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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 15 / Feminismus
UN-Menschenrechtsrat

»Institutionelles Gaslighting« gegenüber Epstein-Opfern

UN-Expertengruppe sieht mögliche Verbrechen gegen die Menschheit. Betroffene der Gewalt bloßgestellt, Täter bleiben unsichtbar.
Von Ina Sembdner
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Epsteins Schreibtisch in Manhattan: Auch dieses Foto wurde jüngst von den US-Behörden freigegeben ...

Millionen von Dateien im Zusammenhang mit dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein deuten laut einer vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen eingesetzten Gruppe unabhängiger Experten auf die Existenz einer »globalen kriminellen Vereinigung« hin. Diese habe Handlungen begangen, die die rechtliche Schwelle für Verbrechen gegen die Menschheit erreichen. Die Gruppe erklärte in ihrer am Montag in Genf veröffentlichten Stellungnahme, dass die in den vom US-Justizministerium herausgegebenen Dokumenten beschriebenen Verbrechen vor dem Hintergrund »eines Glaubens an Vorherrschaft, von Rassismus, Korruption, extremer Frauenfeindlichkeit und der Kommerzialisierung und Entmenschlichung von Frauen und Mädchen aus verschiedenen Teilen der Welt« begangen worden seien.

»Das Ausmaß, die Art, der systematische Charakter und die transnationale Reichweite dieser Greueltaten« seien so gravierend, »dass eine Reihe von ihnen die rechtliche Schwelle für Verbrechen gegen die Menschheit erreichen könnte«, erklärten die Sonderberichterstatterinnen und andere Experten. Die in den Akten enthaltenen Vorwürfe erforderten eine unabhängige, gründliche und unparteiische Untersuchung. Diese müsse auch fragen, wie es möglich war, dass solche Verbrechen so lange begangen werden konnten. Das US-Justizministerium reagierte bis Dienstag abend nicht auf die Anfrage der Agentur Reuters für eine Stellungnahme.

Der im November mit breiter Unterstützung beider Parteien vom Kongress verabschiedete »Epstein Files Transparancy Act« schreibt vor, dass alle Akten, die im Zusammenhang mit Epstein stehen, veröffentlicht werden müssen. Am 30. Januar wurde die jüngste Tranche von rund drei Millionen Dokumenten, mehr als 2.000 Videos sowie 180.000 Fotos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – wobei zahlreiche Stellen in den Papieren zensiert blieben. Auch dahingehend äußerten die UN-Experten Bedenken: Durch »schwerwiegende Verstöße gegen die Vorschriften und schlampige Schwärzungen« seien sensible Informationen über die Opfer offengelegt worden. In den bisher veröffentlichten Dokumenten wurden mehr als 1.200 Betroffene identifiziert.

»Die Zurückhaltung bei der vollständigen Offenlegung von Informationen oder der Ausweitung der Ermittlungen hat bei vielen Überlebenden zu einer erneuten Traumatisierung geführt und sie dem ausgesetzt, was sie als ›institutionelles Gaslighting‹ bezeichnen«, so die Experten. Sie fordern, diese Versäumnisse zu beheben, die vollständige Offenlegung zu gewährleisten, um die Methoden der kriminellen Vereinigung zu verstehen, eine vollständige Wiedergutmachung und Entschädigung für die Opfer für alle erlittenen Schäden und ein Ende der Straffreiheit für die Täter. Und sie gehen sogar noch weiter: So sollen die Verjährungsfristen aufgehoben werden für Verbrechen, »die der kriminellen Vereinigung Epstein zugeschrieben werden«.

Zu den bislang bekannt gewordenen Vorwürfen in diesem Zusammenhang zählen, wie es eine Analyse des Portals Diplomacy and Law zusammenfasst: »Die systematische Anwerbung von Minderjährigen und schutzbedürftigen jungen Frauen, wiederholte sexuelle Ausbeutung, finanzielle Vereinbarungen, die Missbrauch erleichtern, und den grenzüberschreitenden Transport von Opfern. Im Sinne des innerstaatlichen Strafrechts betreffen solche Vorwürfe Straftaten wie Vergewaltigung Minderjähriger, Menschenhandel, Verschwörung und Ausbeutung.«

Die UN-Expertengruppe begrüßt die strafrechtlichen Schritte einiger Regierungen gegen in den Akten genannte amtierende und ehemalige Offizielle sowie Privatpersonen und fordert andere Staaten auf, dem zu folgen. »Es ist unerlässlich, dass Regierungen entschlossen handeln, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen«, bekräftigten die UN-Verteter. »Niemand ist zu reich oder zu mächtig, um über dem Gesetz zu stehen.«

In Frankreich wurden am Mittwoch nach Angaben der US-Agentur AP zwei neue Ermittlungen wegen möglicher Sexualstraftaten und finanzieller Vergehen im Zusammenhang mit ­Epstein eingeleitet – im Zentrum steht hier sein enger Bekannter, der französische Modelagent Jean-Luc Brunel. Er war bereits wegen Vergewaltigung und Sexhandels mit Minderjährigen angeklagt. Nachdem er tot in seiner Gefängniszelle in Paris aufgefunden worden war, wurden die Ermittlungen 2022 jedoch eingestellt. Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau erklärte nun, dass auch Materialien aus früheren Untersuchungen angesichts neuer Erkenntnisse geprüft würden. Mit Blick auf die Betroffenen erklärte sie: »Diese Veröffentlichungen werden unweigerlich das Trauma bestimmter Opfer wieder aufleben lassen.« Jene, die möglicherweise noch nicht bekannt seien, würden dadurch aber »vielleicht dazu veranlasst werden, sich zu melden«.

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