Zum Märtyrer erhoben
Von Bernard Schmid, Paris
Zum Wochenbeginn läuft die extreme Rechte in Frankreich zur Höchstform auf und nutzt die ihr gebotene Gelegenheit zur Abwälzung aller für gewöhnlich gegen sie selbst gerichteten Vorwürfe. Nach Jahren öffentlicher Ächtung wegen der rassistisch motivierten Gewalt, der brutalen »Ordnerdienste« und nicht zuletzt wegen ihres Antisemitismus zeigt sie sich mittlerweile darum bemüht, unverhohlen Muslime, Palästinenser und die mit ihnen solidarische Linke an eben jenen Pranger zu stellen. So auch seit dem Wochenende hinsichtlich der Frage, von welcher politischen Kraft in Frankreich die größte Bedrohung für Leib und Leben ausgeht.
Die Kampagne nahm ihren Anfang mit der Nachricht vom Hirntod des zu dem Zeitpunkt bereits seit anderthalb Tagen im Koma liegenden, 23jährigen Mathematikstudenten Quentin Deranque. Bekannt wurde dessen Tod am Sonnabend nachmittag. Die schwere Gehirnerschütterung, wegen der er im Koma lag, hatte Deranque am Donnerstag abend bei einer körperlichen Auseinandersetzung am Ufer der Saône, im fünften Stadtbezirk von Lyon, erlitten.
In rund zwei Kilometern Entfernung war es gegen 18 Uhr in und vor den Räumen der Politik- und Verwaltungshochschule Sciences Po zu Rangeleien zwischen Linken und Rechten gekommen. Anlässlich eines Besuchs der französischen EU-Abgeordneten Rima Hassan mit palästinensischen Wurzeln, die für die linke Partei La France Insoumise (LFI) im EU-Parlament sitzt, hatte eine rechte Frauenorganisation, die zur »Identitären Bewegung« zählende Gruppierung »Némésis«, einen Aufmarsch inszeniert. Benannt ist die Gruppe nach der antiken Rachegöttin aus der altgriechischen Mythologie. Diese Organisation praktiziert in ihrem Alltag einen höchst selektiven »Feminismus« und tritt im Grunde ausschließlich dann in Erscheinung, wenn Gewalttaten gegen Frauen oder speziell eine Vergewaltigung mutmaßlich durch einen Zuwanderer, »Ausländer« und/oder muslimischen Täter begangen wurden. An jenem Spätnachmittag mobilisierte Némésis eine Gruppe von sechs Frauen, die hinter einem Transparent in Erscheinung traten, und zehn männliche »Ordner« um diese herum. Sie inszenierten einen Gegenprotest zu der dort stattfindenden LFI-Kundgebung mit Hassan.
In mehreren hundert Metern Entfernung – nach Durchquerung einer Bahnunterführung – trafen schließlich Anhänger antifaschistischer Gruppen auf mehrere junge Rechte, die zu dem nationalistischen »Némésis«-Auftritt angereist waren. Von wem genau Gewalt und Gegengewalt ausging, ist derzeit noch unklar. Beide Seiten behaupten, die jeweils andere Gruppe habe den Kampf begonnen. Fest steht, dass im Verlauf der Auseinandersetzung drei Rechte auf dem Boden lagen und von ihren Gegnern mit Fußtritten traktiert wurden.
So bezichtigten dabei anwesende Anhänger der »Identitären« die antifaschistische Gruppe namens »La Jeune Garde« (Junge Garde), die demnach einseitig von ihr ausgehende Gewalt initiiert zu haben. Die »Garde« war 2025 durch einen Kabinettsbeschluss der Regierung in Paris verboten worden. Vor dem höchsten Verwaltungsgericht, dem Conseil d’Etat, läuft derzeit noch das von der Gruppe angestrengte Verfahren gegen die entsprechende Auflösungsverfügung. »Garde«-Mitgründer Raphaël Arnault ist seit Juli 2024 Abgeordneter von LFI für den Wahlkreis Avignon in der Nationalversammlung. Er steht nun besonders im Fokus, zumal sein parlamentarischer Mitarbeiter Jacques-Elie Favrot bei der Konfrontation anwesend war. Favrot bestreitet jede Mitschuld am Tod von Derenque, legte jedoch seine Tätigkeit als parlamentarischer Mitarbeiter »für die Dauer der Ermittlungen« nieder. Unterdessen wurden bereits Wahlkreis- und Parteibüros von LFI in Paris, Lille, Périgueux, Castres, Toulouse und Montpellier von Unbekannten angegriffen.
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