gäste auf der MS Arkona sein werden, ist noch nicht entschieden. Fast vergessen: Interessant sind die ganzseitigen Reklamen. Eine fordert mich auf: »Investiere in Aktien und ETFs mit nur einem Euro.« Holla, da kommt mir die Volvo-Reklame ein paar Seiten zuvor fast seriös vor. Nur über eine halbe Seite und zudem an einen Bericht über Opel in Eisenach plaziert. Nach hinten hin verödet die Zeitung langsam: TV-Programm, Sudoku, Sport im Osten, zwei Seiten »Food – Eat East« (?), Wetterbericht und immer wieder Werbekunden. Gut, ich bin auch mal weggenickt, gebe ich zu. Na ja, ist nicht so schlimm.

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